Ein solches Gewebe

aus Fiktion und Wirklichkeit, Vergangenem, Gelesenem, Erlebten. Und heute trifft sich alles, hier, im kühlen Kreuzberger Zimmer, wo ich lese und Erinnerungen nachgehe. Wie ich gelacht habe, vor Jahren, als ich aus der Metro stieg, gleich neben dem Central Park und als erstes Gesicht Alexander von Humboldt mich weise anschaute – sein viel zu großes bronzenes Andenkengesicht, Guten Abend, New York. Dass ich da schon in ihrem Arbeitszimmer gesessen habe, oben im American Museum of National History und dass ich in ihren Ausstellungsräumen dachte (oder ahnte), dass sie mich noch beschäftigen würde. Das Arbeitszimmer von Margarete Mead im AMNH ist heute eine kleine Caféteria, ihre Begegnung mit diesen damals so fremden Menschen (und sie wusste natürlich, dass es längst nicht die Wilden waren, die sich ihre Leser in London oder New York vorstellten) beeindruckten mich zutiefst. Wo würde ich heute noch einen Fremden finden – oder war das die völlig falsche Frage, weil Entfremdung in unserer Zeit längst eine neue Lebensrealität geworden ist. Das Buch, in dem ich heute lese, heißt „Euphorie“, es ist von der amerikanischen Autorin Lily King geschrieben und seit langem wieder ein Roman, der mich fesselt. Nein, das wird keine Rezension. Obwohl es ein Buch ist, das ich sofort empfehlen würde: Es bewegt mich, oder eben, es bewegt die Erinnerungen in mir, Bilder, Gefühle, es weckt Neugier und meine Lust auf Fremdes. Ich werde jetzt endlich auch – zumindest ein oder zwei – Bücher von Mead lesen, ich werde mich in den Urwald versetzen und über meine allzumenschlichen Regungen nachdenken. Lesen ist leben. Und nicht bloß Eskapismus, wie es dem Roman seit Jahrhunderten unterstellt wird.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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