Sag‘, wie hältst Du’s mit der Kunst?

Sicher keine neue Gretchenfrage, aber eine, mit der ich mich gelegentlich rumschlagen. Wie jede gute Frage taucht sie immer wieder auf, im eigenen Leben, aber auch in meiner Arbeit als Kunsthistorikerin. Tatsächlich bin ich gespalten. Auf der einen Seite gefallen mir viele der neuen Museumsbauten. Wie Paläste sind sie gebaut, aus edelsten Materialien mit riesigen Raumfolgen, grandiosen Lichtsystemen und tollen Böden, Treppen, Aufzügen, Cafés. Aber wie alle Paläste sind sie zu groß und dann doch irgendwie alle gleich und wenn sie voll sind, ist die Hölle los. Also gehe ich kaum noch in Ausstellungen, vermisse die Bilder und frage mich: Ja, wie denn würde ich gerne Kunst betrachten? Und weil mir dazu nichts richtiges einfallen will, möchte ich Euch mal fragen: Wie betrachtet Ihr denn gerne Kunst? Oder spielt sie, zumindest als Bildende Kunst kaum noch eine Rolle in Eurem Leben? Oder eben gar nicht mal mehr im Original? Oder? Oder…

Das Foto zeigt aus rechtlichen Gründen keine Kunst, sondern Leben. Schon ziemlich abgeschrabbt und damit nach der alten japanischen Ästhetik kaum zu übertreffen. Denn da steht das Abgegriffene, Vergammelte vor jedem neuen Gegenstand. Aber dazu gibt es in den nächsten Tagen mehr.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 9

  1. Myriade 20. Oktober 2015

    Interessante Frage. Mein Favorit in puncto Museen ist ein ganz kleines Museum, die Gulbenkian-Stiftung in Lissabon. Als ich das erste Mal dort war, hat mich schwer beindruckt, dass das Gebäude den Eindruck erweckt als ob für jedes einzelne Objekt ein genau richtiger eigener Platz geschaffen worden wäre.

    Ansonsten kenne ich viele Museen schon lange und nehme die oft sehr schönen Ausstellungsräume eigentlich nur mehr als Hintergrund für Bilder oder sonstige Ausstellungsstücke wahr. Die Räume werden ja auch oft umgestaltet je nachdem was gerade ausgestellt wird.

    Aber wenn ich darüber nachdenke, so gefallen mir eigentlich die neutralen Austellungsräume am besten, zumindest für Bilder.

    Auf fachfrauliche Betrachtungen zur altjapanischen Ästhetik freue ich mich schon sehr !

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  2. Herr Ärmel 20. Oktober 2015

    Ich habe in meinem nicht allzu kurzen Leben viele Museen besucht, habe auch besondere Ausstellungen besuchen können.
    Ich stimme Ihnen schon von Ihrer Frage her zu.

    An den neuen Museen interessiert mich eher die beeindruckende Architektur als die Ausstellung an sich, weil mir irgendwann der Trubel auf den Senkel ging.
    Eines der von mir am meisten besuchten Museen ist das Unterlinden in Colmar.
    Den Isenheimer Altar dort kann man kaum noch in Ruhe sinnend anschauen. Eine ungesunde Unruhe herrscht dort ebenso wie anderswo.

    Wenn ich bei einer besonderen Ausstellung in einer langen Schlange anstehen muss, weiss ich mittlerweile, dass man mich drinnen an den ausgestellten Kunstwerken vorbeischieben wird.

    Was ich mir noch im Original anschaue, sind wirkliche Einmaligkeiten. Beispielsweise 2009 das Chateau Vauvernagues, das Paloma Picasso für einen Sommer lang geöffnet hatte, um einen Lebensort ihres Vaters dem Publikum zugänglich zu machen.
    Daneben besuche ich als Museen installierte Privathäuser von Künstlern jeder Richtung.

    Ansonsten kann ich mir mittlerweile im Internet in hervorragender Qualität Kunstschätze anschauen, in allen Details, wie mir das in der Realität garnicht möglich wäre.

    Insofern habe ich für mich einen Ausweg aus der Misere gefunden.

