Abtauchen

Wie geht Leben in der Mitte des Lebens? Wohin man greift, Betriebsamkeit, Stress, Eile. Termine drücken, Erledigungen stehen an, Feierabend soll dann auch mal wieder sein. Hausarbeit türmt sich, der Garten, Familie und Freunde. Am Himmel ziehen Wolken.

Aus der Oberflächen-Strömung (was nichts mit Oberflächlichkeit, höchstens mit der eigenen Schwimmgeschwindigkeit zu tun hat) abtauchen. Ins kühle Dunkle. Was mich erwartet? Langeweile, Monsterfische, Alpträume? Ein Wunder vielleicht? Neue Erkenntnisse bestimmt. Ob die Seele zum Baumeln kommt oder nur meine Füße? So oder so: Die Klunker machen Pause. Leider nur kurz. Aber fürs Abtauchen reicht es dicke.

Confidence Code – Was Frauen selbstbewusst macht

Um es vorweg zu nehmen: „Confidence Code“ ist (fast) kein Ratgeberbuch, auch wenn es mit „revolutionären Praxis-Tipps“ auf dem Cover beworben wird. Es ist viel mehr (oder meistens) eine populärwissenschaftliche Ausführung zu der Frage: Wo kommt unser Selbstbewusstsein her? Kann ich es trainieren oder ist es angeboren? Und stimmt es tatsächlich, dass Männer mehr davon haben als Frauen? Eine alte Frage, die aber immer noch auf eine umfassende Antwort wartet. Die beiden US-amerikanischen Journalistinnen Katty Kay und Claire Shipman haben mit ihrem neuen Buch eine umfassende Aktualisierung aller bislang gegebenen Antworten vorgelegt. Spannend zu lesen und aufschlussreich fürs eigene Tun.

Die Ausgangslage ist seit Jahrzehnten bekannt. Wo Frauen ins Arbeitsleben gehen, stehen sie hinter ihren männlichen Kollegen zurück. Sie bekommen weniger Gehalt, das kleinere Büro und seltener eine Beförderung. Vorurteile? Leider nein. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass Männer der Grund des Übels sind. Es liegt offensichtlich tiefer, dieses Phänomen, dass das Zeigen von Selbstvertrauen und das damit verbundene Durchsetzen eigener Ziele geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich verteilt ist.

Und um auch das vorweg zu nehmen: Ja, es gibt genetische Unterschiede, die es Frauen schwerer machen, sich die gängige, von Männern geprägte Form der Selbstdarstellung und des Selbstvertrauens anzueignen. Die gute Nachricht in der schlechten: Auch mit einer anderen genetischen Grundausstattung ist an Selbstvertrauen heranzukommen, allerdings auf anderen Wegen. Die aufzuzeigen, ist die erklärte Absicht von Confidence Code, aber erst mal geht es Katty Kay und Claire Schipman darum, den Status quo zu beschreiben. Was ist? Was könnte sich ändern?

Zuerst zeigen sie auf, dass Selbstvertrauen kein Gefühl ist, das uns vor wichtigen Aufgaben oder Verhandlungen polstert. Es ist zunächst bloß der Glaube an die Richtigkeit unserer Entscheidung – und übrigens auch im Tierreich zu beobachten: Wer davon überzeugt ist, etwas richtig gemacht zu haben, kann länger auf die „Belohnung“ warten. Er oder sie zweifelt nicht, sondern bleibt bei der einmal getroffenen Entscheidung. Und Selbstvertrauen hat viel mit (schnellen) Entscheidungen zu tun. Wer zögert, macht sich verwundbar, verpasst Gelegenheiten und schaut möglicherweise nicht dorthin, wo es weitergeht. Deshalb lautet ein erster Rat der beiden Autorinnen: „Mehr tun, weniger denken.“

