Eleganz

Die Sache hat mich nicht losgelassen. Eleganz gegen die eigene Hektik? Wenn in mir das erste Bild von Männern und Frauen, die ich für unsagbar elegant halte, auftaucht, stimmt zumindest eins: Sie sind niemals hektisch. Sie zögern auch nicht. Die Eleganz in ihrer Bewegung und ihrem Tun ist (so scheint mir das zumindest) geschmeidig. Sie stolpern nicht. Schlagen aber auch keinen Schnee: keine überflüssige Bewegung (schon gar nicht). Straight wäre vielleicht noch ein passendes Wort.- Eleganz in seiner früheren Konnotation hatte nichts mit Mode oder Geschmack oder Erscheinung zu tun, sondern mit Ausdruck. Die Klarheit in der Sprache ist gemeint, aber auch die Durchsichtigkeit eines mathematischen Beweises. Der französische Dichter und Philosoph Paul Valéry schrieb 1922: „(Eleganz) – das bedeutet Freiheit und Ökonomie ins Sichtbare übertragen – Ungezwungenheit, Leichtigkeit in – schwierige Angelegenheiten.“ Klarheit ist eine Antipodin der Hektik. Auch damit gehe ich d’accord. Ja. So weiß ich jetzt zumindest, warum mich Eleganz jedesmal derart aus den Socken haut: Es ist eine fantastische Begabung.

Abstand gewinnen.

Und damit meine ich: Abstand von sich selbst. Denn das ist eine Beobachtung, die ich gemacht habe: je mehr ich mich durch meine Tage hetze, desto weniger halte ich Abstand von mir. Ich bin derart involviert in mein Tun und noch schneller weil wichtig, wichtig, dass ich irgendwie an mir selbst ersticke. Wenn alles, was ich tue, wahnsinnig viel Sinn und Ernst und eben Wichtigkeit beansprucht, schmelze ich selbst dahinter weg. Spätestens dann wird es Zeit, eine Pause zu machen. Und was rät zum Beispiel der österreichische Philosoph und Kulturwissenschaftler Robert Pfaller? Eleganz. Wenn das mal keine Erlösung ist!

Erst das Ganze setzt sich aus.

Sich ein Hintertürchen offen halten, um nicht kritisiert zu werden. – Wie das geht? Am Besten nie fertig werden. Deshalb ist „Kunst“ so schwierig. Halbfertig gilt nicht. Außer bei den Riesen der Zunft wie Cézanne, dessen erste Pinselstriche schon zu erkennen gaben, wohin der Hase lief (Cézannes Kunsthase nämlich), will sagen, dass er das ganze Universum seiner Kunst im Kopf hatte, und selbst ein Strich davon zeugte – na gut, vielleicht drei oder vier… So geht es mir gerade, wenn ich meine kleinen Geräusch-Stücke zusammenschneide, auch, wenn ich Texte schreibe oder Fotos mache: Der Anfang ist leicht. Aber wohin läuft meine Absicht oder mein Kunsthase? Erst wenn ich mich zu einem Schluss entschlossen habe, kommt jedes einzelne Detail an seinen Platz. Und wird damit zugänglich. Was noch nicht fertig ist, ist ungefähr. Details können dort so oder anders gemeint sein. Wer den Schlusspunkt setzt, hat seine Anordnung festgelegt. Und kann kritisiert werden: Das hätte ich anders gemacht! Die glücklichste Lösung: Eine neue Komposition. So oder so ein intensives Gespräch. Mut zum Ganzen ruft der Kunsthase. Was das wieder mit Licht und Schatten an meiner Küchenwand zu tun hat, ist ein ganz anderes – und sehr weites – Feld (da endlich lacht der Hase).

