Tanizaki Jun’ichirō: Lob des Schattens

Für die Menschen in Japan werden Europäer wohl immer mit den Errungenschaften der Moderne in historischer Erinnerung bleiben, als die Überbringer des elektrischen Lichts, der glänzenden Oberflächen und der gnadenlosen Sauberkeit. Weiße im durchgängigsten Sinn des Wortes, die mit ihrer schattenlosen Haut und den hypermodernen Einrichtungen die Asiaten das Fürchten lehrten. Und sie dennoch zur schleunigsten Nachahmung animierten. Denn in dem sich nach Jahrhunderten der restlichen Welt öffnenden Japan war nichts angesagter, als den Anschluss an den Westen schnellstmöglich zu gewinnen. Von 1868 an durchlief das „Land der aufgehenden Sonne“ einen Modernisierungsschub, der die Industrialisierung in wenigen Jahrzehnten abwickelte und auf den neusten Stand brachte. Preußen war übrigens das überragende Vorbild – sowohl in staatlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht – für die japanische Regierung, Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war damals noch nicht aus dem europäischen Schatten getreten.

Wahrscheinlich war es in den ersten Jahren, Jahrzehnten gar keine Frage, den Anschluss an die „Zivilisation“ zu suchen. Aber nach einem halben Jahrhundert Fortschritt im westlichen Sinn drängten sich Fragen auf. Denn das Neue fühlte sich trotz aller geschätzten Modernität fremd an. Das elektrische Licht war zu hell, die neuen Materialien wie Glas oder Marmor zu unflexibel und schwer, die Oberflächen zu glatt, um sich nahtlos in die japanische Kultur einzupassen. Gäbe es, so fragten sich japanische Intellektuelle, oder hätte es ohne die Invasion des Westens einen japanischen Weg zur Moderne gegeben? Und wie hätte er ausgesehen?

Einer dieser Intellektuellen ist Tanizaki Jun’ichirō (1886-1965), ein Schriftsteller aus Tokio, der neben Erzählungen und Romanen auch Essays über den japanischen Alltag schreibt, und sich hier wie da dem Zusammenspiel von (östlicher) Tradition und (westlicher) Moderne widmet. Sein Blick ist scharf, und was er bemerkt, während er einmal nach hier und einmal nach dort schaut, ist ein Schatten. Von dem ausgehend er die unterschiedlichen Kulturen regelrecht unter die Lupe nimmt.

„Wenn man einzelne Personen aus der Nähe betrachtet, scheint es Japaner zu geben, die weißer sind als Leute aus dem Westen, und umgekehrt westliche Menschen, die dunkler sind als Japaner; doch die Qualität dieser Weiße und dieses Dunkels ist verschieden. (…) Es (gibt) japanische Ladys, die in ihren Abendkleidern den Ausländerinnen in nichts (nachstehen) und auch weißere Haut hatten als sie; aber wenn sich auch nur eine von diesen Damen unter die Ausländer mischte, war sie aus der Entfernung sofort zu erkennen. Und zwar darum, weil sich bei Japanern, mögen sie noch so hellhäutig sein, im Weiß eine leichte Schattierung bemerkbar macht. (…) Besonders in den Fingergabelungen, um die Nasenflügel, im Genick und dem Rückgrat entlang ergibt sich eine schwärzliche Tönung wie von einer Staubschicht. Die Haut von westlichen Menschen ist hingegen am Grunde immer hell und durchsichtig (…) vom Scheitel bis zu den Fingerspitzen sind sie von einem klaren, unvermischten Weiß.“ (61/62) 

