Mein alter Schreibtisch

Richtig schön sieht er aus, im neuen Umfeld einer anderen Wohnung. Tatsächlich habe ich ihn lange nicht gesehen (er fristete ein paar Jahre auseinander gebaut auf dem Dachboden), und noch länger, denn in meiner eigenen kleinen Wohnung stand er am Ende fast nur noch im Weg und war ein schwarzes Ungeheuer aus der Vergangenheit. Davor hatte er seine eigene Holzfarbe und war Arbeitsplatz in der Firma, in der mein Vater arbeitete. Vielleicht war es sogar sein Schreibtisch. Das muss ich ihn nochmal fragen. Ich habe den Tisch dann schwarz lackiert, die Eichenholzfassung war mir viel zu spießig. Ich überlege, welches Wissen ich mir an dem Tisch angeeignet habe, ich kann mich nicht an Inhalte erinnern, mehr an das beklemmende Gefühl, das ganze an der Uni angebotene und abgefragte Wissen niemals bewältigen zu können. Wie anders erscheint es mir heute, wo schon Erstsemerster Essays schreiben (dürfen), in denen ihre Ansichten gefragt sind, nicht nur das Wiederkäuen von Fakten. Kurz dachte ich, meine Möglichkeiten an dem Schreibtisch nicht genutzt zu haben. Doch so stimmt es nicht. Am Ende war dieser Tisch die Rakete, die mich aus dem provinziellen Dasein nach Berlin schoss. Und das ist nun mal nicht der schlechteste Ort auf dieser Welt.

Licht!

Kerzen sind, verglichen mit elektrischen Lichtquellen, zwar nicht so helligkeitseffizient, aber dafür beruhigend fürs Gemüt. Ich habe dieses Jahr öfters zum Streichholz gegriffen als den Lichtschalter betätigt, und das waren andere Abende, ruhiger, leiser auch, weil weder Filme noch Stereoanlage für mich ins Kerzenlicht passen mögen. Die großen Kältefelder konnte ich mir vorstellen, die natürliche Dunkelheit des Winters in unseren Gegenden, die Angst davor und die Verlassenheit darin. Alte Gefühle unserer Eltern und Großeltern, die in mir geistern. Tatsächlich ist die tödliche Bedrohung einer unwirtlichen Natur in unseren Alltagen keinen Gedanken mehr wert. Aber sie ist nicht weg. Dafür müssen wir nicht mal an den Krieg denken. Von hier aus, dachte ich (im Warmen) vor meiner Kerze, wäre die Klimakrise eigentlich eine andere. Weil es ja nicht ums (für uns) optimale Funktionieren von Wetter etc. geht, sondern um die Akzeptanz einer bedrohlichen Welt. Beruhigend fürs Gemüt? Fast schon. Denn die an die Klima-Sorge gekoppelte Weltuntergangsstimmung wirkt auf mich bedrohlicher, als die Tatsache einer nicht als Wohlfühloase gedachten Natur. Was für mich nicht heißt, dass wir uns einfach weiter gehen lassen sollten. Bei Kerzenschein besehen, gingen Lösungsgedanken vielleicht wieder mehr in die Dunkelheit und in eine Veränderung der durch die Globalisierung und weltweiten Vernetzung stattgefundene Nivellierung von Tages- bzw. Nachtzeiten. Nicht, um die Uhr zurück zu drehen. Sondern um einen Rhythmus zu finden jenseits des aktuellen Grundrauschens, das Tage und Nächte zu aussterbenden Begriffen werden lässt.

Der Teilnehmer ist besetzt

Manchmal frage ich mich. Oder denke, das gute alte Besetztzeichen beim Telefon hat es eigentlich auch ganz gut getan.

Woanders ist Winter. Von dort auch das schöne Bild. Hier in Berlin ist es weitgehend grau und grau und sehr grau. Und kalt.

Ich bin traurig, dass Wolf Erlbruch gestorben ist. Was gefühlt noch mehr grau bedeutet.

Draußen hüpfen die Spatzen von Ast zu Ästchen ganz so, als wenn nix wäre (und vor allem nix Winter). Ob die nicht kalte Krallen haben? Aber schön, dass wenigstens einige völlig unbeeindruckt bleiben. Vielleicht der Hinweis, doch noch einen kleinen Spaziergang zu wagen. Oder zumindest eine Kerze anzuzünden.

Bastelstunde

Das Tolle an ungestylten Wohnungen ist, dass sie eine Menge Improvisation vertragen. Ich habe mir also ein Stück der legendären Silver Factory in die eigenen Vier Wände geholt und spare auch noch Heizkosten. Na, aber hallo!

