Was denken? Was tun?

Krieg. Ein sperriges Wort. Für mich im Westen von Europa eher ein Gespenst aus der Vergangenheit. Oder aus weit entfernten Gegenden. Mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien kam er für mich zum ersten Mal näher. Seit einem Jahr bedroht er die Weltordnung (wobei Ordnung natürlich eine gewisse Übertreibung ist) und unser Gefühl, mehr oder weniger in Sicherheit zu sein. Vielleicht bin ich weniger anspruchsvoll, und noch nicht auf 180, wenn mal wieder die Heizung ausfällt. Ich verstehe, wie wenig einem im Grunde zusteht, wie schnell alles ganz anders sein kann. Ich sehe keine Flüchtlinge mehr, weil ich denke, alle Menschen haben das gleiche Recht auf der Welt zu sein, egal wo. Ich übe mich im Teilen. Doch egal, was es ist, angesichts des Ausmaßes scheint mir alles zu wenig.

Und es wird vermutlich noch lange so weiter gehen. Und es wird eben nicht nur weiter gehen, sondern schlimmer werden. Was denken? Was tun? Hoffnung entwickeln ist vielleicht etwas, was ich kann. Die EU hat sich bislang gut geschlagen, das sah am Anfang ja noch ganz anders aus. Also Grund, sich wenigstens ein wenig zu freuen. Wenig genug. Aber ein wichtiger move, um nicht in Selbstmitleid oder Lethargie zu verfallen.

Da lacht der Berliner

aber nicht mehr lange.

Dieser unsäglich leckere und wohlproportionierte Pfannkuchen ist eine Handarbeit meiner Bürokollegin Katrin. Herzlichen Dank für diese Köstlichkeit. Die Rheinländerin hat sich für einen kurzen Moment fast wie zu Hause gefühlt…

Zeichnungen aus 40 Jahren, „to be continued“ – Frank Taffelt in der Berliner Galerie Inga Kondeyne

Handarbeit ist ein Begriff, dessen ursprüngliche Bedeutung im digitalen Zeitalter wieder nach vorne rückt, zumindest scheint es mir so: Handarbeit im Sinn eines nicht-maschinellen Tuns. Dennoch mögen die meisten nach wie vor Textilien vor Augen haben. Oder Frauen, die häkeln, stricken, weben.

Textilien, Fäden, Garne, Wolle, die verarbeitet, zu Flächen werden. Die ihrerseits, proportioniert, vernäht, als Kleidung dienen, Wand- oder Bodenschmuck bzw. Dämmung.

Textile Handarbeiten, ein schmaler Grat zwischen Noch-Nichts und Etwas. Eine stete Wiederholung. Geborgene Zeit.

In der akademischen Tradition westlicher Kunst entspricht die Zeichnung dem Geistesblitz, der Idee, einer Vision. Im 19. Jahrhundert stand sie im künstlerischen Wettkampf gegen die Malerei, die Gefühl, Atmosphäre und, sagen wir, Sound verkörperte. Was aber, wenn einer mit dem Zeichenstift anfängt zu malen? Abstrakt zu malen?

Frank Taffelt arbeitet ausschließlich mit Kugelschreibern. Anfangs gerne auch in den Farben Rot und Blau, heute meist in Schwarz. Er erobert Flächen. Vorab genau abgesteckte Terrains, manchmal kaum eine Hand breit, dann groß wie ein Buch, ein Folioband gar.

Und jetzt gilt es genau hinzuschauen. Denn der Untergrund, die eroberte Fläche zählt. Und erzählt. Von Taffelts Herkunft zum Beispiel aus Bautzen. Von der Großmutter, die einen Laden hatte, von Kindheitstagen, in denen Papier gesammelt wurde, von im Sonnenlicht über die Jahre verblassten Passepartouts abgehängter Bilder oder Erinnerungen auf nicht verschickten Ansichtskarten.

Doch was passiert, wenn er den Kugelschreiber zum Überzeichnen der aufgehobenen oder gefundenen Pappen, Kartons, Papiere zückt? Die Fläche absteckt, mit der oft sehr kleinteiligen Strichelarbeit beginnt? Denn auch wenn er übermalt bzw. überzeichnet, ist es keine Geste der Eroberung. Verfremdung wäre eine erste Idee. Veredelung eine zweite, denn die neuen Flächen sind spiegelglatt und reflektieren das Licht, das auf sie fällt. Auch Verdichtung, denn wie in einem Speicher sammelt sich Zeit in den Flächen an.

