Echt jetzt?!

Manchmal habe ich ja noch Hoffnung. Dass sich, wie durch Zauberhand, eine Tür öffnet in eine wundersame Gegenwelt. Ausgemacht, dass ich die Augen offen halten muss. „Achte auf das weiße Kaninchen!“ Das weiß doch jedes Kind. Ein Wundersalon also, der Stunden auf sieben Minuten schrumpft, für nur zwei Euro. Goldene Verheißung am grauen Nebeltag. Arbeitszeitschrumpfung? Einen Auftrag vielleicht in zwei Tagen schaffen statt in zehn? Bewusstseinserweiterung? Ach, von wegen. Das Sonderangebot eines Sonnenstudios. Die Happy Hour gab es später dann doch noch. Bei Kaffee und Kuchen. Eine ordentliche ganze Weltzeitstunde lang.

Design für den Kochtopf

Findige Kunsthandwerker früherer Generationen wären vielleicht vor Neid erblasst, solch fein ziselierte Objekte als Gemüse auf dem Wochenmarkt zu finden. Für diejenigen, die noch beim Kauf eines Weihnachtsbaumes zögern: mehrerer dieser Strünke auf einem großen Teller verteilt, ein paar rote Pfefferkörner in die Spitzen, fertig ist der Weihnachtswald. Nix nadelt nix brennt und der Menüzettel hat zumindest schon einen Eintrag…

Besinnlich – oder vielleicht doch mit Karacho

zur Besinnung kommen? Ich habe durchaus etwas für die besinnliche Vorweihnachtszeit. Die schönen Abenddämmerungen, die frühen Nächte, die dunklen Stunden, wie gemacht für Kerzenlicht und Abende auf dem Sofa. Doch die urbane Weihnachtsdekoration mit Buden, Bimmeln und Blühwein (sorry), das ist übel, kaum auszuhalten und vor allem nicht zu umgehen. Auf dem Weg zu einem neuen Föhn und Telefon war ein Weihnachtsmarkt zu überqueren, die Novemberwolken hingen tief und wahnsinnig schlecht gelaunt in den Trubel hinein, ein Bild zum Heulen. Aber es gab da etwas, vital, vor allem laut, das das Bild störte. Ein Rhythmus (oder waren es mehrere?), ein Krach, wie ein wahrhaftiger Höllenlärm. Da schien tatsächlich jemand gegen die Himmelstür anzuschlagen.

Dass es nur einer war, wollten meine Ohren nicht glauben. Die Augen weigerten sich, die Giraffe zu schlucken. Nur wenige Sekunden, nach dem ich das Foto gemacht habe, war das Spektakel auch schon vorbei: Polizeistreife. Ich habe wenigstens geklatscht. Nein. Es war keine schöne Musik, kein toller Rhythmus. Es war Verzweiflung darin und ein enormes Können. Und es war unheimlich. Da, wo solche Musik herkommt, dachte ich, möchte ich nicht sein. Kann es sein, dass die Giraffe verrückt ist? Meine Verstörung ist geblieben. Das Bild und das wilde Trommeln haben mich verschreckt. Nein. Es ist lange nicht alles das, was es scheint. Schon gar nicht vor Weihnachten.

Haben oder tun?

Weniger haben heißt vor allem, weniger haben wollen. Lange wollte ich mehr. Bis einmal der Groschen fiel. Ich hatte gerade Geld, hätte mir was kaufen können – und wollte nicht. Später konnte ich diese Unlust wiederholen, wenn ich gerade kein Geld zur Hand hatte. Es fühlte sich gut an. – Mehr tun heißt oft, mehr zu wagen. Lange wollte ich zu wenig. Oder traute mich einfach nicht. Denn mehr Tun zieht auch mehr Scheitern nach sich. Ja, auch hier: Fühlt sich gut an. Mein guter Vorsatz für Weihnachten und das neue Jahr: Have less, do more.

Nach der Schaffung zweier Kinder

Nein. Das wird jetzt keine Häme gegen Übersetzer (im Gegenteil: Leute, wenn ihr schreiben wollt, übersetzt, was das Zeug hält, ihr werdet staunen). Das soll nur zeigen, wie verquasselt es gerade in meinem Kopf aussieht (nach der Dauerlektüre solch sprachgeschüttelter Texte – aber das dann eben doch noch: Nicht alles, was Künstler/innen produzieren, sind „Werke“…). Ich brauche ein paar klunkerfreie Tage, um wenigstens abends entspannt am Ästchen zu baumeln. Genug Wind ist ja angesagt. Also bis bald wieder – und einen guten Start in die Woche!