Die erste Weihnachtsfeier des Jahres habe ich auch schon erlebt. Was soll ich sagen? Schön war es! Es gab chinesisches Essen an so einem runden Tisch mit drehbarer Platte. Und endlich mal die Gesichter vieler freier Mitarbeiter*innen zu sehen, die ich sonst nur dem Namen nach kenne.

Worauf ich mich auch schon freue: zum ersten Mal seit Jahren werde ich meine Aufträge vor Heiligabend abschließen und dann tatsächlich zwischen Weihnachten und Neujahr einmal frei haben. Lesen werde ich. Das habe ich schon beschlossen. Und zwei neue Kuchen und ein Brot ausprobieren. Und vielleicht streue ich lange Spaziergänge ein. Und endlich wieder eine Runde im Schwimmbad. Vorfreude also. Nicht das Schlechteste an einem grauen Dienstag. Und: Herzlichen Glückwunsch Peter Handke.

Einbruch in die Stille

Es ist das erste Adventswochenende. Gestern habe ich spontan beschlossen, das auch in mein Leben zu übernehmen. Das heißt, einen geschäftigen (durchaus „vernünftigen“) Wochenend-Termin sausen zu lassen.

Und dann lese ich heute, durchaus gemütlich, weil im Bett, einen Artikel im Perlentaucher, und werde hellwach. Weil, was dort über Übersetzer*innen zu lesen ist, 1:1 für Audioguide-Texter*innen oder auch freie Journalist*innen gilt. Ich übernehme den Perlentaucher-Text hier:

In der FAZ ärgert sich der Schriftsteller und Übersetzer Michael Kleeberg darüber, dass die Honorare fürs Übersetzen seit rund 20 Jahren stagnieren – nicht nur angesichts der zuletzt rapiden Inflation also de facto eine gravierende und fortschreitende Honorarkürzung. „Entweder werde ich unterbezahlt, oder der gesamte Berufsstand der literarischen Übersetzer wird unterbezahlt oder deutlicher: schamlos ausgebeutet. … Natürlich argumentieren die Verlage seit eh und je, solch eine Angleichung der Übersetzerhonorare an die wirtschaftliche Realität sei nicht darstellbar. In dieser Szene wird ja gerne mit der Apokalypse gearbeitet, also steht gleich die Zukunft des Buches auf dem Spiel, wenn Übersetzer einen angemesseneren Lohn verlangen. Aber die Bücherpreise haben ja halbwegs Schritt gehalten mit der Teuerung. Wenn die Übersetzer daran nicht teilhaben, wer dann? Ich weiß, dass die Buchhändler mehr als ein Drittel des Ladenpreises bekommen, Amazon angeblich sogar bis zu fünfzig Prozent, und ich weiß auch, dass ich mehr Verleger als Übersetzer kenne, die Mercedes fahren und ein eigenes Haus haben. Was tun?“

Ja. Was tun? Wenn man (gefühlt zumindest) immer die Einzige ist, die über das Honorar mault (=Original-Sprech). Jetzt ist die Stille natürlich im Eimer. Aber genau dafür sind meines Erachtens journalistische Medien da: Eine*n immer wieder aufzurütteln. In diesem Sinne: einen frohen Start morgen in den Advent!

Gefreut:

Das Kollektiv Wajukuu Art Project ermöglicht Kunst in einem Slum von Nairobi und war ein zentraler Teilnehmer der Documenta Fifteen. Nun bekommen seine Mitglieder den Bode-Preis der Stadt Kassel verliehen. Zugegeben, das Foto ist nicht besonders aussagekräftig, ich bleibe vorsichtig, wegen der Bildrechte. Aber die Installation der Gruppe, die den Eingang zur Documenta-Halle bespielte, hat mir ausgesprochen gut gefallen, ich habe wenig fotografiert auf der Schau, vom Waiukuu Art Project hatte ich am Ende eindeutig die meisten Bilder. Insofern freut mich der Preis.

Was war zu sehen? Müll und Zukunft. Wenn ich spontan und mit wenig Worten antworten sollte. Die Installation bestand hauptsächlich aus gefundenen Materialien, unter anderem Wellblech, wie auch mein Foto verrät. Ich. weiß nicht, ob dieses billige Baumaterial unbedingt an die Wellblechhütten der Slums in Nairobi erinnert (wie in Zeitungen zu lesen ist, klar wa, Afrika ist schließlich ein armes Land…), mich fasziniert Wellblech, seit ich denken kann. Es ist schön und möglicherweise zu mehr zu gebrauchen, als zum Bau von Schrebergarten- und Slumhütten (insofern Zukunft – ?)

