Sag‘, wie hältst Du’s mit der Kunst?

Sicher keine neue Gretchenfrage, aber eine, mit der ich mich gelegentlich rumschlagen. Wie jede gute Frage taucht sie immer wieder auf, im eigenen Leben, aber auch in meiner Arbeit als Kunsthistorikerin. Tatsächlich bin ich gespalten. Auf der einen Seite gefallen mir viele der neuen Museumsbauten. Wie Paläste sind sie gebaut, aus edelsten Materialien mit riesigen Raumfolgen, grandiosen Lichtsystemen und tollen Böden, Treppen, Aufzügen, Cafés. Aber wie alle Paläste sind sie zu groß und dann doch irgendwie alle gleich und wenn sie voll sind, ist die Hölle los. Also gehe ich kaum noch in Ausstellungen, vermisse die Bilder und frage mich: Ja, wie denn würde ich gerne Kunst betrachten? Und weil mir dazu nichts richtiges einfallen will, möchte ich Euch mal fragen: Wie betrachtet Ihr denn gerne Kunst? Oder spielt sie, zumindest als Bildende Kunst kaum noch eine Rolle in Eurem Leben? Oder eben gar nicht mal mehr im Original? Oder? Oder…

Das Foto zeigt aus rechtlichen Gründen keine Kunst, sondern Leben. Schon ziemlich abgeschrabbt und damit nach der alten japanischen Ästhetik kaum zu übertreffen. Denn da steht das Abgegriffene, Vergammelte vor jedem neuen Gegenstand. Aber dazu gibt es in den nächsten Tagen mehr.

Wie klingt ein Traum?

Jetzt habe ich den Salat: da wollte ich ein Schlaflied basteln, mit dem Audioschnittprogramm, an dem ich seit knapp einem Jahr lerne, aber Schlaflieder sind gar nicht so einfach. Ohne Melodie geht da gar nix und die muss auch noch gut klingen. Nix für mich. Außerdem fallen mir immer nur Schlaflieder ein, die es schon gibt. Was also tun? Ich dachte, ich könnte vielleicht die Seite wechseln und den Traum vertonen. Den Traumkompressor habe ich schon. Aber das ist ja längst nicht alles. Ich suche nach einem rieseligen Geräusch, ganz so, wie oben abgebildet. Oder nach einer Art Aufzug, denn manchmal fährt man ja nachts auch noch Achterbahn. Und dann die Traumgestalten. Die dürfen natürlich nicht zu sehr wie Geister klingen. Aber durchsichtig sind die schon – oder? Acht Minuten sind jetzt ausgemessen. Würde da schon ein richtiger Traum reinpassen? Mal sehen. Ich sollte jetzt schlafen. Und dabei die Ohren weit austellen.

Kaum bohren die Sonnenstrahlen

wieder Löcher in die gefiederten Wolken, brennen die Bäume noch einmal lichterloh, wie letzte Grüße des Sommers, die der graue Niesel mit herbstlichem Eifer ertränken wird, morgen, übermorgen, die ganze nächste Woche. Zieh‘ Dich warm an, und vergiss‘ den Bademeister bis zum nächsten Jahr.

Ein Nachzügler…

Gestern Abend habe ich noch ein ziemlich zerknittertes Reclam-Bändchen aus den Kulissen meiner Regale gezogen, gekauft in den 1980er Jahren und während einer Konferenz in Wiesbaden gelesen – ich war damals Studentin und völlig überfordert. Aber das kleine gelbe Heft hat mir geholfen: La Rochefoucauld, Maximen und Reflexionen. Haut einen echt um, der Typ. Abgebrüht mit scharfem Blick und noch schärferer Zunge, aber einem intakten Herzen, denn er weiß, wie sehr wir uns nach Liebe sehen, wenn auch meist umsonst. Damals gab er mir Halt – und einiges zu lachen – im gewichtigen Getriebe der Kunsthistoriker/innen. Ich fühlte mich gleich ein paar Zentimeterchen größer, denn wer einen klugen Beobachter an seiner Seite (in diesem Fall in der Jackentasche) hat, kommt auch bei ungemütlichen Kollisionen auf seine Kosten – wenn auch oft nur im Nachhinein. Jetzt lese ich das Heft noch einmal und wieder mit Gewinn. Gibt es doch auch eine Frage, mit der ich mich oft genug rumschlage, und in der es um den Umgang mit Freunden geht:

„Der höchste Beweis der Freundschaft ist nicht, einem Freund unsere Fehler, sondern ihm die seinen sichtbar zu machen.“

Unangenehmer Posten. Aber Freundschaften sind eben auch nicht nur was für den Feierabend.

