Dein schönster Tag

Diese Frage gibt es ja gelegentlich: Was oder wie wäre dein/ein schönster Tag? Spontan fallen mir alle besten Dinge ein, die sich dann wie in einer Nummernrevue hintereinander weg zu ereignen hätten. Aber in der Realität sind schönste Tage eigentlich die, in denen man etwas wagt, oder solche, die mit einen Haufen Überraschungen aufwarten. Insofern hatte ich heute einen schönsten Tag, als ich einen besten Start in meinen neuen Nebenjob hatte: Nur nette Leute, angenehmes Arbeiten und am frühen Abend dieses tolle Gefühl, wirklich was geschafft zu haben. Der schönste Tag des Jahres war es sicher noch nicht, aber einer, der mir in bester Erinnerung bleiben wird.

Was ist ein Tag?

Wiederholung?

Trott?

Ein Kontinuum? Oder eine Abfolge kleinerer Episoden, die durch Licht, Schatten, Gewohnheiten zu einem Ganzen zusammengefügt werden?

Ein Plus oder ein Minus?

Etwas Neues?

Fünf Dinge, die ich heute anders gemacht habe – ?

Eine neue Erkenntnis – ?

Wie viele Begegnungen, Gespräche?

Verloren, weil ich Dich nicht gesehen habe?

Kraftgewinn oder -verlust?

Eine Erinnerung wert?

Und Ihr so?

Größtmögliches Hier und Jetzt

Das bewegt mich besonders, wenn ich obdachlose Menschen sehe. Dass sie oft dazu verdammt sind, Zeit einfach nur zu überbrücken. Natürlich sind die Nächte krass bei Wind und Wetter, die Angst vor Überfällen, der Krach, der Dreck, die Einsamkeit. Tagsüber dauern die kleinsten Dinge die längste Zeit: Körperpflege (wenn überhaupt) zu organisieren, Essen, Kleidung. Aber dann.

Am Samstag war in Köln ein Sauwetter. Obdachlose kamen also in den Hauptbahnhof. Aber da war natürlich auch die Polizei. Rumsitzen geht da nicht. Also immer schön im Kreis laufen oder einfach am Ort aufrecht stehen.

Ich hatte die zwei Euro für einen Kaffee. Ich konnte mich also in ein – wenn auch hässliches – Café setzen, lesen, warten. Und am Nachbartisch die Freude eines Jungen verfolgen, der ein Star Wars Laserschwert von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Und lesen.

Neben mir, aber durch eine Glasscheibe getrennt, stand ein Mann. Erst dachte ich, er wartet auf jemanden. Nach einer halben Stunde dämmerte mir, dass er da einfach nur stand. Zwei Plastiktüten in den Händen, einen kleinen Rucksack auf dem Rücken. Er grüßte zwei Polizisten, da schaute ich gerade aus meiner Lektüre auf, die einen randalierenden Rollstuhlfahrer aus einem Rewe abschleppten.

Ich habe anderthalb Stunden gelesen. Der Mann hat anderthalb Stunden neben mir gestanden. Zwei Welten.

Entspannt bleiben

Wenn ich eine Woche bei meinem Vater war, ist das Wochenende meist eine Achterbahnfahrt. Zum großen Teil so, wie nach jeder anderen Reise. Doch bin ich meistens müder und dünnhäutiger. Und wenn sich dann noch Pannen einschleichen, brauche ich ein tragfähiges Mantra. Oder einen Fluchtort. Was soll ich sagen? Ein Hoch mehr auf die Amerika Gedenkbibliothek, die mich im Laufe der Jahre so oft gerettet hat! Allein die Anwesenheit der Bücher beruhigt mich. Ich sitze am Fenster, sehe die nächste Gewitterfront heranziehen. Und verstehe, dass ein kaputter Router, ein fehlendes Kabel oder eine vergessene E-Mail keine Gründe für schlechte Laune sind. Beim Kaffee lache ich sogar, weil mir klar wird, dass mich das Abgekoppeltsein vom Netz am meisten stört. Ich denke an die kleine Kröte im Brühler Schlosspark-Teich und entspanne mich. Treiben lassen, Mädchen, flüstere ich mir zu. Dann greife ich ins nächste Regal und ziehe ein sensationelles Buch heraus. Neugierig? Ich stelle es hier vor, sobald ich es ausgelesen habe. Versprochen. Aber jetzt gehe ich einkaufen. Denn ohne Netz kann ich immer noch beste Kuchen backen. Und das will ich als nächstes tun.

Blaue Laune

Ich tanze.

Teile die Luft

Mit Fingerspitzen

Als wäre ich

unter Wasser

Als Seejungfrau

oder doch eher

als Ungeheuer

mit zarten Gefühlen

unterm Schuppenkleid.

Now

Genieße den Moment. So werben jetzt also auch schon Kaffeetassen. Und wer sich nach einem Arztbesuch mit genau so einer Tasse in die noch kalte Sonne setzt, ist zumindest froh, den Moment überhaupt wahrzunehmen. Denn es muss ja schon wieder so viel heute. Ich frage mich: Warum lebe ich so oft haarscharf am eigenen Leben vorbei?