Die Beobachtung ist fast schon indiskret, aber für Tanizaki Jun’ichirō keineswegs eine anstößige Bemerkung. Für ihn ist der Unterschied eine Art Basis für die Unterschieden zwischen Ost und West und ein Plädoyer für den Schatten. Was mich laut zum Lachen gebracht hat, ist der Vorschlag des Autors, die Toilette als Schlüssel für eine gelungene Architektur zu betrachten. Deshalb, weil ich seit Jahren predige, über neue Häuser (und damit sind meist Museen gemeint) kein Urteil zu fällen, bevor man nicht die Toilette besucht hat. Für einen Menschen aus dem Westen ist es aufregend zu lesen, wie sehr man in Japan bemüht war (und bis heute noch ist), ausgerechnet das WC in einen Ort des guten Geschmacks zu verwandeln. Keine Frage, dass sich Tanizaki Jun’ichirō – wenn auch höflich – über den Westen lustig macht, wo man diesen Ort als unrein behandelt und sich sogar scheut, in der Öffentlichkeit davon zu sprechen.

„Die Schönheit des Abgegriffenen“, so könnte man sein Lob des Schattens resümieren, weil das wahrhaft Schöne für ihn aus der täglichen Praxis entsteht. Nicht das Neue ist schön, sondern das, was immer schon da ist. Und die Dinge sind um so vollkommener, je schlichter sie sind und je natürlicher. Interessant bei Tanizaki Jun’ichirōs Schilderungen ist für mich, dass er Schönheit auch immer mit Vertrautheit und Wärme in Verbindung bringt. So schreibt er, sein Grauen vor Zahnärzten beruhe vor allem auf deren moderne Einbauten und den vielen glitzernden Gegenständen (dem Krach des elektrischen Bohrers ganz zu schweigen). Alte Dinge mit abgegriffenen, matten Oberflächen hingegen strahlen für ihn eine Wärme aus, die das menschliche Herz beruhigt. Selbst Papier ist für ihn nicht Papier, sondern ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn er das westliche Papier betrachtet, das das Licht zu reflektieren scheint, während japanische und chinesische Papiere „wie eine Fläche weichen, frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich aufsaugen.“ (23)

Äußerst verblüffend fällt für mich sein Vergleich zwischen westlichen und östlichen Frauen aus. An manchen Stellen möchte ich laut lospoltern, oder mich über den männlichen Blick mokieren, und ich mag ihm in mancher Argumentation so gar nicht folgen, doch ist, was er schreibt, durchaus interessant. Zumal es stets den asiatischen Blick auf das Eigene und das Fremde zeigt, dem wir eben nur aus umgekehrter Richtung folgen können. Was soll ich sagen? Ein spannendes Buch für diejenigen, die bereits einige Erfahrung mit der japanischen Kultur gemacht haben oder sich gerade neu in diese Welt stürzen. Historische Hintergründe helfen sicher zum Verständnis der Lektüre, aber im Nachhinein weiß man nie, was man zuerst gesehen hat, das Huhn oder das Ei. An manchen Stellen kommt der Text arg altherrenhaft daher und ich weiß nicht, ob dies dem Autor oder seinem Übersetzer, dem 1938 geborenen Eduard Klopfenstein anzurechnen ist. Eine aktuelle Übersetzung würde mich auf jeden Fall zum nochmaligen Lesen verführen. Was wir – übrigens auch im Westen – dem Schatten verdanken, weiß ich seit der Lektüre noch einmal mehr zu schätzen.

Tanizaki Jun’ichirō: Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik. Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Zürich 2002. Für das Rezensionsexemplar geht mein herzlicher Dank an Random-House.

Auch diesmal ist auf dem Foto keine Kunst zu sehen, schon gar keine, die mit dem Buch in direkter Verbindung steht – sondern einmal mehr Leben.

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. mannigfaltiges 26. Oktober 2015

    Japan als Vorreiter des „Shabby Chics“…
    Aber ernsthaft, vielen Danke für den Buchtipp. Mehr zu diesem Themenbereich (wie angekündigt – glaube ich) wäre schön.
    Mich interessiert die Kultur Japans (nicht nur die traditionelle) und ihr Einfluss auf die westliche (und andersrum) sehr. Die Ausstellung im Folkwang „Inspiration Japan“ habe ich leider verpasst.
    LG

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