Früher oder später

Früher war alles besser. Aber dass die Leute früher noch nicht so helle waren, wie wir heute, weil ihnen die exakten Wissenschaften und das Superfood fehlten, lernen wir schon in der Schule. Tja, und was denn nun?

Als Historikerin habe ich es häufig mit historischen – also längst gestorbenen – Personen und Persönlichkeiten zu tun. Gerade liegt ein besonders eigenwilliges Exemplar auf meinem Schreibtisch: Jakob Böhme, Schuhmacher und mystischer Philosoph, der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in Görlitz lebte.

Ich staune, wie frisch und neugierig er auf das reagierte, was ihm widerfuhr, und das war nicht nur erfreulich. Er war zwar nicht arm, aber doch eben nicht gebildet und bekam Depressionen, die er sich nicht erklären konnte, aber gegen die er anrannte. Zumal er verheiratet und mit immer mehr kleinen Kindern gesegnet war. Er hatte eine Vision. Er hatte kaum Wissen. Aber er beobachtete alles um sich herum sehr genau. Und er glaubte an Gott.

Natürlich gab es Ärger. Wie kann ein einfacher Schuster so vermessen sein, einen Gottesbeweis zu führen. Woher kann er überhaupt lesen und schreiben? Und wie will er auch nur einen Satz schreiben, ohne zu wissen, wie man Fußnoten setzt? Böhme ließ sich einschüchtern. Aber dann schrieb er doch weiter. Und erzählte vieles von dem, was man zu seiner Zeit selbstverständlich fand neu. Zum Beispiel, dass die Ursünde keineswegs darin bestanden habe, dass Adam und Eva in den verbotenen Apfel bissen. Sondern dass Adam (eine Eva gab es im Paradies nicht – musste es nicht geben, denn der perfekte Mensch war Mann und Frau in einem) eingeschlafen war.

Nein. Ich schlafe gerne – und hoffentlich gleich schon wieder. Aber die Idee, dass sich der damals noch ganz neue Mensch von Gott abwendet, einschläft und zur Strafe in die irdische Existenz und damit auch zur ewigen Zweiheit verdammt wird, ist schon fantastisch verrückt. Eine Schlussfolgerung, die Anhänger Böhmes aus dieser Deutung zogen war übrigens, dass sich die Menschen schon auf Erden ihren fehlenden Teil anverwandeln sollten, Männer sich also um ihren weiblichen Anteil, Frauen umgekehrt sich um ihren männlichen Anteil kümmern und ihn ausleben und schätzen sollten. Was für eine moderne Idee. Und eine, für die es nie zu spät ist…

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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