Wenn ich den Wetterbericht richtig lese, ist jetzt Schluss mit der strahlenden Herbsteuphorie. Es war so was von klasse! Letzte Woche in München dachte ich noch, wir hätten Sommer! Aber jetzt werden wieder Mützen gebraucht. Tschüss, du toller Herbst! So einen wie dich habe ich lange nicht mehr erlebt. Allen anderen auch einen schönen Feierabend. Auch wenn der nicht ein Dreivierteljahr dauern wird…
Manchmal
muss man seine wichtigsten Lebensprojekte gegen die Wand fahren, um wieder klar zu sehen. Ein Trost? Zumindest kein Fall von Versagen. Alles hat zwei Seiten. Auch die besten Ideen. Oder, um es kompliziert zu machen: alles ist im Grunde dasselbe. Eins. Also, entspannen, durchatmen, meinetwegen Krönchen richten. Und mit offenen Augen weiter gehen. Ihr werdet schon sehen…
Neulich, zwischen Himmel und Erde
Nein, das ist kein Karibikstrand. Das ist der Himmel über Berlin an einem wirklich arg grauen Niesel-November-Tag. Und keiner guckt hin. Im Flugzeug sitzen alle busy über ihre Lektüren gebeugt. Aber ich kann mich nicht satt sehen. Obwohl ich eigentlich lieber am Gang sitze (aber wer meckert schon, wenn Streik ist???) – Ansonsten hatte ich ein echtes Seh-Erlebnis in der Neuen Pinakothek. Ich stand vor drei Bildern, die Vincent van Gogh in den Jahren 1888-90 gemalt hat. Zwei Landschaften und eines der berühmten Sonnenblumenstillleben. Drei Bilder im selben Format: 92*73 bzw. 73,5 cm. Es sagt nicht viel, vielleicht, dass van Gogh auf bereits fertig aufgezogenen Leinwänden gemalt hat. Aber – das überhaupt zu sehen! Es war wie eine plötzliche Erleuchtung. Weil? Bilder im Grunde das Format sprengen. Es ist wie mit der Fernsehkiste. Im Grunde ist es egal, wie groß der Bildschirm ist, man hat das Bild eigentlich immer groß vor Augen, zumindest wenn einen die Sendung oder der Film begeistert. Auch gemalte Bilder sprengen den Rahmen. Natürlich gibt es welche, bei denen man erstaunt ist, wie klein sie sind. Aber beim Davorstehen wachsen sie dann doch wieder. Außerdem waren es hier Landschaften und Stillleben, d.h. ganz andere Welt-Aussichten, die ich meist eh nicht als gleich große Formate wahrnehme. Erst als ich weiter hinten im Raum stand – jaja, liebe Leute, echte van Goghs (insgesamt vier) und keine (!) Besucher: war ja „nur“ die Sammlung und keine Ausstellung – konnte ich die gleichen Formate bemerken. Wie gesagt, keine spektakuläre Einsicht. Mich hat sie trotzdem fast umgehauen. Und dann Cézanne, aber davon später mal.
So lasse ich mir den November gefallen
Grüße aus der Klunkerpause!
Passivität
hat einen schlechten Ruf. Schon im Deutschunterricht wird einem nahegelegt, so genannte Passiv-Konstruktionen zu vermeiden. Zu schwammig das Ganze. Und überhaupt, wo bleibt den da die „action“? Das Wort lädt zum Unbehagen ein, es kommt aus dem Französischen und wird mit „erleiden“, „erdulden“ konnotiert. Aber natürlich gibt es Situationen, wo uns Passivität nahe gelegt wird. Weil die Entscheidung noch nicht gefällt ist, und vor allem nicht von uns. Oder weil es noch zu viele Unwägbarkeiten gibt, noch etwas Zeit, noch zu viele Bedenken. Vielleicht aber ist dieses leichte Dösen, noch nicht Entscheiden etwas anderes, eher so wie das Spannen eines Bogens, wo nur der richtige Moment oder die eigentliche Reaktion vorbereitet wird. Auf der Lauer liegen. Getarnt als Getrödel, Manchmal auch vor sich selbst: Hach, ich hab‘ ja heute wieder gar nichts getan…! Nee, weil morgen gestreikt wird bei Lufthansa und ich – warten oder was tun oder? Wait and see, sagen die Engländer/innen und trinken einen guten heißen Tee dabei. Ich denke, ich koche noch mal Wasser. Und bin gespannt – im wahrsten Wortsinn -, durch welches Türchen ich nach München komme.