Wenn der Herbst

seinen grauen Regenmantel umhängt, lohnt es, den Blick auf den Boden zu senken: Lauter lichtdurchflutete Sommererinnerungen: Ein schönes Wochenende!

Ausstellungstipp

Hier einer meiner eher seltenen Tipps, den ich mir nicht verkneifen will, weil es um eine der wenigen „Großausstellungen“ geht, die ich – ausnahmsweise – empfehlen möchte. Meistens halte ich solche Museums-Megaevents für mehr als überflüssig, vor allem für die Exponate, die zum Teil weite Reisen auf sich nehmen und davon nicht wirklich profitieren. Oft wird dann auch nicht wirklich etwas interessantes/neues gezeigt, nur eben viel von einem, was dann meist eine große Berühmtheit der Kunstgeschichte oder des Kunstmarktes ist. In diesem Fall geht es auch um weite Reisen, um Megastars der Kunstgeschichte, aber eben auch um die seltene Möglichkeit, diese hinreißenden Bilder (ca. 100) gemeinsam für eine Weile in Europa zu sehen (und also ein richtig großes Plus für das Publikum):

„Japans Liebe zum Impressionismus“ heißt die Schau, die letzte Woche eröffnet hat und noch bis zum 21. Februar nächsten Jahres in der Bonner Kunsthalle zu sehen ist. Tatsächlich läuft hier der Hase einmal andersherum (und es wird also mal eine neue Lesart geboten): nicht der Einfluss Japans auf die impressionistischen Künstler steht im Vordergrund, sondern der Einfluss westlicher Ölmalerei auf die japanischen Maler. Ein wirklich großartige Zusammenstellung hochrangiger Werke, auch ein schöner Katalog, mit biografischen und historischen Darstellungen und Details, allerdings fehlen mir wirklich tief gehende kunsthistorische Analysen: Was denn jetzt auf die Japaner so besonders wirkte, aber auch umgekehrt, was die Japaner mit nach Europa brachten, kurz, wie diese gegenseitige Liebe auf den ersten Blick tatsächlich funktionierte. Aber beim Betrachten der Bilder wird sich die eine oder andere Frage sicher klären lassen. Unbedingt anschauen! Achtung: Montags ist die Butze zu.

Den Mut haben,

anders zu sein, denke ich manchmal, woher den nehmen? Und woher wissen, dass es nicht bloß Trotz ist oder Überheblichkeit? Ein unscheinbares Anders hinbekommen. Nicht laut, nicht schrill – aber dann: für wen? Nur um der Genugtuung willen: ich bin nicht so wie die? Nein. So kann es nicht sein. Anders zu sein, um nicht dieselben Reflexe zu zeigen, um – ? Um eigene Erfahrungen zu machen, die mehr Wert sind, als alles beigebrachte. Aber sind sie das? Und ist eine Erfahrung nicht bloß Tagesform: mit schlechter Laune so, mit guter Laune gleich ganz anders? Doch, eigene Erfahrungen zu haben lohnt, um nicht zu schnell überstimmt zu werden. Um Fragen nicht gleich über Bord zu werfen. Fragen sind wichtiger als Antworten, ich erinnere mich. Den Mut, Fragen zu haben. Ist das vielleicht ein Motto meines Lebens?

Oder was ein ewiger Buddha sagt:

„Es gibt die Zeit, auf dem höchsten Gipfel zu stehen. Es gibt die Zeit, auf dem Grund des Ozeans zu gehen.“ So fängt eines der Jugendbücher an, die gerade an meinem Bettrand liegen. Ein Satz, den ich schon so oft gehört und vermeintlich verstanden habe, bis ich gestern vor allem so deutlich vor Augen hatte, wie sehr Arbeit meine Zeit beherrscht. Sie drängelt sich vor wo sie kann, dabei ist sie längst nicht alles. Denn es ist eher so, dass, wenn die Zeit mir ist, es auch die Arbeit ist. Dagegen verliere ich Zeit, oder renne ihr hinterher, wenn ich der Arbeit, einem festen Pensum oder einem bestimmten Ergebnis nachjage. Herzrasen und Schlaflosigkeit inbegriffen. Natürlich gibt es Termine. An die halte ich mich zu gerne. Denn wenn ich etwas nicht in der verabredeten Zeit schaffe, liegt es einzig und allein auf meinen Schultern. Aber es gibt auch Tage, an denen ich die Karten anders mischen kann, wo „alles“ ins Spiel kommt, nicht nur der Job. Um auch wieder alles zu sein, ein ganzer Mensch, und nicht nur ein „Schreiberling“ – wie ich gestern mit Schrecken wieder irgendwo lesen musste… Der Ling wird zur Königin und herrscht übers eigene Reich: Alles hat seine Zeit!

