Saß im Engelbecken, piepste und püschelte niedlich herum… Allen ein schönes Wochenende!
Amselalarm
Im Hof war gestern und heute die Hölle los. Ein Eichelhäher hat das Nest eines Amselpaares aufgemischt, die Kleinen flogen ratlos in die Wohnung eines Nachbars und auf die Fensterbank eines anderen. Die Eltern schrien zwar den Eindringling weg, konnten aber ihre Kinder bei Anbruch der Nacht nicht wiederfinden. Heute hüpften sie den ganzen Tag über mit großen Augen und einem Wurm im Schnabel herum, in der Hoffnung ihren Nachwuchs doch noch zu entdecken. Wir haben alle mitgeschaut. Ohne Würmer. Und ebenfalls ohne Erfolg. Immerhin konnte ich sehen, dass auch Vögel mit vollem Mund zwitschern können.
Früher oder später
Früher war alles besser. Aber dass die Leute früher noch nicht so helle waren, wie wir heute, weil ihnen die exakten Wissenschaften und das Superfood fehlten, lernen wir schon in der Schule. Tja, und was denn nun?
Als Historikerin habe ich es häufig mit historischen – also längst gestorbenen – Personen und Persönlichkeiten zu tun. Gerade liegt ein besonders eigenwilliges Exemplar auf meinem Schreibtisch: Jakob Böhme, Schuhmacher und mystischer Philosoph, der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in Görlitz lebte.
Ich staune, wie frisch und neugierig er auf das reagierte, was ihm widerfuhr, und das war nicht nur erfreulich. Er war zwar nicht arm, aber doch eben nicht gebildet und bekam Depressionen, die er sich nicht erklären konnte, aber gegen die er anrannte. Zumal er verheiratet und mit immer mehr kleinen Kindern gesegnet war. Er hatte eine Vision. Er hatte kaum Wissen. Aber er beobachtete alles um sich herum sehr genau. Und er glaubte an Gott.
Natürlich gab es Ärger. Wie kann ein einfacher Schuster so vermessen sein, einen Gottesbeweis zu führen. Woher kann er überhaupt lesen und schreiben? Und wie will er auch nur einen Satz schreiben, ohne zu wissen, wie man Fußnoten setzt? Böhme ließ sich einschüchtern. Aber dann schrieb er doch weiter. Und erzählte vieles von dem, was man zu seiner Zeit selbstverständlich fand neu. Zum Beispiel, dass die Ursünde keineswegs darin bestanden habe, dass Adam und Eva in den verbotenen Apfel bissen. Sondern dass Adam (eine Eva gab es im Paradies nicht – musste es nicht geben, denn der perfekte Mensch war Mann und Frau in einem) eingeschlafen war.
Nein. Ich schlafe gerne – und hoffentlich gleich schon wieder. Aber die Idee, dass sich der damals noch ganz neue Mensch von Gott abwendet, einschläft und zur Strafe in die irdische Existenz und damit auch zur ewigen Zweiheit verdammt wird, ist schon fantastisch verrückt. Eine Schlussfolgerung, die Anhänger Böhmes aus dieser Deutung zogen war übrigens, dass sich die Menschen schon auf Erden ihren fehlenden Teil anverwandeln sollten, Männer sich also um ihren weiblichen Anteil, Frauen umgekehrt sich um ihren männlichen Anteil kümmern und ihn ausleben und schätzen sollten. Was für eine moderne Idee. Und eine, für die es nie zu spät ist…
Allein auf einer Insel
wäre ich heute mittag gerne gewesen, als ich eingeklemmt zwischen viel zu vielen Mitreisenden in einer defekten U-Bahn klemmte. Wie blitzschnell so ein Alltag aus dem Ruder gehen kann, dachte ich, und sofort danach, dass Alltag vielleicht auch eine komische Vorstellung ist, wahrscheinlich eine, die uns erst die Zivilisation beschert hat, und allein auf einer Insel, also fernab von Zivilisation könne dann und immerhin von Alltag keine Rede sein. Na. Im strömenden Regen allein auf einer Insel wäre möglicherweise auch keine so tolle Alternative. Und jeden Tag jagen, essen, spülen kommt schon sehr nah an meine persönliche Vorstellung von Alltag heran. Was ich sagen will? — Gut, dass dieser Montag gleich vorbei ist.
