Ein Text von Wolf Lotter aus Brand Eins, der gerade bei „zeit online“ zu lesen ist: „Gegen Wahrnehmungsstörungen hilft nur, sich die Wirklichkeit genauer anzusehen“ – Wie anstrengend, und wie wahr!
Ein Text von Wolf Lotter aus Brand Eins, der gerade bei „zeit online“ zu lesen ist: „Gegen Wahrnehmungsstörungen hilft nur, sich die Wirklichkeit genauer anzusehen“ – Wie anstrengend, und wie wahr!
Ja, haha, die New Yorker Erdnusstüte war in Santa Fe aufgeblasen wie ein kleiner Luftballon, so sehr hatte der Höhenunterschied auf die Luft in der Verpackung gewirkt. Aber was noch überraschender war: obwohl ich dauernd Törtchen gegessen habe und anderes süße und fettige Zeug, habe ich kein Gramm zugenommen. Und nein: bewegt habe ich mich nicht besonders viel. Die Reise fand ja hauptsächlich im Auto statt.
Nanu. Irgendwas muss ich anders gemacht haben. Der einzige Unterschied, der mir einfällt: Ich war die ganze Zeit abgelenkt. Obwohl ich an fast jedem Törtchen stehen geblieben bin. Ich hatte sehr viel anderes im Kopf. Ich war begeistert, neugierig, ich habe nicht gegessen, um die nächsten zwei Stunden am Schreibtisch zu überstehen. Ich war gut gelaunt. Ob das so einen Unterschied macht? Offensichtlich. Denn in stressigen Arbeitszeiten habe ich ständig das Gefühl, mir Essen versagen zu müssen, um dann doch zuzunehmen. Auf der Reise hatte ich den umgekehrten Eindruck: Ich habe mir gegönnt, was ich haben wollte. Und zwar immer. Und – eben.
Wäre das also wirklich ein springender Punkt. Dass Hunger in diesem starken Maß gefühlt ist. Als Überdruss und Langeweile? Ich ahne, dass das sein könnte. Jetzt brauche ich einen Plan für die kommenden Stress-Zeiten. Mal sehen. Eins jedenfalls merke ich mir: Nicht das süße Törtchen ist „böse“. Das ist doch ein vielversprechender Anfang!
Das war noch so eine Überraschung bei meiner Reise. So leicht ich an dem Anreisetag in New York reingerutscht bin (trotz Migräne), so lange – nämlich drei Wochen – habe ich gebraucht, zurück in Berlin wieder Fuß zu fassen. Ich kam einfach nicht an. Ich wusste nachts nicht, wo ich bin (während ich in allen Hotels und Motels auf der Reise immer sofort – also noch vor dem eigentlichen Aufwachen – kapiert habe, wo ich bin), ich konnte nicht am Stück schlafen, und habe kurzerhand meine Arbeitszeiten in den sehr frühen Morgen (so von drei bis sechs) verlegt. Ich war zwar klar im Kopf (anders als oft auf der Reise), aber nicht da. Als wenn ich nur scheibchenweise wieder über den Atlantik zurückkomme, so fühlte sich das an. Schade, weil der November einer meiner Lieblingsmonate ist.
Gestern war es soweit. Ich bin wieder da. Ich habe am Freitag meinen ersten Auftrag fertig gestellt, meine Wohnung endlich geputzt und mir darauf einen freien Samstag gegönnt. Vielleicht ist es ja nur das: Sich immer mal wieder durch die eigene Stadt treiben zu lassen. Zu entdecken gab es Menzel im Kupferstichkabinett: Mein lieber Scholli! Der hätte vermutlich sensationelle Kinofilme gedreht! Das Nachmittagslicht einer der späten Novembertage und der leider schon morgen wieder verschwindende Künstlergarten „Das dritte Land“ der koreanischen Künstler Han Seok Hyun und Kim Leung Hwoe (s. Foto). Vielleicht ist es auch so, dass sich jetzt eine Haut um die Erinnerungen an die Reise geschlossen hat. Es fühlt sich zumindest so an, als hätte ich einen sehr großen Raum in mir, in dem die Stille, die Weite und das Licht Amerikas ihren Platz gefunden haben.