Sternenfunkeln

Von wegen! Gestern Abend hatte ich alles noch weggenickt: Mars, Venus und Jupiter in ungewöhnlicher Konstellation, morgens um fünf? Ohne mich. Morgens um fünf schlafe ich. Da kann noch so eine Planetenkonstellation vorbeikommen. Hab‘ ich dann ja sowieso beim Kaffee in einem Online-Magazin in Großaufnahme. Aber dann: Es war noch stockdunkel draußen (was auch sonst…). Und da funkelte es sowas von hell ins Fenster, dass es eigentlich nur der Mond sein konnte, aber der hatte seine Bahn schon früher absolviert. Und, klar ist der größer. Mars, Venus und Jupiter gaben sich die Ehre. Das war richtig geheimnisvoll. Als wollten mir die drei nur mal schnell zuzwinkern, so kamen sie in diesem engen Fensterausschnitt eines Kreuzberger Hinterhofs zu stehen. Und ich wurde auch noch wach. Toller Moment. Und also zu notieren: Es gibt auch Nachts Sternstunden 😉

Viele Fragen, noch mehr Antworten, neue Fragen…

Hurra, ein Award! Und viele neue Fragen. Geschickt hat sie Katja, von Ingwerlatte, hier ihre Seite:

https://ingwerlatte.wordpress.com

Die Fragen hatten es, wie immer, in sich. Um nicht alleine in den Wald zu gehen, habe ich meine Freunde Anke und Tomas gebeten, ebenfalls die Fragen zu beantworten, aber so, als wären sie ich. Alles klar? Ich meine, an meiner Stelle. Die Idee habe ich von Seppo, der bei seinem Award ebenfalls einen Freund zur Hilfe nahm. Die Diskrepanz der Antworten gefiel mir, weil klar wurde, um wieviel vielschichtiger die Dinge liegen, als sie mit einer einzigen Antwort darstellen zu wollen. Aber auch, weil es lustig ist. Und dass das Gegenteil eben manchmal genauso stimmt.

Die Seite von Seppo: https://seppolog.wordpress.com

Los geht’s:

Woran glaubst du?

Anke: An Gott. An persönliche Verantwortung. An lebenslange Entwicklung.

Tomas: An Rituale, an den heiligen Geist. Den Papst (vorderhand noch). Ich verteidige die katholische Kirche, wenn sie auf eine blöde Art und Weise angegriffen wird.

Klunker: An die Liebe.

Frühaufsteher oder Nachteule?

Anke: Es gibt nichts Schöneres, als um 21 Uhr im Bett zu liegen!

Tomas: Letzteres.

Klunker: Beides. Ich bin das Kind einer Frühaufsteherin und einem Nachteuler. Deshalb kann ich morgens und abends. Am liebsten im Sommer früh und im Winter spät…

Wenn du dir ein Leben aussuchen könntest, in welcher Zeit, wie und wo würdest du leben wollen?

Anke: Im Hier und Jetzt – ohne den Druck, Geld verdienen zu müssen. Zum Beispiel reich verheiratet J

Tomas: Französischer Adel? Intellektuelle im 20. Jh? Interessantes Kloster?

Klunker: Ich lebe ganz gerne im Hier und Jetzt. Wenn ich mir was aussuchen könnte, dann auf jeden Fall die Zukunft.

Was muss passieren damit du mit einem Lächeln im Gesicht aufwachst?

Anke: Einen schönen Traum träumen – ohne bösen Mann und Verfolgungsjagd.

Tomas: Ein Lebewesen (muss nicht ein Mensch sein, kann auch Tier oder Gott sein) muss zurücklächeln.

Klunker: Ein ziemlich guter Traum.

Warum bloggst Du?

Anke: Um mich zu zeigen, um Position zu beziehen und um Fragen zu stellen.

Tomas: Weil ich gerne schreibe.

Klunker: Ich wollte ausprobieren, ob mir jeden Tag etwas einfällt, über das ich schreiben möchte, etwas, das mich auch angeht.

Wie kamst Du auf Deinen Bloggernamen?

Anke: Ich trage gerne Klunker (müssen nicht echt sein). Und möchte mich zu mehr Achtsamkeit im Alltag anhalten.

Tomas: Klunker klingt einfach so schön, wie ein schwerer Krug mit Flüssigkeit, den man mit einem Gegenstand anschlägt.

Klunker: Ich habe überlegt, welche Themen oder welche Perspektiven meine sein könnten. Ich kam auf: Das Besondere im Allgemeinen.

Welcher Beitrag gefällt Dir persönlich in Deinem Blog am Besten und warum?