Hamburg
Ich war nicht da. Ich habe die Berichterstattung nicht konsequent verfolgt. Wenn ich das Radio anschaltete: Krawalle, Polizei, Demonstranten, Schanzenviertel, Messehallen, Herr Putin, Frau Merkel, Trump, Elbphilharmie.
Ich halte es für richtig, dass sich diese – und alle anderen – Politiker treffen. An einem Tisch. Was im Alltag gilt, gilt auch auf der großen Staatsbühne: Schau mir in die Augen. Sag‘, was Du willst. Reich‘ mir bitte den Kaffee rüber. Regierungen werden von Menschen geleitet. Sie sollten gelegentlich auch als Menschen miteinander zu tun haben.
Ich finde es absurd, sich über die hohen Kosten aufzuregen. Dass strengste Sicherheitsmaßnahmen nötig sind, war offensichtlich. Dass abends gemeinsam gegessen wird, dass man sich gar in die Philharmonie setzt – ja, was denn? Wenn ich mir die augenblicklich stattfindenden Abi-Bälle anschaue, wer, liebe Leute, steht da so auf Pomp? Außerdem glaube ich an informelle Gespräche und Begegnungen.
Der Protest gegen die G20 Politik ist berechtigt. Es ist nötig, während der Konferenz Alternativen vorzuschlagen, auf Missstände hinzuweisen. Es ist nötig, die Veranstaltung und ihre Ergebnisse in Frage zu stellen, die Kluft zwischen den „Entscheidungsträgern“ und denen, die diese Entscheidungen mittragen, wieder zu schließen. Es ist selbstverständlich, an einem Dialog teilzunehmen. Es gibt mehr als genug zu kritisieren, immer wieder zur Sprache zu bringen. „Wir sind das Volk“und die Situation auf unserem Planeten ist heikel in allen möglichen Hinsichten. Wir brauchen mehr Kommunikation zwischen unseren politischen Repräsentant/innen und uns.
Ich wohne in Kreuzberg. Ich bin entsetzt, was für eine Zerstörungswut in Hamburg zu sehen war. Es ist billig, seinen Unmut an Anwohnern einer Stadt auszutoben, die sich die schwierige Gastgeberrolle zumutet. Es ist beschämend, Geschäftsleute, Passant/innen zu Geiseln einer Politik zu machen, die diese weder verantworten noch unbedingt gutheißen.
Was mich am meisten irritiert, wie die mediale Berichterstattung alle möglichen Klischees, Vorurteile, schwarz-weiß-Bilder bestätigt. Klatsch und Tratsch trägt die meisten Kommentare, auch in den seriösen, öffentlich-rechtlichen Medien. Genüsslich wird über das Versagen der Polizei berichtet, Überlegungen gestartet, ob Angela Merkel das Format zur internationalen Führerpersönlichkeit hat, oder wie pervers eine Musikveranstaltung zu Ehren der zum Teil wirklich mehr als zweifelhaften Gäste ist. Ich habe sehr selten die genauen Positionen der einzelnen Staaten gehört, Möglichkeiten oder Nachteile von neuen Allianzen, von noch so kleinen Veränderungen. Dafür gab es die bösen und die guten Demonstrant/innen. Den schwarzen Block und die lieben Familien und Behinderten. Es gab diesen rasenden-Reporter-Stil, Eilmeldungen und die ganze Spektakel-Aufgeregtheit. Wir bekommen – einmal mehr – ein Event präsentiert. Da ist man einfach froh, wenn es wieder vorbei ist. Was wirklich besprochen wurde, wie es weitergeht? Lasst mich bloß in Ruhe damit!