Es gibt ein Missverständnis. Menschen, die ihre Arbeit ohne Sinn und Verstand durchknüppeln, damit sie termingerecht fertig wird, gelten als diszipliniert. Wenn sie das regelmäßig machen, gelten sie als super diszipliniert. Echt jetzt?
Disziplin wird im Deutschen gerne mit „eisern“ kombiniert. Das bedeutet dann: „hart gegen sich selbst“ oder „willensstark“ sein. Disziplin ist jedoch – Vorsicht! – nicht die Zwillingsschwester von Effizienz. Allenfalls eine Halbschwester. Und auch das nicht immer.
Disziplin heißt für mich zumindest auch Distanz. Über den Tag hinaus, meistens aber über den Termin hinaus zu denken. Disziplin ist am Ende nicht das eine Duracell-Häschen, das durchdreht. Eher ein ganzes Räderwerk, das – eher unauffällig – am Laufen bleibt. Disziplin heißt zum Beispiel auch, im richtigen Moment aufzuhören. Um noch genug Power für den nächsten, den übernächsten und den überübernächsten Arbeitstag zu haben. Oder: genug zu schlafen. Oder: genug zu lachen. Eisern? Nein. Eher selbstbewusst. Wäre das was?
Eine glückliche Kindheit ist das Fundament eines guten Lebens. Soweit die einhellige Meinung. Ich hatte keine glatt glückliche Kindheit. Solange ich mich erinnern kann, wollte ich erwachsen werden, um der Kindheit zu entkommen. Ich bin mittlerweile erwachsen. Mir kommen Zweifel.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich möchte jedes einzelne Kind auf dieser Welt glücklich sehen. Das ist nicht der Punkt. Ich möchte auch nicht für eine strengere Erziehung einstehen. Aber ich sehe (bei mir, bei anderen, keineswegs bei allen): Wer keinen Grund hat, sich an eine rosige Kindheit zu erinnern, ist ab einem gewissen Alter weniger nostalgisch. Keine Hits aus den 80ern oder 90ern, um ein sehr banales Beispiel zu nehmen, sondern aktuelle Musik oder eben Jazz oder Klassik oder. Die Wachheit in der Gegenwart bleibt, ebenso die Neugier auf die Zukunft. Aus dem Gefühl heraus: Das Beste kommt noch. Keine Enttäuschung beim Erwachsenwerden, keine Trennung kann – je nachdem – so schlimm sein, wie das, was in der Kindheit war. Das Klischee, ältere Leute (also die in meinem Alter) würden eher zurück- als nach vorne schauen, wäre an dieser Stelle scharf zu überdenken.
Was ich meine: Die glückliche Kindheit wird nicht überbewertet. Dafür aber die unglückliche. Ich spreche ausdrücklich nicht über traumatische Erlebnisse, fürchterliche Bedingungen. Sie sind die Hölle. Aber sie haben Aspekte, die wir übersehen: Wer eine schlimme Kindheit hatte, kann sie zumindest hinter sich lassen. Und: weil er oder sie weiß, wie schlimm es werden kann (glückliche Menschen kennen viele Abgründe ja erst mal gar nicht), ist die Angst vor dem Absturz nicht irreal. Und es gibt möglicherweise das Bewusstsein, Schlimmes überstehen zu können. Und die Sehnsucht nach etwas Besserem (als den Tod zum Beispiel). Wir sehen Menschen mit unglücklicher Kindheit gerne als geschwächt und damit als vorbestimmte Verlierer. Aber es gibt zumindest diesen Aspekt, dass sie sehr, sehr stark oder zumindest sehr widerstandsfähig sein können. Das ist ein Pfund, mit dem ich heute wuchern kann. Ich bin keine Verliererin und war es nie. Ich habe sehr früh in Abgründe geschaut. Eine enorme Überforderung. Ein schmerzhafter Prozess. Aber heute, in meiner erwachsenen Welt auch ein Pluspunkt. Wäre das der Anfang einer neuen Erzählung über Glück und Unglück. Und über vermeintlich ungerechte Verteilungen?
