Also, wenn Du schon nachmittags um kurz vor vier geheimnisvoll über rosa verschwimmst – wie soll ich nach so viel Dunkelheit noch wach sein? Heute keine weiteren Klunker – schlaft gut.
Schönheit
ist wohl das, was Menschen am meisten berührt. Und auch, wenn sich nicht einmal zwei auf eine Schönheit einigen können, gilt: großes Schönes kann uns begeistern und mehr noch – uns neue Wege weisen. Ein Lob auf die Schönheit! Und dass wir sie nie aus den Augen verlieren. Denn am Ende ist unser Blick für Schönes nichts anderes als Liebe. Und die braucht es dringend nötig in unserer Welt.
Ein sehr persönlicher Lobgesang auf den Computer
Nee, eigentlich habe ich von Anfang an Rechner gesagt. Dass ich so früh einen hatte (einen Atari!), war Zufall, oder – ehrlicher gesagt – Geldnot. Es hätte eine elektrische Schreibmaschine auf den Tisch gemusst. Aber auch die waren Mitte der 80er Jahre noch sauteuer. Und dann war der Schritt zum Rechner nicht ganz so groß. Zumindest nicht, wenn man, wie ich damals, einen Physiker-Freund hatte. Im Grunde verdanke ich ihm meine frühe Bekanntschaft mit der Supertastatur, ich alleine hätte sicher noch 20 Jahre mit der ersten Anschaffung gewartet (also, danke Jörg!). Jörg hat mir alles eingerichtet und mit großer Geduld erklärt. Ich habe meist wenig kapiert und – das geht mir bis heute so – immer erst bei der nächsten, verbesserten Version verstanden, wie es vorher (so ungefähr) ging.
Der Rechner war eine Offenbarung. Nein. Ich habe nicht mit ihm gespielt. Zum Programmieren war ich zu ängstlich, alles andere war außerhalb meines Radius. Aber das Schreiben in einen Bildschirm hinein veränderte mein gesamtes Denken. Bis dato nämlich hatte ich enorme Schreib- und damit auch Denkblockaden (Schreiben und Denken geht bei mir weitestgehend in Eins). Ich mochte meine Handschrift noch nie besonders. So dass ein von mir beschriebenes Blatt bei mir eher den Reflex des Wegwerfens auslöste als des Wiederlesens. Am schlimmsten war es, wenn ich mir Notizen machen wollte und dauernd irgendwas durchgestrichen habe. Wie oft habe ich Notizzettel (= Notizzettel!!!) neu geschrieben, weil mich ihr Anblick in den Wahnsinn trieb. Das graue Flimmern des Bildschirms damals hat mich gerettet. Denn hier konnte alles auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ein Tastendruck reichte.
Und es kam ganz anders, als vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Nicht saß ich dauernd vor einem leeren Bildschirm, weil ich alles wieder ausstrich. Nein, so peu à peu kamen die Gedanken, ließen sich erst mal aufreihen, dann umstellen, dann ausformulieren. Und weil alles Ungenaue, Blöde so schnell zum Verschwinden gebracht werden konnte, wurde ich mutiger. So dass ich plötzlich mehr schrieb, als eigentlich nötig. Einen Nachteil hatte diese Affinität dann aber doch: Dinge, die sich im Grunde nur per Hand schreiben, Tagebucheinträge, Liebesbriefe, das schnelle Notieren von Einfällen: nun, das fiel weitgehend weg. Bis heute (na, zumindest das Notieren von Einfällen geht wieder). Was soll ich sagen? In einer Zeit der Papiernot wäre ich wahrscheinlich Analphabetin geblieben. Denn es scheint, dass ich unendlich viel Platz brauche, um meine Sätze über den Umweg eines Druckers auf Papier zu kriegen. Also hiermit meine Liebeserklärung an den Computer! Ohne Dich, mein Schatz, wäre gar nix. Oder wahrscheinlich: was ganz anderes…
Träume: Romane unserer Wirklichkeit?
Als ich gestern aus einem Traum wie einem 1000-Seiten-Wälzer aufwachte, dachte ich, es würde Monate dauern, das Geträumte auch nur annähend aufzuschreiben. Vorausgesetzt die Unmöglichkeit, dass ich mir die Details des Traums allesamt bis zum Ende der Notiz würde merken können. Der Traum verdichtet und verrätselt und ist dabei voll wie das Leben selbst. Manchmal kann ich als Träumende den Handlungen, die eher Vollzüge heißen sollten, weil kaum jemand zu handeln, sondern sich alles auf wundersam unerklärliche Weise zu vollziehen scheint, kaum folgen und auch nur ein Blick auf eine so nie gesehene Landschaft, ein so noch nie gebautes Haus, oder Menschen, die ich weder kenne noch je kennenlernen werde, würde Seiten in Anspruch nehmen. Dreht das Hirn da mal so richtig auf? Wird alles zusammen gemixt, was je durch Gedanken flimmerte? Ist der Traum die künstlerischste und verwegenste Collage der Menschheit – oder zumindest jedes einzelnen Menschen? Träume sind in ihrer Verdichtung tatsächlich so etwas wie Romane – in ihrer merkwürdigen Folg-Losigkeit, ihren labyrinthischen Wegen und Überfüllen gleichzeitig ein Abbild der „ungefilterten“ Realität. Ist ein Traum in diesem Sinn eine Art kontur- oder sinnlos verdichtete Über-Realität? Als Traumdeuterin versage ich nach wie vor. Obwohl sich hier und da ein Aha! ergab und ich mir nichts sehnlicher wünsche, als den Schlüssel zu finden. Denn Träume sind ungemein starke Bilder. Und nicht zu vergessen: Gefühle! Was bloß fange ich mit diesen Schätzen an. Wie geschrieben, an ein Erinnern oder Notieren ist gar nicht zu denken. Aber vielleicht reichen einzeln herausgepickte Momente, um – was bloß? Habt Ihr einen Kompass für Eure Traumwelt? Einen, der funktioniert?
