Vorrat, ausreichende Mittel

denkt möglicherweise keiner, wenn er sich eine Kopie macht. Ursprünglich ein lateinisches Wort, „copia“, malten und schrieben unsere Vorfahren ab, um ihre Bibliotheken zu füllen oder ihre Musterbücher. Dass wir heute bei der Kopie gleich an den dazugehörigen Apparat denken, pah! Und es hätten den Leuten, deren Kopien ich mir heute im Martin-Gropius-Bau angeschaut habe, auch nix genützt, denn sie kopierten Felsbilder. Keine Vorlage, die man mir nichts dir nichts auf den Kopierer legt.

Nein. Der Fotoapparat hieß natürlich nie Kopierer. Obwohl er häufig die Aufgabe übernahm (und heute wieder das Handy). Kopien in den Kunsthistorischen Sammlungen waren aus Gips, und es dauerte, bis Fotos diese Sammlungen verstauben und vergessen ließen. Von Anfang an reisten die Forscher mit Künstlern durch die Natur- bzw. Weltgeschichte, um Bilder mit nach Hause zu bringen. Ausreichende Erinnerungsmittel, um später die Reisebücher so konkret wie möglich schreiben zu können.

Auf den Expeditionen des Ethnologen Leo Frobenius waren viele Frauen unterwegs. In Afrika malten sie vor Ort und unter abenteuerlichen (und nicht weniger fotogenen) Umständen Felsbilder aus der Frühzeit des Menschen ab. Frauen? Sie kamen umsonst mit, gebildete höhere Töchter, die die Reise selbst finanzieren konnten. Und nicht darauf bestanden, ihre Kopien zu signieren. Es war eine Überraschung in Europa und Nordamerika, wo diese Bilder in den 1930er Jahren gezeigt wurden. So abstrakt! So lebendig! So kühn!

Heute sind die Kopien ebenfalls Originale. Von – wie schon erwähnt – größtenteils anonymen Künstler/innen (ein paar Männer waren am Ende doch mit dabei). Wahrscheinlich gibt es ihre Vorlagen in zahlreichen Fällen nicht mehr. Denn anders als in Europa sind die afrikanischen oder auf ozeanischen Felsbilder oft nicht in Höhlen versteckt, sondern allen Wettern und Touristen ausgesetzt.

Kopieren hat im Westen einen schlechten Ruf. Abgeschrieben oder abgemalt gilt nicht viel, im schlimmsten Fall sind es Plagiate oder Fälschungen. Dabei lernen wir am besten durch Nachahmung. Und wer genug kopiert hat, schafft auch Originale. Andy Warhol erhob die Kopie zur Königin. Und das hat ihn mir früh sympathisch gemacht. Endlich mal Freude am Bild und nicht immer das Misstrauen, ob es vielleicht eine wertlose Kopie ist. Aber wer sich die Kopien der Afrikareisenden anschaut stellt sich ganz andere Fragen. Alles nur ein Traum, dachte ich vor einem Bild, und dass wir unzähligen Menschengenerationen näher aufeinander hocken, als die Jahreszahlen uns glauben machen.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. mannigfaltiges 5. März 2016

    Ich bevorzuge für meine Vorräte die Bezeichnung „Reproduktionen“. Irgendjemand muss ja auch die Kopien produzieren und dabei entstehen immer Veränderungen, also auch irgendwie Unikate. Was ist eigentlich in der Photographie das Original? Das Negativ, wohl kaum. Die Vintage Prints – das sind ja meist schon wieder mehrere. Ich habe gerade mit Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter…“ begonnen. Mal gucken was der meint, wenn ich es überhaupt kapiere.

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