Reisen bildet. Geschenkt. Aber man muss den Reisen auch eine Chance geben. Ich habe die letzten beiden Wochen versucht, beim Sortieren der Urlaubsfotos oder dem „Eingemeinden“ meiner Mitbringsel noch einmal genauer hinzuschauen. Gleichzeitig beschäftige ich mich beruflich gerade mit Hölderlin. Wie schon bei Winckelmann hat mich auch bei ihm anfangs diese Antikenbegeisterung so irritiert. Mir ist das immer gleich so kopflastig. Bis ich kapiert habe: Weder Hölderlin noch Winckelmann wussten, wie alt die Welt wirklich ist. Zu ihrer Zeit hielt man die Antike (und man dachte sie ja tatsächlich auch schon historisch) weitgehend für den Beginn des menschlichen Lebens auf dem Planeten. Alles, was es da an „Natürlichkeit“ gibt, also als Leben in der Natur und ohne „Zivilisation“ war für beide das wohl ursprünglichste, was man sich vorstellen konnte. Eine nackte Wüste ohne menschliches Leben, mit Dinosauriern gar, war damals nicht denkbar, sie dämmerte Naturwissenschaftlern zu jener Zeit gerade erst. Ach so! Sofort verstehe ich diese Antikensicht und die mich oft so irritierende Freude an der „Einfachheit“ neu. Sie hielten damals die Antike für eine Art „naive“, ursprüngliche Kunst, obwohl sie sehr wohl sahen, dass es sich um erstklassige Arbeit handelt. Insofern ist natürlich Winckelmanns Beschäftigung mit italienischer Frühgeschichte so wichtig. Denn hier sah er Alternativen zur Hochkunst der Griechen. Gestern Abend hatte ich plötzlich diese Erkenntnis, und habe mich gefreut. Ganz so, als wäre sie noch ein weiteres Reise-Souvenir.
Bei uns werden Hasen gerne als harmlose Mümmler diskreditiert. Oder mit Angst assoziiert. Anders woanders. Zum Beispiel im chinesischen Horoskop. Da ist der Hase das glücklichste aller Tierzeichen. Oder bei den indigenen Bewohnern Amerikas. Der Hase (eigentlich ein Kaninchen: Jack-Rabbit) ist tugendhaft (was auch immer das heißt), wenig neugierig (was Tratscherei angeht) und unaufdringlich talentiert (stellt sich nicht gerne in den Vordergrund). Mein Vater hat mir zum ersten Geburtstag einen Stoffhasen geschenkt. Seitdem habe ich den Hasen weg. Nicht, dass in meiner Wohnung überall Hasis rumstehen. Aber je älter ich werde… Ich mag sie. Ostern ist meine Zeit, klar! Vom Hasen lernen, heißt – rennen lernen. In Haken, wenn es sein muss. Aber dann: volle Kanne. Keineswegs jedoch den ganzen Tag. Gezielt Gas geben. Hasen wären wahrscheinlich gute Rennfahrer. Allerdings keine besonders disziplinierten. Ist doch auch mal ein Vorbild. Guten Morgen, mein Hase!
Mich selbst. Das ist wahrscheinlich in jedem Fall eine stimmige Antwort. Dennoch ist mir unterwegs aufgefallen, was ich in Berlin zwar sehe, bislang aber kaum registriert habe. Dieser Wunsch, in einer fremden Umgebung Selfies zu machen.
Vielleicht ist mir das in Berlin deshalb nicht so präsent, weil ich hier lebe, und mir die Umgebung präsent ist. Ich bin meist zu einer Verabredung unterwegs, oder auch mal spazieren. Ich kenne die Stadt weitgehend, bin hier zu Hause. Das ändert sich natürlich, wenn ich unterwegs bin. Dort bin ich genauso fremd wie die anderen. Und sehe Leute um mich herum, die nur sich selbst sehen. Das ist komisch, weil es isoliert. Nicht, dass ich unterwegs dauernd Leute anquatschen will. Aber ins Gespräch zu kommen, gehört zu Dingen, die in meiner Freizeit mal eher gehen, als im Alltag. Mich sieht aber niemand. Und wenn, dann stehe ich ungünstig im Bild.