Die Frage nach Veranlagung versus Umwelteinflüssen bekommt die Antwort, die mittlerweile auch in anderen Bereichen Konsens ist: 50:50. Schüchterne, wenig selbstbewusste Kinder werden geboren, können aber durch Erziehung und positive Erfahrungen vieles wett machen. Serotonin ist das Zaubermittel, das uns gelassen und glücklich macht. Wer das Gen SLC6A4 hat, hat ein Serotonintransporter-Gen und ist gut dran. Oder mehr oder weniger. Weil es wie alle Gene polymorph ist, wie (wenn ich das richtig verstanden habe) alle Gene. Also es ist einmal mehr, einmal weniger wirksam. So oder so: Wer das Gen hat, ist auf jeden Fall belastbar im Leben. Dennoch ist es zur Zeit noch nicht möglich, wirklich genaue Prognosen aus der DNA auf den tatsächlichen Charakter eines Menschen zu stellen, eben auch, weil viel im Leben mit Zufällen und mit Erfahrungen zu tun hat. Gerade hier gibt es neuste Forschungen, die zeigen, dass Denkgewohnheiten die Macht haben, neue neuronale Leitungsbahnen in unseren Gehirnen zu generieren. Was wirklich verblüffend ist: Genetisch nicht so gut ausgestattete Affen (denn in der Genforschung bewegen wir uns auf dem Terrain der Tierversuche!) können selbstbewusster werden als alle anderen, wenn sie von liebevollen, aufmerksamen und klugen Müttern aufgezogen werden. So genannte Angst-Gene können unter guten Umständen offenbar sensibler machen, d.h. Erfahrungen werden nicht nur auf das Schlechteste, sondern auch auf das Beste hin verarbeitet. Tusch!

Soweit, so alle. Und hier kommt es jetzt zur Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, die ich nicht im Einzelnen nachzeichnen will, obwohl es mich reizt, denn gerade hier liegt die Stärke des Buchs: Alle Forschungsergebnisse aus allen möglichen Disziplinen verständlich aufzuzeigen und dann miteinander in Verbindung zu setzen, wie in einem Puzzle, das zusammengelegt die facettenreiche Eigenschaft des Selbstvertrauens ergibt. Aber auch so viel ist schon nach der Hälfte des Buchs klar: Es gibt nicht nur einen Grund oder zwei, die das Selbstvertrauen erklären. Es gibt mindestens 30 oder mehr. Die immer wieder in anderer Gewichtung zu einem stabilen Ego führen.

Wenn aber die weiblichen Gehirne anders funktionieren – ein Unterschied ist zum Beispiel, dass Frauen beide Gehirnhälften regelmäßiger verwenden als Männer – muss auch das Selbstvertrauen anders generiert werden. Aber was – von einer Gleichberechtigung in Schule und weiterführender Ausbildung einmal abgesehen – ist zu tun?

Das Fazit der beiden Autorinnen ist angenehm unaufgeregt. Eine erwachsene Frau beschreibt in einem Interview den Weg zum Selbstbewusstsein (für Männer und für Frauen) so:

„Ich habe (schon als Kind) hundert kleine Sachen gemacht, die mein Selbstvertrauen als Erwachsene aufgebaut haben. Man wird nicht damit geboren. Man baut es immer weiter auf.“

Eine andere fügt hinzu:

„Selbstvertrauen verlangt die Bereitschaft, anders zu sein, (…) nach den eigenen Werten und Bedürfnissen zu handeln.“

Kay und Shipman nennen auch noch Offenheit als Kriterium:

„Vielleicht haben wirklich selbstbewusste Menschen nicht das Gefühl, irgendetwas verbergen zu müssen. Sie sind, wer sie sind, (… auch) wenn das anderen Leuten nicht gefällt. (…) Sie sind mutig genug, nicht nur anders zu sein, sondern auch sie selbst zu sein.“

Mein Fazit nach der Lektüre lautet: Ja, ja, ja, was die Beschreibung der gesellschaftlichen Situation von Frauen angeht, die gut aufbereitete Darstellung aktueller Forschungsergebnisse und der Fallen, in die Frauen immer wieder tappen. Ja auch zu allen hier wiederholten Stereotypen, dass Frauen als Kinder zu wenig Mannschaftssport machen, zu lange vor dem Spiegel stehen, zu sehr gemocht werden möchten und gerne die Probleme bei sich finden.

