Müssen wollen

Es macht nie großen Spass, eine Pflicht zu erfüllen. Wir machen wahrscheinlich alle lieber Dinge freiwillig und nicht, weil sie von uns erwartet werden, schon gar nicht zu dem und dem Zeitpunkt. Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Ich fürchte, die diesjährige Bundestagswahl ist so eine Ausnahme. Mag das Wetter noch so schön sein, oder ich bis zur letzten Minute unentschieden. Bei dieser Wahl haben wir viel zu verlieren. Es darf einfach nicht der Eindruck entstehen, wir würden sehenden Auges unsere Demokratie aufs Spiel setzen. Viele von uns sind in diesem Land groß geworden, viele von uns haben nie einen Krieg erlebt. Wir haben die Schule besuchen dürfen, wir können die Berufe wählen, die wir uns aussuchen. Wir haben Reisefreiheit und was mehr zählt: Wir haben Meinungsfreiheit. Niemand wird wegen seines Glaubens oder seiner sexuellen Was-auch-immer verfolgt. Wir leben in einem Staat mit unabhängiger Justiz. Wir haben es verdammt gut. Auch, wenn wir knapp mit dem Geld sind, wenn wir Träume nicht verwirklichen können, wenn wir uns das Kino verkneifen müssen oder den Hund, den wir so gerne hätten. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Wir haben alle privaten Freiheiten, die wir uns nur wünschen können. Wir haben sicher nicht die beste aller Gesellschaften. Es gibt viele unsinnige Regeln und grandiose Ungerechtigkeiten. Aber Demokratie und Freiheit können deshalb nicht zur Debatte stehen. Wenn wir uns an diesem Punkt beschneiden, sind wir schneller mundtot als wir gucken können. Deshalb denke ich, dass es so verdammt wichtig ist, wählen zu gehen. Und auch deshalb hoffe ich noch, dass die vorhergesagten 12% für die AfD doch noch – wie sagt man im Amtsdeutsch so schön – nach unten korrigiert werden können.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Elisabeth Lindau 18. September 2017

    Vielen Dank, liebe Stephanie, für deine hervorragende Analyse und deinen Wahlaufruf. Ich kann mich nur jedem einzelnen Wort anschließen.
    Ich habe mich in meinem heutigen Beitrag auch mit dieser Partei befasst, die in meinen Augen völlig negativ und destruktiv ist. Und rückwärtsgewandt.
    Aber viele Menschen scheinen doch Hoffnungen in sie zu setzen. Ich vermute, dass es dabei viel mehr um Gefühle als um Sachentscheidungen geht.
    Ich hoffe auch sehr, dass der Anteil dieser Partei möglichst klein bleibt – und dass sich noch viele Menschen darauf besinnen, dass ihnen ein paar kraftvolle Parolen vielleicht gefallen haben, dass sie letztlich jedoch Freiheit und Demokratie nicht aufs Spiel setzen wollen.

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    • Stephanie Jaeckel 19. September 2017

      Ich sehe immer diesen Wunsch nach dem Alten, Bewährten. Ich glaube, Veränderung macht unheimlich viel Angst. Und weil die Welt sich mittlerweile schneller dreht, als in allen Jahrtausenden zuvor, kommen wir nicht mehr gut hinterher. Aber wir können lernen. Zumindest haben wir das in den letzten Jahrtausenden bewiesen… 😉

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      • Elisabeth Lindau 19. September 2017

        Auch da stimme ich dir zu, liebe Stephanie.
        Aber das Lernen war teilweise sehr schmerzhaft und hat Millionen von Menschenleben gekostet. Die Sehnsucht nach Geborgenheit darf nicht umschlagen in eine Verklärung der Vergangenheit, und Angst und Verunsicherung dürfen nicht zu Ausgrenzung und Hass führen.
        Ich wünsche mir mehr Politiker, denen es gelingt, diese Gefühle ernst zu nehmen, gelichzeitig aber klare Grenzen aufzuzeigen, wenn es um billige Parolen geht, mit denen andere Menschen zu „Sündenböcken“ abgestempelt werden. Dieser Mechanismus ist ja auch so alt wie die Menschheit und muss unbedingt aufgebrochen werden.
        Ich wünsche mir aber auch mehr Wähler, die von den Politikern wirkliche Lösungen und echte Verantwortung einfordern und sich nicht damit zufrieden geben, dass alles in Ordnung sei, solange (noch) Geld in der Kasse ist. Diese Konzentration auf wirtschaftlichen Erfolg (von dem wir mehr und mehr lernen, dass er auch seinen „Preis“ hat) zerstört meiner Meinung nach den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft.

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        • Stephanie Jaeckel 20. September 2017

          Ja klar, selbst ich habe mich jahrelang in Politikverdrossenheit gegeben. Keine gute Idee, wie ich jetzt erkenne. Auch, wenn ich damals dachte, das bringt ja doch nichts, wenn ich mich engagiere (oder auch bloß nur nachdenke). Nun, dieser Zahn ist gezogen. Insofern hatte das alles insofern auch (!) sein Gutes. Ich zumindest bin aufgewacht. Ich kann nur hoffen, dass es noch nicht zu spät war.

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