Grundeinkommen (II)

Einmal im Kopf, will der Gedanke an ein Grundeinkommen gar nicht mehr verschwinden. Was mich bei der bisherigen Debatte (die ich allerdings nicht in allen Details verfolgt habe) irritiert, ist, dass immer nur von der Gier der Menschen ausgegangen wird. Es sei ungerecht, so eine Argumentation, wenn Menschen, die mehr verdienen, dann auch noch ein Grundeinkommen bekämen. – !?

Gerecht/ungerecht – ich fände es in Ordnung. Weil es zum Beispiel auch die Möglichkeit gäbe, mehr Geld zu spenden. Oder an Menschen weiterzugeben, die es brauchen können, oder zu sparen und dann erst recht zu spenden. Automatisch gehen offenbar alle davon aus, dass jemand, der mehr Geld bekommt, als er nötig hat, das auch ausgibt, für Dinge, die er vielleicht nicht nötig hat. Für meinen Teil bedaure ich stets, keine Rücklagen zu haben, die ich spenden könnte für Projekte, die mir am Herzen liegen. Es wäre eine Möglichkeit von Teilhabe an der Gesellschaft, eine Möglichkeit mit zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen, Solidarität zu zeigen. Warum denkt daran bloß keine/r?

Gerecht scheint mir das Grundeinkommen zudem – und längst überfällig für die (und es sind viele), die in den Familien große Arbeitsleistungen bringen ohne dafür entlohnt zu werden. Ich möchte das ausdrücklich nicht auf Frauen beschränken, weiß aber aus eigener Erfahrung, wie viele Arbeitsstunden zum Beispiel eine kranke Mutter kostet, unbezahlte Arbeitsstunden wohlgemerkt. Es geht ja nicht mal um das töchterliche Selbstverständnis. Für mich stellt sich die Frage, warum niemand sich überlegt, wie man sich das finanziell überhaupt leisten kann. Es ist doch zum Himmel schreiend, dass immer so getan wird, als sei nix. Ich weiß nicht, ob sich mit einem schnöden Grundeinkommen schon der Pflegenotstand lindern würde, aber auch hier denke ich: Einen Versuch wäre es wert. Das Leben ist schon Arbeit genug. So ähnlich hat es Andy Warhol formuliert. Wie fast immer, lacht man erst mal. Aber länger drüber nachgedacht, ist eine Menge dran.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. wattundmeer 8. Juni 2016

    Ob so ein Grundeinkommen wirklich funktionieren könnte, vermag ich nicht zu beurteilen. Arbeiten, was man möchte und morgens um sieben gut gelaunt zu sein, finde ich aber auch erstrebenswert! Ob das mit einem Grundeinkommen zu erreichen wäre? Mir gab die große Ablehnung in der Schweiz (fast 80%) zu denken, das kann doch nicht nur Neid sein? Vor allem aber finde ich die Schweizer Art der Volksabstimmung zu wirklich Zukunft gestaltenden Themen großartig. Auch wenn nicht jede Idee eine Mehrheit findet… Ulrike

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  2. Stephanie Jaeckel 8. Juni 2016

    Was sind miese Jobs, die nicht in Zukunft auch noch wegrationalisiert sind (hoffe ich zumindest)? Außerdem staunt man ja oft, was Menschen gerne machen. Es gibt zum Beispiel viele, die leidenschaftlich gerne putzen (und ich lache nicht mal in Gedanken darüber), die gerne Gabelstapler fahren, Post austragen oder etwas sortieren. Fernfahrer sind die Cowboys der Autobahnen, usf. Ich denke nicht, dass irgendein Arbeitgeber Probleme bekommen wird, zumal ein Grundeinkommen von ca. 1.000 Euro, wie es für Deutschland im Gespräch ist, keinen wirklich vom Arbeiten abhält. So ein Geld kann ja gerade mal ein Puffer sein für schlechte Zeiten. Oder für jemanden wie mich, die zu gerne promovieren würde. Selbst ich müsste nebenher noch arbeiten, aber nicht mehr so viel. Dennoch, und da teile ich Deine Meinung: Es müssten nicht mehr so viele Menschen in miesen Zweit- und Drittjobs arbeiten: was für ein Segen!

    Ob alle morgens um sieben mit breitem Lächeln im Gesicht? – Nee, glaube ich eher nicht. Ich habe ja einen Beruf, den ich liebe, und mir auch ausgesucht habe. Das Dauerlächeln hat sich noch längst nicht eingestellt. Da ist zu viel Realität zwischen. Aber auch hier: ja. Ich bin wahrscheinlich doch glücklicher als meine Eltern, die sich ihre Berufe nicht ausgesucht haben.

    Es waren genau 77% Ablehnung in der Schweiz 😉 – ich würde bei diesem Ergebnis eher auf das Gewohnheitstier im Menschen tippen. Oder ein anderer Aspekt: Sie hätten Angst, dass es dann einen Massenzuzug ins Land gebe, weil frei leben oder so (was bei angedachten 2.500 Franken ja auch nur ein doofer Witz ist). Die haben – so erzählte mir ein Schweizer Freund – die Sache nicht besonders Ernst genommen und sich auch noch geärgert, dass im Ausland so viel Tamtam drum gemacht wurde, wo doch die Frage nach dem Milchpreis viel wichtiger sei.

    Es ist, so geht es mir durch den Kopf, ja auch der Gewinn von Freiheit für den Einzelnen. Und zu beobachten ist, dass es offensichtlich ungeheuer schwierig ist, mit eigener Freiheit umzugehen. Na, wir werden sehen, das Thema ist ja fürs Erste noch nicht vom Tisch.

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