Geh, lass‘ einen Drachen steigen!

Wer das hört, nein – wer das von einer/m britischen Muttersprachler/in hört, sollte gewarnt sein: sie oder er wird zum Teufel geschickt, nicht bloß zum Spielen, denn es ist eine englische Redensart aus dem 19. Jahrhundert und keineswegs etwas zum wörtlich übersetzen. Geplagte Schüler/innen und Student/innen. Ich selbst habe ein Sprachstudium absolviert und weiß, wovon ich rede. Von endlosen Verwirrungen und Verirrungen. Manchmal erschien mir die „Fremdsprache“ (in meinem Fall Französisch) wie ein Berg, dessen Gipfel sich endlos weit über den Wolken türmt. Und ich am Fuß dieses Berges.

Ich bin keine passionierte Bergsteigerin, obgleich Steinbock im Sternzeichen. Deshalb dachte ich lange, ich werde es da nicht weit bringen. Ich habe geackert, um die fürchterlichen Prüfungen zu bestehen (manchmal schafften es nur 6 von 300), am Ende habe ich mich radebrechend durch die Schlussprüfung gebracht, um – erst viele Jahre später – verstanden zu haben, was mir diese Ochsentour gebracht hat: Ein tieferes Verständnis für Sprachbilder, Sprechmuster, Schreibmodule, usf. und eine größte Liebe zu den Abzweigungen, Möglich- bzw. Besonderheiten in den verschiedenen Sprachen.

Wie neulich schon beschrieben, berührt mich vor allem, wie alt einige unserer Redewendungen sind. „Sein Licht unter den Scheffel stellen“ (14. Jh), so „leicht wie eine Feder“ (16. Jh) oder „so stumm wie ein Fisch“ (15. Jh) zu sein (dabei sind Fische gar nicht stumm, aber das ist ein anderes Kapitel) kannten auch schon unsere Vor-Vorfahren. Der eigenen Nase nach zog man bereits im 14. Jahrhundert, damals wurde man auch vor Schreck blass wie ein Gespenst (ich werde mich demnächst mal schlau machen, seit wann es so richtige weiße Gespenster überhaupt gibt). Die Katze im Sack zu kaufen, war in England das Schwein (1300), dem wiederum auch bei den frühen Deutschen gelegentlich die Perlen vorgeworfen wurden (14. Jh). Den Platz an der Sonne gibt es seit dem 18. Jh., die „arme Kirchenmaus“ schon 100 Jahre früher und den „glücklichen Stern“, unter dem man geboren ist seit 1572. Ganz alten Datums ist, und damit ein versöhnlicher Gedanke, dass Menschen gemeinsam durch „dick und dünn“ gehen – die erste Verwendung ist im Jahr 1000 belegt.

 

Von Tieren und Menschen

Beim Lesen bin ich gleich über den ersten Übergang gestolpert: Den zum zweiten Kapitel. Denn wer im ersten „Vati“ genannt wird, ist keinesfalls der „Vater“ im zweiten. Eustachius ist vielmehr einmal Sohn und als solcher ein an den Baum gebundenes Kind und dann ein Greis von zweiundachtzigdreiviertel, der zwanghaft Bilderrahmen zurecht rückt und von „glücklichen Räumen“ redet. Tatsächlich war mir das erste Kapitel beim ersten Lesen so suspekt, dass ich das Buch schon weglegen wollte. Habe ich nicht getan. Und jetzt bin ich zu einer zweiten Lektüre entschlossen.

Im vierten Absatz des zweiten Kapitels kommt Ulrike Draesner zum ersten zentralen Thema, den Tochter-Vater-Konflikt zwischen Simone und Eustachius Grolmann. Beide sind Primatenforscher, er mehr auf das Gehirn der Tiere, sie auf deren Verhalten spezialisiert. Gleich – und wie nebenher – räumt Draesner mit einen Vorurteil auf: Affen äffen nicht nach, Affen täuschen.