    Abendschöne Grüsse aus der museenreichen Bembelstadt

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  3. Stephanie Jaeckel 20. Oktober 2015

    „Bei uns werden Sie vor die Bilder geschoben.“ – Schade eigentlich, dass noch keine Werbeagentur auf diesen Spruch gekommen ist! In einem privaten Museum war ich bislang erst einmal. Irgendwie scheint mit immer die Schwelle zu hoch. Aber was für ein Quatsch. Internet werde ich wohl auch häufiger – hach, obwohl, es geht ja nix über die Stille vor einem Bild. Immerhin ist es vor meinem Rechner auch still. Und eben. Den Louvre habe ich 2007 mit dem Gedanken verlassen, wohl nie mehr zurückkehren zu können. Ich werde nämlich leider in solchen Großveranstaltungen nicht nur geschoben, sondern auch ziemlich zerdrückt. Pffff… zerknautschte Kunstbetrachtungen, da kann ich mir wirklich was besseres… Vielen Dank für die Rückmeldung und herzliche Grüße ins Bembelgeschehen!

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    • Herr Ärmel 21. Oktober 2015

      Ihren Satz: „In einem privaten Museum war ich bislang erst einmal. Irgendwie scheint mit immer die Schwelle zu hoch“ kann ich nicht nachvollziehen.
      Näher kann man einem Künstler kaum kommen, als sein als Museum hergerichtetes Haus zu besichtigen.
      Nur ein Beispiel dazu. In Cagnes-sur-Mer steht den Besuchern das Haus von Pierre-Auguste Renoir offen. Alles wurde belassen, eigentlich fehlt nur der Maler selbst. Bei einem besichtigenden Rundgang mit wenigen Besuchern ist es ruhiger als auf einer Stehparty. Anschliessend kann man im Garten zwischen den alten Korkeichen ein kleines Picknick machen und dabei etwas über Leben und Werk des Malers lesen.
      Dafür verzichte ich gerne auf manchen Museumsbesuch.

      Vielleicht versuchen Sie es dennoch einmal, die Schwelle ist niedriger als Sie Ihnen vorkommen mag.

      Morgendlichschöne Grüsse aus dem sonnigen Bembelland

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  4. mannigfaltiges 21. Oktober 2015

    Myriade hat recht, das Gulbenkian in Lissabon kenne ich auch und es stimmt, das Gebäude ist für die Sammlung (Sammelsurium?) des Herrn Gulbenkian, ohne Schnickschnack drumherum gebaut worden. Wir waren seinerzeit die einzigen Besucher. Ich mag es so.
    Ein Schlange vor einem Bild – ich mach einen Bogen. Im Louvre die ML -leider nicht gesehen. Im Orsay viele Highlights nicht gesehen. Aber es bleiben die kleinen Entdeckungen, die nicht so berühmten, vor denen man in Ruhe seinen Gedanken nachhängen kann. Das ist schön und reicht mir.
    Für den Rest gibt es wunderschöne Bildbände und (nur für den kurzen Überblick) das Netz.
    LG Erich

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  5. Myriade 21. Oktober 2015

    Es ist trotz allem Trubel und Geschiebe aber doch immer wieder ein Erlebnis ein Bild im Original zu sehen.Ich versuche immer antizyklisch unterwegs zu sein und habe die Erfahrung gemacht, dass Wochentags um die Mittagszeit ein sehr guter Zeitpunkt für Ausstellungsbesuche ist. Gruppentouristen essen meistens um die Zeit. Ob sie wollen oder nicht 🙂 Aber selbst muss man dann auch Zeit haben ….

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  6. Stephanie Jaeckel 21. Oktober 2015

    Erst mal ein herzliches Danke an die Kommentator/innen. „Eigentlich fehlt nur der Maler selbst…“ – das ist so hübsch, dass ich am liebsten sofort nach Frankreich reisen würde. Aber ich merke mir das und will mehr auf solche Häuser achten. Das antizyklische Auftauchen ist dagegen oft echt schwer. Zumal in der Mittagszeit immer noch mit Schulklassen zu rechnen ist. Es gab in den 1990er Jahren in einigen Häusern gelegentlich Abendöffnungszeiten. Da konnte man wahre Wunder erleben. Ab 20:00 waren die Museen leer. So habe ich mal einen Abend im Louvre fast alleine verbracht und gehöre wahrscheinlich zu den eher wenigen Menschen, die ein tete-à-tete mit der Mona Lisa hatten. Aber das ist alles längst vorbei. Nun, ich werde mich mal wieder umsehen. Im Herbst ist ein Museumsbesuch ja auch was Schönes. Mal sehen, was mich erwartet.

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