Es macht nie großen Spass, eine Pflicht zu erfüllen. Wir machen wahrscheinlich alle lieber Dinge freiwillig und nicht, weil sie von uns erwartet werden, schon gar nicht zu dem und dem Zeitpunkt. Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Ich fürchte, die diesjährige Bundestagswahl ist so eine Ausnahme. Mag das Wetter noch so schön sein, oder ich bis zur letzten Minute unentschieden. Bei dieser Wahl haben wir viel zu verlieren. Es darf einfach nicht der Eindruck entstehen, wir würden sehenden Auges unsere Demokratie aufs Spiel setzen. Viele von uns sind in diesem Land groß geworden, viele von uns haben nie einen Krieg erlebt. Wir haben die Schule besuchen dürfen, wir können die Berufe wählen, die wir uns aussuchen. Wir haben Reisefreiheit und was mehr zählt: Wir haben Meinungsfreiheit. Niemand wird wegen seines Glaubens oder seiner sexuellen Was-auch-immer verfolgt. Wir leben in einem Staat mit unabhängiger Justiz. Wir haben es verdammt gut. Auch, wenn wir knapp mit dem Geld sind, wenn wir Träume nicht verwirklichen können, wenn wir uns das Kino verkneifen müssen oder den Hund, den wir so gerne hätten. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Wir haben alle privaten Freiheiten, die wir uns nur wünschen können. Wir haben sicher nicht die beste aller Gesellschaften. Es gibt viele unsinnige Regeln und grandiose Ungerechtigkeiten. Aber Demokratie und Freiheit können deshalb nicht zur Debatte stehen. Wenn wir uns an diesem Punkt beschneiden, sind wir schneller mundtot als wir gucken können. Deshalb denke ich, dass es so verdammt wichtig ist, wählen zu gehen. Und auch deshalb hoffe ich noch, dass die vorhergesagten 12% für die AfD doch noch – wie sagt man im Amtsdeutsch so schön – nach unten korrigiert werden können.
Heute?
Im Traum habe ich einen verlorenen Geliebten wiedergesehen, und gehörig geküsst. Dann schien die Sonne und ich dachte mich 3000 Jahre zurück in das Leben und Sterben der Etrusker. Später erzählte mir Lázló Krasznahorkai in eigenen Worten und – gelegentlich – mit der (sorry, ich kann einfach nicht anders) umwerfenden Stimme von Frank Arnold seine Spazierwege durch New York, und beim Ablaufen dieser Wege von der Geduld, die es braucht, Genies zu entdecken. Mit Dietmar Dath flog ich ins All und aus der Kurve. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich nicht mehr fürs Science-Fiction-Mögen schäme. Der Rückweg führte in einen Ex-Kaisers und durchs Nachtleben am Nollendorfplatz. Ich war kaum in Berlin angekommen, Anfang der 90er Jahre und hatte Knieschmerzen wie eine Fünfzigjährige. Was, dachte ich, als ich eben die Wohnungstür aufschloss, was bedeutet schon Gegenwart?
Lesen
Es gibt Fragen, die immer wieder auftauchen. Eine davon ist die nach den Möglichkeiten und Grenzen, die ich als bloggende und damit als kritische Leserin habe. Denn so viel ist klar: Wer ein Buch liest, ganz egal ob Kritiker/in oder nicht: Ein Urteil entsteht fast immer – auch wenn es bloß ein jähes Desinteresse nach Seite zwanzig ist. Und: Als Leserin habe ich durchaus – wenn auch nicht immer – Lust, mein Urteil, oder zumindest mein Leseerlebnis mitzuteilen.
Geschenkt, es ist eine Frage der Relevanz. Wenn ich meine Einschätzung in meinem Blog schreibe, ist es an sich schon eine fast private Äußerung. Dennoch bleibt die Frage: Was kann ich als „bloße“ Leserin von einer Lektüre weitergeben, was ein/e Kritiker/in nicht besser könnte – oder sogar gar nicht.
Wer Lesen als ein Stelldichein mit Kunst versteht, könnte zumindest das mit Lebenserfahrung durchsetzte Erlebnis der Lektüre ins Feld führen. Natürlich erwarte ich genau das auch von Kritiker/innen. Allerdings – hier liegt vielleicht schon der Unterschied: professionelle Leser/innen stützen sich auf ihr Fachwissen. Sie haben die Literaturen der Welt studiert, von Kindesbeinen an gelesen und sich so einen riesigen Kanon an Vergleichsmaterial geschaffen und gleichzeitig nach allen möglichen Regeln der Kunst das Analysieren, gegen den Strich lesen und was nicht alles gelernt. Als Leserin einer Kritik profitiere ich von diesem Wissen und diesen Kenntnissen.