Tatsächlich lässt mich das stete An- und Aufeinanderlegen kleiner Striche, das gewebeartige Geflecht, das daraus entsteht, an Penelope denken, die listenreiche Gattin von Odysseus, die mit ihrer Webarbeit Zeit überbrückt und sogar dehnt, indem sie nachts die tagsüber gewebten Stücke wieder auftrennt. Ich sehe endlose griechische Sommernachmittage, die sie zu Flächen verwebt, vor dem Verrinnen geborgene Zeit. Die sie nachts jedoch verloren gibt. Aber da hat sie ihre triftigen Gründe.

Frank Taffelt trennt nichts auf, radiert nichts. Selbst Fehler – wie ein auf die Malfläche abgestelltes Rotweinglas, das Flecken hinterlässt – werden eingewebt. Und die Tatsache, dass manche Malunterlagen leiden, mürbe werden unter dem Ansturm des Kugelschreibers, ausleiern, die Form verlieren, hauchdünn werden oder Wellen schlagen, wird von ihm angenommen und keineswegs begradigt, eliminiert. Er verändert und akzeptiert gleichzeitig. Vielleicht liegt hier auch ein Hinweis, denn wenn es keine Eroberung ist, ist es vielleicht eine Kontaktaufnahme oder ein Dialog.

Aus neuster Zeit stammen Reliefs, auch sie aus „Altpapier“, auch sie filigrane Fleißarbeiten, die an Textilien erinnern. Oder an Architekturen, beziehungsweise Architekturmodelle. Und die Schatten werfen, statt Licht reflektieren, und so ebenfalls – wenn auch äußerst dezent – in den Raum ausgreifen.

Was wäre wenn? Zum Beispiel Aliens diese Reliefs als Reste einer untergegangenen menschlichen Zivilisation finden würden? Hätten sie Antennen für den lyrischen Ton der Werke, deren Schönheit und gleichzeitig deren Angebot, über Zeit, Handarbeit und von da aus über die conditio humana insgesamt nachzusinnen? Veredelung von Übriggebliebenem zu erkennen oder Fragen nach Wert oder Funktion zu stellen? Mir gefällt die Vorstellung, dass diese stillen Arbeiten als eine Art Zeitkapseln ins All reisen. Ich sehe sie in neuem Licht, wenn sie vor Wesen mit ganz anderen Wahrnehmungsmöglichkeiten stehen als komplexe Denkfiguren, die sie sind.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. März

Foto: Pedro Moreira

Innehalten

Es ist weit weg. Es ist grauenhaft. Ich habe es gesehen. Das Erdbeben in der Türkei und in Syrien. So viel Elend. Ich spüre es. Ich bin bedrückt, traurig. Es gibt den Impuls, etwas zu tun, bloß was? Ich klappe den Rechner zu, zünde eine Kerze an. Denke an die Menschen im Katastrophengebiet. Ich habe noch einen guten Anorak, den ich abgeben kann.

Ein falscher Tag

Zumindest schien die Sonne. Und nein: Natürlich gibt es keine falschen Tage. Aber solche, die sich falsch anfühlen. Überflüssig, drückend, unnötig. Zum aus dem Kalender streichen. Komplett zum Vergessen. Decke drüber: nächster Tag.

Geht aber nicht.

Der Tag ist gelebt. Im Gepäck. Passiert. Was war los?

Nichts weiter. Nur, dass alles, was ich anfasste, stecken blieb, umfiel, kleckerte, verquer war, nicht gelang. Von außen besehen, Stoff, aus dem alte Slapstick-Filme sind. Und insofern für andere wahrscheinlich sogar lustig.

Ich aber stand unter einer Wolke schlechter Laune.

Der Knoten ist geplatzt. Ich hab mir auf die Schulter geklopft, „Scheiß Tag“ gesagt und am Ende aus der Schreibtisch-Unordnung (selbst simples Aufräumen ging nicht) noch einen Brief gezogen, der mir für nächstes Jahr die Auszahlung einer Versicherungssumme ankündigt. Kein großes Los. Aber was zum drüber Freuen.

Jo. Soviel zum falschen Tag. Die Laune war gleich besser. „Falsch“ und „richtig“ habe ich fürs Erste vom Hof gejagt. Und morgen scheint wieder die Sonne.

