Die Generation mit dem Lenor-Schatten

Da kann die Wäschen noch so blütenweiß sein, die Wohnung geputzt und die Arbeit erledigt. Wohin ich in den letzten Wochen gehört habe – und ich meine damit verschiedenste Telefonate mit verschiedensten Freundinnen – überall wacht das schlechte weibliche Gewissen über zu viel der guten Laune. Was ist denn da los, dachte ich mir? Winterdepression im Werbeformat der 70er? Immer noch Putzzwang? Eine kollektive Macke vielleicht?

Tatsächlich habe ich einen Verdacht. Einen Mütterverdacht. Ich bin schließlich auch mit einem riesigen schlechten Gewissen aufgewachsen. Je größer ich wurde, je selbständiger, je vernünftiger, desto mehr wuchs auch das schlechte Gewissen. Am Ende war es immer der Sieger. Da muss was falsch gelaufen sein. Ist es vielleicht ein vorsorglich implementiertes Gewissen, das unsere Mütter so gar nicht hatten, aber bei uns Mädchen gut aufgehoben fanden? Natürlich waren sie die Kinder des Krieges, natürlich hatten sie das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben (wenn auch meist zu Unrecht), natürlich mussten sie irgendwie vorsorgen. Meine Mutter zum Beispiel hat ziemlich geflunkert und eigentlich alles gemacht, was sie mir verboten und mit schlimmsten Gewissensbissen gespickt hat. Und viele meiner Freundinnen rennen herum, racken sich ab und haben immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie eben abends nicht auch noch backen, einkochen, Partys schmeißen oder die dritte oder vierte Fremdsprache lernen. Der Lenor-Schatten, der durch unsere Kindheit geisterte, kommt mir da in den Sinn. Ist das so eine Art kollektives Phantom? Haben jüngere Generationen damit weniger zu tun? Und – können wir den Geist wieder zurück in seine Flasche locken?

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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