Es ist müßig, sich über andere lustig zu machen. Denn in gewisser Weise bin ich vermutlich genauso ein „Selfie“ wie die anderen Reisenden, auch wenn ich keinen Antrieb habe, mich vor meinen Reisezielen abzulichten. Vielleicht ist das Sich-Fotografieren ein Versuch, mit sich selbst auf Reisen rumzukommen. Denn unterwegs ist man anders. Möglicherweise sogar jemand anderes. Oder man hat Heimweh, und möchte sich mit den zu Hause Gebliebenen verbinden? Dennoch macht es die Orte, an denen so viel fotografiert wird, ungemütlich. Es sind keine Ort mehr, sondern nur noch Kulissen. Für mich jedenfalls, die ich dort fremd bin. Und in Kulissen ist kein richtiges Ankommen. Aber vielleicht habe ich nur den Dreh noch nicht raus.
Was bleibt von einer Reise außer Erinnerungen und Mitbringsel? Die Frage ist für mich die nach dem Sinn von Reisen. Ferien. Ja: Das tun, wozu ich sonst keine Gelegenheit habe. Und das heißt bei mir sehr konkret: weit weg vom Schreibtisch leben. Es ist tatsächlich eine Befreiung, und zwar, je weiter ich weg bin. Denn erst da, wo ich mich fremd fühle, wachen viele meiner Fähigkeiten wieder auf, die im Alltag unter einer Decke von Ängstlichkeit schlummern. Nicht, dass ich mich zur Superheldin wandele. Aber ich bin wacher und spreche leichter Menschen an. In Santa Monica habe ich sogar einen ordentlichen Strandlauf hingelegt, ohne nach 100 Metern ins Keuchen zu kommen. Das gelingt mir in Berlin nie und nimmer.
Was bleibt ist vor allem die Erfahrung: Es gibt viel mehr als ich mir vorstellen kann. Vor allem der kurze Aufenthalt in dem ehemaligen Shaker-Dorf Pleasant Hill hat mir ein Lebenskonzept vor Augen gestellt, das ich so sicher nicht teile, das aber Aspekte hat, die mich in meinem Selbstverständnis bestärken.
Reisen ist für mich auch die Herausforderung, mich selbst zu wandeln. Weniger in mich zu schauen, bei mir zu sein, dafür die Antennen ausstrecken, herauszufinden, was sich da draußen tut. Die Balance gelingt mir nicht immer. Ich verliere mich oft, laufe wie so ein kleiner Roboter herum, der auf Aufnahme gestellt ist. Manchmal will ich dann gar nichts von mir wissen. Das kann befreiend sein. Fühlt sich aber auch befremdlich an.
Die Rückkehr war eher mühsam. Ich hatte einen guten Flug und durchaus Zeit, mich wieder an Wetter und Alltag zu gewöhnen. Dennoch bin ich eher scheibchenweise zurückgekehrt. Ich wusste zwar gleich, dass ich wieder in Berlin bin, hatte aber den Sprung von einem Kontinent auf den anderen nicht gleich auf dem Schirm. Es gab richtige Panikmomente im Halbschlaf, in denen Berlin plötzlich in Amerika lag und ich partout nicht mehr wusste, wo ich bin. Viel auf einmal lesen und vor allem schreiben – das fällt mir schwer. Es ist ein bisschen so, als müsste ich es wieder lernen.
Das reizende Streifenhörnchen hält die Stellung, solange ich mich wieder an meine Schreibtischexistenz gewöhne. So gesehen im Joshua Tree Nationalpark in Kalifornien. Zum Glück wusste ich da noch nicht, dass es neben den süßen Hörnchen auch Taranteln gibt.