Der Januar

Die Weihnachtslichter sind aus, das Feuerwerk verglüht. Der Alltag liegt wieder vor mir: grau, dunkel, kalt, Januar. Ich stelle ihn mir vor wie einen ungeheizten Vorraum. Ich bin angekommen. Und es gibt eine gewisse Erwartung. Vorfreude sogar auf das, was kommt. Aber erst mal stehe ich da. Weiß vielleicht noch nicht, durch welche Tür ich gehen möchte oder wo ich meinen Mantel aufhängen soll.

Und dann steht auch noch mein Geburtstag als einer der ersten des Jahres im Kalender. Und ich verziehe das Gesicht: Wer will schon im ungeheizten Vorraum feiern? Janus fällt mir ein, der doppelgesichtige Gott der Römer. Der über die Neuanfänge wacht, über Tür und Tor, ein widersprüchlicher, zwiespältiger uralter Geselle. Aber eben auch ein Schutzgott. Anfang und Ende, Zukunft und Vergangenheit, Licht und Dunkel treffen sich in seinem Monat, sein Fest wurde in der Antike am 9. Januar gefeiert. Interessant, dass es in der griechischen Mythologie keine Entsprechung gibt (vielleicht haben sie weiter südlich einfach nicht so ein krasses Januarwetter?)

Oft im Leben sind mir Widersprüche begegnet. Mir scheint gar, es werden mit den Lebensjahren mehr. Und wo ich mich oft plage, weil diese Widersprüche sich so gar nicht bändigen lassen, schon gar nicht bei lieben Menschen (oder bei mir selbst), denke ich gerade, dass vielleicht das mal ein Vorzeichen sein kann, kein ganz so düsteres, sondern im Grunde eine super spannende Angelegenheit. Widersprüche lassen sich nicht zähmen. Sie machen selbst in Würde gealterte Leute wild und unvorhersehbar. Wo Dunkel ist, ist auch Licht. War so auch schön am Sonntag (dem Geburtstag von David Bowie) auf der Autobahn nach Berlin zu sehen. Insofern: Willkommen!

Neues Jahr, los geht’s

Und wenn es wirklich neu sein soll, erst mal das Herz lüften. So gilt es zumindest für mich. Und weil ich erst nächsten Montag wieder im Büro starte, lüfte ich, was das Zeug hält. Der Wind draußen tut einiges dazu, und siehe da, langsam wehen auch die ersten Ideen rein. Wie schön.

Vorfreude

Vielleicht ist es auch eine Frage von halb voll und halb leer, wenn wir uns auf der Kippe zu einem neuen Jahr befinden. Für einige ist es der Rückblick, für andere die Vorfreude, die bewegt. Die letzten Jahre habe ich mir Zeit genommen, um das gerade vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Dieses Mal mag ich nicht. Und auch die Vorsätze, für die ich mir sonst mindestens einen Nachmittag einräume, sind schon gefasst: Mehr schwimmen, mehr lesen. Fertig. Und doch ja, wie immer: netter sein. Wobei nett wirklich nett meint. Also von Herzen.

Was ich wohl stets von neuen Jahren erwarte, sind Antworten. Vermutlich habe ich die auch immer bekommen. Nicht selten übrigens als Enttäuschungen. Und wo mir hier und da doch Momente aus dem letzten Jahr in der Erinnerung aufflackern, würde ich sagen, ich bin in den letzten Monaten ein bisschen weiter gekommen in meiner Menschwerdung. Nicht als besserer Mensch, aber doch als einer, der und die sich der eigenen Grenzen (aber damit natürlich auch der eigenen Möglichkeiten) umfassender bewusst geworden ist. Ein Zustand des Selbst-Bewusstseins, der die Wahrnehmung von Welt leichter macht (allerdings vielleicht auch mehr Schubladen bereit hält, aber ich möchte nicht gleich wieder mäkeln, wenn etwas leichter und greifbarer wird).

