Geborgenheit

Kinder, die in familiärer Geborgenheit aufwachsen, sind – so heißt es – gut gewappnet für ein Erwachsenenleben. Geborgenheit ist ein zentrales Lebensgefühl, das dennoch vielen Menschen fehlt. 2004 wurde das Wort zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache gekürt – Sieger damals waren übrigens die „Habseligkeiten“. Wer sich geborgen fühlt, fühlt sich sicher, aber er spürt auch Nähe und ein warmes Wohlgefühl. Erstaunlich, aber wahr: Das Wort fehlt im Englischen und Französischen. Hier behilft man sich mit dem wesentlich kühleren „security“, bzw. „securité“. Und wer nach seinem Pendant sucht, dem Gefühl auf der gegenüberliegenden Seite der Skala, wird bald auf die Sehnsucht stoßen.

Spannend ist die Entdeckung, das nur aus der Geborgenheit heraus Spiel möglich ist. Wer jetzt daran denkt, wie wichtig Spiel für die Weiterentwicklung von so ziemlich allem ist, mag einschätzen, wie zentral Geborgenheit nicht nur für den Einzelnen, sondern für ganze Gesellschaften und Kulturen ist. Es stimmt auch, jedenfalls wenn ich auf meine Erfahrung zurückgreife, dass eine Tasse Kaffee Geborgenheit vermittelt. Wenn der Montag sehr grau beginnt oder der Arbeitstag endlos zu werden droht, verströmt die Wärme der Tasse und der Duft des Kaffees Trost und Zuversicht. Wer ganz ohne Geborgenheit groß wird, droht hyperaktiv zu werden, autistisch, Essstörungen zu entwickeln oder depressiv zu werden. Was hilft? Es ist wahrscheinlich enorm schwierig, sich auf die Suche nach etwas zu machen, was man gar nicht kennt. Ich könnte mir vorstellen, dass hier zum Beispiel Bücher weiterhelfen (und ich meine jetzt keine Ratgeberliteratur). Musik sicher auch oder Bilder. So war ich letzte Woche ungeheuer gerührt, als ich diesen Engel an der Bernwardstür in Hildesheim sah. Mit seiner Geste des Willkommens fühlte ich mich in seiner Gegenwart geborgen. Unsinnig, er ist mittlerweile mehr als 1000 Jahre alt und hat sicher nicht auf mich gewartet. Dennoch, hier scheint etwas durch, was uns mit den Menschen des Mittelalters und wahrscheinlich mit allen Menschen verbindet. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und die Fähigkeit, Nähe, Schutz und Zuversicht zu geben.

 

 

Ein Häuschen für die Welt,

dachte ich eben, als ich dieses Foto auf dem Tempelhofer Feld machte, vielleicht wäre das was für unseren Planeten: Eine Weile Unterschlupf finden, um sich wieder zu erholen. Aber leider stimmt das so ja nicht, weil nicht das Universum, sondern wir Menschen der größte Feind der Erde sind. Als könnte wir nicht anders, als am Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Acht Dinge, wie Striche, die man fürs „Haus vom Nikolaus“ braucht, möchte ich mir notieren, mit denen ich der Welt mein kleines Häuschen baue. Als Anfang. Und mir eine Initiative suchen, die ich unterstütze, sei es Umweltschutz oder innovative Techniken oder ein politisches Projekt. Wer an einem so traumhaften Sommerabend wie heute aus dem Fenster schaut, kann gar nicht anders, als die Welt aus vollem Herzen zu lieben.

Vitrinenhüter

Keine Sorge. Der will nicht spielen. Der guckt nur streng und ist ansonsten unbeweglich. Heute hütet er eine Glasvitrine. Früher? Wahrscheinlich soll er hässlich sein, oder zumindest Angst einflößen. Aber genau besehen, kann er nur höchste Bewunderung hervorrufen. Wie kunstvoll der Backenbart gezwirbelt ist. Wie ordentlich das Löwenfell umgelegt. Und warm schimmert die Haut unter der künstlichen Sonne, als wäre kein Stein zu sehen, sondern ein echtes Lebewesen. Nein. Monster möchte ich es nicht nennen. Von der Größe her würde es eh nur für einen Gnom reichen. Es ist ein Zauberwesen, das, da bin ich mir sicher, einiges zu sagen hätte. Aus seiner Zeit von vor vielen tausend Jahren, wo es in Ägypten sicher etwas Wertvolles bewachte. Ob es angebetet wurde? Ja, da hätte ich mal die Beschriftung lesen sollen Aber ich war in diesen Blick vertieft. Vielleicht konnte er böse Träume verjagen. Versagensangst. Todesangst. Ach, es gibt so viel mehr zwischen Himmel und Erde! Warum bleibt uns so viel davon bloß verborgen?