Tomas: Den über die drei Wünsche.

Klunker: Ich habe keinen Lieblingsbeitrag. – Hm, vielleicht doch der allererste, der sich als Motor für die übrigen erwiesen hat.

Und welcher Beitrag hat Dich auf einem anderen Blog besonders berührt oder hat Dir besonders gefallen?

Klunker: Beiträge über Themen, an die ich mich noch nicht rantraue: politische oder gesellschaftliche Äußerungen, das Nachdenken über Kultur, das Geschlechterverhältnis, kurz, über alles, was über meinen täglichen Alltagsradius hinaus reicht. Manchmal schicke ich hier und da einen Kommentar. Ich hoffe, mutiger zu werden.

Was sollten wir unbedingt noch über Dich wissen???

Anke: Ich bin Rheinländern, katholisch und liebe Hunde! Um Kent Nagano sehen und hören zu können, reise ich nach Kanada (hoho, das ist aber fett übertrieben, die Klunker), Zagreb oder Göteborg.

Tomas: Frag doch einfach!

Klunker: Ich denke, in den Klunkern steht alles, was mich ausmacht.

Du als Superheld. Was wäre deine Superkraft?

Anke: Mich in ein Kind verwandeln oder fliegen zu können.

Tomas: Die hab ich doch schon! Warum merkt es keiner?

Klunker: Empathie.

Was würdest Du gerne tun, wenn Du 1 Tag mal dem anderen Geschlecht angehören würdest?

Anke: Einen Tag lang im Tonstudio rumhantieren.

Tomas: Kardinalskurie oder gediegene Schwulenparty besuchen.

Klunker: Alle meine Freund/innen besuchen und gucken, wie ich mit denen als Mann auskomme.

So, und jetzt die neuen Fragen. Über Antworten würde ich mich freuen: einfach so und insbesondere von:

trishagalore.wordpress.com

pilotstories.de

allesmitlinks.wordpress.com

buchpost.wordpress.com

wildgans.wordpress.com

  1. Bist Du Jäger/in oder Sammler/in?
  2. Welchen Wunsch oder Antrieb hast Du Dir aus Deiner Kindheit bewahrt?
  3. Wie sähe Dein perfekter Tag aus?
  4. Wer oder was sind Deine persönlichen Zeitfresser?
  5. Welcher Beruf – außer Deinem eigenen – fasziniert Dich?
  6. Welche Frage möchtest Du schon immer mal gestellt bekommen?
  7. Worüber würdest Du Dich heute besonders freuen?
  8. Welche Fortbewegungsart bevorzugst Du?
  9. Was isst Du gerne?
  10. Ist Dir Musik wichtig?
  11. Was gefällt Dir besonders am (Blog)Schreiben?

Und hier noch die Regeln, die ich allerdings auch nicht alle einhalte (mangels genügend Internet Kenntnis…)

  1. Danke der Person, die dich für den Liebster Award nominiert hat und verlinke den Blog in deinem Artikel.

2. Beantworte die 11 Fragen, die dir der Blogger, der dich nominiert hat, stellt.

3. Nominiere 5 bis 11 weitere Blogger für den Liebster Award.

4. Stelle eine neue Liste mit 11 Fragen für deine nominierten Blogger zusammen.

5. Schreibe diese Regeln in deinen Liebster Award Blog-Artikel.

6. Informiere deine nominierten Blogger über den Blog-Artikel.

Tanizaki Jun’ichirō: Lob des Schattens

Für die Menschen in Japan werden Europäer wohl immer mit den Errungenschaften der Moderne in historischer Erinnerung bleiben, als die Überbringer des elektrischen Lichts, der glänzenden Oberflächen und der gnadenlosen Sauberkeit. Weiße im durchgängigsten Sinn des Wortes, die mit ihrer schattenlosen Haut und den hypermodernen Einrichtungen die Asiaten das Fürchten lehrten. Und sie dennoch zur schleunigsten Nachahmung animierten. Denn in dem sich nach Jahrhunderten der restlichen Welt öffnenden Japan war nichts angesagter, als den Anschluss an den Westen schnellstmöglich zu gewinnen. Von 1868 an durchlief das „Land der aufgehenden Sonne“ einen Modernisierungsschub, der die Industrialisierung in wenigen Jahrzehnten abwickelte und auf den neusten Stand brachte. Preußen war übrigens das überragende Vorbild – sowohl in staatlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht – für die japanische Regierung, Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war damals noch nicht aus dem europäischen Schatten getreten.