Aber die Erziehungstipps für Töchter? Nö. Weil ich mir als erwachsene Person zutraue, selbst einen Erziehungsstil für meine Kinder zu finden. Selbstvertrauen besteht ja gerade im Eigenen. Tipps sind natürlich auch nur als Wegweiser gedacht: Dass Überforderung auch Kleinen nicht schadet. Ja nun. Aber ich käme mir wie ein Dompteur im Welpenkäfig vor, würde ich meinen Kindern Härte zeigen, wo keine nötig ist. Hier muss unbedingt auch das Leben seinen Part spielen!

Die Ratschläge, am eigenen Verhalten Richtung Selbstvertrauen zu drehen? Ja und Nein. Ja, weil es so viele einfache Möglichkeiten gibt, in die andere Richtung zu gehen, und weil es so erfrischend ist, es immer wieder zu lesen. Nein, und hier kommt meine Aversion gegen Ratgeberbücher zum Tragen. Ich mag es einfach nicht, Ratschläge serviert zu bekommen, unterfüttert von Beispielen tollsten Gelingens. Es sind gute Ratschläge, vor allem die, die einem die eigenen Vorstellungen auf den Kopf stellen. Aber nein, ich mag sie einfach nicht lesen. Es ist irgendwie so, als wollten die Autorinnen etwas beweisen. Dabei würde ich viel lieber selbst rausfinden, ob es wirklich so ist.

Zu guter Letzt: Die Art, die eigene Recherche in die Darstellung der Ergebnisse einzubinden, gefällt mir grundsätzlich. Als Leserin komme ich so Schritt für Schritt an die Ergebnisse heran, und kann meine eigenen Gedanken von Kapitel zu Kapitel springen lassen. Allerdings ist das Vorgehen auch langatmig. Am Ende hätte ich mir gut 50 Seiten weniger gewünscht, vielleicht gibt es ab einem gewissen Punkt auch zu viel Redundanz, aber das ist wohl ein grundsätzliches Problem von Ratgeberbüchern. Doch, das Buch hat einiges in meinem Kopf in Bewegung gesetzt. Und was mir noch wichtiger scheint: Es hat mir gute Laune bereitet. Insofern, trotz Langatmigkeiten und einigen Besserwissereien: Lesen!

 

 

 

 

 

 

 

Grundeinkommen (II)

Einmal im Kopf, will der Gedanke an ein Grundeinkommen gar nicht mehr verschwinden. Was mich bei der bisherigen Debatte (die ich allerdings nicht in allen Details verfolgt habe) irritiert, ist, dass immer nur von der Gier der Menschen ausgegangen wird. Es sei ungerecht, so eine Argumentation, wenn Menschen, die mehr verdienen, dann auch noch ein Grundeinkommen bekämen. – !?

Gerecht/ungerecht – ich fände es in Ordnung. Weil es zum Beispiel auch die Möglichkeit gäbe, mehr Geld zu spenden. Oder an Menschen weiterzugeben, die es brauchen können, oder zu sparen und dann erst recht zu spenden. Automatisch gehen offenbar alle davon aus, dass jemand, der mehr Geld bekommt, als er nötig hat, das auch ausgibt, für Dinge, die er vielleicht nicht nötig hat. Für meinen Teil bedaure ich stets, keine Rücklagen zu haben, die ich spenden könnte für Projekte, die mir am Herzen liegen. Es wäre eine Möglichkeit von Teilhabe an der Gesellschaft, eine Möglichkeit mit zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen, Solidarität zu zeigen. Warum denkt daran bloß keine/r?

