ist etwas elementar Menschliches. Vielleicht verbindet sogar nichts verlässlicher, als gemeinsam Gesehenes. Oder warum gehen wir so gerne zu mehreren ins Kino, in Ausstellungen oder in den Urlaub? Wahrscheinlich war das Zeigen die entscheidende Geste vor dem Sprechen. Gleichzeitig ist es etwas, über das wir selten nachdenken. Über Präsentationen oder über Werbung zerbrechen wir uns den Kopf. Oft genug auch, wenn es darum geht, uns selbst zu zeigen. Aber wann überlege ich, wem ich was gezeigt habe? Oder mit wem ich mir Sachen anschaue, die mich erschrecken könnten – oder zum Lachen bringen? Von wem möchte ich vor allem mal gar nichts gezeigt bekommen? „Das Interesse ist auf dieser Erde jener mächtige Zauber, der in den Augen aller Geschöpfe die Gestalt aller Gegenstände verwandelt“, sagte einst der französische Philosoph Claude-Adrien Helvetius. In diesem Sinn ist das Zeigen so etwas wie der Zeigefinger der Neugier. Und Neugier – aber das ist wirklich ein weites Feld!
Die Rückkehr der Popmusik
Älterwerden birgt echte Überraschungen. Oder wie sagt man, wenn Jahre vergehen und man Dinge völlig aufgegeben hat, um dann doch wieder darauf zurück zu kommen? Ich habe mindestens 10 Jahre lang zu Hause keine, bzw. kaum noch Musik gehört. Im Radio laufen ausschließlich Wortsendungen, der CD-Player war ewig kaputt und blieb noch länger unersetzt. Keine Musik am Morgen, schon gar keine während der Arbeit, und nach Feierabend bloß nicht. Gelegentlich mal eine CD mit einem gerade live gehörten Konzert zur Erinnerung, mehr nicht, denn bei „klassischer“ Musik kann ich nur zuhören oder eben ausschalten. Ich weiß gar nicht, ob ich mir den CD-Player zum Geburtstag gewünscht habe, weil ich wieder mehr Musik hören wollte, oder ob ich da schon angefangen hatte, im Radio nach neuen und alten Popsongs zu suchen. Eher nebenher, beim Kochen oder Spülen. Aber dann doch mit wachsender Begeisterung. Weil – ja, warum eigentlich?
Im Laufe dieses Jahres habe ich mir – und das toppt meinen CD-Erwerb der letzten fünf Jahre – 14 CDs gekauft (altmodisch, wie ich bin), darunter viel Neues, Bands und Solist/innen, die ich bis vor kurzem noch gar nicht kannte und einiges, was verloren gegangen war. Seitdem habe ich tatsächlich wieder Lieblingslieder. Und es ergeben sich – wenn auch nicht jeden Tag – halbe bis ganze Stunden, in denen ich die Musik von diesen CDs auch höre. Das gab es zuletzt in der Zeit, in der ich noch zur Schule ging. „Gefühlsverstärker“ – so erschien mir Popmusik lange Zeit, und in diesem Sinn eher suspekt. Warum ich jetzt mit guter Laune wieder darin schwelge? Musik ist immer eine existentielle Erfahrung. Sie rührt etwas an, sie öffnet, sie beruhigt oder rüttelt auf. Ich liebe die Stille. Weil sie mir so viel Raum lässt. Ausgerechnet Popmusik? Keine Ahnung. Ich werde das weiter beobachten…
Erschöpfung
Gedanken zäh wie Schlieren – eine Wohnungsauflösung. Eine Zu-Hause-Auflösung. Das endgültige Ende einer Kindheit.
Herbstanfang
Fast ist mir das Datum in der Aufregung um die Bundestagswahl verloren gegangen. Hier noch mal der Reminder: Wir haben Herbst. Und das – haha. Ja, ist gut.
