Lesen

Es gibt Fragen, die immer wieder auftauchen. Eine davon ist die nach den Möglichkeiten und Grenzen, die ich als bloggende und damit als kritische Leserin habe. Denn so viel ist klar: Wer ein Buch liest, ganz egal ob Kritiker/in oder nicht: Ein Urteil entsteht fast immer – auch wenn es bloß ein jähes Desinteresse nach Seite zwanzig ist. Und: Als Leserin habe ich durchaus – wenn auch nicht immer – Lust, mein Urteil, oder zumindest mein Leseerlebnis mitzuteilen.

Geschenkt, es ist eine Frage der Relevanz. Wenn ich meine Einschätzung in meinem Blog schreibe, ist es an sich schon eine fast private Äußerung. Dennoch bleibt die Frage: Was kann ich als „bloße“ Leserin von einer Lektüre weitergeben, was ein/e Kritiker/in nicht besser könnte – oder sogar gar nicht.

Wer Lesen als ein Stelldichein mit Kunst versteht, könnte zumindest das mit Lebenserfahrung durchsetzte Erlebnis der Lektüre ins Feld führen. Natürlich erwarte ich genau das auch von Kritiker/innen. Allerdings – hier liegt vielleicht schon der Unterschied: professionelle Leser/innen stützen sich auf ihr Fachwissen. Sie haben die Literaturen der Welt studiert, von Kindesbeinen an gelesen und sich so einen riesigen Kanon an Vergleichsmaterial geschaffen und gleichzeitig nach allen möglichen Regeln der Kunst das Analysieren, gegen den Strich lesen und was nicht alles gelernt. Als Leserin einer Kritik profitiere ich von diesem Wissen und diesen Kenntnissen.

Mir scheint, die Sehnsucht nach „anderen“ als professionellen Kritiken entspringt dem Wunsch, einmal Statements von Nicht-Kenner/innen zu bekommen. Was, und das interessiert mich tatsächlich auch, was denkt denn ein „einfacher“ Leser oder eine „fachfremde“ Leserin von diesem oder jenem Buch? Wie spiegelt sich ein Buch in anderen Leseerfahrungen als meinen, die eben auch durch ein Studium geprägt sind und damit denen von professionellen Literaturkritiker/innen doch sehr ähneln.

Oder, um eine andere Erwartung zu nennen: Könnten „unprofessionelle“ Leser/innen andere Dinge hervorheben, vielleicht sogar unabhängiger urteilen. Es ist die Hoffnung auf eine Laien-Kritik, die möglicherweise lebendiger ist und sich nicht von der Literaturszene beeinflusst zeigt.

Vielleicht ist es schlicht und ergreifend der Wunsch nach mehr Diversität. Wer die relevanten fünf bis sechs Rezensionen zu einem Buch gelesen hat, mag Lust haben, noch etwas – möglichst – anderes zu erfahren. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach bloß anderes geschriebenen Kritiker-Texten, die „schmackiger“ oder weniger blutleer daher kommen, als Rezensionen, die oft schnell formuliert werden müssen, weil im professionellen Bereich leider auch immer großer Zeitdruck herrscht.

Lesen ist vor allem auch Erleben. Dieser Teil hat in einer professionellen Kritik oft nicht so viel Raum. Erleben findet zwar auch hier statt, doch die Kritiker/innen sind geschult, persönliche Aspekte zu objektivieren. Zu Recht. Aber dann interessiert es mich eben doch, wie jemand von einem Buch getroffen oder kalt gelassen wird. Wahrscheinlich ist die Frage dabei weniger, ob ein/e Kritiker/in schreibt oder ein anderer Mensch. Es geht hier wie da um spannende Fragen, Entdeckungen, um Neugier, gewagte Assoziationen oder andere Gedankensprünge. Also um kluge Köpfe.