Stroh zu Gold
„Ach, wie gut, dass niemand weiß,…“ – von wegen! In Südafrika haben sie herausgefunden, dass Weizen Gold aus dem Boden zieht. Natürlich nicht aus jedem Boden. Dort, wo früher einmal nach Gold geschürft wurde, und wo die Böden durchpflügt und weitestgehend ausgeräumt sind, dort sind ja immer noch goldene Stäubchen und Körnchen zu finden. Menschen suchen hier mit großer Geduld nach den Resten. Andere Menschen lassen Gras für sich wachsen. Nee, Weizen. – Wer, wo, wie genau??? Ich habe mal wieder nicht richtig zugehört. Die Meldung samt kurzer Reportage gab es gestern im Radio. Leider hatte ich nur ein halbes Ohr frei. Aber das reicht, um schreiben zu können: Märchen werden wahr!
P.S. Auf dem Foto ist kein Weizen zu sehen…
Bewegung
Vielleicht ist das eine Erkenntnis, die man haben muss, wenn man mit Migräne geschlagen ist. Migräne gehört zu den statischsten Zuständen, die ich mir vorstellen kann. In der Migräne bin ich erstarrt. Zu einer formlosen schweren Masse. Kein Stein, der wäre zu kompakt, zu schön. In die Bewegungslosigkeit eingefesselt. Klingt bescheuert. Fühlt sich aber so an. Während eines Anfalls bin ich unfähig, auch nur die Augen aufzuschlagen (um Himmels Willen: vor allem die nicht). Den Tod stelle ich mir luftiger vor. Migräne ist die Hölle auf Erden.
Bewegung hilft. Oder. Bewegung ist das Gegenteil. In dem Maß, in dem ich mich mehr bewegt habe, zum Beispiel auf dem Fahrrad von Ort zu Ort, beim Tanzen, beim häufigeren Gehen, in dem Maß ging auch die Migräne zurück. Sehr langsam. Nicht, dass ich Sport gesagt hätte. Bewegung. Und zwar eine sehr eigene, individuelle Bewegung. So, wie wenn man Yoga oder Gymnastik ohne Anleitung macht. Als pure Improvisation. Liegt wahrscheinlich nicht jeder oder jedem. Klingt wahrscheinlich auch bescheuert.
Die Bewegung, die mir am meisten imponiert: Mit welchem Karacho die Erde durchs All rast. Kein Wunder, dass sich die Menschen früher die Welt und alles, was dazu gehört, wie ein riesiges Uhrwerk vorgestellt haben.
In Bewegung bleiben. Klingt so wahnsinnig abgedroschen. Scheint mir aber gerade beim Altwerden eine wichtigste Devise (yepp, yepp, yepp).
Brillenkrokodil?
Nö. Als ich in der Grundschule meine erste Brille bekam, war ich eine Brillenschlange. Allerdings nur selten. Ich mochte die Brille nicht und setzte sie kaum auf. Irgendwann war sie vergessen. Erst als ich als HiWi an der Bibliothekspforte die Professoren nicht mehr erkannte und ihren Ausweis sehen wollte – haha – ließ ich mir wieder eine machen. Seitdem trage ich unterwegs eine Brille. In geschlossenen Räumen (außer auf dem Fahrersitz im Auto) nehme ich sie schnell ab. Ich konnte mich nie wirklich daran gewöhnen.
Aber natürlich ändern sich die Zeiten. Oder ich verändere mich im Laufe der Zeit. Der Arzt sagt dazu: Ihre Sehfähigkeit nimmt ab. Und ich denke: Und wie! Klarer Fall für eine Gleitsichtbrille. Und für eine gewisse Traurigkeit. Denn ich merke, dass es mit einer Brille nicht getan ist. Oder anders formuliert: Augen altern anders, als Optiker Ersatz schaffen können. Ich werde auch mit einer perfekt angepassten Brille schlechter sehen als früher. Ein komisches Gefühl.