Die Generation mit dem Lenor-Schatten
Da kann die Wäschen noch so blütenweiß sein, die Wohnung geputzt und die Arbeit erledigt. Wohin ich in den letzten Wochen gehört habe – und ich meine damit verschiedenste Telefonate mit verschiedensten Freundinnen – überall wacht das schlechte weibliche Gewissen über zu viel der guten Laune. Was ist denn da los, dachte ich mir? Winterdepression im Werbeformat der 70er? Immer noch Putzzwang? Eine kollektive Macke vielleicht?
Tatsächlich habe ich einen Verdacht. Einen Mütterverdacht. Ich bin schließlich auch mit einem riesigen schlechten Gewissen aufgewachsen. Je größer ich wurde, je selbständiger, je vernünftiger, desto mehr wuchs auch das schlechte Gewissen. Am Ende war es immer der Sieger. Da muss was falsch gelaufen sein. Ist es vielleicht ein vorsorglich implementiertes Gewissen, das unsere Mütter so gar nicht hatten, aber bei uns Mädchen gut aufgehoben fanden? Natürlich waren sie die Kinder des Krieges, natürlich hatten sie das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben (wenn auch meist zu Unrecht), natürlich mussten sie irgendwie vorsorgen. Meine Mutter zum Beispiel hat ziemlich geflunkert und eigentlich alles gemacht, was sie mir verboten und mit schlimmsten Gewissensbissen gespickt hat. Und viele meiner Freundinnen rennen herum, racken sich ab und haben immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie eben abends nicht auch noch backen, einkochen, Partys schmeißen oder die dritte oder vierte Fremdsprache lernen. Der Lenor-Schatten, der durch unsere Kindheit geisterte, kommt mir da in den Sinn. Ist das so eine Art kollektives Phantom? Haben jüngere Generationen damit weniger zu tun? Und – können wir den Geist wieder zurück in seine Flasche locken?
quecksilbrig
Klar – oder? Die Sache ist eine für Quacksalber. Wer verquickt (weder rührt noch schüttelt), mischt für alle Zeiten. Einmal zusammen geschüttet geht nichts mehr auseinander, und: entweder gibt’s eine feine Legierung oder einen verquollenen Mischmasch. Frage jetzt besser keiner, was ich damit sagen will. Dass es manchmal zu übereilten Verquickungen kommt? Dass es Meister/innen der Verquickung gibt, und solche, die die Finger davon lassen sollten? Dass es ein unlauteres Geschäft ist, so in etwa wie Wein aus Wasser zu gewinnen oder Gold aus Sand? Hüte dich, Kind. – Oder werde ein Meister. Wer alles trennt, ist wahrscheinlich eine Art Purist. Wer verquickt ein Alchimist: neugierig oder närrisch. Was spricht wofür? Und was dagegen?
Dauer oder Intensität?
Grundsätzlich messen wir das Leben in der von uns gemachten Zeit, in Jahren, Monaten, Wochen. Doch wenn wir ehrlich sind, ficht uns die Zeit selten an. Ein Tag kann so oft er will 24 Stunden zählen. Kein Tag mag uns vorkommen wie der andere, auch wenn wir in schlimmen Hamsterrad-Zeiten genau das behaupten. Vílem Flusser schlug eine Art Kurve vor, die die Intensität eines Lebens darstellen und eine Biografie schlüssiger begreifen lasse als ein Zeitmaß. Er wies darauf hin, dass die – biologisch vorgegebene – höchste Intensität in der Kindheit jedes Menschen entsteht, und es die Aufgabe beim Älterwerden sei, eine solche Dichte des Lebens zu halten – oder zumindest nicht abzuschlaffen. Schwierig allemal, sich das Wiederholende intensiv zu halten. Aber wahrscheinlich gibt es Tricks (und den angeborenen Vorteil eines schlechten Gedächtnisses…). Flusser sagt später noch: „Wer seine Biografie erzählt, hat nicht gelebt.“Ich bin unschlüssig. Kann – und sollte man – an der Intensität seines Lebens drehen? Und – ja, das dann doch: meine eigene Biografie möchte ich tunlichst nicht schreiben. Lieber immer nach vorne schauen.