Die Tochter nennt den Vater nicht „Vati“, wie der Vater den Großvater, sondern „Stach“. Stach wird für mich die interessanteste Figur des ganzen Buches sein. Aber es gibt häufig Umwege. Wie auch jetzt, wo nach der Erkenntnis über die Primaten nahtlos eine weitere Figur eingeführt wird, Jonny, Simones Ehemann. Auch er bekommt gleich, wie Stach, der zwanghafte Bilderrücker, eine schräge Schraffur: Als Naturbursche liegt er mit einem Thrombosestrumpf im Ehebett und leidet raumgreifend. Zwei Seiten weiter lese ich dann mein eigenes Thema – unausgegoren, seit Jahren schon bewusst, dennoch verdrängt – das der Kindergeneration der Kriegskinder oder anderes formuliert, die Frage nach den eigenen Verkrüppelungen als Kind von kriegstraumatisierten Eltern. Wie lange war ich mit meinen Ängsten, Paniken, Unfähigkeiten alleine gewesen. Wie plötzlich, im Grunde auch erst, als meine Eltern auf die 70 zugingen, wurde mir klar, welchen Ballast ich jahrelang mit mir rumgetragen hatte. Bei Ulrike Draesner geht es auch darum.

Beim Weiterlesen erinnere ich mich, wie kühl und kühn ich das Buch anfangs fand, und dass ich am Schluss etwas ernüchtert war. Jetzt passiert, was ich erwartet habe: Überall finde ich Hinweise dick wie Zaunpfähle, die ich damals allesamt überlesen habe, um erst in der zweiten Buchhälfte so nach und nach zu verstehen. Ich sehe ein: Ich bin im Grunde eine lausige Erstleserin (jaja, ich lese enorm schnell). Aber auch: ich habe damals und jetzt ein anderes Buch gelesen – eine Vermutung, der Leseforscher/innen längst auf der Spur sind, die sich hier für mich eindeutig bestätigt.

Der Roman ist 555 Seiten lang. Erzählt wird die Geschichte – die sich als deutsches Panorama des 20. Jahrhunderts erweist – aus neun Ich-Perspektiven, die sich ihrerseits aus vier Generationen speisen. Es kommt alles vor: Krieg und Vertreibung, Familienkonflikte, Traumata, Neurosen. Nicht zu vergessen: Details aus der Affenforschung. Ich gebe zu, mehr als einmal den Faden verloren zu haben. Auch gefielen mir nicht alle Kapitel gleich gut. Zumal Ulrike Draesner sich die Mühe gemacht hat, ihren Erzählstil an die verschiedenen Figuren anzupassen. Hier und da wurde mir das zu viel. Aber es gibt auch Glanzpunkte. Die mich im ersten Lesefluss fast erschlagen haben. Auch dafür lese ich das Buch nun ein zweites Mal.

Was mich über einige Verstimmungen und Ermüdungen bei der Lektüre gehalten hat, ist die frische Schräglage, aus der Ulrike Draesner ihre Figuren betrachtet. Da liegt vieles knapp neben dem Klischee, was eine genaue Beschreibung verlangt und beim Lesen Energie freisetzt – fürs Erste habe ich viel gelacht. Und dann oft eine Überlegung aufgenommen und in die eigene Familie weitergesponnen. Den Vergleichen von Affen und Menschen konnte ich viel abgewinnen. Zumal ich damals auch das Buch „Wir sind Tier“ der beiden US-ameri-kanischen Autorinnen Barbara Natterson-Horowitz und Kathryn Bowers gelesen habe, eine populärwissenschaftliche Abhandlung über unsere physiologische und psychologische Nähe zu Tieren. Dass Eustachius Grolmann sich in einer Talkshow selbst zum Affen macht, ist unangenehm zu lesen, aber stark, denn so sträubt er sich zumindest meinem Affekt, ihn zu bewundern (trotz oder weil alledem), ist gleichzeitig zu lang auserzählt. Überhaupt hätte ich mir die „Pointe“ vom Affenparadies kürzer gewünscht – hier erklärt sich vieles Rätselhafte der ersten Kapitel zu ausführlich. Allerdings ist eines der stärksten Momente einer aus dem Affenparadies, in dem Stach mit einem ausgebüchsten Affen durch die bundesdeutsche Provinz läuft, ohne dass auch nur ein/e Vorbeikommende/r den Affen zur Kenntnis nehmen würde. Ein weiterer größter Moment, die Erzählung von Hannes Grohlmann, dem Vater von Stach. Und die weltumarmende Coolness von Enkelin Esther. Ein großes Buch mit einigen Schwächen, das ich gerne zu Hause habe, um die eigene Geschichte immer mal wieder gegenzulesen.