Mir scheint, die Sehnsucht nach „anderen“ als professionellen Kritiken entspringt dem Wunsch, einmal Statements von Nicht-Kenner/innen zu bekommen. Was, und das interessiert mich tatsächlich auch, was denkt denn ein „einfacher“ Leser oder eine „fachfremde“ Leserin von diesem oder jenem Buch? Wie spiegelt sich ein Buch in anderen Leseerfahrungen als meinen, die eben auch durch ein Studium geprägt sind und damit denen von professionellen Literaturkritiker/innen doch sehr ähneln.
Oder, um eine andere Erwartung zu nennen: Könnten „unprofessionelle“ Leser/innen andere Dinge hervorheben, vielleicht sogar unabhängiger urteilen. Es ist die Hoffnung auf eine Laien-Kritik, die möglicherweise lebendiger ist und sich nicht von der Literaturszene beeinflusst zeigt.
Vielleicht ist es schlicht und ergreifend der Wunsch nach mehr Diversität. Wer die relevanten fünf bis sechs Rezensionen zu einem Buch gelesen hat, mag Lust haben, noch etwas – möglichst – anderes zu erfahren. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach bloß anderes geschriebenen Kritiker-Texten, die „schmackiger“ oder weniger blutleer daher kommen, als Rezensionen, die oft schnell formuliert werden müssen, weil im professionellen Bereich leider auch immer großer Zeitdruck herrscht.
Lesen ist vor allem auch Erleben. Dieser Teil hat in einer professionellen Kritik oft nicht so viel Raum. Erleben findet zwar auch hier statt, doch die Kritiker/innen sind geschult, persönliche Aspekte zu objektivieren. Zu Recht. Aber dann interessiert es mich eben doch, wie jemand von einem Buch getroffen oder kalt gelassen wird. Wahrscheinlich ist die Frage dabei weniger, ob ein/e Kritiker/in schreibt oder ein anderer Mensch. Es geht hier wie da um spannende Fragen, Entdeckungen, um Neugier, gewagte Assoziationen oder andere Gedankensprünge. Also um kluge Köpfe.
Doch, es könnte ein größerer Wagemut sein, den ich bei nicht-professionellen Kritiker/innen erhoffe. Oder die Sehnsucht, dass Leser/innen direkt auf das Gelesene reagieren und nicht gleich mit Vergleichen und Wertungen kommen. Der Wunsch nach einer anderen Nachdenklichkeit, der Wunsch nach einem – vielleicht auch fragmentierten – Dialog mit dem Text, der Wunsch nach einem (ja, doch) direkteren Zugang. Einem direkten Face-to-Face: Autor/in-Leser/in mit nicht dazwischengeschaltetem/r Kenner/in oder Vermittler/in. Oder eben mit nicht dazwischen geschaltetem aufklärerischem Impetus.
Ob diese Erlebnisberichte am Ende etwas über die gelesenen Texte aussagen – vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Mir scheint, ich habe Lust auf das Erlebnis des Lesens und ich möchte von Leuten hören, die sich diesem Abenteuer verschreiben.
Herbst
Heute ist nicht mal Freitag, aber das Wetter gibt volle Kante für einen 13. des Monats. Der Herbstanfang steht an. Gut. Verstanden. Nicht gut. Gar nicht gut. Ich sehne mich nach Sonne.
Petina Gappah: Rotten Row
Es gibt eine goldene Regel in der Literaturkritik: Bespreche kein Buch, das Du nicht vorher gelesen hast. Die Regel ist nicht nur golden, sondern auch sinnvoll. Denn von was soll ich schreiben, wenn ich mich nach drei Seiten Lektüre (wahlweise nach zehn, 153 oder was noch) davongeschlichen habe?
Das neue Buch der simbabwischen Schriftstellerin Petina Gappah läßt mich die goldene Regel vergessen. Ich habe gestern auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin nur eine Kurzgeschichte daraus gehört und möchte seitdem das Buch an alle und jeden weiterempfehlen. Denn was ich da hörte, hat mir den Atem genommen. In diesem Sinn ist dies also eine sehr begeisterte, aber keineswegs fundierte Notiz.