Vor 100 Jahren
wurde sie aus der Taufe gehoben, beziehungsweise patentiert, wie für neue Gegenstände üblich. Etwas runder in den Hüften und gedrungener (hej, unsere Modells messen mittlerweile auch einsneunzig und haben kaum noch Kurven) – die gläserne Coca-Cola-Flasche. Schön ist sie bis heute. Warum auf diesem schwedischen Exemplar „Polaren“ steht, konnte ich nicht herausfinden. Immerhin gab es zwei Eiswürfel dazu. Auf der Originalflasche stand Coca-Cola. Ins Glas gepresst. Die rote Banderole kam wohl erst später. Aber egal, ob Polaren, Mezut Özil oder Knut draufsteht, die Flasche zeigt an, was drin ist, so braun wie Nutella und eine ebenso heftige Kindheitserinnerung.
„Gedichte eichen unseren Kompass“,
so schreibt Christoph Buchwald, seit 30 Jahren Herausgeber des „Jahrbuchs der Lyrik“, in dem aktuellen Band für 2015. Zusammen mit Nora Gomringer hat er aus knapp 7.000 Einsendungen diese Ausgabe zusammengestellt und in 6+1 Kapitel verteilt. +1, weil das letzte sich um die (gelungene) Übersetzung ausländischer Gedichte ins Deutsche dreht. Ich habe mich schwer getan, dieses Buch zu bestellen, denn obwohl ich Lyrik schätze, lese ich sie fast nicht. Ich wollte mich ins kalte Wasser stürzen, das gefühlt um so kälter ist, als ich zeitgenössische Autor/innen dieser ältesten Gattung fast nicht kenne.
Buchwald nennt Gedichte einen Kompass. Und das stimmt, obwohl sie oft wie Blitze aus heiterem Himmel in unseren Alltag krachen. Je mehr Blitze, desto wacher die Augen und Ohren – und um so besser die Orientierung, würde ich mal salopp formulieren. Gedichte können Halt geben. Nicht wenige Gefangene aus Kriegen und Diktaturen haben sich an Gedichten festgehalten, wenn die Realität nicht mehr auszuhalten war. Merkwürdig, dass eben ausgerechnet Lyrik heute einen eher zwielichten Ruf hat als flattriges, kokett-flüchtiges, lustig-lockeres Medium, ohne Ernst und Bodenhaftung. Dabei…
Ich habe nicht von vorne nach hinten gelesen, sondern die Kapitel kreuz und quer (nicht alle, aber davon später). Die Kapitelüberschriften sind äußerst poetisch (kein Wunder, sind sie doch, wie man beim Lesen eines Kapitels versteht, stets eine Zeile oder ein Wort aus einem dort abgedruckten Gedicht), verrieten mir aber wenig über den zu erwartenden Inhalt. Ich habe sogar laut gelesen. Allerdings nicht lange. Zu viel Gefrickel. Zu wenig Überraschung. Und nur ein Gedicht, das mir wirklich ins Gesicht gesprungen ist. Und mir seine befremdlichen Bilder (aber dann kennst du eben doch alle haargenau) tief in den Gehörgang (meinetwegen auch direkt ins Gehirn) gedrückt hat: „Fingernägel“ von Arne Rautenberg.
Eins aus 7.000. War wohl ein schlechtes Jahr und ich begreife, warum (zeitgenössische) Lyrik einen miesen Ruf hat. Ein Gedicht, möchte man den Schreibenden zurufen, ist nicht nur eine verrätselte (oder mit der Nagelschere verschnittene) Textstruktur. Keine Worthuberei. Kein geschmackvoller Schwenk von links nach rechts. Schon lange keine vor Individualität strotzende Wörterparade. Ein Gedicht (zu schreiben) bedarf Mut. Mit Karacho ins freie Feld zu rennen oder gegen die Wand. Ein großes Ich ist da eher hinderlich (mindert das Tempo).
Dennoch gefällt mir die Idee von einem Jahrbuch der Lyrik. Wer ehrlich ist, stellt halt 149 schlechte Gedichte zusammen, oder sagen wir 140, das von Rautenberg ist schließlich gut und auch die von Herta Müller oder Elke Erb. Ich habe diesen Band nach 4 Kapiteln weggelegt. Bin mir aber sicher, das nächste Jahrbuch 2016 wieder zu bestellen. Denn Lyrik ist – auch wenn sie schlecht ist – ein tolles Zeug – Zündstoff für alle möglichen Kapriolen (im und außerhalb des Kopfes). Ein nicht so überragendes, aber dennoch wichtiges Buch. Macht Appetit auf Kommendes.
Buch der Lyrik 2015. Hrsg. von Christoph Buchwald und Nora Gomringer. Deutsche Verlags-Anstalt 2015.
Ich danke Random-House herzlich für das Rezensionsexemplar.
liberté, égalité, fraternité
nous sommes unis.







