Verstehen

ist etwas, was wir uns wünschen. Wir wollen von anderen verstanden werden in unseren Bedürfnissen, unserer Größe, unseren Fehlern. Und wir wollen verstehen, um uns einen Reim drauf zu machen, um eine Reaktion zu finden, um mit etwas fertig zu werden. Wenn ich weiß, warum sich meine große Liebe wortlos von mir getrennt hat, kann ich es besser einordnen. Denke ich zumindest, solange ich noch hoffe, es gäbe einen guten Grund. Aber wehe, wenn nicht. Dann kann ich gar nichts mehr verstehen und nur froh sein, den Affen nicht mehr sehen zu müssen. Ja? Wirklich?

Verständnis zu haben ist eine große Tugend in der westlichen Welt, Empathie eine wichtige soziale Fähigkeit. Ich möchte nicht falsch verstanden werden (eben, auch ich nicht…), mir geht es nicht darum, diese Fähigkeit grundsätzlich in Frage zu stellen. Aber mich beschleichen Zweifel. Ob Verstehen wirklich der Königsweg zum Gegenüber ist. Und ob wir nicht manchmal besser auf dieses Verstehen-Wollen verzichten.

Gegenseitiges Verständnis geht davon aus, dass wir (also ich und mein Gegenüber) uns ähnlich sind. Soweit zumindest, dass wir dieselben Dinge mögen, hassen, ablehnen, vorziehen, überhaupt kennen, beherrschen, etc. Aber hat nicht jede/r von uns schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Gegenüber radikal anders war. Und das nicht nur im negativen Sinn. Verstehen hat in diesem Sinn etwas Übergriffiges. Es entspringt dem dringenden Wunsch, in das Dunkel des unverständlichen Anderen einzudringen.

Manchmal frage ich mich, ob unser Wunsch, unsere nächsten und liebsten Menschen zu verstehen, nicht zu einem Haufen Konflikten führt. Der Grat ist schmal. Nicht verstehen zu wollen, kann auch zu Desinteresse oder Distanz führen. Und natürlich wollen wir gefragt werden, warum wir bloß diesen Mist gebaut haben oder was auch immer. Denn Verständnis entlastet. Aber, um bei mir zu bleiben: Verstehe ich immer, was ich mache? Eben. Und ich mag mich trotzdem.

 

Filed under: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. Myriade 1. Juni 2016

    Empathie hat aber nicht unbedingt mit Verstehen zu tun sondern mit Mitgefühl. Mit jemandem mitzufühlen heißt ja nicht unbedingt zu verstehen warum er/sie so fühlt.Und was man gar nicht versteht, muss man auch nicht beurteilen und damit ist Empathie eigentlich wertungsfrei.
    Was aber manche Leute unter Empathie verstehen, ist eine übergriffige Form der Einvernahme des Gegenübers mittels gnadenlosen Verstehenwollens. Na, vielleicht übertreibe ich etwas, aber ich denke da so an eine bestimmte Form der respektlosen Übergriffigkeit ………

    Gefällt 1 Person

  2. Stephanie Jaeckel 1. Juni 2016

    Ja, entschuldige, ich habe mit den Begriffen etwas zu wild jongliert. Der Text sollte erst Verständnis heißen und im Verständnis ist tatsächlich Empathie inbegriffen. Dennoch denke ich, dass ein Mitgefühl, auch wenn es nicht über den Verstand geht, eine Form des Verstehens beinhaltet. In beiden Fällen, also was Verstehen und Verständnis/Empathie angeht, möchte ich nicht am Wert dieser Fähigkeiten kratzen. Mir geht es um die eigene Haltung: kann ich akzeptieren, auch wenn ich nicht verstehe oder mitfühle. Und wo wäre vielleicht auch hier die Grenze?

    Gefällt mir

  3. papiertänzerin 2. Juni 2016

    spannend! Denn wir suchen uns ja meist auch ein Umfeld, Freunde, Bekannte, die wir verstehen und umgekehrt. Um die Komfortzone zu verlassen, ist der Anspruch, einander zu verstehen also vielleicht gar nicht so förderlich… andererseits ähneln wir Menschen uns zumindest in den emotionalen Grundzügen so sehr, dass Verstehen auch über große Unterschiede hinweg immer auch möglich ist…

    Gefällt 1 Person

    • Stephanie Jaeckel 2. Juni 2016

      Hm, was das Ähneln angeht, werde ich mit dem Alter immer skeptischer. Also, entweder werde ich schon altersmerkwürdig, oder ich schaue genauer hin. Auf jeden Fall finde ich Dissonanzen nicht mehr so schlimm wie früher. Im Gegenteil, manchmal bin ich einfach platt, wie man bestimmte Dinge auch sehen oder fühlen kann.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s