Wie Geschichten auf unser Denken wirken

In der Forschung zum Erzählen gibt es gerade zwei Debatten. In der einen geht es um die Frage, wie erzählte Fiktion „wirkt“, in der anderen darum, ob unsere Welt möglicherweise zu komplex geworden ist (oder gerade wird), um noch von klassischen, mehr oder weniger stringent erzählten Geschichten gespiegelt und damit auch gedeutet zu werden.

Die Hirnforschung macht’s möglich. Nämlich zu sehen, dass beim Lesen die Hirnregionen angeregt werden, die auch nötig sind, andere Menschen zu verstehen. Empathie ist das Schlüsselwort, umgekehrt bedeutet es: wer liest, eignet sich social scills an. Der „Vorteil“ beim Lesen ist, dass emotionale Momente dort immer aus einer Distanz wahrgenommen, weil eben „nur“ gelesen werden, während Emotionen oft ohne Wenn und Aber ins „richtige“ Leben explodieren. Beim Lesen ist es also möglich, emotionale Vorgänge zu verstehen, was sonst erst so nach und nach möglich ist. Emotionen zu deuten aber heißt auch, Erfahrungen zu machen. Und wenn wir etwas nicht beim ersten Lesen verstehen, können wir ja noch mal von vorne anfangen.

Gleichzeitig ist ein Erzähltext nie einfach nur ein Text. Denn jede/r Leser/in liest darin die eigene Geschichte. Im Grunde ist das wahnsinnig interessant – und wird vielleicht noch zu wenig zur Kenntnis genommen. Denn durch die Lektüre entstehen immer wieder neue Geschichten, Lesen selbst ist kein bloßes Konsumieren, sondern Nachschöpfen.

Eine Falle allerdings stellt uns gerade unsere Lust an Geschichten. Denn wir sind schnell dabei, aus zwei, drei Fakten eine Geschichte zu konstruieren. Das kann bei Schreibseminaren ein wirkungsvoller Motor für eine Erzählung abgeben. Doch in den Natur- oder Wirtschaftswissenschaften haben sich solche Deutungen schon als grandiose Fehlinterpretationen herausgestellt. Hier kommt ein Faktor ins Spiel, der uns Menschen gemeinhin nicht besonders schmeckt: Die Welt ist sehr viel komplexer, als in die eine oder andere Geschichte hineingesponnen zu werden. Erzählungen sind hier vielleicht die falschen Transportmittel, weil die von uns so geliebten Kausalitäten meist nicht nur einseitig greifen.

Hier entsteht eine gewisse Patt-Situation. Weil Menschen nun mal die Welt durch Geschichten verstehen. Das heißt, wir kommen wohl auch in Zukunft nicht aus unserer Haut. Hilfreich wäre, mit einem Nicht-Verstehen souveräner umzugehen, und Fakten nicht zu schnell in eine „Story“ zu pressen. Das Offen-Lassen bewahrt zumindest vor vorschnellen Fehlern. Die andere Herausforderung wäre, neue Geschichten für eine komplexere Welt zu erfinden. Das allerdings finde ich ungemein spannend.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. SätzeundSchätze 22. Februar 2016

    Ein schöner Beitrag, der an unsere kurze Konversation neulich anknüpft. Lesen ist Nachschöpfen… das gefällt mir gut. Über deine Schlussfolgerungen im zweiten Teil muss ich noch ein wenig nachdenken. Spontan meine ich, dass mich sowieso die Erzählungen am meisten packen, die nicht greifbar sind, die offene Enden haben, lose Fäden, die Interpretationen zu lassen – also nicht jene, die Dinge zu Ende erklären oder gar die Welt, wie der Schreibende meint, sie zu sehen, 1:1 abbildet.

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    • Stephanie Jaeckel 22. Februar 2016

      Für den zweiten Teil habe ich auch noch keine Lösung. Was ich spannend fand, dass wir eben auch Wissenschaft als Erzählung formulieren. Man spricht ja immer von den Fakten. Aber auch sie werden in eine Geschichte eingebettet. Eben in der Genforschung ist das ganz schön zu sehen, wo lange die Idee galt, ein Gen ein Effekt. Heute wissen wir, dass immer mehrere Gene zusammenwirken, um dies oder das auszuprägen. Lokalisieren lässt sich da nur einiges. Wir müssen die Geschichte also neu schreiben. Nur wie? – Und an der Stelle bewege ich mich als Texterin eben auch: Was könnte ich erzählen? An dem Knochen habe ich sicher noch eine Weile zu knabbern.

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  2. Peter 23. Februar 2016

    Bei meiner Arbeit mit Wissenschaftlern gelingt es immer wieder, einige dazu anzuregen Ihre Inhalte als „Geschichten“ zu erzählen, wobei die Zuhörer sofort ganz anders folgen können. Manchen Wissenschaftlern stellen sich bei den Worten „Geschichte und Erzählen“ aber sofort die Nackenhaare auf und sie befürchten Unwissenschftlickeit.

    Dieses Zitat von Peter Handke ist mir zu Deinem Beittrag noch spontatn in den Sinn gekommen:

    „Ich habe ein großes Mißtrauen zu Leuten, die von sich sagen, sie seien so und so, im guten und im bösen. Aber wenn sie anfangen zu erzählen, wenn sie von sich erzählen – man kann ja anfangen, von sich zu erzählen – und dann beiläufig auf dies und das und auf diesen und jenen kommen, dann sehe ich viel mehr, wie sie sind. Und dann spürt der, der es erzählt auch viel besser, wer er ist; indem er von sich absieht, von den Definitionen, was er ist und wie er ist und was er getan hat..“

    Peter Handke in einem Gespräch mit Peter Hamm

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    • Stephanie Jaeckel 23. Februar 2016

      Peter Handke ist ein gutes Stichwort, denn er ist es, der Schreiben, zumindest habe ich das so empfunden, immer wieder ins Erzählen öffnet und mich als Leserin darein einlädt. Wenn ich Handke lese, wie gerade noch einmal „Der große Fall“ nehme ich Teil an der Geschichte. Und lese, was ich auch kenne. Handke war der große Erlöser meiner gequälten Studienzeit. Ich hatte irgendwo ein Buch antiquarisch gekauft und konnte mein Glück nicht fassen, dass endlich jemand in den Farben schrieb, in die meine Welt getaucht war. Das hatte damals weder etwas mit Stil oder Literatur zu tun, sondern allein mit Erkennen.

      Mit den Wissenschaftler/innen habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Wer erzählt, öffnet ein fachfremdes Metier. Sie selber sind sich möglicherweise oft gar nicht bewusst, selbst an der Verfertigung von Geschichten beteiligt zu sein. Weitere große Geschichten sind ja der Urknall oder die Evolutionstheorie. Zum Verständnis sind Geschichten perfekt auf den Menschen zugeschnitten. Ich denke, wir müssen stets vorsichtig sein, den Sack zu früh zuzumachen.

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