Auch diese Kleinplastik ist übrigens im wundervollen Römer-Pelizaeus-Museum in Hildesheim zu sehen.

Meeresrauschen

Noch gibt es sie, die einzigartigen Orte, an denen es genau so ist und nicht anders. Am Meer zum Beispiel, und da können wir am Wannsee noch so viele Strandkörbe aufstellen oder an der Spree, Meer bleibt mehr. Jede/r hat vermutlich solche Orte, die ihr oder ihm einzigartig sind. Was mir auffiel, als ich weniger als zwei Stunden am Ostseestrand war, wie viel Rückbesinnung auf das Wesentliche mir eine Meeresküste gibt.

Vielleicht ist dies ein Geschenk der Natur (und ich hüte mich, von unberührter Natur zu sprechen, weil es die nun mal nirgends mehr gibt, auch wenn hier und da noch keine Strandkörbe stehen): Dass wir unserer Freiheit gewahr werden, dass wir unsere Ausmaße im Vergleich zu Himmel und Erde begreifen (nein, Kleinsein ist keine Einschränkung der Freiheit), dass wir einen Zustand der Zeitlosigkeit (zumindest der Uhrzeitlosigkeit) erfahren. Dass wir es vermutlich sogar schaffen, einmal das unablässige Denken abzuschalten. Die gute Nachricht. Solche Orte gibt es auch im nahen Umland, manchmal sogar mitten in der Stadt. Und: Es braucht keinen Urlaub, um sie zu besuchen. Nur einen kurzen Sprung aus dem Hamsterrad.

Bahnfahren, oder:

Fühl‘ Dich ganz wie zu Hause. In der letzten Woche bin ich gleich viermal mit der Bahn gefahren. Um es vorweg zu nehmen: Ich mache dies nicht besonders gern. Vorurteile schwingen also sicher mit, bei dem, was, bzw. wie ich es erlebt habe. Verspätungszeit insgesamt bei vier Fahrten: 45 Minuten. Geschenkt, waren auch nur Spartickets und die Verspätung betraf jeweils solche Fahrten, bei denen ich das Umsteigen schon hinter mir hatte. Der besondere Kick: Ich hatte bei keiner Tour eine Reservierung. Es war auf jedem Bahnsteig brechend voll.

Einen Platz habe ich jeweils ergattert. Bei der ersten Fahrt saß ich mit nur einem anderen Mitreisenden in so einem fünfer-Abteil. Perfekt, will man meinen. Nur leider hatte der Mitreisende am Morgen das Waschen unterlassen. Es roch streng. Zumal er die Tür des Abteils dicht hielt. Aus seiner Perspektive verständlich, denn es rappelte draußen wirklich ohrenbetäubend. Nach einer Weile machte er es sich dann gemütlich, Füße auf den gegenüberliegenden Sitzplatz, nein, die Schuhe hat er gnädigerweise nicht ausgezogen, schnell war er eingeschlafen. An sich ja nicht verwerflich (er hatte sogar eine Zeitung unter seine beschuhten Füße gelegt), aber wie kommt man raus, mit Koffer und Rucksack, wenn vor dem Eingang einer der Länge lang schläft?

Nein, ich werde jetzt nicht jede Fahrt minutiös abkaspern. Aber was mir auffällt, und wirklich nicht gefällt: Bahnreisende machen sich gerne breit während der Fahrt. Sie dehnen ihre Privatsphäre mit Gerüchen, Gerede, Getue oft über zwei, drei oder vier Sitzreihen aus und sind damit, Pardon, aber wirklich: unausstehlich! Ich verstehe, dass man gerne alleine sitzen möchte. Denn das gefällt mir selbst auch am besten. Aber diese Selbstverständlichkeit der intimen Übergriffigkeit ist mir unangenehm. Den Vogel abgeschossen hat mal eine Großfamilie mit mehreren Vätern, Müttern und Kindern, die natürlich nicht nur das ganze Abteil akustisch unter der Fuchtel hatten, sondern deren Männer nichts besseres zu tun hatten, als Pornos auf dem Rechner zu schauen. Es war wie bei Hempels auf dem Sofa, nur dass man leider nicht einfach wieder gehen konnte.