Ein Plädoyer fürs Träumen
„Auch ein Kind, das in Armut aufwächst, empfindet etwas vom Glanz des Lebens. Das Elend beginnt, wenn die Gewöhnlichkeit über es hereinbricht. Gegen äußere Armut ist das Kindergemüt immun, doch der Lähmung durch die Niedrigkeit der Gesinnungen hat es nichts entgegenzusetzen, es sei denn, ihm gelingt die Flucht in die Träumerei.“
So schreibt Peter Sloterdijk in seinem Tagebuch „Zeilen und Tage“ auf S. 270. Träume als Fluchtort für Kinder, die noch Jahre warten müssen, bevor sie auf den eigenen Beinen der Misere entkommen können – falls sie dann noch Mut für den Aufbruch finden. Träume in diesem Sinn gerade nicht als Schäume, sondern als probates Rückzugsgebiet für die Schwächeren. Oder als eine Art Inkubationszeit für ein wirklich glänzendes Leben – oder zumindest ein eigenes. Warum nicht wieder mehr auf Träume hören? Und vor allem: Kindern den Glanz des Lebens zeigen (als eine wichtige Aufgabe von Erwachsenen).
Gibt es überhaupt Biografien?
Je länger der Mensch auf der Erde weilt, desto unsicherer werden die Beweise für die jeweilige Existenz. So wissen wir mittlerweile, dass selbst eigene Erinnerungen „Fälschungen“ sein können, und wer, wenn nicht wir, soll wissen, wie unsere Tage verlaufen und welche Wege tatsächlich eingeschlagen worden sind? Pierre Bourdieu schrieb 1990 klipp und klar: Es gibt keine Biografien. Beziehungsweise schrieb er es präziser, ganz so, wie es die aktuelle Wissenschaft jetzt beschreibt: Die Biografie ist eine Illusion. Allerdings ging es Bourdieu nicht um fehlerhafte Erinnerungen, sondern um den Versuch an sich, ein Leben als eine einzigartige Abfolge verschiedenster Ereignisse zu beschreiben, allein weil sie an ein bestimmtes Subjekt gebunden sind. Das jeweilige Subjekt war ihm zu wenig. Er meinte, wenn er eine Metro-Strecke erkläre, könne er das eben auch nur, wenn er das gesamte Streckennetz vor Augen habe.
An diesen Punkt kommt sicher jeder, der oder die über sein Leben oder das seiner/ihrer Lieben nachdenkt. Wer versucht hat, autobiografische Texte zu schreiben, wird mit den schwierigen Fragen nach Kausalität, Zufall oder Eigendeutung konfrontiert gewesen sein. Als Kunsthistorikerin schreibe ich jeden Monat mindestens fünf Biografien. Relativ kurze, sehr am jeweiligen beruflichen Werdegang der Menschen orientiert. Und jedes Mal staune ich wieder über die Verästelungen des Lebens, und über unsere schmalen Möglichkeiten, solche Lebenswege nachzuzeichnen. Manchmal wünschte ich, es bei Stichworten belassen zu können. Manchmal denke ich auch, die Dinge oder Ideen wandern eben nur so durch die Leute durch. Aber dann denke ich auch wieder: vielleicht nicht. Und was für Universen (zum Beispiel):
Kunsthandwerker – Keramiker – Bildhauer – Art Déco – Zierkeramik – Innenraumgestaltung – Handspiegel – Designer – Entwürfe – Schnitzartikel – Möbel – Auktionen
Pseudonym – wohlhabende Familie – Unterricht – Gedichte – Fürstenfamilie – Gelehrte – Handschrift – Kalligraphie – abstrakt
Maler – Assistent – Bühnenbildner – Auszeichnungen – Landschaften – Stil – Werkstatt – Expressionismus – Farbgebung
Je länger ich Biografien schreibe, desto unsicherer werde ich, ob es sie überhaupt gibt. Zum Glück sind wir schon bei P- angelangt…
Ab ins Wolkenkuckucksheim!
Den Ausflug gönne ich mir, wo die Lufthansa womöglich meinen kleinen Wochenendurlaub zerstreikt und mal wieder Pegida-Montag ist. Heute ohne mich. Nur noch das. Im Englischen heißt es fast noch charmanter: Cloud-Coockooland!
Du bist mir sowas von un/sympathisch!