Ich danke Random-House für das Rezensionsexemplar. Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Taschenbuchausgabe München 2016.

Sind Sie spießig?

Oder ist das überhaupt eine Frage, die Sie umtreibt? – Ich kann mich noch gut an mein ungeheures Staunen erinnern, als Berliner Freunde, die ich für unendlich unkonventionell und cool hielt, in einem Nebensatz die vage Befürchtung äußerten, irgendetwas (habe ich vergessen) an ihrer Lebensweise könne vielleicht als spießig angesehen werden. Ich war wirklich platt. Als Kind und auch als Heranwachsende fand ich mein Zuhause und den Ort, in dem ich wohnte, oberspießig. Aber seit ich in Berlin war, hatte mich dieser Gedanke überhaupt nie mehr gestreift. Und plötzlich tauchte die Idee der Spießigkeit wieder auf! Und jetzt: Bin ich spießig?

Übrigens. Spießbürger sind die wehrhaften Städter, die, die sich selbst verteidigen wollen. Und die, die immer aufs Altbewährte schauen, wollen, das alles so bleibt, wie es ist. Und vielleicht auch noch nie aus der Stadt, die sie als ihre verteidigen, herausgekommen sind. Drogen – habe ich heute in einer Besprechung des neuen Buchs von Stuckrad-Barre gelesen – sind mittlerweile super spießig. Vielleicht ist Spießigkeit auch eine Art Ängstlichkeit oder gar gleich die german „Angst“. Wäre zu überlegen. Und in diesem Sinne vielleicht mit einer großen Erleichterung abzulegen.

Wildes Huhn

So fühle ich mich mittlerweile, wie ein leistungswildes Huhn vor Ostern. Ich produziere und produziere und sitze auf einem Haufen Arbeit und verliere langsam den Überblick. Sieht alles gleich aus… Für wen war das noch mal? Wann bestellt? Wann zu liefern? Braucht es noch Farbe? Ist es eventuell schon abgelaufen? Hach, vielleicht doch lieber mal ein Korn picken. Und dann? Am liebsten mal ne Runde durch den Wald. Hühnerwald (nee, nicht Wienerwald). Na – wenn ich so recht schaue, ist das Huhn vielleicht ein Hahn? Vielleicht ist das die Rettung: Delegieren… Und dann, schwups raus aus dem Nest. Und rein ins Vergnügen!

Hörbar werden, unüberhörbar

Den Frauentag habe ich erst in Berlin kennen gelernt. Genau betrachtet waren es die Ost-Kolleg/innen, die mit Blumen kamen und den besonderen Tag hochhielten. Folklore, dachte ich erst. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie wichtig ein solcher Tag immer noch ist. Denn Frauen sind nach wie vor weit von Gleichberechtigung, ja sogar von einem Gleichheitsbewusstsein entfernt. Frauen sind sicher anders als Männer. So teilen sich die Gehirne von Frauen durch die Menstruation quasi in zwei Gehirne, eine für die erste, eine für die zweite Hälfte des Zyklus. Aber es gibt auch geschlechtsunabhänigige Unterschiede. Zum Beispiel haben Menschen, die einen schweren Unfall hatten oder die unter Migräne leiden, ein vom Schmerz geprägtes Gehirn. Kein schlechteres oder anfälligeres, schlichtweg ein anderes. Was ich damit umständlich sagen will: Menschen unterscheiden sich immer. Aber am Ende haben wir alle die gleichen Pflichten, Rechte, Möglichkeiten. Ich habe die Hoffnung verloren, eine sich als selbstverständlich gleichwertig empfindende Generation zu erleben. Um so wichtiger ist es, sich für die eigenen weiblichen Belange stark zu machen. Nicht gegen die Männer. Sondern für eine offene Gesellschaft. Haut rein Mädels… und Jungs!

