Sind Sie spießig?

Oder ist das überhaupt eine Frage, die Sie umtreibt? – Ich kann mich noch gut an mein ungeheures Staunen erinnern, als Berliner Freunde, die ich für unendlich unkonventionell und cool hielt, in einem Nebensatz die vage Befürchtung äußerten, irgendetwas (habe ich vergessen) an ihrer Lebensweise könne vielleicht als spießig angesehen werden. Ich war wirklich platt. Als Kind und auch als Heranwachsende fand ich mein Zuhause und den Ort, in dem ich wohnte, oberspießig. Aber seit ich in Berlin war, hatte mich dieser Gedanke überhaupt nie mehr gestreift. Und plötzlich tauchte die Idee der Spießigkeit wieder auf! Und jetzt: Bin ich spießig?

Übrigens. Spießbürger sind die wehrhaften Städter, die, die sich selbst verteidigen wollen. Und die, die immer aufs Altbewährte schauen, wollen, das alles so bleibt, wie es ist. Und vielleicht auch noch nie aus der Stadt, die sie als ihre verteidigen, herausgekommen sind. Drogen – habe ich heute in einer Besprechung des neuen Buchs von Stuckrad-Barre gelesen – sind mittlerweile super spießig. Vielleicht ist Spießigkeit auch eine Art Ängstlichkeit oder gar gleich die german „Angst“. Wäre zu überlegen. Und in diesem Sinne vielleicht mit einer großen Erleichterung abzulegen.

Filed under: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Nina Ryschawy 11. März 2016

    Nach Deiner Defintion des Spießbürgers, einem der sich selbst verteidigt und keine Veränderungen will, greift Spießigkeit in Deutschland gerade immens um sich. Betrachtet man die Vorkommnisse dann versteht man auch, warum das Wort „Spießer“ so negativ konnotiert ist. Hoffen wir, dass Deutschland es schafft, von seiner Spießigkeit ein wenig abzurücken und etwas cooler zu werden.

    Gefällt mir

    • Stephanie Jaeckel 11. März 2016

      Ja, komischerweise waren Adlige nicht spießig. Vielleicht, weil sie ein Schwert zur Verteidigung dabei hatten. Und weil sie damit auf Abenteuer aus waren. Natürlich haben sie ihre Burgen auch verteidigt. Aber es war nicht vorrangig das Konzept der Angst oder der Befürchtung. Angst und Befürchtungen sind natürlich nicht von der Hand zu weisen und oft gute Ratgeber. Aber wenn sie den Radius einengen, entweder für mich selbst oder für sehr viele andere, gibt es doch Grund, Bedenken anzumelden.

      Gefällt 1 Person

    • Stephanie Jaeckel 11. März 2016

      Ja, ich glaube, die Argumentation ging dahin, dass Drogenabhängige immer nur noch auf der Suche nach dem Stoff und dem Kick sind, und damit ein ungeheuer spießiges, weil absehbares Leben führen. Sie suchen den Kick nur bei einer Sache, wo andere vielleicht auch noch mal andere Wege gehen. Sucht wäre damit auch ein Zeichen ungeheurer Spießigkeit. Ich will das nicht klein reden, weil ich viele Menschen kenne, die mit ihren Süchten kämpfen. Aber es wäre vielleicht auch mal ein guter Hinweis, ich meine, um Selbstmitleid zu mindern. Wer ist schon gerne spießig?

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s