Confidence Code – Was Frauen selbstbewusst macht

Um es vorweg zu nehmen: „Confidence Code“ ist (fast) kein Ratgeberbuch, auch wenn es mit „revolutionären Praxis-Tipps“ auf dem Cover beworben wird. Es ist viel mehr (oder meistens) eine populärwissenschaftliche Ausführung zu der Frage: Wo kommt unser Selbstbewusstsein her? Kann ich es trainieren oder ist es angeboren? Und stimmt es tatsächlich, dass Männer mehr davon haben als Frauen? Eine alte Frage, die aber immer noch auf eine umfassende Antwort wartet. Die beiden US-amerikanischen Journalistinnen Katty Kay und Claire Shipman haben mit ihrem neuen Buch eine umfassende Aktualisierung aller bislang gegebenen Antworten vorgelegt. Spannend zu lesen und aufschlussreich fürs eigene Tun.

Die Ausgangslage ist seit Jahrzehnten bekannt. Wo Frauen ins Arbeitsleben gehen, stehen sie hinter ihren männlichen Kollegen zurück. Sie bekommen weniger Gehalt, das kleinere Büro und seltener eine Beförderung. Vorurteile? Leider nein. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass Männer der Grund des Übels sind. Es liegt offensichtlich tiefer, dieses Phänomen, dass das Zeigen von Selbstvertrauen und das damit verbundene Durchsetzen eigener Ziele geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich verteilt ist.

Und um auch das vorweg zu nehmen: Ja, es gibt genetische Unterschiede, die es Frauen schwerer machen, sich die gängige, von Männern geprägte Form der Selbstdarstellung und des Selbstvertrauens anzueignen. Die gute Nachricht in der schlechten: Auch mit einer anderen genetischen Grundausstattung ist an Selbstvertrauen heranzukommen, allerdings auf anderen Wegen. Die aufzuzeigen, ist die erklärte Absicht von Confidence Code, aber erst mal geht es Katty Kay und Claire Schipman darum, den Status quo zu beschreiben. Was ist? Was könnte sich ändern?

Zuerst zeigen sie auf, dass Selbstvertrauen kein Gefühl ist, das uns vor wichtigen Aufgaben oder Verhandlungen polstert. Es ist zunächst bloß der Glaube an die Richtigkeit unserer Entscheidung – und übrigens auch im Tierreich zu beobachten: Wer davon überzeugt ist, etwas richtig gemacht zu haben, kann länger auf die „Belohnung“ warten. Er oder sie zweifelt nicht, sondern bleibt bei der einmal getroffenen Entscheidung. Und Selbstvertrauen hat viel mit (schnellen) Entscheidungen zu tun. Wer zögert, macht sich verwundbar, verpasst Gelegenheiten und schaut möglicherweise nicht dorthin, wo es weitergeht. Deshalb lautet ein erster Rat der beiden Autorinnen: „Mehr tun, weniger denken.“

Die Frage nach Veranlagung versus Umwelteinflüssen bekommt die Antwort, die mittlerweile auch in anderen Bereichen Konsens ist: 50:50. Schüchterne, wenig selbstbewusste Kinder werden geboren, können aber durch Erziehung und positive Erfahrungen vieles wett machen. Serotonin ist das Zaubermittel, das uns gelassen und glücklich macht. Wer das Gen SLC6A4 hat, hat ein Serotonintransporter-Gen und ist gut dran. Oder mehr oder weniger. Weil es wie alle Gene polymorph ist, wie (wenn ich das richtig verstanden habe) alle Gene. Also es ist einmal mehr, einmal weniger wirksam. So oder so: Wer das Gen hat, ist auf jeden Fall belastbar im Leben. Dennoch ist es zur Zeit noch nicht möglich, wirklich genaue Prognosen aus der DNA auf den tatsächlichen Charakter eines Menschen zu stellen, eben auch, weil viel im Leben mit Zufällen und mit Erfahrungen zu tun hat. Gerade hier gibt es neuste Forschungen, die zeigen, dass Denkgewohnheiten die Macht haben, neue neuronale Leitungsbahnen in unseren Gehirnen zu generieren. Was wirklich verblüffend ist: Genetisch nicht so gut ausgestattete Affen (denn in der Genforschung bewegen wir uns auf dem Terrain der Tierversuche!) können selbstbewusster werden als alle anderen, wenn sie von liebevollen, aufmerksamen und klugen Müttern aufgezogen werden. So genannte Angst-Gene können unter guten Umständen offenbar sensibler machen, d.h. Erfahrungen werden nicht nur auf das Schlechteste, sondern auch auf das Beste hin verarbeitet. Tusch!

Soweit, so alle. Und hier kommt es jetzt zur Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, die ich nicht im Einzelnen nachzeichnen will, obwohl es mich reizt, denn gerade hier liegt die Stärke des Buchs: Alle Forschungsergebnisse aus allen möglichen Disziplinen verständlich aufzuzeigen und dann miteinander in Verbindung zu setzen, wie in einem Puzzle, das zusammengelegt die facettenreiche Eigenschaft des Selbstvertrauens ergibt. Aber auch so viel ist schon nach der Hälfte des Buchs klar: Es gibt nicht nur einen Grund oder zwei, die das Selbstvertrauen erklären. Es gibt mindestens 30 oder mehr. Die immer wieder in anderer Gewichtung zu einem stabilen Ego führen.