Ein sehr blauer und sehr merkwürdiger Montag

Montage gab es schon ziemlich viele in meinem Leben, auch so einige blaue. Aber heute – !? Der war schon speziell mit einem strahlenden Himmel, einem eiskalten Wind und einem Blau, in dem sich jeglicher Wille zum Arbeiten augenblicklich verflüchtigte. Ich gab mich schnell und nicht ungern geschlagen. Mittags auf dem Weg zu einer Freundin dann ein Toter auf dem Bürgersteig. Ein so komisches Bild, weil enorm ungewohnt, aber sofort glasklar, „der ist tot“, so liegt keiner, der noch lebt. Zumal einige Leute ratlos daneben standen und keiner half oder sich kümmerte. Niemand schaute zu Boden, der Mann hatte die Hose runtergezogen, ein unschöner Tod, ob durch eigenes Verschulden oder durch Gewaltanwendung. Gleichzeitig das komische Gefühl, dass es gut war, ihn gesehen zu haben. Als wenn es noch irgendwas retten könnte (und wenn eben doch?). Ein vergnügliches Mittagessen mit meiner Freundin, ein kleiner Bummel noch. Auf dem Rückweg, kurz vor meiner Haustür, dann selbst fast gestorben: von einem bei rot über die Kreuzung rasenden Auto eben nur fast erwischt: 5 Zentimeter haben gefehlt. Und mein Herz tat noch stundenlang weh. Sterben an einem so strahlenden Herbsttag. Kläglich oder schnell. Vor allem doch – und gegen jede Vernunft – unerwartet.

Kindermund tut Wahres kund…

Klar, auch ich sprach als Kind ganz selbstverständlich von den „Muskeltieren“, wenn es um die französischen Mantel- und Haudegenkerle ging, die ich aus dem Fernsehen kannte. Mit Federn geschmückte Hüte, altmodische Uniformen, spitze Bärte und noch spitzere Degen, so kannte ich sie – dass sie immer gewinnen würden, war ausgemacht. Als ich ihnen neulich nach wirklich sehr langer Zeit in der Auslage einer Buchhandlung wieder begegnete, kam ich aus dem Lachen fast nicht mehr raus. Dass es mittlerweile vier und nicht mehr drei sind, passte zur Freude, zumal es sich um einen weiblichen Zugang handelt. Dass es zwei Mäuse, eine weiße Ratte und ein äußerst possierlicher Hamster sind, die mit ihren Gehirnmuskeln spielen, macht die Sache noch sympathischer. Ich wollte das Buch haben – und mit dem zweiten, gerade erschienenen Band, „Die Muskeltiere auf großer Fahrt“, ging mein Wunsch auch in Erfüllung.

Ute Krause hat sich die vier ausgedacht, nicht nur ihre Geschichten, sondern auch ihr Aussehen und das aller anderen Protagonisten der beiden Bücher, denn sie ist Autorin und Illustratorin in einem. In diesem Fall eine tolle Kombination, denn sie weiß die Bilder mit kleinen Details so auszuschmücken – wobei schmücken fast das falsche Wort ist, weil sie sich meist auf eher sparsame Bildausschnitte beschränkt – aber eben, mit den Details kommen so hübsche Ausschmückungen zu dem Text hinzu, dass es eine besondere Freude ist. Gleich das erste Bild von der Mäusehöhle der drei männlichen Muskeltieren sind mir fast die Augen übergegangen: Der Hamster schläft auf einem Schwamm (die kratzige Seite nach oben, man ist schließlich ein Held), die beiden Mäuse in ausgeleckten Sardinendosen. Die Wände zieren – klasse Idee: – Briefmarken, die wie Poster an die kargen Wände geklebt sind (und mit ihrem Zickzackrand gleich einen gebührenden Rahmen mitbringen).