Boss der magischen Feder sein

Noch habe ich keine Angst vor KI-Texten. Solange Künstliche Intelligenz noch nicht denken kann, kommt charmanter oder ärgerlicher Murx heraus, kein Text. Allerdings fasziniert mich die Art der Ergebnisse. Und tatsächlich kann ich mir vorstellen, dass bei kompletter Blockade – und dem Zeitdruck, der da meist eine Rolle spielt – zumindest eine Anregung rauskommen kann. Für mich zum Beispiel sind Textanfänge machmal schwierig. Entweder ich weiß genau, wie ich einsteigen will – oder ich habe noch ein Problem, weil mir zwar das Thema oder mein Anliegen vor Augen steht, nicht aber, wie ich ein neugieriges Publikum dorthin bringe.

Bislang können Künstliche Intelligenzen nur recherchieren. Und zwar auch nur in ihrem eigenen Ausgangsmaterial. Das kann riesig sein. Ist aber natürlich nie umfassend. Was der KI dann fehlt, sind die bislang nur Menschen eigenen Geistesblitze, die Äpfel und Birnen zusammenbringen. Sie können ferner keine echten Fakten-Checks. Sie reproduzieren, was sie finden. Aber das war es dann auch schon.

Ich habe gesehen, dass sich einige von Euch schon länger mit dem Thema befassen. Ich möchte hier auch einige Proben posten. Wer mag, kann mir von seinen/ihren Erfahrungen berichten. Ich bin sehr gespannt!

Die ewige Baustelle

Nein. Ich meine nicht Berlin. Obwohl diese Stadt einen lehrt, dass nu wirklich nix nie fertig ist. Oder auch, dass der beste Plan auf dem Papier gerne Murcks im späteren Dasein verspricht. Womit wohl klar ist, dass ich mal wieder Nabelschau halte, und denke: Was für eine Baustelle ich bin!

Hm.

Hmmmmmmm.

Das Foto immerhin gefällt mir.

Also, —— hm.

Lieber ein Einfamilienhaus, eine Villa gar?

Hm.

Wenn ich die Axt raushole, könnte ich mir aufs Brot schmieren, noch immer nicht zu wissen, was am Ende da mal stehen soll. (Mit der Axt Brote schmieren, hahaha)

Und so lange ich die Baustelle am Laufen halte, könnte es ja auch noch ein Traumhaus werden.

Nee.

Hm. Nee.

So nicht.

Baustellen faszinieren mich, seit ich Kind bin.

Zur Grundschule bin ich jahrelang über eine große Baustelle gelaufen. Das war weit aufregender, als die aufgeräumten Neubaugebiete unserer Kleinstadt drumrum.

Letztes Jahr in London habe ich mich an Baustellen orientiert.

Baustellen leuchten nachts.

Dennoch: Die Baustelle ist noch mit sich beschäftigt.

Erst fertig tut die Konstruktion, für was sie gebaut wurde.

Menschen beherbergen.

Menschen auf den Weg bringen.

Menschen – oder auch nicht.

Reparaturarbeiten.

Vielleicht kann ich mich darauf einigen.

Dazu passen auch die argen Rückenschmerzen, die ich gerade habe.

Und die, wie mir scheinen, auch diesen Eintrag ziemlich zerschossen haben.

Die ewige Baustelle.

Schauen wir mal, wie es hier in zwei Monaten aussieht.

Was vom Fest übrig bleibt

Zu Hause gab es keine Feste. Und wenn, dann wurden daraus Katastrophen. Grund war vermutlich die große Angst meiner Mutter vor Pannen. Sie fing meist zu früh an mit den Vorbereitungen, machte sich dann die wenigste Mühe mit Deko und Essen (vermutlich, um auch da keine Fehler zu machen) und manövrierte alle in einen Zustand hektischer Aktivität bei gleichzeitig dröhnendem Stillstand. Heiterkeit: Fehlanzeige.

Mir selbst geht es ähnlich. (Eigene) Feiern sind für mich große Gespenster. Muss ja nicht. Ich meine, kein Mensch muss feiern, und so habe ich es auch gehalten. Ich mag kleine Runden und Essen mit Freund*innen. Ins Kino gehen oder mal ins Konzert. So kann ein Geburtstag sehr schön werden. Aber dann gibt es Momente, wo ich gerne alle zusammen sehen will. Die Kolleg*innen, die Freund*innen aus allen Himmelsrichtungen, die Nachbar*innen, Freund*innen von Freund*innen. Wer halt Zeit hat und kommen mag.