Das gemeinsame Herausnehmen von Stullen und Tupperdosen sobald der Zug anfährt, hat ja schon fast etwas Charmantes. Aber wenn zum Beispiel ein/e Mitreisende/r auf dem Nachbarsitz eine stundenlange Fahrt unentwegt futtert, gerne knusprige Kekse, Äpfel und Möhren mit einer gewissen akustischen Mümmelpräsenz – !? Oder sich gleich mit Alkohol abfüllt. Oder wenn Reisende – gerne während des Genusses von Alkohol – immer lauter miteinander reden. Wenn Schuhe abgestreift und Nylonstrümpfe darunter hervor müffeln. Wenn laute Musik aus Kopfhörern quillt, kurz, wenn Leute vergessen, dass sie nicht allein zu Hause auf dem Sofa sitzen – fühle ich mich nicht mehr wohl.

Warum das so ist? Keine Ahnung. Dass ich deshalb lieber fliege, weil die Fahr- bzw. Flugzeiten meist kürzer und viele fliegende Mitreisende so mit ihrer Flugangst beschäftigt sind, dass sie sich nicht so wesentlich ausbreiten, ist nur eine persönliche Konsequenz. Doch, es gibt auch schöne Begegnungen in der Bahn. Das eine oder andere tolle Gespräch mit Fremden habe ich dort auch geführt und genossen. Aber solche Begegnungen sind doch eher selten. Und dann sitze ich wieder einmal unbequem in egal welchen Baureihen der Bahnsitze, dass ich wirklich ungern zum Fahrkartenschalter gehe. Am Schluss ist eins noch wirklich positiv zu vermerken: Das Zugpersonal ist wesentlich freundlicher geworden in den letzten Jahren. Und das ist wirklich was!

Mein Name ist Hase

Ja, fast. Denn die Eltern meiner Großmutter – und sie selbst bis zur Heirat – hießen Haas. Und dann bin ich auch noch einer, in China zumindest, nach deren Horoskop ich im Jahr des Hasen geboren bin, nachdem ich haarscharf am Drachen vorbei schrappte. Natürlich wäre ich lieber ein Drache! Aber Hasen sind – laut Horoskop zumindest – glücklicher. Und sie haben diese schönen Lauscher. Und lange Beine. Da kann sich der Dürerhase noch so vornehm zusammenfalten. Dieses Hasenrelief stammt aus dem Alten Ägypten. Wenn mich nicht alles täuscht, trägt er ein Halsband. Ob die Kinder in Ägypten Schmusehasen hatten? Niedlich sieht er aus. Und auch wenn er, wie alle Ägypter, im Profil gegeben wird, ganz lebensnah. Zu sehen ist er in Hildesheim. In der fantastischen ägyptischen Sammlung des Römer-Pelizaeus-Museums. Aber Vorsicht! Wer drei Hasen nachjagt, wird keinen fangen!

Open your mind!

Sie trauen Ihren Augen nicht? Wo es offensichtlich ins Zelt geht, geht es angeblich ins Meer? Nix wie hin! Alexander von Humboldt wurde nicht müde, offene Augen und offene Sinne zu propagieren. In Venezuela zum Beispiel erlebte er sein erstes Erdbeben. Seitdem war im klar, dass Boden unter den Füßen vor allem nicht „Festigkeit“ bedeutet. Ich dachte, so schrieb er nach Europa, die Meere seien das Medium der Bewegung. Aber nun bin ich eines Besseren belehrt.

Auch heute gilt in den (Natur)Wissenschaften: Es gibt nichts, was es nicht gibt! Bloß nicht Dinge ausschließen, nur weil man noch nichts davon gehört hat. So genannte „Alienhunter“, Astrobiologen im realen Leben, forschen genau auf dieser Grundlage, denn sie suchen nach Lebewesen, die wir nicht kennen. Und vielleicht ob unserer beschränkten Sicht auch noch nicht erkannt haben. Denn eins ist klar: Leben entstand (zumindest auf unserer Erde) unter enorm lebenswidrigen Bedingungen. In einer giftigen und zudem enorm heißen Umwelt. Also, wer weiß, dass es mehr gibt, als man so gemeinhin denkt, wird es vielleicht noch zu dem einen oder anderen Wunder bringen: Augen auf!

So sieht es

drei Tage vor dem Start der Kieler Woche aus. Große Segler fahren still und leise in die Kieler Förde ein, um dann am Sonntag mit viel Tamtam und Tatütata wieder auszufahren. Das muss toll aussehen. Aber das Gewimmel am Kai mag ich mir lieber nicht vorstellen…