Wahrscheinlich war es in den ersten Jahren, Jahrzehnten gar keine Frage, den Anschluss an die „Zivilisation“ zu suchen. Aber nach einem halben Jahrhundert Fortschritt im westlichen Sinn drängten sich Fragen auf. Denn das Neue fühlte sich trotz aller geschätzten Modernität fremd an. Das elektrische Licht war zu hell, die neuen Materialien wie Glas oder Marmor zu unflexibel und schwer, die Oberflächen zu glatt, um sich nahtlos in die japanische Kultur einzupassen. Gäbe es, so fragten sich japanische Intellektuelle, oder hätte es ohne die Invasion des Westens einen japanischen Weg zur Moderne gegeben? Und wie hätte er ausgesehen?

Einer dieser Intellektuellen ist Tanizaki Jun’ichirō (1886-1965), ein Schriftsteller aus Tokio, der neben Erzählungen und Romanen auch Essays über den japanischen Alltag schreibt, und sich hier wie da dem Zusammenspiel von (östlicher) Tradition und (westlicher) Moderne widmet. Sein Blick ist scharf, und was er bemerkt, während er einmal nach hier und einmal nach dort schaut, ist ein Schatten. Von dem ausgehend er die unterschiedlichen Kulturen regelrecht unter die Lupe nimmt.

„Wenn man einzelne Personen aus der Nähe betrachtet, scheint es Japaner zu geben, die weißer sind als Leute aus dem Westen, und umgekehrt westliche Menschen, die dunkler sind als Japaner; doch die Qualität dieser Weiße und dieses Dunkels ist verschieden. (…) Es (gibt) japanische Ladys, die in ihren Abendkleidern den Ausländerinnen in nichts (nachstehen) und auch weißere Haut hatten als sie; aber wenn sich auch nur eine von diesen Damen unter die Ausländer mischte, war sie aus der Entfernung sofort zu erkennen. Und zwar darum, weil sich bei Japanern, mögen sie noch so hellhäutig sein, im Weiß eine leichte Schattierung bemerkbar macht. (…) Besonders in den Fingergabelungen, um die Nasenflügel, im Genick und dem Rückgrat entlang ergibt sich eine schwärzliche Tönung wie von einer Staubschicht. Die Haut von westlichen Menschen ist hingegen am Grunde immer hell und durchsichtig (…) vom Scheitel bis zu den Fingerspitzen sind sie von einem klaren, unvermischten Weiß.“ (61/62) 

Die Beobachtung ist fast schon indiskret, aber für Tanizaki Jun’ichirō keineswegs eine anstößige Bemerkung. Für ihn ist der Unterschied eine Art Basis für die Unterschieden zwischen Ost und West und ein Plädoyer für den Schatten. Was mich laut zum Lachen gebracht hat, ist der Vorschlag des Autors, die Toilette als Schlüssel für eine gelungene Architektur zu betrachten. Deshalb, weil ich seit Jahren predige, über neue Häuser (und damit sind meist Museen gemeint) kein Urteil zu fällen, bevor man nicht die Toilette besucht hat. Für einen Menschen aus dem Westen ist es aufregend zu lesen, wie sehr man in Japan bemüht war (und bis heute noch ist), ausgerechnet das WC in einen Ort des guten Geschmacks zu verwandeln. Keine Frage, dass sich Tanizaki Jun’ichirō – wenn auch höflich – über den Westen lustig macht, wo man diesen Ort als unrein behandelt und sich sogar scheut, in der Öffentlichkeit davon zu sprechen.