Im Mittelalter war es anders. Es gab keine Wecker, keine Stechuhren, und statt Terminplanern Jahreszeiten (grob gesprochen). Vielleicht taten die meisten Menschen das, was uns heute so schwer fällt: Im Augenblick sein. Das Leben bestand viel aus Handarbeit, aus Körperarbeit. Vermutlich ist man sich so schon viel öfter selbst bewusst. Schmerzen waren sicher auch mehr an der Tagesordnung. Das ganze kreatürliche Paket. Ein Leben in der Gegenwart, dieses „im Jetzt sein“ stellten sie sich damals so schlimm vor, wie die Hölle. Weil es wie ein Gefängnis war. Nie aus der eigenen Haut heraus können. Die Zukunft, und vor allem das Jenseits (ein erhofftes Leben nach dem Tod) waren Hoffnungsschimmer und Trost. Tomorrow.

Ich denke an einen Satz, den meine Mutter mir gelegentlich sagte: „Morgen ist auch noch ein Tag.“ Und der war tatsächlich ein Trost, eine Erweiterung meiner augenblicklichen Lage. Now and then in eine Balance zu bringen, scheint also ein gutes Konzept. Will sagen, ich verstehe die Idee von einer augenblicklichen Aufmerksamkeit. Aber eben auch die Flucht nach vorn.

Während ich das schreibe, entdecke ich eine tolle Spiegelung auf einer meiner Plastikmappen auf dem Schreibtisch. Ein Foto, ein Momentum. Und jetzt fange ich an zu arbeiten.

Kreativität

Die Psyche ist eine große Künstlerin. Sie gestaltet Symptome.

Ein Symptom ist einzigartig.

Ein Symptom ist klüger, als sein*e Schöpfer*in.

Ein Symptom ist ein Werk.

Ein Kunst-Werk.

Es will verstören.

Es will Aufmerksamkeit.

Es zielt auf ein Publikum.

Sei mal nicht so hysterisch!

Sagt das überhaupt noch jemand? Es scheint tatsächlich, als sei die Hysterie aus dem modernen Leben verschwunden. Nachdem sie zu Beginn der Psychologie Anfang des letzten Jahrhunderts eine so wesentliche Rolle gespielt hat. Doch weg ist sie längst nicht, wie ich gestern von einer Spezialistin gelernt habe. Wie das manchmal so ist in Ausstellungseröffnungen geht: Man redet angeregt mit bis dahin Fremden und vor allem so gar nicht über das, was an den Wänden hängt. Die Hysterie, so habe ich erfahren, wird meist nicht diagnostiziert, sondern landet im besseren Fall bei der Epilepsie. Aber sie ist weit verbreitet, auch bei Männern. Zeichen sind entweder Erstarrung oder übermäßiges Zittern, bzw. solche Anfälle, die der Epilepsie ähneln. Was ich interessant finde. Ich bin offensichtlich in meinen Träumen hysterisch. Denn ein wiederkehrender Alptraum besteht darin, dass ich auf einen Schlag – oder in bestimmten brenzligen Situationen nichts mehr sehen kann. Traumhysterie. Mal was anderes. Das herrlich grimmige Krabbengesicht stammt von Jens Prockat, einem Grafiker, Typographen und Objektgestalter aus Berlin. Im Original ist es winzig. Und hinreißend!

Und wenn mir nichts mehr einfällt?

Paradoxerweise habe ich genau dann, wenn mir so gar nix einfällt, meist zu viel im Kopf. Hundert lose Gedankenfäden hängen mir in die Stirn und es entsteht Flimmern statt klare Gedanken.

Ich probiere neue Alltäglichkeiten aus, denn einmal mehr hatte ich mich in zu vielen Pflichten aufgehängt. Wobei es ja nicht ums Nichterfüllen von Pflichten geht. Sondern um die Nähe zu den Dingen, die mir wichtig sind. Das scheint mir dringender, je älter ich werde. Aber ich habe mich gerade auch im Verdacht, zu schnell in Panik zu verfallen. Aber eben. Ich muss zum Beispiel wieder mehr weg vom Schreibtisch. Gleichzeitig muss ich mehr schreiben. Und zwar die eigenen Texte. Ich drifte schon längst wieder weg. Ich möchte auch wieder mehr fotografieren. Das habe ich schleifen lassen, weil Handy-Fotos zur Not ja gehen. Und ja, die sind auch gut, ich mache sie aber viel zu beiläufig. Natürlich bin und bleibe ich eine Knipserin. Aber mit einer Kamera fotografiere ich aufmerksamer. Da möchte ich wieder hin. Weil das genau die Aufmerksamkeit ist, die ich auch zum Schreiben brauche.

Auch mit meinem Frau-Sein strauchele ich mal wieder. Wie da weiter? Ich spüre eine Energie, die gerne zum Ausdruck käme. Aber ich finde keine Tür. Es geht mir nicht darum, ein – sagen wir – Profil zu finden, aber eine Art von Aufmerksamkeit. Während ich auch hier immer wieder nur weg döse. Es ist gerade so, als wenn es Dinge gäbe, die ich JETZT unbedingt noch erledigen müsste, um am Ende nicht in Ressentiments unterzugehen.

Pläne? Noch ein Tanzkurs, ein Sprachkurs, Schwimmen, bald, bald, bald wieder wegfahren, egal, wohin (am Dienstag übrigens nach Berlin-Bohnsdorf. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es das gibt!!!) Blumen sähen, Bohnen. Lesen.

Im Grunde, mich wieder einmal neu zur Welt ins Verhältnis setzten.

Das Foto zeigt eine aktuelle Arbeit des Berliner Künstlers Axel Lieber mit dem sehr schönen Titel „Mein konstruktiver Alltag“ (2022). So gerade zu sehen in der Ausst. „Relief“ in Berlin, B-Part Am Gleisdreieck, Luckenwalder Str. 6b. Kleine, aber äußerst feine Ausstellung. Bis zum 25. März.