Das „Fräulein“ ist schon verschwunden,

bald wird es die Autoaufkleber erwischen. Vielleicht nicht schade um beide. Das Fräulein hat sich endgültig emanzipiert und die Autoaufkleber? Wenn ich ehrlich bin, fand ich sie immer ein bisschen blöd. Aber was sich da mittlerweile abzeichnet – so gar keine bunten Flecken mehr auf dem Eigenmobil, weil es eben chic sein soll. Nee, das gefällt mir nun auch nicht. Hochglanzkarren sind sich einfach zu fein. Gut, ein kleiner dezenter Glitzer-Sylt-Kleber geht noch. Aber „Atomkraft Nein Danke!“ – Fehlanzeige. Überhaupt, fast nur noch Affirmation, Luxus, Sehnsüchte. Oder so richtig proll. Wahrscheinlich machen jetzt Tattoos das Rennen.

Dabei sind Inseln – als Autoschmuck – die Spitzenreiter. Aber nicht dass eine/r denkt, da hätte jemand eine ganze Inselkette auf dem Autopopo. Nein. Immer nur die eine. Verschiedene Ferienziele. Aber eine Insel. Nur als Wappen auch mal zwei. Nie als Kontur. Ist schon komisch. Und dann sind sie alle immer richtig rum. Kein Autobesitzer kommt auf die Idee, seine Lieblingsinsel mal auf den Kopf zu stellen. Oder schief in den Wind. Nö. Alle wie auf der Landkarte. Ob uns das jetzt was über die deutsche Autofahrer/innenseele verrät?

Wellen

Von Kind an liebe ich Wasser. Ein Meer ist für mich bis heute die Vorstellung großen Glücks. Der schönste Tag müsste – stünde er unter meiner Regie – am Meer spielen. Meine ersten Wellen schlugen also an den Strand. Schaukeln, eine Art Wellenreiten auf dem Trockenen, war meine Lieblingsbeschäftigung über Jahre. Später lernte ich Radiowellen kennen. Auch hier begeisterte mich dieses rasche, scheinbar mühelose Durchpflügen großer Räume. Summen. Geschwindigkeit. Bewegung. Die Vorstellung, dass Fische in einem welligen Ambiente leben, lässt bei mir immer wieder Neid aufkommen. Auch wenn wir am Land den Wind haben.

Es hat mich kaum überrascht, als ich davon hörte, dass es auch Wellen in unserem Gehirn gibt. Gibt es nicht längst den Begriff, „auf gleicher Wellenlänge sein“? Allerdings habe ich keine hieb- und stichfeste Ahnung, wie diese Wellen aussehen, woraus sie bestehen und von wo aus – wohin – sie sich in unseren Köpfen bewegen. „Slow waves“ – so heißen sie im Englischen und mein Fachvokabular ist nicht sicher genug, hier mit „langsamen Wellen“ zu übersetzen; nun jedenfalls tauchen diese Wellen auf, sobald jemand eingeschlafen ist. Wir schaukeln offensichtlich im Schlaf. Wenn ich das richtig verstanden habe, je nach Gehirnmasse mit mehr oder weniger Wellen. Garantiert. Immer. Sie isolieren unser Gehirn von der Außenwelt. Und bieten ihm ein lauschiges Plätzchen. Auch in einer Narkose.

Tief ist eine Assoziation, die ich sowohl bei den Ozeanen wie auch bei Träumen habe. Alpträume sind mit höchstem Seegang zu vergleichen. Eine Tauchfahrt stelle ich mir bewußtseinsverändernd vor, in dem Sinn, in dem ich im Meer weit weg bin von meiner Alltagsrealität, und alles noch einmal neu, anders wahrnehmen lerne. Ab April werde ich arbeitstechnisch in die Weltmeere abtauchen, um – wenn auch meistens nur vom Schreibtisch aus – die tiefsten Tiefen und die weitesten Weiten zu erforschen. Seit ich von den Wellen im Kopf weiß, fühle ich mich gerüstet.