Petina Gappah schreibt Sprache als Musik und gleichzeitig beobachtet sie, erkennt, durchschaut, lacht und wütet. Ohne auch nur ein Gramm Sentimentalität zeigt sie das Grauen der Welt am Beispiel des Grauens, das sie als junge Afrikanerin in ihrem Heimatland erlebt hat. Und das sie heute minutiös aus Dokumenten und historischen Quellen rekonstruiert. Ich kann das noch gar nicht fassen oder beschreiben, was hier genau vor sich geht: Eine so präzise Schilderung moralischer Verfehlungen, ein absoluter Horrortrip, ein irrwitzig schneller Wechsel zwischen den verschiedensten Stimmungen, dazwischen komischste Momente, die mich beim Lesen/Hören hin- und herwerfen und dazu eine ungeheure Schönheit der Sprache. Politische und gleichzeitig überzeitliche Literatur, schöne Kunst. Das klingt wie ein Widerspruch, aber hier ist es keiner.
Dass die Übersetzung schwierig ist, wird in dem Gespräch, das Gabriele von Arnim mit der Autorin führt, schnell deutlich. In der englischen Übersetzung – Petina Gappah schreibt in Shona – gibt es ganze Passagen, die unübersetzt bleiben, um die ganz eigene Melodie der Sprache zu transportieren und weil man beim Lesen vielleicht nicht alles verstehen muss. Die deutsche Übersetzung verzichtet auf diese Lücke, d.h. es wurde alles übersetzt. Schade! Und ist es die Bequemlichkeit heutiger Leser/innen, auf die diese Übersetzung vorauseilend reagiert oder die Angst, Unverständlichkeit könnte der Lektüre ein Ende setzen ganz so wie im Rundfunk mittlerweile fast alles Sperrige nivelliert wird, um die Hörer bei Laune zu halten.
Der Leseabend war voller und funkelnder, als ich das heute Abend schildern kann. Eine tiefe Verbeugung noch vor Frank Arnold, der sich dem erzählenden Henker aus der vorgetragenen Geschichte „Fallhöhe“ (The dropper) mit jedem gelesenen Satz mehr anverwandelt hat.
Petina Gappah: Rotten Row. Faber & Faber. TB
Lachen
Männer in Rosa. Wer das aktuelle Zeit Magazin gelesen (oder auch nur durchgeblättert) hat, mag geschmunzelt haben. Wahlweise: mit den Ohren gewackelt. Da sind ja fast nur Männer drin. Und mehr noch: Alle so hübsch aufgepüschelt, wie sonst Frauen in Zeitschriften. Tolle Klamotten, tolle Hintergründe, tolle Figuren und markante Gesichter, entspannt, cool, ganz so, als würden sie gerade nur darauf warten, uns, den werten Leser/innen, zu begegnen. Nanu! Ich habe erstmal gelacht. Aber nicht hämisch. So nach dem Motto: So ihr lieben Männer, jetzt seht ihr mal, wie das ist. Sondern – und das ist komisch – aber ich dachte, o.k., wenn es so herum eben auch geht, warum eigentlich nicht. Ich meine, so eine Bildunterschrift wie:
„Hopper Penn arbeitet nebenbei im Pizzaladen Lamonica’s in Los Angeles. Der Nebenjob schenkt ihm mehr finanzielle Unabhängigkeit und einen strukturierten Tagesablauf. Übergroßer Strickpullover aus Baumwolle von Raf Simons, Seidenhose von Louis Vuitton.“
macht doch auch so die Gleichzeitigkeit von Welt sichtbar, zugegeben, in der High Society, aber man kann sich die Seidenhose ja auch als dreckige Jeans vom Opa denken. Wobei mich am Ende doch eher die Formulierung „mehr finanzielle Unabhängigkeit“ irritiert, als der „übergroße Strickpullover“. Lachen, das habe ich am Samstag bei Laurie Penny gelernt, ist das Entscheidende in einer immer verbisseneren Gender-Diskussion. Denn Lachen öffnet das Herz. Und ein offenes Herz brauchen wir, um der Ungleichheit endlich, endlich, endlich den Garaus zu machen.