Gerecht scheint mir das Grundeinkommen zudem – und längst überfällig für die (und es sind viele), die in den Familien große Arbeitsleistungen bringen ohne dafür entlohnt zu werden. Ich möchte das ausdrücklich nicht auf Frauen beschränken, weiß aber aus eigener Erfahrung, wie viele Arbeitsstunden zum Beispiel eine kranke Mutter kostet, unbezahlte Arbeitsstunden wohlgemerkt. Es geht ja nicht mal um das töchterliche Selbstverständnis. Für mich stellt sich die Frage, warum niemand sich überlegt, wie man sich das finanziell überhaupt leisten kann. Es ist doch zum Himmel schreiend, dass immer so getan wird, als sei nix. Ich weiß nicht, ob sich mit einem schnöden Grundeinkommen schon der Pflegenotstand lindern würde, aber auch hier denke ich: Einen Versuch wäre es wert. Das Leben ist schon Arbeit genug. So ähnlich hat es Andy Warhol formuliert. Wie fast immer, lacht man erst mal. Aber länger drüber nachgedacht, ist eine Menge dran.

 

Raus mit Euch: Fotos machen!

Das Wetter wird nicht mehr besser und keiner auch nur einen Tag jünger. Aber mal im Ernst: Fotografiert Ihr Euch auch vor Sehenswürdigkeiten? Meine Eltern haben mich als Kind gerne vor dem Brühler Schloss fotografiert. Was schon wegen der Größenverhältnisse irgendwie putzig war. Ansonsten gibt es von mir ein Foto mit Eiffelturm im Hintergrund. Da war ich 17. Danach nix mehr. Denke ich zumindest. Werde es aber noch mal überprüfen. Meer gilt ja wohl nicht – oder?

Paul Wer?

Goesch. Nein? Nie gehört? Kein Wunder. Der Mann hat sein nicht besonders langes Leben (er wurde 55), weitgehend in der Familie und in Sanatorien verbracht. Er war Architekt, sein Zweites Staatsexamen zum Regierungsbaumeister in Berlin legt er 1914 ab. Im Ersten Weltkrieg arbeitet Goesch im Postdienst. Hier wendet er sich dem Zeichnen und Aquarellieren zu. Eine erste psychische Krise bringt ihn 1917 ins Sanatorium, wo er bis nach Kriegsende bleibt. Er lebt danach in Berlin bei seinem Vater, arbeitet als freier Künstler im Kreis von Bruno Taut. Er ist Mitglied der Novembergruppe, schafft aber auch weiter Architekturstudien bzw. Entwürfe für ein „Neues Bauen“ (1920er Jahre). 1921 geht er erneut ins Sanatorium, diesmal nach Göttingen, wo ein Schwager als Arzt arbeitet. 1933/34 wird er von Göttingen nach Berlin-Teupitz verlegt, 1940 im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms ermordet.

Paul Goesch also. Meist kleinformatige Bilder, Skizzen, Aquarelle, Zeichnungen, Entwürfe. Die einem die Schuhe ausziehen. Kleine Zettelchen, sorgfältig mit Ornamenten überzogen, fein, zart, keineswegs zwanghaft, klar, witzig, verspielt, groß. Denn so ein „groteskes Tor“ kann man sich unschwer als Monument in einem Dschungel vorstellen. Oder als Relikt im Pergamonmuseum. Gut, er hatte einen Marien-Fimmel. Aber wie er die Muttergottes malt – Hut ab. So zumindest haben wir sie noch nie gesehen. Zwischen Weckmännchen, auf dem Kopf eines mit Turban geschmückten Schwarzen, nackt und androgyn. Als grüngewandete Statue auf etwas, was wie eine große Torte aussieht. Als Popmadonna auf einem Kirmesthron. Als Fata Morgana für eine junge Frau über dem Kirchenportal.

Paul Goesch gehört zu den „naiven“ Malern, ohne einer gewesen zu sein. Ein Großteil seiner Werke sind in der Sammlung Prinzhorn, dass er psychisch delikat war, davon sprechen die jahrelangen (offenbar freiwilligen) Aufenthalte in Sanatorien. Aber er gehörte weder zu den Dilettanten (er war ausgebildeter Architekt und seine autodidaktische Malerei basierte auf einer soliden Zeichenausbildung), zumal seine Bilder bereits von Museen angekauft wurden, noch zu den „Geisteskranken“, dito.