„Hunger nach Überentwicklung“, so beschreibt ein Künstler des Kollektivs die heutige Zeit. Und dass dieser Hunger die Menschen schleift, bis sie keine Wesen mehr sind, sondern nur noch Körper. Was aber könnte eine Gesellschaft machen, um die Überentwicklung zu stoppen, beziehungsweise andere Ziele bereitzuhalten? Orte, an denen nicht konsumiert wird, zum Beispiel, oder wo keine Dienstleistungen zu bekommen sind. Orte, an denen Menschen sich einfach treffen können, und die trotzdem sicher und angenehm sind. Auch hier denken sicher viele wieder an die gefährlichen Situationen in Slums. Aber ehrlich: in unseren reichen Innenstädten sucht man solche Orte (überdacht und geheizt) ebenfalls oft vergeblich.

An anderer Stelle lese ich, die Idee sei, dass Leute in ihrer Kasseler Installation ins Gespräch kommen sollen. Und ja. Tatsächlich habe ich mich dort und nur dort mit einer Frau unterhalten, die ich nicht kannte. Sie fragte mich, was ich da sehe, und nachdem ich erst dachte, sie meine das im Sinn von „Was soll das denn sein?“, merkte ich schnell, dass sie wirklich wissen wollte, was ich sehe. Schönheit. Denn neben dem Wellblech gab es eine geflochtene schwebende Kapsel mit Körpern darin und ein beeindruckendes Messerrelief. Kreativität als menschliche Eigenheit. Das ist noch etwas, was das Waiukuu Projekt uns mit auf den Weg gibt. Das Leben besteht nicht nur aus Konsum. Wir können selber machen, improvisieren, nicht immer nur kaufen. Und das bedeutet dann nicht, dass wir arm sind. Sondern dass wir unsere Möglichkeiten ausschöpfen. Allen einen guten Start in die Woche!

À propos Natur

Den gab es auch umsonst und draußen: in Nizza lustigerweise, an diesem großen Kieselstrand. Und da sind wir auch gleich noch bei Geschenken: denn als Ferienmitbringsel toppt der für mich alles, was man sonst so kaufen kann. Ich lache mich jedesmal wieder schlapp, wenn ich den Stein auf meiner Fensterbank sehe. Allerdings denke ich immer eher (und zuerst) an den Rhein, als an Nizza…

Natur aufräumen

Bringt nix, sieht aber manchmal einfach schön aus. Und sonst? Ich gewöhne mich langsam an niedrigere Temperaturen in der Wohnung. Ich freue mich, wieder aufrecht stehen zu können, wenn auch noch nicht so lange. Und: Die Sonne scheint!

Gestern habe ich tatsächlich schon die ersten Weihnachtsgeschenke gekauft. Und noch eine Kuchenform. Morgen gibt es Orangenkuchen und Weck-Gänse mit Hagelzucker statt Federn. Und was nachwirkt: Wie die nette Frisörin, die mir neulich die Haare gewaschen hat, von meiner Haarfarbe geschwärmt hat. Ich meine, ich habe dieses rheinländische Straßenköterblond in der Frisur. Weiß Gott nix besonderes. Aber mit dem Altwerden färben sich einzelne Haarsträhnen anders. Ich habe also jetzt viele verschiedene Blond- und (ja wirklich) Moostöne auf dem Kopf, was unglaublich teuer aussieht, aber Natur (!) ist. Aufgeräumt wird da nur im Schnitt. Und der sieht dieses Mal auch richtig schön aus…

Bahn fahren

Wer diesen Blog kennt, mag fürchten, dass jetzt nix Gutes kommt. Denn wenn ich Bahn fahre, türmen sich Widrigkeiten. Verspätungen, kurzfristige Änderungen bei der Einfahrt, der Wagenfolge, Züge ohne Bistro, Toiletten, Klimaanlage oder Reservierungsanzeige, laute Mitreisende oder solche, die sich im Waggon so richtig wie zu Hause fühlen.

Wahrscheinlich ziehe ich schon den Kopf ein, wenn ich einsteige.

