Basteln?

Als Kind bin ich bei dem Vorschlag meist in Deckung gegangen. Zumindest, wenn er von Erwachsenen kam. Denn die hatten immer zu komische Vorstellungen von dem, was Kinder gut finden. Scheint ja bis heute nicht viel besser geworden zu sein: Schneemänner aus Klopapier- oder Küchentuchrollen. Wie bekloppt ist das denn? Weiß doch jeder, dass Schneemänner aus Schneekugeln gemacht werden. Keineswegs aus Schneesäulen. Die Ergebnisse sind natürlich trotzdem sehenswert. Aber vielleicht eher Kunstgewerbe statt Kinderfreude. An den Gesichtern der weißen Pappmänner lese ich jedenfalls keine große Begeisterung ab. Und sehe die Kinder vor meinem geistigen Auge genervt das Gebastel zu Ende bringen. Aber wer weiß. Vielleicht täusche ich mich da ja gewaltig.

Ich sehe was…

Das war wirklich eine Überraschung. Ich meine, man sieht es ja kaum hinter den Bäumen, dass das jemand – oder gleich mehrere – zum sehen auffordern. Um was zu merken, musste man tatsächlich die Augen offen halten. Nur die Kamera kommt so nah ran. Für den menschlichen Blick war der Abstand größer. Seht. Ja. Was? Das Haus vielleicht? Was Besonderes? Überhaupt Häuser? Seht diese Stadt? Oder: Seht Euch um, solange ihr gucken könnt? Vielleicht geht die Aufforderung auf den anderen Fassaden ja noch weiter. Ich kam nicht näher ran, weil – der Kamera-Zoom lässt die Entfernung, und vor allem den zwischen Kamera und Haus liegenden Graben nicht erkennen. Seht Euch alles an. Vielleicht war das die Botschaft. Oder: Seht Euch immer vor. Fassaden sind oft wie heruntergelassene Helme. Diese hier spricht zu uns. Schaun‘ wir mal.

Nur noch das:

Ein Baum wie ein Wald. Ich komme alle paar Wochen an ihm vorbei und will ihn fotografieren. Aber er ist zu groß für die Straße, in der er steht. Kaum dass man ihn sieht, weil sämtliche Hausfassaden viel zu unruhig sind, ihm die Konturen zu lassen. Bleibt nur der Blick nach oben. Und jetzt ab ins Bett, meine Augen sind nur noch auf stand by.

Im falschen Film

Wer wie ich meist nur parkende Autos, Bäume und Himmel fotografiert, kann sicher meine Hektik verstehen, als ich den kleinen Püschel möglichst schnell und vollständig aufs Bild kriegen wollte – von Umgebung, Bildausschnitt und allen anderen künstlerischen Feinheiten mal abgesehen. Der Hund ist tatsächlich drauf (weitgehend), aber der Hintergrund fehlt fast vollständig: Die Schmuckabteilung bei Karstadt in Berlin Neukölln. Ich meine, was machen kleine Hundepüschel in der Schmuckabteilung von Kaufhäusern? Herrchenseelenallein. Erst dachte ich, jemand hätte eine Verkleidung aus Star Wars unter dem Verkaufstisch versteckt. Aber es war ein echter Hund. Und er sah nicht aus, als hätte er Star Wars schon gesehen. Im Gegenteil. Er schaute rum, als verstehe er nur „Bahnhof“. Nicht mal festgebunden saß er geduldig da, die Leine lag unvertäut am Boden. Und? Vielleicht hätte ich ihn mitnehmen können? Ist zwar nicht ganz mein Fell, aber klein genug für meine Wohnung. Und die Ohren finde ich richtig süß. Waren Herrchen und Frauchen schon in den Winterurlaub abgedüst, und hatten Püschel im Kaufhaus zurück gelassen? Oder hatte einer von beiden die falsche Leine gegriffen und war mit einem anderen Hund nach Hause gedackelt? Ja, jetzt aber! Ich weiß es nicht. Denn mein Rucksack war so schwer, dass ich schnell zum Rad und noch schneller nach Hause wollte. Mit einem fast ganzen Püschel in der Kamera.

Es sind doch die Apfelbäume,

die die Weihnachtskugeln „erfunden“ haben! Wer die letzten hängen gebliebenen Früchte in den Ästen sieht, kann sich denken, was sich unsere Vorfahren dachten, zumal Äpfel zum Winterobst gehörten, schön im kühlen Keller ausgelegt oder zu Mus verkocht. Ich habe mal einen Weihnachtsbaum gesehen, nur mit Äpfeln und Kerzen darin. Er war ernst und sehr festlich. Kein Glitzer, kein Glamour. Stille. Und ein zarter Duft aus dem Wald. Wie? Ob der Wurm im Apfel wirklich der Vorläufer des Lamettas war? Ich möchte doch schon sehr bitten!

Ein solches Gewebe

aus Fiktion und Wirklichkeit, Vergangenem, Gelesenem, Erlebten. Und heute trifft sich alles, hier, im kühlen Kreuzberger Zimmer, wo ich lese und Erinnerungen nachgehe. Wie ich gelacht habe, vor Jahren, als ich aus der Metro stieg, gleich neben dem Central Park und als erstes Gesicht Alexander von Humboldt mich weise anschaute – sein viel zu großes bronzenes Andenkengesicht, Guten Abend, New York. Dass ich da schon in ihrem Arbeitszimmer gesessen habe, oben im American Museum of National History und dass ich in ihren Ausstellungsräumen dachte (oder ahnte), dass sie mich noch beschäftigen würde. Das Arbeitszimmer von Margarete Mead im AMNH ist heute eine kleine Caféteria, ihre Begegnung mit diesen damals so fremden Menschen (und sie wusste natürlich, dass es längst nicht die Wilden waren, die sich ihre Leser in London oder New York vorstellten) beeindruckten mich zutiefst. Wo würde ich heute noch einen Fremden finden – oder war das die völlig falsche Frage, weil Entfremdung in unserer Zeit längst eine neue Lebensrealität geworden ist. Das Buch, in dem ich heute lese, heißt „Euphorie“, es ist von der amerikanischen Autorin Lily King geschrieben und seit langem wieder ein Roman, der mich fesselt. Nein, das wird keine Rezension. Obwohl es ein Buch ist, das ich sofort empfehlen würde: Es bewegt mich, oder eben, es bewegt die Erinnerungen in mir, Bilder, Gefühle, es weckt Neugier und meine Lust auf Fremdes. Ich werde jetzt endlich auch – zumindest ein oder zwei – Bücher von Mead lesen, ich werde mich in den Urwald versetzen und über meine allzumenschlichen Regungen nachdenken. Lesen ist leben. Und nicht bloß Eskapismus, wie es dem Roman seit Jahrhunderten unterstellt wird.

Queenie kann auch Hund

Queenie heißt eigentlich Lady. Sie ist meine Nachbarin aus dem Vorderhaus-Souterrain. Dort sitzt sie gelegentlich mit königlicher Nonchalance und schaut kühl die vorbeikommenden Zwei- und Vierbeiner an. Majestätisch, anders ist das nicht zu beschreiben. Doch gelegentlich – und jetzt endlich habe ich sie mal dabei erwischt – scheint sie doch etwas zu interessieren. Und sie wagt einen zweiten Blick hinterher. Mich würdigt sie seit dem Foto keines Blickes mehr: Dumme Paparazzi!