Höflich sein

Ich bin gerne freundlich. Das erleichtert den Alltag. Ach was, das ganze Leben. Aber es gibt Momente, in denen ich nicht mehr kann. Und das sind vor allem Momente, in denen ich mich im Beruf durchsetzen muss. Oder auf der Straße. Es sind Momente, in denen ich plötzlich und vor allem anderen eine Frau bin. Eben noch ging es um eine Formulierung, ein Thema, einen Spaß. Und plötzlich reißt der Vorhang. Und ich bin – nur noch – eine Frau. Die gefälligst höflich zu sein hat. Die jetzt ganz scharf überlegen muss, was der/die Mann/Männer auf der anderen Seite des Tisches/der Theke hören möchten. Sonst nämlich ist das Spiel (das keins ist) schnelle vorbei (für mich). Und diese Gegenüber wissen es nicht einmal. Sie sind es gewohnt. Genau wie ich. Das war heute der Kernsatz, den ich aus Laurie Pennys Lesung „Bitch Doktrin“ mitgenommen habe: „Männer wissen nicht wie es ist, als schwierige Person behandelt zu werden.“ Das macht es eben so kniffelig. Denn Männer an sich sind ja weiß Gott nicht das Problem. Aber die so verdammt unterschiedlichen Welten, in denen Männer und Frauen – immer noch – leben.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. meintoefftoeffumerle 10. September 2017

    Es sind Momente, in denen ich plötzlich und vor allem anderen eine Frau bin.

    Wann erkenne ich, das ich eine Frau bin. Vor dem Spiegel? In meiner Nacktheit? In der mangelnden Solidarität mit anderen Frauen. In den fehlenden körperlichen Kräften. In der Fähigkeit zu gebären.
    Es gibt Unterschiede, dessen bin ich, sind wir uns bewusst. Wenn ich mir meines Frausein bewusst bin, muss ich dies nicht einsetzen. So wie ein Mann seine Männlichkeit nicht einsetzt. Er ist es.
    Darin besteht doch der Unterschied. Ich bediene mich als Frau bei einer Niederlage, oder nicht Erfolg, meiner Weiblichkeit, einer ungleichen Waffe gegen den Mann.
    Höflichkeit im Berufsleben, ich weiß nicht was es mir bringt. Da sind mir freundliches, angemessenes Verhalten offener und umgänglicher.
    Was soll ich mit einem „höflichen“ Menschen anfangen. Er trägt für mich eine Fassade, hinter die ich schlecht schauen kann, also würde ich immer diese Mauer zum Einsturz bringen wollen. Egal ob Mann, oder Frau.
    LG.Hilde

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    • Stephanie Jaeckel 10. September 2017

      Liebe Hilde, das ist interessant, dass Du Dir die Höflichkeit packst. Ich bin durchaus für Höflichkeit, ich kann sie sehr schätzen, weil sie das Leben leichter macht. Für mich ist sie ein Verhaltenskatalog, mit dem sich auch schwierige (bis unmögliche) Begegnungen handhaben lassen. Ich treffe weiß Gott nicht dauernd Leute, die mir sympathisch sind. Höflichkeit ist für mich angemessenes Verhalten, es ist keine Maske, sondern „Goodwill“ in einer offenen Form. Keine Fassade, sondern eine Zugewandheit zur Welt. Freundlichkeit, die unabhängig von eigenem Empfinden oder Machtverhältnissen dem Gegenüber entgegengebracht wird. Ich empfinde meine Höflichkeit nicht als Pokerface. Sondern als Grundvoraussetzung im Umgang. – Die Forderung an Frauen, „höflich“ zu bleiben, bezieht sich auf das Nette, das Zuträgliche, das Angepasste. Wer in eine Diskussion einsteigt, kann natürlich höflich bleiben, aber muss im Kern seine eigene Ansicht vertreten. Bis zur direkten Konfrontation. Und hier sollen die Mädels dann eben brav bleiben. Nicht nerven, nicht das Maul zu weit aufreißen (das steht ihnen nämlich nicht), usf. Vielleicht ist dieses englische „polite“ eben eher das deutsche „nett“. Nett bleiben. – Der weibliche Körper ist bis heute in fast allen Gesellschaften als minderwertig gegenüber dem männlichen Körper konnotiert. Insofern kann ich mich nicht auf meinen weiblichen Körper konzentrieren, ihn als Stärke nutzen, weil er eben per Definition immer schon der zweite und damit der Unterlegene ist. Das macht es so schwer. – Oder?

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      • meintoefftoeffumerle 10. September 2017

        Verhaltenskatalog,
        liebe Stephanie, genau das ist es, ein Katalog an Maßnahmen, von Regel innerhalb einer Begegnung zweier Parteien. Das hat nichts mit Mann und Frau zu tun. Es ist anerzogen, auferlegt, bewährt, ohne Zweifel. Aber es weist Lücken auf, immer dann, wenn man sich bewusst wird, was man ist. Eine Frau! Muss ich als Frau gegen über einem Mann, höflich sein ? Warum bin ich höflich? Mit meiner Höflichkeit stecke ich einen Rahmen ab, baue um mich eine Zone des Nichtbetretens, des „Nichtzunahekommen“. Aber nun denn, ich stehe schon lange nicht mehr im Berufsleben. Vielleicht sollte ich nicht mehr mitreden. Aber es reizt mich schon.
        LG. Hilde

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        • Stephanie Jaeckel 10. September 2017

          Für mich ist Höflichkeit ein Verhaltenskatalog für Menschen, egal welchen Geschlechts. und meinetwegen auch für Aliens, falls wir mal welchen begegnen. Er ist von Männern formuliert, doch auf, sagen wir, diplomatischem Terrain, wo das Gegenüber nicht als Geschlecht auftritt, wenn doch, lassen sich entsprechende Passagen anpassen/modernisieren. Ich muss nicht als Frau höflich sein, sondern als Mensch gegenüber einem (fremden) Menschen. Es gibt in der Höflichkeit Grenzen, aber jede Geste/Regel kann – mit gegenseitigem Einverständnis – übersprungen werden. Eine Zone des Respekts allerdings wird aufgebaut. Und die ist ja das Entscheidende. Respektvoller Umgang gelingt nur mit Abstand. Alles andere ist entweder übergriffig oder muss in einem freundschaftlichen Modus gehandhabt werden. Wobei mir auch da mittlerweile Abstand als äußerst probates Mittel erscheint.

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