Schaukeln

ist vielleicht die geeignetste Bewegung fürs Denken. Dachte ich heute, als ich im warmen Thermenwasser lag. Als wäre unser Gehirn vollgehangen mit Klangstäben, die leise flüstern, wenn wir den Kopf bewegen. Bloß nicht rennen, könnt ihr ja sehen, was sich da alles verheddert. Schaukeln, schaukeln, lauschen, am besten gar nicht so viel Denkmaterial einwerfen. Ruhig sein, abwarten. Vielleicht kommt eine Kindheitserinnerung von irgendwoher empor. Das Gesicht eines Freundes, das ihr längst vergessen habt. Das geniale Detail für den seit Wochen ausgetüftelten Weihnachtsschmaus (nein, keine Weihnachtsmaus. Obwohl die sich natürlich auch über ein paar Krümel freut.) Ich habe mich – a propos – erinnert, wie toll ich mich als Kind freuen konnte. Eine Batterie, die man wieder aufladen kann? Wäre schön, an einem solchen Novembertag eine versiegte Kraftquelle wiedergefunden zu haben…

Wenn die Schatten länger sind als die Dinge.

Wenn zum Beispiel wieder mal die Heizung ausfällt (und man ahnt, wie viele Wochen sich die Hausverwaltung weigern wird, zur Tat zu schreiten), wenn gleichzeitig der Zugang zu einem wichtigen Datensystem zusammenbricht, und man seine Artikel nicht los wird (und also erst später das Honorar vorbeikommt), wenn der Arzt bedenklich guckt und einen für bald schon wieder bestellt, wenn eine gute Freundin sich ewig nicht meldet, wenn die Lieblingsschuhe kaputt gehen, der Staubsauger, der CD-Player und das Flurlicht (jaja, hat alles unendlich lange gehalten, aber musses denn auf einmal sein?), kurz, wenn die Schatten lang und länger werden, was denn dann? – Eine saugute Flasche Wein kaufen, noch einen Artikel mehr schreiben, mit der anderen Freundin in die Therme gehen, endlich wieder mal früher ins Bett gehen und lesen. Was denn sonst?

Windmond

so nannte Karl der Große den November, Nebelung ist eine ebenso alte Bezeichnung für den vorletzten Monat im Jahr. In den Niederlanden – und wahrscheinlich auch im übrigen nördlichen Europa – wurden im November die Schweine geschlachtet, man gedenkt ebenfalls bis heute im November der Toten. Als Kind habe ich besonders den Martinstag gemocht, wo es im Dunkeln mit der Laterne zu den Nachbarn ging, um sich dort Süßigkeiten zu ersingen. Und es gab Weckmänner! Und den Karnevalsbeginn gleich auch noch dazu. Dieses Jahr wird einmal mehr der Advent schon im November beginnen. Am Himmel herrscht wie immer der Skorpion, um am Ende des Monats den Stab an den Schützen weiterzugeben. Ein unterschätzter Monat, weil er sich grau und garstig gibt. Nebelung dagegen, was für eine Verheißung – Windmond. Viel Nacht zum Träumen, für Süßigkeiten und lange Gespräche. Eine gute Zeit.

Schnäppchen, Häppchen und nix ist kostenlos

Die Vorstellung, etwas zu sparen oder gar umsonst zu bekommen, scheint jeden anderen Gedanken zu überstrahlen. Brauche ich dies oder das überhaupt, schmecken mir die Häppchen? Will ich schnappen oder will ich nicht lieber doch etwas kaufen? Denn, man ahnte es ja schon immer: selbst kostenlose Dinge sind nicht umsonst. Sie zu besitzen, heißt die Last des Eigentums zu tragen. Das ist nicht selten ein hoher Preis. Mir ist es heute wieder passiert: ein super leichter, super flauschiger Pulli lachte und lachte, bis er in meiner Tüte war. Doch, ich werde ihn tragen. Die Last wird voraussichtlich nicht zu hoch sein. Aber an allen weiteren lachenden Pullis werde ich in diesem Jahr vorbei gehen. Es ist fürs Erste genug.