Höflich sein
Ich bin gerne freundlich. Das erleichtert den Alltag. Ach was, das ganze Leben. Aber es gibt Momente, in denen ich nicht mehr kann. Und das sind vor allem Momente, in denen ich mich im Beruf durchsetzen muss. Oder auf der Straße. Es sind Momente, in denen ich plötzlich und vor allem anderen eine Frau bin. Eben noch ging es um eine Formulierung, ein Thema, einen Spaß. Und plötzlich reißt der Vorhang. Und ich bin – nur noch – eine Frau. Die gefälligst höflich zu sein hat. Die jetzt ganz scharf überlegen muss, was der/die Mann/Männer auf der anderen Seite des Tisches/der Theke hören möchten. Sonst nämlich ist das Spiel (das keins ist) schnelle vorbei (für mich). Und diese Gegenüber wissen es nicht einmal. Sie sind es gewohnt. Genau wie ich. Das war heute der Kernsatz, den ich aus Laurie Pennys Lesung „Bitch Doktrin“ mitgenommen habe: „Männer wissen nicht wie es ist, als schwierige Person behandelt zu werden.“ Das macht es eben so kniffelig. Denn Männer an sich sind ja weiß Gott nicht das Problem. Aber die so verdammt unterschiedlichen Welten, in denen Männer und Frauen – immer noch – leben.
Darauf muss man erst mal kommen:
Espresso in Kakao schütten (rechts), ein rotes Monster namens G. einen Essay über Proust, bzw. über den Schlaf/die Schläfer/innen in der Recherche schreiben zu lassen (links). Wer für das Getränk verantwortlich ist, dass so richtig zum beginnenden Herbst passt, weiß ich nicht. Anne Carson, das hätte ich mir beim Thema Schlaf aber mal sowas von denken können. Ihr neues Buch „Albertine. 59 Liebesübungen + Appendizes“ ist gerade bei Matthes & Seitz erschienen. Ich habe heute das erste Mal reingeschaut und war so begeistert, dass ich die erste Seite gleich fünfmal gelesen habe. Das heißt, von der Lektüre gibt es auf jeden Fall später noch mehr!
Frech jetzt – oder fresh?
Egal. Vier Beine wären auf jeden Fall gut. Und im Oberstübchen mehr Platz für eine zusätzliche Festplatte. Ja, hier! Aber, was? Wieso sagen Sie Frechhaltefolie?
Mutprobe unter Freunden
Was sage ich Tomas, der mir gerade die Klaviersonate von Jean Barraqué vorgespielt hat mit der Bitte um Rückmeldung? – Dass Du mir das zutraust!
Tatsächlich ist Barraqué für Musiklaien wie mich erratisch. Er war etwas älter als zwanzig, als er das Stück zwischen 1950 und 1952 schrieb, und wollte – wie einige Komponisten seiner Generation – noch einmal bei Null anfangen. Es sind Klangexplosionen, kleine Klangbäche, dazwischen laufen die Töne mal auf der Stelle, mal stürzen sie sich in einen Akkord, laut und leise sind nicht vorherzusehen, überhaupt, vorherzusehen ist gar nichts. Vielleicht war das eine Absicht: Die HörerInnen nicht mehr in Sicherheit zu wiegen: Achtung, Leute! Die Töne kommen von allen Seiten. Sich auf die einzelnen (sagen wir mal) Ereignisse zu konzentrieren, ist für mich auch das Einzige, was geht. Ich kann die Anspielungen mancher Notenkombinationen nicht entziffern, weil ich den C-Dur-Akkord eben nicht erkenne, wenn er mir vorgespielt wird. Hier komme ich an eine Grenze, aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich das Stück nicht eben doch hören kann. Die Pausen zum Beispiel, die sich zur Mitte hin immer häufiger und immer breiter zwischen die Noten drängen. Wow! Ich meine. Pausen. Nichts. Ruhe. Und dann wieder ein Anheben. Wie ein Kommentar. Ein Lebenszeichen. Kleine Momente. Die ich im Kopf nachklingen lassen kann. Weil ich dieses Mal Zeit dafür habe. – Ich habe Tomas auch noch was über den Anschlag gesagt. Wie viel Mist das war, weiß nur er. Aber ich habe gelernt, dass eben in jedem Stück nur der unterschiedliche Anschlag die Melodie oder was auch immer vorwärts bringt.
Doch. Es war anstrengend. Und ich fühle mich enorm überfordert. Aber es ist eine tolle Erfahrung.








