Bahnfahren, oder:

Fühl‘ Dich ganz wie zu Hause. In der letzten Woche bin ich gleich viermal mit der Bahn gefahren. Um es vorweg zu nehmen: Ich mache dies nicht besonders gern. Vorurteile schwingen also sicher mit, bei dem, was, bzw. wie ich es erlebt habe. Verspätungszeit insgesamt bei vier Fahrten: 45 Minuten. Geschenkt, waren auch nur Spartickets und die Verspätung betraf jeweils solche Fahrten, bei denen ich das Umsteigen schon hinter mir hatte. Der besondere Kick: Ich hatte bei keiner Tour eine Reservierung. Es war auf jedem Bahnsteig brechend voll.

Einen Platz habe ich jeweils ergattert. Bei der ersten Fahrt saß ich mit nur einem anderen Mitreisenden in so einem fünfer-Abteil. Perfekt, will man meinen. Nur leider hatte der Mitreisende am Morgen das Waschen unterlassen. Es roch streng. Zumal er die Tür des Abteils dicht hielt. Aus seiner Perspektive verständlich, denn es rappelte draußen wirklich ohrenbetäubend. Nach einer Weile machte er es sich dann gemütlich, Füße auf den gegenüberliegenden Sitzplatz, nein, die Schuhe hat er gnädigerweise nicht ausgezogen, schnell war er eingeschlafen. An sich ja nicht verwerflich (er hatte sogar eine Zeitung unter seine beschuhten Füße gelegt), aber wie kommt man raus, mit Koffer und Rucksack, wenn vor dem Eingang einer der Länge lang schläft?

Nein, ich werde jetzt nicht jede Fahrt minutiös abkaspern. Aber was mir auffällt, und wirklich nicht gefällt: Bahnreisende machen sich gerne breit während der Fahrt. Sie dehnen ihre Privatsphäre mit Gerüchen, Gerede, Getue oft über zwei, drei oder vier Sitzreihen aus und sind damit, Pardon, aber wirklich: unausstehlich! Ich verstehe, dass man gerne alleine sitzen möchte. Denn das gefällt mir selbst auch am besten. Aber diese Selbstverständlichkeit der intimen Übergriffigkeit ist mir unangenehm. Den Vogel abgeschossen hat mal eine Großfamilie mit mehreren Vätern, Müttern und Kindern, die natürlich nicht nur das ganze Abteil akustisch unter der Fuchtel hatten, sondern deren Männer nichts besseres zu tun hatten, als Pornos auf dem Rechner zu schauen. Es war wie bei Hempels auf dem Sofa, nur dass man leider nicht einfach wieder gehen konnte.

Das gemeinsame Herausnehmen von Stullen und Tupperdosen sobald der Zug anfährt, hat ja schon fast etwas Charmantes. Aber wenn zum Beispiel ein/e Mitreisende/r auf dem Nachbarsitz eine stundenlange Fahrt unentwegt futtert, gerne knusprige Kekse, Äpfel und Möhren mit einer gewissen akustischen Mümmelpräsenz – !? Oder sich gleich mit Alkohol abfüllt. Oder wenn Reisende – gerne während des Genusses von Alkohol – immer lauter miteinander reden. Wenn Schuhe abgestreift und Nylonstrümpfe darunter hervor müffeln. Wenn laute Musik aus Kopfhörern quillt, kurz, wenn Leute vergessen, dass sie nicht allein zu Hause auf dem Sofa sitzen – fühle ich mich nicht mehr wohl.

Warum das so ist? Keine Ahnung. Dass ich deshalb lieber fliege, weil die Fahr- bzw. Flugzeiten meist kürzer und viele fliegende Mitreisende so mit ihrer Flugangst beschäftigt sind, dass sie sich nicht so wesentlich ausbreiten, ist nur eine persönliche Konsequenz. Doch, es gibt auch schöne Begegnungen in der Bahn. Das eine oder andere tolle Gespräch mit Fremden habe ich dort auch geführt und genossen. Aber solche Begegnungen sind doch eher selten. Und dann sitze ich wieder einmal unbequem in egal welchen Baureihen der Bahnsitze, dass ich wirklich ungern zum Fahrkartenschalter gehe. Am Schluss ist eins noch wirklich positiv zu vermerken: Das Zugpersonal ist wesentlich freundlicher geworden in den letzten Jahren. Und das ist wirklich was!

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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