Doch, es könnte ein größerer Wagemut sein, den ich bei nicht-professionellen Kritiker/innen erhoffe. Oder die Sehnsucht, dass Leser/innen direkt auf das Gelesene reagieren und nicht gleich mit Vergleichen und Wertungen kommen. Der Wunsch nach einer anderen Nachdenklichkeit, der Wunsch nach einem – vielleicht auch fragmentierten – Dialog mit dem Text, der Wunsch nach einem (ja, doch) direkteren Zugang. Einem direkten Face-to-Face: Autor/in-Leser/in mit nicht dazwischengeschaltetem/r Kenner/in oder Vermittler/in. Oder eben mit nicht dazwischen geschaltetem aufklärerischem Impetus.

Ob diese Erlebnisberichte am Ende etwas über die gelesenen Texte aussagen – vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Mir scheint, ich habe Lust auf das Erlebnis des Lesens und ich möchte von Leuten hören, die sich diesem Abenteuer verschreiben.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. manchmal_Lyrik Wolfgang Weiland 15. September 2017

    wenn ich manche rezensionen gelesen habe, muss ich das buch nicht mehr lesen.mir gefallen häufig bücher die von Rezensoren(wenn ich nach dem Lesen des Buches darauf stoße) als nicht gut abgetan werden weil sie zerpflückt werden. Bei ‚die Sehnsucht des Vorlesers‘ finde ich die Grundidee toll und spannend und es ist deshalb für mich ein sehr lesenswertes buch.
    wollte ich hier nur mal äußern….

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    • Stephanie Jaeckel 15. September 2017

      Das ist, ja, wenn eine Rezension einen davor bewahrt, Zeit mit einem schlechten Buch zu verlieren, warum nicht. Wenn sie eine andere Meinung wiedergibt als die eigene: Um so besser. Obwohl ich mich natürlich auch freue, wenn Bücher, die ich mag, ebenfalls positiv wahrgenommen werden. Die „Sehnsucht des Vorlesers“ kenne ich nicht. Deshalb verstehe ich nicht ganz, was Du meinst: Eine tolle Idee in einem nicht so gut geschriebenen Buch – oder ist es etwas anderes?

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        • Stephanie Jaeckel 15. September 2017

          Oh ja, das allerdings kenne ich: Die Frage nach der Idee und dem Text. Es gibt immer wieder super tolle Ideen, die dann in schlecht geschriebenen Texten enden. Umgekehrt gibt es das Problem (glaube ich) weniger: Wenn ein Text sehr gut geschrieben ist, braucht er nicht unbedingt eine gute Idee. Er ist dann vielleicht eine Betrachtung, ein innerer Monolog, die Abschilderung eines noch so banalen Alltags, was weiß ich. Wie gesagt, ich kenne „Die Sehnsucht des Vorlesers“ nicht, aber ich habe gerade ein Buch auf dem Nachttisch, das eine – oh nein, gleich mehrere – tolle Ideen hat, das aber so schlecht geschrieben ist, dass es mir graut. Und ich denke dauern, Mist, ich würde das Buch so gerne mögen, aber es ist einfach zu schlecht geschrieben. Aber eben, ein anderes Buch…

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  2. Maren Wulf 16. September 2017

    Was du da über das Lesen und Bücherbloggen schreibst, Stephanie, würde ich gern ausdehnen auf das Bloggen überhaupt – als Bestandsaufnahme zu einem kleineren Teil und viel mehr noch als Wunsch: Mögen immer mehr Menschen sich dem, worüber sie schreiben, was sie malen, fotografieren oder auf andere Weise präsentieren, so unbefangen, wach und wenig „mainstreamig“ wie möglich nähern! Dieses ganz „Eigene“ ist es übrigens auch, was deine Posts in meinen Augen besonders auszeichnet.

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    • Stephanie Jaeckel 17. September 2017

      Ja, vielleicht ist das alles ein Versuch, aus der Passivität des Publikum-Seins herauszufinden, weil Tun eben auch Teilhabe bedeutet. Oder weil Passivität stumpf macht. Mir jedenfalls platzt der Kopf, wenn zu viel rein will. Aber Du bringst auch das Wort „Mainstream“ ins Spiel. Darüber muss ich wirklich mal nachdenken. Dagegen laufe ich – gefühlt zumindest – gar nicht mal an. Aber das mag eine große Selbsttäuschung sein oder eine naive Art von Arglosigkeit. Danke für Dein Lob.

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