 

Ein Lob auf eine untergehende Spezies…

Der gute alte Bleistift. Mit ihm habe ich Schreiben gelernt. Aber vorher schon Universen ausgemalt. Auf Blöcken, die mein Vater aus der Firma mitbrachte. Merkwürdigste Formate, graues Papier mit weißen Linien. Kein Mensch hatte sowas. Nur wir. Was hätte ich um weißes Papier gegeben! Und heute gibt es graues Papier für unbezahlbar in Nobel-Papeterien. Hihi. Aber es geht ja eigentlich um den Bleistift. Vielleicht bin ich ja viel zu früh dran, mit meinem Schwanengesang. Aber mal ehrlich, wann verwendet Ihr noch Bleistifte? Ich eigentlich nur, wenn ich mir Notizen während der Lektüre in eigene (!) Bücher mache. Oder wenn ich – selten, selten – etwas zeichne. Heute wollte ich ein paar Bleistifte fotografieren und habe – nicht wenig gerührt – festgestellt, dass ich dutzende ganz runter gespitzten Bleistifte habe. Will sagen: offenbar werfe ich sie nicht weg. Und dann habe ich sogar einen Stift gefunden, den ich schon seit meiner jüngsten Kindheit habe. Quasi, seit ich denken (bzw. mich erinnern kann). Der ist fast so etwas wie ein archäologischer Fund.

Wenn ich vor Kunstwerken stehe, mag ich Bleistiftzeichnungen sehr gerne. Es scheint dann, als wäre die Hand, die den Bleistift führt, am direktesten zu erkennen. Als würde sogar der Herzschlag der Zeichner/innen aufs Papier durchdrücken. Aber ob ich deswegen wieder öfters zum Stift greife? Kuli und Faserschreiber sind mittlerweile so schreibflüssig, dass sie bei mir zumindest die alten Gerätschaften – leider eben auch den Füller – ersetzt haben. Denn plötzlich muss ich unbedingt mal was in Grün schreiben, oder in Rosa – weiß der Kuckuck warum, aber dann sind diese neumodischen Dinger einfach unschlagbar – Glitzer geht ja sogar auch. Doch, ich mag Bleistifte nach wie vor, aber sie sind aus meinem Alltag fast verschwunden. Dabei sind sie wirklich schön. Schöner als die meisten Kugel-, Faser- oder Gelschreiber. Auslaufen tun sie auch nicht. Allerdings abbrechen. In den blödesten Momenten. Mein Großvater hat seine immer mit dem Messer spitz gehalten. War ja viel cooler als diese blöden Spitzer. In meiner Schulzeit waren Blei- und Buntstifte allgegenwärtig. Ob sie wirklich aussterben. Vielleicht bleiben sie ja auf unseren Schreibtischen so etwas wie die Quastenflosser in der Natur: lebende Fossilien. Sicher nicht die schlechteste Aussicht.

Vorrat, ausreichende Mittel

denkt möglicherweise keiner, wenn er sich eine Kopie macht. Ursprünglich ein lateinisches Wort, „copia“, malten und schrieben unsere Vorfahren ab, um ihre Bibliotheken zu füllen oder ihre Musterbücher. Dass wir heute bei der Kopie gleich an den dazugehörigen Apparat denken, pah! Und es hätten den Leuten, deren Kopien ich mir heute im Martin-Gropius-Bau angeschaut habe, auch nix genützt, denn sie kopierten Felsbilder. Keine Vorlage, die man mir nichts dir nichts auf den Kopierer legt.

Nein. Der Fotoapparat hieß natürlich nie Kopierer. Obwohl er häufig die Aufgabe übernahm (und heute wieder das Handy). Kopien in den Kunsthistorischen Sammlungen waren aus Gips, und es dauerte, bis Fotos diese Sammlungen verstauben und vergessen ließen. Von Anfang an reisten die Forscher mit Künstlern durch die Natur- bzw. Weltgeschichte, um Bilder mit nach Hause zu bringen. Ausreichende Erinnerungsmittel, um später die Reisebücher so konkret wie möglich schreiben zu können.