Die Geschichte geht auch gleich auf der ersten Seite mit Karacho los. Macht nix, wenn man die vier noch nicht kennt, schnell legt ihnen die Autorin ein paar sehr charaktertypische Sätze ins Schnäuzchen und schon wissen wir, dass Hamster Bertram von Backenbart der Kopf der Truppe ist, dass Picandou, der stets hungrige und in die weiße Rattenlady Gryère verliebte Mäuserich, zur Ängstlichkeit neigt (hach, was das Verliebtsein angeht, das muss ein Happy End geben: Wo beide nach berühmten Käsesorten heißen!), und dass die kleine, wendige Kneipenmaus Pomme de Terre (das Kartöffelchen) clever wie alle ist und sehr dankbar, nicht mehr allein in einer verkommenen Hafenspelunke leben zu müssen.

Ihr nach dem ersten Abenteuer doch etwas geruhsames Leben nimmt neue Fahrt auf, als Ratterine Gryère mit spitzen rosa Öhrchen gehört hat, dass der Laden, in dem die Vier Unterschlupf gefunden haben, für einige Wochen schließen wird. Denn die Ladenbesitzerin, Frau Fröhlich plant eine Schiffsreise. Schlimm? Und wie! Woher soll denn jetzt das leckere Essen fast wie von selbst in die Bäuche der pelzigen Feinschmecker kommen. Laden zu heißt schließlich: kein Fressen weit und breit. Die Vier entschließen sich schnell, hüpfen in Frau Fröhliche Koffer und sind mit auf großer Fahrt.

Dass es da alles andere als geruhsam weitergeht, ist sicher nicht zu viel verraten. Gut hat mir gefallen, dass ihnen mit der Rattenbande an Bord eine eher zweifelhafte Gesellschaft begegnet, die mal für und mal gegen die Muskeltiere agiert. Zentrales Thema ist der Kontakt zwischen Mensch und Tier, in diesem Fall zwischen dem Jungen Claus-mit-C, der mit seiner nervigen Tante nach Ägypten reist und dem Muskel-Quartett. Ein No-Go eigentlich, denn Tiere verraten den Menschen nicht, dass sie denken, in diesem Fall sogar lesen und schreiben können. Ein wirklich uralter Kniff in der Kinderliteratur, der immer wieder aufs Vergnüglichste funktioniert. Ein bisschen mehr Hintergrund dazu hätte mir in diesem Fall allerdings gut gefallen, schließlich ist es gerade diese Übertretung des aus Tiersicht geltenden Tabus, die für den ersten Unfrieden zwischen der Rattenbande und unseren vier Held/innen sorgt.

Aber eben. Die Geschichte zischt mit einem solchen Tempo weiter, dass Einwände fast stören. Insgesamt hätte ich mir eine sorgsamere Sprache gewünscht, denn wo Illustrationen so punktgenau, lebendig und leichthändig daherkommen, darf die Sprache nicht schwer werden und zu hinken beginnen. Dass zum Beispiel die kleinen Nager ständig herum „witschen“ ist ein bisschen nervig. Ein, zweimal würde reichen, das Wort ist auch lustig, aber zu oft ist eben zu oft. Die Dialoge zwischen den Erwachsenen haben meist Schlagseite, was vielleicht daran liegt, dass Kinder Erwachsenengerede immer langweilig finden. Aber ein bisschen mehr Tiefe, Pepp, gerne auch Undurchsichtigkeit hätte den Großen im Buch gut getan. Umständlich hier und da auch, Erklärungen, wie oder warum zum Beispiel die kleinen Rennfelle Ägypten kennen oder Robin Hood. Ausgesprochen schön dagegen finde ich, dass Frau Bredekamp von der Buhfrau sich noch zur guten Seele entwickelt, dass raubeinige Möwen im richtigen Moment zur Stelle sind und dass zumindest hier und da der Geruch in den feinen Mäusenasen eine Hauptrolle spielt. Insgesamt eine tolle Geschichte, die mir hier und da ein wenig zu schnell ins „Alles wieder gut“ gleitet. Aber was soll’s. Ohne Happyend ginge es ja nicht weiter. Und auf die nächste Folge bin ich jetzt schon gespannt.

Ute Krause: Die Muskeltiere auf großer Fahrt. cbj 2015. Herzlichen Dank an Random House für das Rezensionsexemplar. Es geht morgen an meine Nachbarin. Sie ist acht und ich bin gespannt, wie ihr die Geschichte gefällt.