Ein sehr persönlicher Lobgesang auf den Computer

Nee, eigentlich habe ich von Anfang an Rechner gesagt. Dass ich so früh einen hatte (einen Atari!), war Zufall, oder – ehrlicher gesagt – Geldnot. Es hätte eine elektrische Schreibmaschine auf den Tisch gemusst. Aber auch die waren Mitte der 80er Jahre noch sauteuer. Und dann war der Schritt zum Rechner nicht ganz so groß. Zumindest nicht, wenn man, wie ich damals, einen Physiker-Freund hatte. Im Grunde verdanke ich ihm meine frühe Bekanntschaft mit der Supertastatur, ich alleine hätte sicher noch 20 Jahre mit der ersten Anschaffung gewartet (also, danke Jörg!). Jörg hat mir alles eingerichtet und mit großer Geduld erklärt. Ich habe meist wenig kapiert und – das geht mir bis heute so – immer erst bei der nächsten, verbesserten Version verstanden, wie es vorher (so ungefähr) ging.

Der Rechner war eine Offenbarung. Nein. Ich habe nicht mit ihm gespielt. Zum Programmieren war ich zu ängstlich, alles andere war außerhalb meines Radius. Aber das Schreiben in einen Bildschirm hinein veränderte mein gesamtes Denken. Bis dato nämlich hatte ich enorme Schreib- und damit auch Denkblockaden (Schreiben und Denken geht bei mir weitestgehend in Eins). Ich mochte meine Handschrift noch nie besonders. So dass ein von mir beschriebenes Blatt bei mir eher den Reflex des Wegwerfens auslöste als des Wiederlesens. Am schlimmsten war es, wenn ich mir Notizen machen wollte und dauernd irgendwas durchgestrichen habe. Wie oft habe ich Notizzettel (= Notizzettel!!!) neu geschrieben, weil mich ihr Anblick in den Wahnsinn trieb. Das graue Flimmern des Bildschirms damals hat mich gerettet. Denn hier konnte alles auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ein Tastendruck reichte.

Und es kam ganz anders, als vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Nicht saß ich dauernd vor einem leeren Bildschirm, weil ich alles wieder ausstrich. Nein, so peu à peu kamen die Gedanken, ließen sich erst mal aufreihen, dann umstellen, dann ausformulieren. Und weil alles Ungenaue, Blöde so schnell zum Verschwinden gebracht werden konnte, wurde ich mutiger. So dass ich plötzlich mehr schrieb, als eigentlich nötig. Einen Nachteil hatte diese Affinität dann aber doch: Dinge, die sich im Grunde nur per Hand schreiben, Tagebucheinträge, Liebesbriefe, das schnelle Notieren von Einfällen: nun, das fiel weitgehend weg. Bis heute (na, zumindest das Notieren von Einfällen geht wieder). Was soll ich sagen? In einer Zeit der Papiernot wäre ich wahrscheinlich Analphabetin geblieben. Denn es scheint, dass ich unendlich viel Platz brauche, um meine Sätze über den Umweg eines Druckers auf Papier zu kriegen. Also hiermit meine Liebeserklärung an den Computer! Ohne Dich, mein Schatz, wäre gar nix. Oder wahrscheinlich: was ganz anderes…

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. Stephanie Jaeckel 22. November 2015

    Freut mich zu hören. Denn einigen, denen ich davon erzählt habe, rümpften die Nase. Scheint so, als wenn nur die Handschrift (die ich im Grunde auch verteidige, ich meine, Kinder sollten schon mit dem Stift schreiben lernen, nicht bloß mit der Tastatur) wahre Gedanken erbringe. Bei mir kam es eben anders und heute kann ich meine handschriftlichen Notizen soweit ertragen, dass ich sie nicht mehr gleich wegwerfe ;-)…

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  2. papiertänzerin 23. November 2015

    … ich reihe mich ein, ja, auch ich mag meine Handschrift überhaupt nicht und denke gern beim Schreiben am Rechner. Ich mag nicht nur die Löschfunktion, sondern vor allem die leichte Distanz (das Tippen, den hell leuchtenden Bildschirm, die ordentlich aufgereihten Buchstaben, das Layout), all das schiebt sich zwischen mich und meine chaotische Gefühlswelt, bringt auf geheimnisvolle Weise Ordnung und Struktur in meinen Gedanken- und Schreibfluss…

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