Maß und Ziel

Ich kann es drehen und wenden wie ich will, Mode sind für mich zwei Paar Schuhe, mindestens. Aus dem lateinischen Wort „modus“ geformt, bedeutet Mode zunächst die Art und Weise, der Modus, wie etwa eine Musik gespielt werden soll, dann auch zeitgemäßer Geschmack, „la mode“ im Französischen. Damals wie heute sind Frisuren, Umgangsformen, Kunst und Literatur gemeint, aber vor allem Kleidung. Und hier sind es für mich die zwei Paar – möglichst unterschiedlichen – Schuhe, denn zum einen geht es um Kleidung, die ich, möglichst zu jeder auf zwei Beinen verbrachten Tages- und Nachtzeit tragen kann, und um Kleidung, die meine Fantasie anregt, in der ich mich in jemand oder etwas anderes verwandeln kann, um Träume. Kleider machen Leute, das ist ein Sprichwort, das nicht nur für „Leute“ gilt. Kleider machen auch Träume war – selbst wenn sie in Alpträumen enden.

Modenschauen finde ich auf eine Art überflüssig, aber eben doch auch sehr schön. Sie sind ein Theaterspektakel im altmodischen Sinn. Bloß nicht an den Alltag denken, sondern sich entführen lassen von den Schönheiten auf dem Catwalk mit Gewändern, Roben, Fähnchen, Rüstungen oder Geweben, die nichts, aber wirklich gar nichts auf den Trottoirs unserer Städte und Städtchen zu suchen haben.

Secondhandläden sind dagegen eine echte Spielwiese. Auch hier findet sich viel – vom Gebrauch her gesehen – Unmögliches. Aber es hat einen Reiz, genau diese Unmöglichkeiten umzulegen, anzulegen und dann eine andere zu sein, ich spüre sogar jetzt mein Herz höher schlagen, wo doch alle Läden zu sind (und auch noch bis Montag). Beide bieten Überraschungen – und unendlich viele Kniffe und Tricks fürs Umkleiden menschlicher Gliedmaßen. Von Farben und Stoffen erst gar nicht zu reden. Wer scharfe Augen und viel Erfahrung hat, mag sich schon vom Laufsteg neue Ideen abschauen. Schnäppchen aus dem Secondhandladen lassen sich zur Not auch auseinander nehmen.

Ob es dann wirklich noch Mode ist, was ich durch meinen Alltag trage, bezweifele ich manchmal. Es ist maßvoll in dem Sinn, in dem ich mich darin bewegen kann. Es ist in jedem Fall zeitgemäß, auch wenn ich gerne aus der letzten oder vorletzten Kollektion kaufe. Man kann das ja auch „klassisch“nennen, was mir übrigens für mich selbst am meisten gefällt. Gerade im Winter gibt es lange Phasen, in denen ich mich nicht besonders um die modische Aufbereitung kümmere. Ich möchte vor allem nicht frieren. Aber jetzt, wo sich der Frühling meldet, spüre ich ein Unbehagen in den Wollpullis und sehne mich nach Farben und Schnickschnack. Vielleicht auch danach, mal wieder eine Andere zu sein. Ein Kleidungsstück reicht ja oft schon, eine Verwandlung herbeizuführen. Und wenn auch nur im eigenen Kopf.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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