Sich die Welt neu buchstabieren
Wenn mir eins klar ist nach dieser Wahl: nichts ist selbstverständlich. Egal, wer jetzt „schuld“ ist an dem Ergebnis, ich bin es ebenso, weil mir nicht klar war, dass ich meine Stimme auch habe, um sie zu benutzen. Ich war schweigend einverstanden oder gegen etwas, aber eben: Ohne den Mund aufzumachen. Es wird Zeit, mit eigenen Vorstellungen auch mal anzuecken. Oder zumindest Gefahr zu laufen, nicht nur Zustimmung zu bekommen. Ich bin kein besonders politischer Mensch. Aber ich merke, wenn die Zeiten sich ändern, darf ich nicht träge bleiben. Als erstes werde ich in eine Partei eintreten. Altmodisch, aber zumindest eine Verpflichtung, und ein Zugang zur Diskussion. Und wenigstens ein kleines Päckchen Verantwortung.
Momente
großer Schönheit passieren auch mitten im Alltag. Oder: Manchmal sind es nur Bruchteile von Sekunden, durch die man in die Ewigkeit schaut.
Grüße aus Köln!
Kindheits-Orte
… und immer noch so unheimlich wie damals.
Köln
als ich gestern mit dem Zug in den Kölner Bahnhof einfuhr, dachte ich: Das heilige Köln: Viel hat sich seit dem Mittelalter geändert, andererseits, die Schiffe auf dem Rhein, die Bahnen auf den Brücken, eben Verkehr und Handel und trübes Wetter… – das hätten die Männer und Frauen von damals sicher wiedererkannt. Aber dieser Anblick: ein wahnsinniges Zukunfts-Szenario, wenn man es mal aus dem 12. oder 13. Jahrhundert aus betrachtet…
Was wiegt ein Menschenleben?
Ich sitze im Zug nach Köln. Jedes Jahr um diese Zeit fahre ich nach Hause, mein Vater hat heute Geburtstag. Ich habe in den letzten Monaten wenig an meine Eltern gedacht – zu viel kam (wie sagt man?) von vorne (?) – viel Arbeit, Termine, das übliche Alltagszeugs halt. Ich erinnere mich an viele Reisen von Berlin ins Rheinland, wie oft ich unglücklich war, mit dem Gefühl, Zeit zu verschwenden und, schlimmer noch, nur Ärger zu kassieren, für Dinge zur Rechenschaft gezogen zu werden, die ich eh nie würde erklären können. Meine Mutter war mir gerade in der Zeit, in der ich nach Berlin gegangen war, eher fremd. Sie lag auf dem Sofa, guckte Fernsehen. Und sonst? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Sie ärgerte sich über ihre Eltern, über ihre Geschwister, über den Chef, über Kolleginnen, später über Nachbarn oder es war ihr alles egal, oder was weiß ich. Wir hatten keine Gemeinsamkeiten und deshalb auch keine Themen. Als sie krank wurde, änderte sich das Szenario. Ich wurde gebraucht. Insofern waren die Rechtfertigungsorgien kürzer, fielen irgendwann ganz weg. Ich hatte zu tun, musste mich kümmern, eigentlich keine schlechte Zeit. Davon abgesehen, dass gerade der Beginn einer Alzheimer-Erkrankung fürchterlich für alle Beteiligten ist und eine Unordnung und ein riesiges Unbehagen in den gemeinsamen Umgang mit sich bringt. Heute denke ich, meine Mutter war im Leben, sagen wir – so lala – aber mit der Krankheit ist sie eine wirkliche Heldin geworden. Ich habe das schon öfters hier geschrieben, aber es überrascht mich doch jedesmal wieder, wenn ich mir die Wandlung vor Augen führe. Ich habe Glück gehabt. Und ich bin froh, dass meine Mutter die Gelegenheit hatte, sich noch einmal so ganz anders zu zeigen. Ob es wichtig ist? Ob sie dadurch „wertvoller“ wird? Und: darf man das überhaupt fragen? Sie ist mir auf ihre alten Tage ein Vorbild geworden, das ist eine tolle Erfahrung.