Schön, wenn ich dann einen freien Platz finde, obwohl ich nicht reserviert habe. Noch schöner, wenn sich jemand neben mich setzt, der die Bahn als Ort gewisser Öffentlichkeit versteht, und sich nicht gnadenlos gehen lässt. Ein Musiker offensichtlich, er hat einen Gitarrenkoffer dabei. Er kann sich trotz Gepäck zügig und ohne anzuecken hinsetzen, er trägt eine Maske und grüßt freundlich. Glück gehabt, denke ich. Hoffentlich ist er nicht an der nächsten Milchkanne wieder weg.

Wie wir ins Gespräch gekommen sind, weiß ich gar nicht mehr. Die Reise zu meinem Vater liegt mir auf dem Magen, draußen scheint die Sonne und der Schreibtisch zu Hause liegt unter einer Papierverwüstung, so dass ich jetzt schon die Rückkehr fürchte. Ich werde zwei neue Backenzahnkronen bekommen (Angst vor dem Zahnarzt sitzt mir von klein an in den Knochen) – eigentlich würde ich viel lieber ein paar Tage Urlaub machen. Also genieße ich es, mich zu unterhalten und den Alltag etwas auf Abstand zu bringen.

Es ist ja auch gut, hin und wieder mal einiges gefragt zu werden. Wie das bei mir eigentlich ist oder was ich über dies oder jenes denke. Und zwar von jemanden, den ich nicht kenne. Natürlich stelle auch ich Fragen. Wir reden über unsere Generation, die „jungen Leute“ (seine Kinder, meine Nachbarskinder), über Wohnen und Reisen, ich frage ihn nach seiner Musik, er hat am Vorabend im Berliner A-Trane gespielt, eine gute Adresse für Jazz, der mir als Musikrichtung jedoch eher fremd ist. Zwischendurch machen wir Pausen. Aber bis Köln bleiben wir eigentlich im Gespräch. Ich erzähle, dass ich mich noch immer nicht entscheiden konnte, etwas zu veröffentlichen, was mir wichtig ist. Er sagt, dass solche Sachen eben manchmal Zeit brauchen, und dass er selbst gerade erst seine erste CD unter eigenem Namen herausgegeben hat. Kurz bevor wir aussteigen, frage ich ihn noch danach. Nach seinem Namen. Damit ich mir die CD mal anhören kann. Gefunden habe ich sie schon. Gehört noch nicht. Aber sie wird mir sicher etwas sagen. Und mich an eine überraschend schöne Bahnfahrt erinnern.

Hoppla – !?

Ich hab sein Neuestem ein merkwürdiges Problem: Ich komme bei vielen von Euch nicht mehr auf die Blog-Seiten. Hm. Ich habe natürlich meine eigene Seite lange nicht mehr benutzt. Vielleicht löst sich die Schwierigkeit auch nach ein paar Tagen, Wochen von selbst. Ich schreib’s nur mal, ich versuche tatsächlich so langsam wieder zurück zu kommen. Aber, schreiben geht für’s Erste, und deshalb schreibe ich schnell noch, bevor ich müde ins Bett falle, dass es im Berliner Kupferstichkabinett eine kleine feine Ausstellung über Ruth Wolf-Rehfeldt gibt, eine Geburtstagsausstellung zum 90sten und zur Verleihung des Hannah-Höch-Preises (der Berlinischen Galerie) in diesem Jahr.

Gedichte sind das und Schreibmaschinenkunst, was bedeutet, Reiseschreibmaschinenkunst zum Beispiel, wo die Farbbänder sich verheddern, oder die Typen so scharfkantig sind, dass sie feine Muster ins Papier stanzen. Tolle Bilder, Ideen, Gedankenlandschaften. Und das Beste: Draußen vor der Ausstellungen stehen gleich mehrere von diesen alten Schreibmaschinen, an denen man sich dann selbst versuchen kann. Wie lustig. Ich meine, ich habe auf so einem Ding noch tippen gelernt. Und neben mir saßen nur junge Leute, die gar nicht wussten, wie man ein Blatt einzieht. Kam ich mir alt vor!

„verquwör“ habe ich vergeigt, denn eigentlich wollte ich verquer schreiben. Ja, Tippfehler gab es früher auch. Aber mein Text heißt „Ode an das öh“ und insofern ist ein „verquör“ gar nicht mal schlecht, zumal nur o’s und ö’s so schöne ausgestanzte Löcher im Papier hinterließen. Ein schöner Sonntagnachmittag also, zumal das Wetter schön war und der Spaziergang nachher durch den Tiergarten eine Freude. Für die, die zur Ausstellung wollen: sie läuft noch bis zum 5. Februar 2023.