„Gedichte eichen unseren Kompass“,

so schreibt Christoph Buchwald, seit 30 Jahren Herausgeber des „Jahrbuchs der Lyrik“, in dem aktuellen Band für 2015. Zusammen mit Nora Gomringer hat er aus knapp 7.000 Einsendungen diese Ausgabe zusammengestellt und in 6+1 Kapitel verteilt. +1, weil das letzte sich um die (gelungene) Übersetzung ausländischer Gedichte ins Deutsche dreht. Ich habe mich schwer getan, dieses Buch zu bestellen, denn obwohl ich Lyrik schätze, lese ich sie fast nicht. Ich wollte mich ins kalte Wasser stürzen, das gefühlt um so kälter ist, als ich zeitgenössische Autor/innen dieser ältesten Gattung fast nicht kenne.

Buchwald nennt Gedichte einen Kompass. Und das stimmt, obwohl sie oft wie Blitze aus heiterem Himmel in unseren Alltag krachen. Je mehr Blitze, desto wacher die Augen und Ohren – und um so besser die Orientierung, würde ich mal salopp formulieren. Gedichte können Halt geben. Nicht wenige Gefangene aus Kriegen und Diktaturen haben sich an Gedichten festgehalten, wenn die Realität nicht mehr auszuhalten war. Merkwürdig, dass eben ausgerechnet Lyrik heute einen eher zwielichten Ruf hat als flattriges, kokett-flüchtiges, lustig-lockeres Medium, ohne Ernst und Bodenhaftung. Dabei…

Ich habe nicht von vorne nach hinten gelesen, sondern die Kapitel kreuz und quer (nicht alle, aber davon später). Die Kapitelüberschriften sind äußerst poetisch (kein Wunder, sind sie doch, wie man beim Lesen eines Kapitels versteht, stets eine Zeile oder ein Wort aus einem dort abgedruckten Gedicht), verrieten mir aber wenig über den zu erwartenden Inhalt. Ich habe sogar laut gelesen. Allerdings nicht lange. Zu viel Gefrickel. Zu wenig Überraschung. Und nur ein Gedicht, das mir wirklich ins Gesicht gesprungen ist. Und mir seine befremdlichen Bilder (aber dann kennst du eben doch alle haargenau) tief in den Gehörgang (meinetwegen auch direkt ins Gehirn) gedrückt hat: „Fingernägel“ von Arne Rautenberg.

Eins aus 7.000. War wohl ein schlechtes Jahr und ich begreife, warum (zeitgenössische) Lyrik einen miesen Ruf hat. Ein Gedicht, möchte man den Schreibenden zurufen, ist nicht nur eine verrätselte (oder mit der Nagelschere verschnittene) Textstruktur. Keine Worthuberei. Kein geschmackvoller Schwenk von links nach rechts. Schon lange keine vor Individualität strotzende Wörterparade. Ein Gedicht (zu schreiben) bedarf Mut. Mit Karacho ins freie Feld zu rennen oder gegen die Wand. Ein großes Ich ist da eher hinderlich (mindert das Tempo).

Dennoch gefällt mir die Idee von einem Jahrbuch der Lyrik. Wer ehrlich ist, stellt halt 149 schlechte Gedichte zusammen, oder sagen wir 140, das von Rautenberg ist schließlich gut und auch die von Herta Müller oder Elke Erb. Ich habe diesen Band nach 4 Kapiteln weggelegt. Bin mir aber sicher, das nächste Jahrbuch 2016 wieder zu bestellen. Denn Lyrik ist – auch wenn sie schlecht ist – ein tolles Zeug – Zündstoff für alle möglichen Kapriolen (im und außerhalb des Kopfes). Ein nicht so überragendes, aber dennoch wichtiges Buch. Macht Appetit auf Kommendes.

Buch der Lyrik 2015. Hrsg. von Christoph Buchwald und Nora Gomringer. Deutsche Verlags-Anstalt 2015.

Ich danke Random-House herzlich für das Rezensionsexemplar.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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