Ansonsten ist ja noch Zeit für einen Rückblick, falls es mich heute oder morgen doch noch packt. Und für weitere Vorsätze. Zum Beispiel auch den, der mir gerade noch einfällt: Wieder öfters mit meiner Kamera, und damit bewusster, zu fotografieren, als schnell eine Aufnahme mit dem Handy zu machen. Denn tatsächlich sind viele Klunker erst gar nicht geschrieben worden, weil das Bild fehlte. Schade eigentlich.

Mein alter Schreibtisch

Richtig schön sieht er aus, im neuen Umfeld einer anderen Wohnung. Tatsächlich habe ich ihn lange nicht gesehen (er fristete ein paar Jahre auseinander gebaut auf dem Dachboden), und noch länger, denn in meiner eigenen kleinen Wohnung stand er am Ende fast nur noch im Weg und war ein schwarzes Ungeheuer aus der Vergangenheit. Davor hatte er seine eigene Holzfarbe und war Arbeitsplatz in der Firma, in der mein Vater arbeitete. Vielleicht war es sogar sein Schreibtisch. Das muss ich ihn nochmal fragen. Ich habe den Tisch dann schwarz lackiert, die Eichenholzfassung war mir viel zu spießig. Ich überlege, welches Wissen ich mir an dem Tisch angeeignet habe, ich kann mich nicht an Inhalte erinnern, mehr an das beklemmende Gefühl, das ganze an der Uni angebotene und abgefragte Wissen niemals bewältigen zu können. Wie anders erscheint es mir heute, wo schon Erstsemerster Essays schreiben (dürfen), in denen ihre Ansichten gefragt sind, nicht nur das Wiederkäuen von Fakten. Kurz dachte ich, meine Möglichkeiten an dem Schreibtisch nicht genutzt zu haben. Doch so stimmt es nicht. Am Ende war dieser Tisch die Rakete, die mich aus dem provinziellen Dasein nach Berlin schoss. Und das ist nun mal nicht der schlechteste Ort auf dieser Welt.

Licht!

Kerzen sind, verglichen mit elektrischen Lichtquellen, zwar nicht so helligkeitseffizient, aber dafür beruhigend fürs Gemüt. Ich habe dieses Jahr öfters zum Streichholz gegriffen als den Lichtschalter betätigt, und das waren andere Abende, ruhiger, leiser auch, weil weder Filme noch Stereoanlage für mich ins Kerzenlicht passen mögen. Die großen Kältefelder konnte ich mir vorstellen, die natürliche Dunkelheit des Winters in unseren Gegenden, die Angst davor und die Verlassenheit darin. Alte Gefühle unserer Eltern und Großeltern, die in mir geistern. Tatsächlich ist die tödliche Bedrohung einer unwirtlichen Natur in unseren Alltagen keinen Gedanken mehr wert. Aber sie ist nicht weg. Dafür müssen wir nicht mal an den Krieg denken. Von hier aus, dachte ich (im Warmen) vor meiner Kerze, wäre die Klimakrise eigentlich eine andere. Weil es ja nicht ums (für uns) optimale Funktionieren von Wetter etc. geht, sondern um die Akzeptanz einer bedrohlichen Welt. Beruhigend fürs Gemüt? Fast schon. Denn die an die Klima-Sorge gekoppelte Weltuntergangsstimmung wirkt auf mich bedrohlicher, als die Tatsache einer nicht als Wohlfühloase gedachten Natur. Was für mich nicht heißt, dass wir uns einfach weiter gehen lassen sollten. Bei Kerzenschein besehen, gingen Lösungsgedanken vielleicht wieder mehr in die Dunkelheit und in eine Veränderung der durch die Globalisierung und weltweiten Vernetzung stattgefundene Nivellierung von Tages- bzw. Nachtzeiten. Nicht, um die Uhr zurück zu drehen. Sondern um einen Rhythmus zu finden jenseits des aktuellen Grundrauschens, das Tage und Nächte zu aussterbenden Begriffen werden lässt.