„Die Schönheit des Abgegriffenen“, so könnte man sein Lob des Schattens resümieren, weil das wahrhaft Schöne für ihn aus der täglichen Praxis entsteht. Nicht das Neue ist schön, sondern das, was immer schon da ist. Und die Dinge sind um so vollkommener, je schlichter sie sind und je natürlicher. Interessant bei Tanizaki Jun’ichirōs Schilderungen ist für mich, dass er Schönheit auch immer mit Vertrautheit und Wärme in Verbindung bringt. So schreibt er, sein Grauen vor Zahnärzten beruhe vor allem auf deren moderne Einbauten und den vielen glitzernden Gegenständen (dem Krach des elektrischen Bohrers ganz zu schweigen). Alte Dinge mit abgegriffenen, matten Oberflächen hingegen strahlen für ihn eine Wärme aus, die das menschliche Herz beruhigt. Selbst Papier ist für ihn nicht Papier, sondern ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn er das westliche Papier betrachtet, das das Licht zu reflektieren scheint, während japanische und chinesische Papiere „wie eine Fläche weichen, frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich aufsaugen.“ (23)

Äußerst verblüffend fällt für mich sein Vergleich zwischen westlichen und östlichen Frauen aus. An manchen Stellen möchte ich laut lospoltern, oder mich über den männlichen Blick mokieren, und ich mag ihm in mancher Argumentation so gar nicht folgen, doch ist, was er schreibt, durchaus interessant. Zumal es stets den asiatischen Blick auf das Eigene und das Fremde zeigt, dem wir eben nur aus umgekehrter Richtung folgen können. Was soll ich sagen? Ein spannendes Buch für diejenigen, die bereits einige Erfahrung mit der japanischen Kultur gemacht haben oder sich gerade neu in diese Welt stürzen. Historische Hintergründe helfen sicher zum Verständnis der Lektüre, aber im Nachhinein weiß man nie, was man zuerst gesehen hat, das Huhn oder das Ei. An manchen Stellen kommt der Text arg altherrenhaft daher und ich weiß nicht, ob dies dem Autor oder seinem Übersetzer, dem 1938 geborenen Eduard Klopfenstein anzurechnen ist. Eine aktuelle Übersetzung würde mich auf jeden Fall zum nochmaligen Lesen verführen. Was wir – übrigens auch im Westen – dem Schatten verdanken, weiß ich seit der Lektüre noch einmal mehr zu schätzen.

Tanizaki Jun’ichirō: Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik. Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Zürich 2002. Für das Rezensionsexemplar geht mein herzlicher Dank an Random-House.

Auch diesmal ist auf dem Foto keine Kunst zu sehen, schon gar keine, die mit dem Buch in direkter Verbindung steht – sondern einmal mehr Leben.

Es wird wieder Nacht –

so kommt es mir jedenfalls immer vor, wenn im Oktober die Zeitumstellung ansteht. Noch früher dunkel als nötig – und überhaupt: wer hat den Winter noch mal erfunden? Doch dieses Mal will ich nicht gleich den Kopf in den Schnee stecken, sondern genauer hinschauen. Was hat es denn auf sich mit der Dunkelheit? Hebt sie, wie „mein“ japanischer Autor, den ich die Tage vorstellen will, tatsächlich das Licht hervor zu einem stillen Leuchten. Taucht sie die Welt in eine größere Tiefe und schenkt sie mit den Schatten neue, aufregende Mitbewohner?

In den letzten Tagen machten mir die Oktober-Nachmittage ein großes Vergnügen. Wenn es leise dämmert, ist es schön, am Schreibtisch zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen und den letzten kräftigen Kaffee des Tages zu trinken. Mir wird es jedes Mal leicht ums Herz und dann denke ich, wie gut es ist, zu Hause zu sein. Die Dunkelheit irritiert mich dagegen noch. Da kann ich schon mal um Acht das Gefühl haben, es sei Mitternacht und umgekehrt. Zum Glück kommt erst noch der November, der mittlerweile zu einem meiner Lieblingsmonate avanciert ist – des Lichts wegen. Und dann muss ich wirklich ran. Lange und längere Wintertagen. Ich bin gespannt, was ich ihnen abgewinnen werde. Oder ob ich irgendwann doch wieder nur mit Augen zu und durch reagiere.