Auf den Expeditionen des Ethnologen Leo Frobenius waren viele Frauen unterwegs. In Afrika malten sie vor Ort und unter abenteuerlichen (und nicht weniger fotogenen) Umständen Felsbilder aus der Frühzeit des Menschen ab. Frauen? Sie kamen umsonst mit, gebildete höhere Töchter, die die Reise selbst finanzieren konnten. Und nicht darauf bestanden, ihre Kopien zu signieren. Es war eine Überraschung in Europa und Nordamerika, wo diese Bilder in den 1930er Jahren gezeigt wurden. So abstrakt! So lebendig! So kühn!

Heute sind die Kopien ebenfalls Originale. Von – wie schon erwähnt – größtenteils anonymen Künstler/innen (ein paar Männer waren am Ende doch mit dabei). Wahrscheinlich gibt es ihre Vorlagen in zahlreichen Fällen nicht mehr. Denn anders als in Europa sind die afrikanischen oder auf ozeanischen Felsbilder oft nicht in Höhlen versteckt, sondern allen Wettern und Touristen ausgesetzt.

Kopieren hat im Westen einen schlechten Ruf. Abgeschrieben oder abgemalt gilt nicht viel, im schlimmsten Fall sind es Plagiate oder Fälschungen. Dabei lernen wir am besten durch Nachahmung. Und wer genug kopiert hat, schafft auch Originale. Andy Warhol erhob die Kopie zur Königin. Und das hat ihn mir früh sympathisch gemacht. Endlich mal Freude am Bild und nicht immer das Misstrauen, ob es vielleicht eine wertlose Kopie ist. Aber wer sich die Kopien der Afrikareisenden anschaut stellt sich ganz andere Fragen. Alles nur ein Traum, dachte ich vor einem Bild, und dass wir unzähligen Menschengenerationen näher aufeinander hocken, als die Jahreszahlen uns glauben machen.

 

Ich esse was, was Du nicht isst.

Tatsächlich ist Essen ein Statement. Ein identitätsstiftendes Merkmal. Wobei man vielleicht mittlerweile vom Nicht-Essen sprechen sollte: Wer etwas ausdrücklich nicht isst, unterscheidet sich von anderen. Ein neuer Trend? Eben habe ich einen spannenden Beitrag im Deutschlandfunk gehört. Es ging um Gesundheit und Ernährung: Wie die beiden zusammenhängen, beziehungsweise, wie sehr die Zusammenhänge gesellschaftlich geprägt sind. Und: Der historische Rückblick zeigt: Nichts ist wirklich ganz neu.

Klar ist im Grunde, dass Essen so nah am Körper ist, dass Identität gerade an dem, was auf meinem Teller liegt, messbar wird (jaja, das Foto lügt nicht. Ich habe das Blaubeerapfeltörtchen vor fünf Jahren gegessen – und würde es jederzeit wieder tun…). Manche Leute versuchen, bestimmte Maßstäbe zu finden, die außerhalb ihrer Person sind, also die zum Beispiel nur regionale Produkte kaufen oder fair gehandelte. Andere orientieren sich an Kalorien oder an der vermeintlichen Gesundheit der jeweiligen Produkte (vermeintlich, weil es da historisch gesehen durchaus Schwankungen gab). Schaut man zurück, was Kulturhistoriker/innen gerade in Berlin auf einer Tagung getan haben („Du bist, was du nicht isst“), wird deutlich, dass die sich industrialisierende Gesellschaft vom Staat aufmerksamer beäugt wird: Nur gesunde Untertanen taugen. Es wird andererseits allerdings auch deutlich, wie wenig das bis heute funktioniert hat, im Grunde auch deshalb, weil Gesundheit, worauf eben die Obrigkeit so scharf ist, trotz aller medizinischer Fortschritte kaum dingfest gemacht werden kann.

Essen ist, das bleibt für mich das Fazit, in etwa das, was Mode eben auch ist: Distinktion. Selbstverständnis. Verortung. Und wie bei Mode sollte es allem voran um den Spass gehen. Wahrscheinlich müssten wir dafür unser Essen neu definieren. Ja, aber warum auch nicht.