Der Teilnehmer ist besetzt

Manchmal frage ich mich. Oder denke, das gute alte Besetztzeichen beim Telefon hat es eigentlich auch ganz gut getan.

Woanders ist Winter. Von dort auch das schöne Bild. Hier in Berlin ist es weitgehend grau und grau und sehr grau. Und kalt.

Ich bin traurig, dass Wolf Erlbruch gestorben ist. Was gefühlt noch mehr grau bedeutet.

Draußen hüpfen die Spatzen von Ast zu Ästchen ganz so, als wenn nix wäre (und vor allem nix Winter). Ob die nicht kalte Krallen haben? Aber schön, dass wenigstens einige völlig unbeeindruckt bleiben. Vielleicht der Hinweis, doch noch einen kleinen Spaziergang zu wagen. Oder zumindest eine Kerze anzuzünden.

Bastelstunde

Das Tolle an ungestylten Wohnungen ist, dass sie eine Menge Improvisation vertragen. Ich habe mir also ein Stück der legendären Silver Factory in die eigenen Vier Wände geholt und spare auch noch Heizkosten. Na, aber hallo!

Die erste Weihnachtsfeier des Jahres habe ich auch schon erlebt. Was soll ich sagen? Schön war es! Es gab chinesisches Essen an so einem runden Tisch mit drehbarer Platte. Und endlich mal die Gesichter vieler freier Mitarbeiter*innen zu sehen, die ich sonst nur dem Namen nach kenne.

Worauf ich mich auch schon freue: zum ersten Mal seit Jahren werde ich meine Aufträge vor Heiligabend abschließen und dann tatsächlich zwischen Weihnachten und Neujahr einmal frei haben. Lesen werde ich. Das habe ich schon beschlossen. Und zwei neue Kuchen und ein Brot ausprobieren. Und vielleicht streue ich lange Spaziergänge ein. Und endlich wieder eine Runde im Schwimmbad. Vorfreude also. Nicht das Schlechteste an einem grauen Dienstag. Und: Herzlichen Glückwunsch Peter Handke.

Einbruch in die Stille

Es ist das erste Adventswochenende. Gestern habe ich spontan beschlossen, das auch in mein Leben zu übernehmen. Das heißt, einen geschäftigen (durchaus „vernünftigen“) Wochenend-Termin sausen zu lassen.

Und dann lese ich heute, durchaus gemütlich, weil im Bett, einen Artikel im Perlentaucher, und werde hellwach. Weil, was dort über Übersetzer*innen zu lesen ist, 1:1 für Audioguide-Texter*innen oder auch freie Journalist*innen gilt. Ich übernehme den Perlentaucher-Text hier:

In der FAZ ärgert sich der Schriftsteller und Übersetzer Michael Kleeberg darüber, dass die Honorare fürs Übersetzen seit rund 20 Jahren stagnieren – nicht nur angesichts der zuletzt rapiden Inflation also de facto eine gravierende und fortschreitende Honorarkürzung. „Entweder werde ich unterbezahlt, oder der gesamte Berufsstand der literarischen Übersetzer wird unterbezahlt oder deutlicher: schamlos ausgebeutet. … Natürlich argumentieren die Verlage seit eh und je, solch eine Angleichung der Übersetzerhonorare an die wirtschaftliche Realität sei nicht darstellbar. In dieser Szene wird ja gerne mit der Apokalypse gearbeitet, also steht gleich die Zukunft des Buches auf dem Spiel, wenn Übersetzer einen angemesseneren Lohn verlangen. Aber die Bücherpreise haben ja halbwegs Schritt gehalten mit der Teuerung. Wenn die Übersetzer daran nicht teilhaben, wer dann? Ich weiß, dass die Buchhändler mehr als ein Drittel des Ladenpreises bekommen, Amazon angeblich sogar bis zu fünfzig Prozent, und ich weiß auch, dass ich mehr Verleger als Übersetzer kenne, die Mercedes fahren und ein eigenes Haus haben. Was tun?“

Ja. Was tun? Wenn man (gefühlt zumindest) immer die Einzige ist, die über das Honorar mault (=Original-Sprech). Jetzt ist die Stille natürlich im Eimer. Aber genau dafür sind meines Erachtens journalistische Medien da: Eine*n immer wieder aufzurütteln. In diesem Sinne: einen frohen Start morgen in den Advent!