Voraussichtlich macht die Erinnerung einiges wett. Das Gehirn wird auch in Zukunft Lücken schließen und mich etwas sehen lassen, wo vielleicht etwas anderes ist. Möglicherweise wird das ein Zugewinn an fantastischen Missverständnissen. Aber eben auch der Anfang vom Abschied aus der Welt. Nein. Ich will nicht jammern. Wir haben heute so viele Möglichkeiten, unser Altern herauszuzögern oder abzufedern. Dennoch scheint es mir wichtig, solche Etappen wahrzunehmen. Ich fühle mich nicht alt. Aber ich altere immer mehr. Unwichtig? Keine Ahnung. Wahrscheinlich bleibt es die beste Strategie, mit jungem Herzen alt zu werden. Aber die Realität zu übersehen? Käme mir feige vor. Mal sehen. Erst mal ist eine neue Brille gefragt. Puh, ehrlich? Für mich fast so schlimm, wie zum Zahnarzt zu gehen.
Eleganz beginnt im Kopf
Eine Folge von Hochzeitsfeierlichkeiten kann sein, dass man noch einmal über die Kleiderfrage nachdenkt. Wie kommt es, so jedenfalls stellte sich mir – einmal mehr – die Frage, dass es Menschen gibt, die leichthändig und offensichtlich ohne Mühe elegant sind, während andere sich abmühen, und oft genug ohne Erfolg. Ich selbst kann mich schlecht einschätzen. Ich bin mit dem Alter entspannter geworden. Ich will nicht unbedingt gefallen, denke jedoch über die Angemessenheit meiner Garderobe nach. Meine Kleidung soll schön sein, mich aber nicht verkleiden. Sie soll getragen aussehen (nicht abgewetzt), nicht gebügelt oder gerade aus der Einkaufstüte geholt.
Vielleicht – und das beziehe ich nicht auf mich, sondern überlege ins freie Feld hinein – vielleicht braucht man ein eher kleines Ego, um elegant zu sein. Oder zumindest eine gewisse Nachlässigkeit, was das eigene Aussehen oder den Gang vor den Spiegel angeht. Präzision wäre möglicherweise eine weitere Zutat (und kein Gegensatz zur Nachlässigkeit, eher ein – wie soll ich sagen? – anderes Feld). Vielleicht ist Eleganz weder besonders feminin, noch maskulin. Sondern dazwischen. Mir zumindest scheinen Rüschen nichts, aber auch gar nichts von Eleganz oder Chic zu haben.
Aber ist es überhaupt wichtig, elegant zu sein? Ich weiß es nicht. Mag sein, dass es reicht, in bequemer Kleidung durchs Leben zu kommen. Dennoch hege ich Zweifel. Weil das eigene Aussehen doch über den Alltag hinausgeht. Oder, weil ich – trotz aller Mühen – auch eine andere bin. Weil Eleganz vielleicht ein Abglanz von Freiheit ist. Oder zumindest eine Erinnerung daran.
Zurück in die Spur finden
Natürlich ist es ein gutes Gefühl, vor dem Urlaub oder vor einer Reise den Schreibtisch leer geräumt zu haben. Der Nachteil: kaum ist man wieder zurück am Tisch, laufen neue Projekte an zur generellen Desorientierung (die mich zumindest nach einigen Tagen Abwesenheit schon befällt). Heute saß ich an meinem Platz, und hatte das Gefühl, auf einen von Reifenspuren übersäten Sandplatz zu schauen. Wo ist der Anfang? Welche Spuren kann ich gleichzeitig verfolgen? Wie verteile ich die verschiedenen Richtungen in der mir vorhandenen Zeit? Wie vor allem schaffe ich es, mich nicht zu verzetteln – oder gar auf die Nase zu fallen? Pfffff, gar nicht so einfach. Mal sehen, ob ich das Gewirr am richtigen Ende zu fassen bekomme. Und in drei Monaten aus dem Sandkasten steige, mir den Staub von den Kleidern klopfe und erleichtert „erledigt“ denken kann…