Wenn aber die weiblichen Gehirne anders funktionieren – ein Unterschied ist zum Beispiel, dass Frauen beide Gehirnhälften regelmäßiger verwenden als Männer – muss auch das Selbstvertrauen anders generiert werden. Aber was – von einer Gleichberechtigung in Schule und weiterführender Ausbildung einmal abgesehen – ist zu tun?

Das Fazit der beiden Autorinnen ist angenehm unaufgeregt. Eine erwachsene Frau beschreibt in einem Interview den Weg zum Selbstbewusstsein (für Männer und für Frauen) so:

„Ich habe (schon als Kind) hundert kleine Sachen gemacht, die mein Selbstvertrauen als Erwachsene aufgebaut haben. Man wird nicht damit geboren. Man baut es immer weiter auf.“

Eine andere fügt hinzu:

„Selbstvertrauen verlangt die Bereitschaft, anders zu sein, (…) nach den eigenen Werten und Bedürfnissen zu handeln.“

Kay und Shipman nennen auch noch Offenheit als Kriterium:

„Vielleicht haben wirklich selbstbewusste Menschen nicht das Gefühl, irgendetwas verbergen zu müssen. Sie sind, wer sie sind, (… auch) wenn das anderen Leuten nicht gefällt. (…) Sie sind mutig genug, nicht nur anders zu sein, sondern auch sie selbst zu sein.“

Mein Fazit nach der Lektüre lautet: Ja, ja, ja, was die Beschreibung der gesellschaftlichen Situation von Frauen angeht, die gut aufbereitete Darstellung aktueller Forschungsergebnisse und der Fallen, in die Frauen immer wieder tappen. Ja auch zu allen hier wiederholten Stereotypen, dass Frauen als Kinder zu wenig Mannschaftssport machen, zu lange vor dem Spiegel stehen, zu sehr gemocht werden möchten und gerne die Probleme bei sich finden.

Aber die Erziehungstipps für Töchter? Nö. Weil ich mir als erwachsene Person zutraue, selbst einen Erziehungsstil für meine Kinder zu finden. Selbstvertrauen besteht ja gerade im Eigenen. Tipps sind natürlich auch nur als Wegweiser gedacht: Dass Überforderung auch Kleinen nicht schadet. Ja nun. Aber ich käme mir wie ein Dompteur im Welpenkäfig vor, würde ich meinen Kindern Härte zeigen, wo keine nötig ist. Hier muss unbedingt auch das Leben seinen Part spielen!

Die Ratschläge, am eigenen Verhalten Richtung Selbstvertrauen zu drehen? Ja und Nein. Ja, weil es so viele einfache Möglichkeiten gibt, in die andere Richtung zu gehen, und weil es so erfrischend ist, es immer wieder zu lesen. Nein, und hier kommt meine Aversion gegen Ratgeberbücher zum Tragen. Ich mag es einfach nicht, Ratschläge serviert zu bekommen, unterfüttert von Beispielen tollsten Gelingens. Es sind gute Ratschläge, vor allem die, die einem die eigenen Vorstellungen auf den Kopf stellen. Aber nein, ich mag sie einfach nicht lesen. Es ist irgendwie so, als wollten die Autorinnen etwas beweisen. Dabei würde ich viel lieber selbst rausfinden, ob es wirklich so ist.

Zu guter Letzt: Die Art, die eigene Recherche in die Darstellung der Ergebnisse einzubinden, gefällt mir grundsätzlich. Als Leserin komme ich so Schritt für Schritt an die Ergebnisse heran, und kann meine eigenen Gedanken von Kapitel zu Kapitel springen lassen. Allerdings ist das Vorgehen auch langatmig. Am Ende hätte ich mir gut 50 Seiten weniger gewünscht, vielleicht gibt es ab einem gewissen Punkt auch zu viel Redundanz, aber das ist wohl ein grundsätzliches Problem von Ratgeberbüchern. Doch, das Buch hat einiges in meinem Kopf in Bewegung gesetzt. Und was mir noch wichtiger scheint: Es hat mir gute Laune bereitet. Insofern, trotz Langatmigkeiten und einigen Besserwissereien: Lesen!

 

 

 

 

 

 

 

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. Tristan Rosenkranz 9. Juni 2016

    Es ist nicht nur ein Vorurteil, es ist eine seit Jahren entgegen allen Klarstellungen, Studien und Aufdeckungen willentlich gehaltene Aussage der Medien, dass Frauen weniger als Männer verdienen. Es ist schlicht und ergreifend falsch.

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    • Stephanie Jaeckel 9. Juni 2016

      Es ist falsch? Dann hätte ich gerne Deine Quellen. Woher weißt Du das? – Meine Erfahrung als Freiberuflerin ist, dass Honorare streng geheim sind. Es gibt viele Verträge, die verlangen, dass über das ausgehandelte Geld nicht gesprochen wird. Klar, dass mich das stutzig gemacht hat, klar, dass ich meine Kolleg/innen gefragt habe. Die Antworten waren bestürzend. – Was „die Medien“ angeht. Ich arbeite u.a. als Journalistin. Liebe Leute, wenn ich in einem Artikel nicht alles bis ins letzte Fisselchen belegen kann, fliegt der Text vom Tisch. Das ist wesentlich härter, als jede Prüfung einer wissenschaftlichen Arbeit an der Uni. Regenbogenpresse und Boulevardblätter arbeiten natürlich anders: Aber das ist ja allgemein bekannt.

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