Alles weist darauf hin, dass es mit der Sympathie ganz ähnlich ist wie mit der Liebe auf den ersten Blick. Schicksal, möchte man denken. Zumindest geht es ratzfatz und danach ist es schwer, von der scheinbar durch Stromschlag zustande gekommenen Verbindung/Störung wieder auf „normale“ Bahnen zu kommen.
Dass es sich bei der Sympathie um keine bewusste Entscheidung handelt, haben wir alle früher oder später in unserem Leben gemerkt. Dass wir P. seine Unpünktlichkeit durchgehen lassen, während sie uns bei A. stört, dass wir B. stundenlang zuhörend, während E. schon nach zehn Minuten nervt – das lässt sich kaum begründen, auch wenn wir felsenfest davon überzeugt sind. Wer uns sympathisch ist, so vermuten wir, ähnelt uns, muss also liebenswert sein (haha, aber so ähnlich funktioniert es, wenn ich das richtig verstanden habe). Auch glauben wir bei sympathischen Menschen mehr oder weniger automatisch, dass sie uns auch mögen. Was allerdings ein Fehler – und sehr enttäuschend – sein kann. Wer Psychologen fragt, bekommt entgegengesetzte Antworten: Ähnlichkeit kann zur Sympathie führen, aber auch geradewegs zum Gegenteil. Dann nämlich, wenn die Ähnlichkeiten da liegen, wo man sich selbst nicht leiden kann. Bei Unähnlichkeiten ist es dasselbe Lied: Entweder bezaubert mich die Fremdheit des Anderen oder ich fürchte sie und fühle mich in meinem Selbstverständnis bedroht. Bei mir spielt das Aussehen eine große Rolle. Wen ich attraktiv finde, schenke ich meine Sympathien eher. Ganz schön ungerecht – oder?
Auch mit grundsätzlichen Charaktereigenschaften komme ich nicht wesentlich weiter. Natürlich finde ich Geiz, Verbissenheit, Schadenfreude, Besserwisserei und Rücksichtslosigkeit mega unsympathisch. Aber wer hätte das nicht alles schon dem besten Freund oder der besten Freundin durchgehen lassen? Also was jetzt?
Vor allem keine Panik. Sympathie gehört wohl zu den so genannten „Bauchgefühlen“, die wir als Bauchträger nun mal haben. Schwierig wird es, wenn unsere Sympathien immer wieder an Menschen geraten lassen, die beim besten Willen nicht zu uns passen. Oder wenn wir merken, dass uns immer weniger Menschen sympathisch sind. Wer um sich herum mehr und mehr Geisterfahrer sieht, sollte sich daran erinnern, dass Sympathien zwar nicht bewusst sind, sie aber stets etwas mit uns zu tun haben. Vorurteile leiten uns hier, die wir im Laufe des Lebens gebildet haben. Zu recht und gelegentlich auch zu unrecht. Vorurteile schütteln, um zu neuen Urteilen zu kommen, ist vielleicht ein wichtiger Aspekt von Toleranz. Was bietet sich besser an, als eine neue Woche, um mal mit dem Ausschütteln zu beginnen!?
Frauen, Freunde + Bücher
Das, so schreibt Montaigne, seien im Leben eines Mannes die Garanten fürs Glück. Für Frauen galt das in seiner Zeit nicht so, auch wenn man Frauen in der Aufzählung mit Männern ersetzen würde. Denn Frauen konnten anno dazumal noch nicht lesen (oder eben nur wenige – und wenn, dann höchstens Französisch oder eine jeweils andere Landessprache). Frauen und Freunde, so schreibt Montaigne weiter, seien in jedem Leben – auch – Glücksfälle. Schließlich wachsen sie nicht auf Bäumen. Bücher natürlich auch nicht. Aber die gibt es je in größerer Auflage und hat man sich in eines verguckt, kann man es kaufen, oder zumindest ausleihen. Schön, und für viele Leserinnen und Leser nach wie vor wahr, dass Bücher Freund/innen werden können. Manchmal für ein Leben lang. Zumal sie niemals eifersüchtig werden und es einem auch nicht verübeln, wenn man sie zur Seite legt, wenn ein Freund oder eine Freundin das Zimmer betritt. In dieser Hinsicht sind sie noch treuer als Hunde oder Katzen. Lange Leseabende haben wir ja jetzt wieder genug. Aber ich will nicht verschweigen, dass es immer noch enorme Lichtexplosionen gibt, draussen, hervorgebracht von der Herbstsonne und einem sich sehr zurückhaltendem Wolkenballett. Morgen gleich noch einmal, sagt der Wetterfrosch, und: Spazieren gehen!