Gefreut:

Das Kollektiv Wajukuu Art Project ermöglicht Kunst in einem Slum von Nairobi und war ein zentraler Teilnehmer der Documenta Fifteen. Nun bekommen seine Mitglieder den Bode-Preis der Stadt Kassel verliehen. Zugegeben, das Foto ist nicht besonders aussagekräftig, ich bleibe vorsichtig, wegen der Bildrechte. Aber die Installation der Gruppe, die den Eingang zur Documenta-Halle bespielte, hat mir ausgesprochen gut gefallen, ich habe wenig fotografiert auf der Schau, vom Waiukuu Art Project hatte ich am Ende eindeutig die meisten Bilder. Insofern freut mich der Preis.

Was war zu sehen? Müll und Zukunft. Wenn ich spontan und mit wenig Worten antworten sollte. Die Installation bestand hauptsächlich aus gefundenen Materialien, unter anderem Wellblech, wie auch mein Foto verrät. Ich. weiß nicht, ob dieses billige Baumaterial unbedingt an die Wellblechhütten der Slums in Nairobi erinnert (wie in Zeitungen zu lesen ist, klar wa, Afrika ist schließlich ein armes Land…), mich fasziniert Wellblech, seit ich denken kann. Es ist schön und möglicherweise zu mehr zu gebrauchen, als zum Bau von Schrebergarten- und Slumhütten (insofern Zukunft – ?)

„Hunger nach Überentwicklung“, so beschreibt ein Künstler des Kollektivs die heutige Zeit. Und dass dieser Hunger die Menschen schleift, bis sie keine Wesen mehr sind, sondern nur noch Körper. Was aber könnte eine Gesellschaft machen, um die Überentwicklung zu stoppen, beziehungsweise andere Ziele bereitzuhalten? Orte, an denen nicht konsumiert wird, zum Beispiel, oder wo keine Dienstleistungen zu bekommen sind. Orte, an denen Menschen sich einfach treffen können, und die trotzdem sicher und angenehm sind. Auch hier denken sicher viele wieder an die gefährlichen Situationen in Slums. Aber ehrlich: in unseren reichen Innenstädten sucht man solche Orte (überdacht und geheizt) ebenfalls oft vergeblich.

An anderer Stelle lese ich, die Idee sei, dass Leute in ihrer Kasseler Installation ins Gespräch kommen sollen. Und ja. Tatsächlich habe ich mich dort und nur dort mit einer Frau unterhalten, die ich nicht kannte. Sie fragte mich, was ich da sehe, und nachdem ich erst dachte, sie meine das im Sinn von „Was soll das denn sein?“, merkte ich schnell, dass sie wirklich wissen wollte, was ich sehe. Schönheit. Denn neben dem Wellblech gab es eine geflochtene schwebende Kapsel mit Körpern darin und ein beeindruckendes Messerrelief. Kreativität als menschliche Eigenheit. Das ist noch etwas, was das Waiukuu Projekt uns mit auf den Weg gibt. Das Leben besteht nicht nur aus Konsum. Wir können selber machen, improvisieren, nicht immer nur kaufen. Und das bedeutet dann nicht, dass wir arm sind. Sondern dass wir unsere Möglichkeiten ausschöpfen. Allen einen guten Start in die Woche!

À propos Natur

Den gab es auch umsonst und draußen: in Nizza lustigerweise, an diesem großen Kieselstrand. Und da sind wir auch gleich noch bei Geschenken: denn als Ferienmitbringsel toppt der für mich alles, was man sonst so kaufen kann. Ich lache mich jedesmal wieder schlapp, wenn ich den Stein auf meiner Fensterbank sehe. Allerdings denke ich immer eher (und zuerst) an den Rhein, als an Nizza…