Kurz, dieses Jahr war ein Feier-Jahr. Ich habe gelernt, und mir Hilfe geholt, um nicht alles alleine stemmen zu müssen. Gemeinsame Vorbereitungen können ja auch ein Spass für sich sein. Und ich hatte zudem Glück: bevor die Heizung in meiner Wohnung ausfiel und das warme Wasser, konnte ich noch duschen. Die Entscheidung fürs Outfit war schwierig, erwies sich dann aber als goldrichtig: ich habe mich wohlgefühlt (was im Januar auch heißt: mir war warm genug), und es kamen Komplimente.

Alles gut. Aber dann war es doch ein bisschen so wie immer: Die Gäste kommen. Es stürzt alles mögliche auf mich ein, ich werde nervös, weil hinter den Kulissen eine Uhr läuft: Ein kleines Konzert ist geplant und muss dann und dann stattfinden, damit die Tanzvorführung danach pünktlich beginnt, weil dort eine Teilnehmerin so schnell wie möglich zu ihrem kranken Mann zurück möchte. Die letzte Probe für den Tanz verläuft chaotisch, weil ich blöderweise mit den ersten Gästen angestoßen habe. Dann ist auch schon das Konzert, ich vertanze mich mehr als einmal und rette das durch Klamauk. Zwischendurch schaue ich nach Gästen, die verloren wirken, ich begrüße alle, versuche, was zu essen und stoße immer weiter an. Dann gehen auch schon die ersten wieder. Irgendwann schaffe ich es, die Geschenke auszupacken. Als fast alle weg sind, kommen noch welche. Wir sitzen in kleiner Runde. Und dann ist es vorbei.

Das Gespenst, so fühlt es sich rückwirkend an, war nicht das Fest, sondern ich. Aus den Rückmeldungen habe ich herausgehört, dass die Gäste mich nicht so verhuscht erinnern. Aber ich war ganz das Kind meiner Mutter und bin eigentlich nur durch die Party gehechelt. Doch und ja: es hat sich gelohnt. Weil ich gesehen habe, dass alle sich kreuz und quer miteinander unterhielten, also wirklich ins Gespräch gekommen sind. Und weil die Musik wirklich toll war. Und weil trotz schlechtestem Wetter so viele gekommen sind. Nächstes Jahr feiere ich nicht. Ich will weit weg fahren, auch weil ein runder Geburtstag ansteht. Was in Erinnerung bleiben wird. Ganz bestimmt dieser hinreißende Fuxi. Der Rest muss sich noch heraus kristallisieren.

Wer in Kreuzberg wohnt,

ach, das wäre eine lange Geschichte. Weil Kreuzberg mit so vielen Vorstellungen verhaftet ist, dass es Absätze bräuchte, um sie aufzuzählen, mit einigen aufzuräumen, andere, eigene Vorstellungen hinzuzufügen. Was mir an dem Stadtteil gefällt: Langweilig wird es nicht. In der langen Coronazeit bin ich hier viel spazieren gegangen. Und dennoch: Die Straßen warten immer wieder mit Überraschungen auf. Auch auf dem täglichen Weg ins Büro. Oder wer kennt schon Dosensport?

Sternschnuppen

So kann es gehen: Ich fahre mit dem Rad zum nächsten Termin, mehr oder weniger im Autopilot, viele Dinge gehen mir durch den Kopf: Was ich bis Ende der Woche noch zu erledigen habe, was ich am Abend kochen möchte, wann ich meinen Vater am besten anrufe und beim Arzt. Und zack! „Denk ma…“ Ich muss so lachen. Weil, ja. Immer dieses Erledigungsgerümpel im Kopf. Nicht dass… – Aber wann hatte ich denn heute an den Liebsten gedacht? Und wirklich liebevoll? Oder doch eher genervt, weil wieder was nicht so ist, wie ich das gerne hätte?

Und schon fühle ich mich besser. Denk ma! Alltag ist doch das Wasser, in dem ich schwimme. Und Liebe das, was ich auf der Welt am Laufen halten kann. Nicht nur mit Schatzi. Bei Patti Smith neulich noch gelesen, dass die Welt nach einer alten Vorstellung so lange besteht, wie das Gute darin ist. So ein Gedanke macht mir den Tag mit einem Mal wieder kostbar und groß. Wie eine Sternschnuppe, die ich zufällig sehe, wie sie in weitem Bogen (oder schnellem Blitz) durch den Nachthimmel saust.