Paul Goesch ist vor allem einer, der sich nicht leicht einordnen lässt. Lange nach seiner Zeit wiederentdeckt, sind keine weiteren Zuschreibungen vorhanden als die seiner direkten Zeitgenossen (wie Taut oder Walter Gropius). Wenn man sieht, was er sah, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Weil er als Nicht-Maler vor allem keinem Stil verpflichtet war und malte wie ein Pop-Freak der 1960er, wie ein mittelalterlicher Mystiker, wie ein Kind, ein Scharlatan, ein Clown oder ein Tattoo-Meister. Den habe ich heute das erste Mal gesehen, bzw. Bilder von ihm und ich bedaure inständig, nicht einfach nach Heidelberg fahren zu können. wo gerade eine große Ausstellung von ihm läuft. Aber eben, in Berlin ist er zur Zeit in der Berlinischen Galerie zu sehen, in der kleinen, sehr feinen Ausstellung „Visionäre der Moderne, Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch„. Ich kann wirklich nur eins raten: Hingehen!

Der Katalog: Visionäre der Moderne, Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch“, mit Beitr. von Eva-Maria Barkhofen, Sabine Hohnholz, Greta Kühnast, Annelie Lütgens, Ralph Musielsi, Thomas Köhler, Zürich 2016.

Das Selbstporträt ist aus dem genannten Katalog abfotografiert. Das Copyright der Originalfotografie gehört Kai-Annett Becker.

Mein Kind hat Flausen im Kopf

Glückwunsch! Dann scheint sich Ihr Kind ja bestens zu entwickeln. – Heute saß ich neben Großeltern, die ihrem Enkel einen Teller Reis mit Erdnusssoße verabreichten. Der Kleine war eigentlich schon ganz gut mit dem Löffel unterwegs. Aber ununterbrochen wiesen ihn Oma und Opa zurecht, er solle doch den Löffel nicht so voll machen. Ansonsten kleckere er ja nur. Er kleckerte zum Glück munter weiter, aber natürlich waren auch die Erwachsenen unermüdlich mit ihrem Besserwissern. Oma erklärte dem Kleinen nebenbei die Erdnüsse. Da sind Nüsse drin.- Nee, Oma. Keine Nüsse. Das sind Hülsenfrüchte. Hab‘ ich natürlich nicht gesagt. Nur gemerkt, wie unendlich anstrengend das Gequassel der beiden Erwachsenen war. Der Enkel hörte irgendwann auch auf zu essen, heulte dann aber in seinem Wägelchen, dass er noch Hunger habe. Ja, dem war es am Tisch wohl auch zuviel geworden. Die mochten ihren Enkel. Keine Frage. Der Kleine sah auch echt süß aus. Aber es war nicht zum aushalten. Für mich: kleine Flausen wie zu voll geladene Löffel akzeptieren (Lätzchen war ja mit dabei) und nicht so viel quatschen. Ist wahrscheinlich für beide Seiten entspannter. Für eventuell daneben sitzende Imbissgäste ebenfalls…

Geisterspiegel?

Vielleicht kennt sich ja jemand aus. Ich dachte, es sei einfach, aber jetzt komme ich nicht drauf. In welchem Material spiegeln sich Geister? In Spiegeln sind sie ja unsichtbar. Aber ich brauche einen Geisterspiegel, weil ich „meinen“ Geist, eine alte japanische Intelligenz, die in einer Art Taschenlampe – ich sag‘ mal – fungiert, also der muss kurz ausgeschaltet werden. Und weil das bei sturen Geistern nicht auf Knopfdruck geschieht, muss ich ihn ablenken. Ich dachte an einen Überraschungseffekt, der darin besteht, dass der Geist, der sich ja sonst nicht sieht, sich irgendwo spiegelt und so damit beschäftigt ist, herauszufinden, wer sein Gegenüber ist, dass seine Besitzerin kurz ein Geistergeheimnis an ihren Freund weitergeben kann. – Ja doch, völlig im Ernst. Ich schreibe gerade eine Kindergeschichte. Da muss ja schon alles mit rechten Dingen zugehen. Also, vielleicht hat jemand sachdienliche Hinweise?