Sich zeigen

ohne sich gleich darzustellen, ist ein schmaler Grat. Was ist (mir) wichtig, was ist privat, was kann, was muss ich sagen oder zur Geltung bringen, um mich auszudrücken und um mir Gehör zu verschaffen? Ich habe viele Jahrzehnte gedacht, man würde mir schon ansehen, was ich denke, fühle, meine. Von wegen! So wie ich mir wie ein aufgeschlagenes Buch offen liege, bleibe ich für andere unsichtbar, wenn ich mich nicht ausdrücke. Ich dachte, ich sei durchsichtig an so vielen Stellen, aber ich ahne mittlerweile, dass dem nicht so ist.

Die Erkenntnis hat durchaus etwas mit diesem Blog zu tun. Meist abends schreibe ich hier etwas, was mir tagsüber durch den Kopf gegangen, oder ich zeige, was mir begegnet ist. Freunde und Bekannte sind gelegentlich erstaunt. Sie hätten das oder dies gar nicht erwartet. Natürlich wussten viele nicht, dass ich gerne fotografiere, oder eine Vorliebe für diese Autorin, jenes Land, die Musik oder was-auch-immer habe. Das ist ja an sich auch nicht so wichtig. Aber mir wird von Mal zu Mal klarer, wie wenig ich zu sehen bin. Das ist eine ganz ulkige Erfahrung, weil ich merke, wie wichtig es ist, sichtbar zu sein. Weil sonst wesentliche Teile fehlen. Es geht dabei nicht um Selbstdarstellung – ich war noch nie besonders glücklich in der ersten Reihe. Es geht darum, sich verständlich zu machen. Michel de Montaigne formuliert das so:

„Wenn ich mir vollkommen gut und weise vorkäme, ich würde es mit vollen Backen heraustrompeten. Weniger von sich sagen, als wirklich an einem ist, das ist Dummheit und nicht Bescheidenheit. Sich gefallen lassen, daß man für weniger gilt, als man wert ist, das ist bloß feige und kleinmütig. Keine Tugend stützt sich auf Falschheit, und die Wahrheit ist nie etwas, das man als Fehler anrechnen darf.“

Ja. Und jetzt? Wie bekomme ich den Dreh, mehr zu zeigen ohne mehr zu reden – zum Beispiel? Anders reden? Mal sehen. Das wird einmal mehr ein spannendes Experiment.

Herbstklunker

Also, das ganze Sommergrün ist nun wirklich nur ein Klacks gegen das hier: Volle Kanne Herbstfarben! Und dann diese zauberhaften Blattlöffel mit den wie ungeschliffene Diamanten eingepasste Wasserflecken. Schöner als jedes Design. Nur leider nicht so haltbar. Was soll ich sagen? Was graue Nieselhimmel so hergeben!

Perfektion versus – ?

Erstaunlich, denke ich in letzter Zeit öfters, dieser Drang meiner Generation, keine Fehler zu machen. Das scheint mir fast vergleichbar wie die Angst der 50er und 60er Jahre vor Mikroben und Bazillen. Auweia! Ein Fehler – da könnte ja, da wäre, was würden die anderen…, wie komme ich da wieder raus … Hilfe! Dabei. Fehler sind ja wirklich oft die einzige Möglichkeit, wieder auf den Boden zu kommen. Oder den Tunnelblick auf den Erfolg zu sprengen. Je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich auf Perfektion. Weil sie stets ein Zuviel an Arbeit fordert. Und nie der wirkliche Garant für gute Arbeit ist. Gerade bei meinen Audio-Versuchen merke ich, dass ein gewagtes Ungefähr manchmal aufregender ist, als jede ausgearbeitete Arabeske. Es geht dabei nicht darum, Arbeit zu sparen. Sondern auf die Mehrarbeit von vornherein zu verzichten. Das Gegenteil von perfekt ist nicht im- (oder sagt man un-)perfekt. Es ist vielleicht manchmal ein gewagter Wurf, eine zeitweilige Improvisation, eine solide Leistung ohne Höhenflug, eine weniger elegante Lösung. Perfektion sieht von außen betrachtet blendend aus. Aber sie kann einem auf die Dauer den Hals zudrücken. Ein ziemlich hoher Preis.