Hamburg

Ich war nicht da. Ich habe die Berichterstattung nicht konsequent verfolgt. Wenn ich das Radio anschaltete: Krawalle, Polizei, Demonstranten, Schanzenviertel, Messehallen, Herr Putin, Frau Merkel, Trump, Elbphilharmie.

Ich halte es für richtig, dass sich diese – und alle anderen – Politiker treffen. An einem Tisch. Was im Alltag gilt, gilt auch auf der großen Staatsbühne: Schau mir in die Augen. Sag‘, was Du willst. Reich‘ mir bitte den Kaffee rüber. Regierungen werden von Menschen geleitet. Sie sollten gelegentlich auch als Menschen miteinander zu tun haben.

Ich finde es absurd, sich über die hohen Kosten aufzuregen. Dass strengste Sicherheitsmaßnahmen nötig sind, war offensichtlich. Dass abends gemeinsam gegessen wird, dass man sich gar in die Philharmonie setzt – ja, was denn? Wenn ich mir die augenblicklich stattfindenden Abi-Bälle anschaue, wer, liebe Leute, steht da so auf Pomp? Außerdem glaube ich an informelle Gespräche und Begegnungen.

Der Protest gegen die G20 Politik ist berechtigt. Es ist nötig, während der Konferenz Alternativen vorzuschlagen, auf Missstände hinzuweisen. Es ist nötig, die Veranstaltung und ihre Ergebnisse in Frage zu stellen, die Kluft zwischen den „Entscheidungsträgern“ und denen, die diese Entscheidungen mittragen, wieder zu schließen. Es ist selbstverständlich, an einem Dialog teilzunehmen. Es gibt mehr als genug zu kritisieren, immer wieder zur Sprache zu bringen. „Wir sind das Volk“und die Situation auf unserem Planeten ist heikel in allen möglichen Hinsichten. Wir brauchen mehr Kommunikation zwischen unseren politischen Repräsentant/innen und uns.

Ich wohne in Kreuzberg. Ich bin entsetzt, was für eine Zerstörungswut in Hamburg zu sehen war. Es ist billig, seinen Unmut an Anwohnern einer Stadt auszutoben, die sich die schwierige Gastgeberrolle zumutet. Es ist beschämend, Geschäftsleute, Passant/innen zu Geiseln einer Politik zu machen, die diese weder verantworten noch unbedingt gutheißen.

Was mich am meisten irritiert, wie die mediale Berichterstattung alle möglichen Klischees, Vorurteile, schwarz-weiß-Bilder bestätigt. Klatsch und Tratsch trägt die meisten Kommentare, auch in den seriösen, öffentlich-rechtlichen Medien. Genüsslich wird über das Versagen der Polizei berichtet, Überlegungen gestartet, ob Angela Merkel das Format zur internationalen Führerpersönlichkeit hat, oder wie pervers eine Musikveranstaltung zu Ehren der zum Teil wirklich mehr als zweifelhaften Gäste ist. Ich habe sehr selten die genauen Positionen der einzelnen Staaten gehört, Möglichkeiten oder Nachteile von neuen Allianzen, von noch so kleinen Veränderungen. Dafür gab es die bösen und die guten Demonstrant/innen. Den schwarzen Block und die lieben Familien und Behinderten. Es gab diesen rasenden-Reporter-Stil, Eilmeldungen und die ganze Spektakel-Aufgeregtheit. Wir bekommen – einmal mehr – ein Event präsentiert. Da ist man einfach froh, wenn es wieder vorbei ist. Was wirklich besprochen wurde, wie es weitergeht? Lasst mich bloß in Ruhe damit!

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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