Mutprobe unter Freunden

Was sage ich Tomas, der mir gerade die Klaviersonate von Jean Barraqué vorgespielt hat mit der Bitte um Rückmeldung? – Dass Du mir das zutraust!

Tatsächlich ist Barraqué für Musiklaien wie mich erratisch. Er war etwas älter als zwanzig, als er das Stück zwischen 1950 und 1952 schrieb, und wollte – wie einige Komponisten seiner Generation – noch einmal bei Null anfangen. Es sind Klangexplosionen, kleine Klangbäche, dazwischen laufen die Töne mal auf der Stelle, mal stürzen sie sich in einen Akkord, laut und leise sind nicht vorherzusehen, überhaupt, vorherzusehen ist gar nichts. Vielleicht war das eine Absicht: Die HörerInnen nicht mehr in Sicherheit zu wiegen: Achtung, Leute! Die Töne kommen von allen Seiten. Sich auf die einzelnen (sagen wir mal) Ereignisse zu konzentrieren, ist für mich auch das Einzige, was geht. Ich kann die Anspielungen mancher Notenkombinationen nicht entziffern, weil ich den C-Dur-Akkord eben nicht erkenne, wenn er mir vorgespielt wird. Hier komme ich an eine Grenze, aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich das Stück nicht eben doch hören kann. Die Pausen zum Beispiel, die sich zur Mitte hin immer häufiger und immer breiter zwischen die Noten drängen. Wow! Ich meine. Pausen. Nichts. Ruhe. Und dann wieder ein Anheben. Wie ein Kommentar. Ein Lebenszeichen. Kleine Momente. Die ich im Kopf nachklingen lassen kann. Weil ich dieses Mal Zeit dafür habe. – Ich habe Tomas auch noch was über den Anschlag gesagt. Wie viel Mist das war, weiß nur er. Aber ich habe gelernt, dass eben in jedem Stück nur der unterschiedliche Anschlag die Melodie oder was auch immer vorwärts bringt.

Doch. Es war anstrengend. Und ich fühle mich enorm überfordert. Aber es ist eine tolle Erfahrung.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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