Traumgondel

Wer einsteigt, tut dies auf eigene Gefahr. Wetterberichte gibt es nicht. Reiserouten erst recht nicht. Letzte Woche hatte ich wohl immer die Linie mit den Alpträumen erwischt. Täglich wachte ich nass geschwitzt auf, nachdem ich nächtens abfahrende Zügen hinterher gerannt war, mich in labyrinthischen Bahnhöfen und wildfremden Landstrichen zurecht hatte finden müssen. Diese Woche sind die Reisen friedlicher, aber nicht weniger verstörend. Nacht für Nacht bekomme ich Besuch von Menschen, die mir im Laufe meines Lebens abhanden gekommen sind. Und alle beteuern mir ihre Verbundenheit. Das ist tatsächlich so, als hätte man eine ganze Serie abonniert und bekomme jetzt eine Folge nach der anderen serviert. Beeindruckend.

Verstehen

ist etwas, was wir uns wünschen. Wir wollen von anderen verstanden werden in unseren Bedürfnissen, unserer Größe, unseren Fehlern. Und wir wollen verstehen, um uns einen Reim drauf zu machen, um eine Reaktion zu finden, um mit etwas fertig zu werden. Wenn ich weiß, warum sich meine große Liebe wortlos von mir getrennt hat, kann ich es besser einordnen. Denke ich zumindest, solange ich noch hoffe, es gäbe einen guten Grund. Aber wehe, wenn nicht. Dann kann ich gar nichts mehr verstehen und nur froh sein, den Affen nicht mehr sehen zu müssen. Ja? Wirklich?

Verständnis zu haben ist eine große Tugend in der westlichen Welt, Empathie eine wichtige soziale Fähigkeit. Ich möchte nicht falsch verstanden werden (eben, auch ich nicht…), mir geht es nicht darum, diese Fähigkeit grundsätzlich in Frage zu stellen. Aber mich beschleichen Zweifel. Ob Verstehen wirklich der Königsweg zum Gegenüber ist. Und ob wir nicht manchmal besser auf dieses Verstehen-Wollen verzichten.

Gegenseitiges Verständnis geht davon aus, dass wir (also ich und mein Gegenüber) uns ähnlich sind. Soweit zumindest, dass wir dieselben Dinge mögen, hassen, ablehnen, vorziehen, überhaupt kennen, beherrschen, etc. Aber hat nicht jede/r von uns schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Gegenüber radikal anders war. Und das nicht nur im negativen Sinn. Verstehen hat in diesem Sinn etwas Übergriffiges. Es entspringt dem dringenden Wunsch, in das Dunkel des unverständlichen Anderen einzudringen.

Manchmal frage ich mich, ob unser Wunsch, unsere nächsten und liebsten Menschen zu verstehen, nicht zu einem Haufen Konflikten führt. Der Grat ist schmal. Nicht verstehen zu wollen, kann auch zu Desinteresse oder Distanz führen. Und natürlich wollen wir gefragt werden, warum wir bloß diesen Mist gebaut haben oder was auch immer. Denn Verständnis entlastet. Aber, um bei mir zu bleiben: Verstehe ich immer, was ich mache? Eben. Und ich mag mich trotzdem.

 

Der Baumarkt

Wenn ich tagsüber wirklich nicht mehr weiß, wohin mit mir, fahre ich in den Baumarkt. Hier finde ich Fragen des Lebens in den endlosen Regalen, die gut gestellt (wörtlich) und bequem draußen vor dem Parkplatz bei einer Tasse Filterkaffee zu bedenken sind. Insofern hatte ich heute einen richtig guten Tag.