Wegweiser

Wer den Boden unter den Füßen verliert oder im Raum die Orientierung – in Berlin gibt es zumindest eine Heimat. Habe ich gestern mit eigenen Augen gesehen. – Aber wenn ich mich nach meiner eigenen frage: Fremd sein ist mir geläufiger. Statt in der Heimat lebe ich im kleineren Zuhause. Aber – habe ich deshalb keine Heimat mehr? Oder möchte ich ganz einfach keine?

Grundeinkommen

Das Thema lässt mich nicht los. Was wäre, wenn ich für eine Weile ein Grundeinkommen bekäme? Ich hätte vermutlich in dieser Zeit (oder zumindest am Anfang) keine Existenzangst. Klingt dramatisch. Ist es wahrscheinlich auch. Aber ich bin so dran gewöhnt, wie eine, die den ganzen Tag mit einem Mühlstein um den Hals rumläuft (haha). Wahrscheinlich wäre ich gut beraten, auch ohne Grundeinkommen zu entspannen. Ist aber so schwierig wie mit dem Kamel durchs Ör zu reiten.

Im Netz war heute ein Artikel über den Berliner Verein „Mein Grundeinkommen“. Hier werden Spenden gesammelt, und wenn 12.000 € zusammen sind, bekommt eine/r ein Jahr lang 1.000 € pro Monat. Dieses Projekt versteht sich als Experiment. Denn die Frage steht ja noch unbeantwortet im Raum, ob ein Grundeinkommen, so niedrig wie es ist, so hoch, wie es (als vermeintliches Geschenk) eben auch ist, „nützt“. D.h. genug Motivation freisetzt, um für eine passende Erwerbstätigkeit aktiv zu werden oder ob es im Gegenteil die Bequemlichkeit fördert. Wer dort spendet, nimmt übrigens automatisch an der Verlosung für das nächste Grundeinkommen teil. Wäre das einen Versuch wert?

Im Netz unter: http://www.mein-grundeinkommen.de

Was ist eigentlich Urlaub?

Fast alle reden schon wieder davon und freuen sich. Auf den Urlaub. Nach Spanien geht es, nach Stockholm, in die Berge oder ins Umland. Hauptsache weg, Hauptsache günstig. Und Hauptsache für mehr als eine Handvoll Tage. Sprachgeschichtlich lässt sich das Wort Urlaub auf Erlaubnis zurückführen. Was schon Bände spricht. Heute ist mit Urlaub meist Abwechslung vom Alltag gemeint, je länger, desto lieber.

Aufstehen wann man will, baden gehen, wandern, segeln, reiten oder sonst was. Schönes Wetter haben. Draußen sein, mit Freund/innen abhängen, lesen, nichts tun, träumen, trödeln, schreiben, fotografieren. Tanzen, Filme gucken, Nächte durchmachen, alles andere auf Morgen verschieben. Vielen ist der Urlaub ein Lichtstreif am Horizont. Eine Verheißung. Eine Belohnung. Ein Fest. Wie ist es bei mir eigentlich? Im Grunde reise ich nicht gerne, bin aber froh, mal woanders zu sein. Urlaub zu machen, um – ??? Alles, was ich dort tue, kann ich hier auch. Außer: Aufs Meer gucken. Von fremden Tellerchen essen. Morgens schon Blumenduft schnuppern. Zum Kreuz des Südens schauen.

Brauche ich Urlaub? Möchte ich Urlaub? Oder habe ich schon den Urlaubsföhn vor lauter Urlaubsgerede? Manchmal kommt mir die ganze Rumerholerei vor wie ein großer Schwindel, von dem wir uns nur zu gerne erfassen lassen. Wie seht Ihr das? Könnt Ihr Euch ganz dem Fernweh hingeben? Oder habt Ihr Skrupel oder andere Zweifel? Na, ich kann mich ja erst mal auf den Balkon setzen. Um über Weiteres nachzudenken.

 

 

 

Teilen

Heute habe ich einen Nachbarn aus dem Haus getroffen, und gleich mal mit ihm überlegt, was wir teilen könnten, um nicht nur persönliche Ausgaben zu sparen, sondern insgesamt weniger Zeug zu besitzen. Er wünschte sich eine gemeinsam zu nutzende vier-Meter-Leiter (wir wohnen in einem Altbau), eine Bohrmaschine (hab‘ ich zum Beispiel). Ich würde mir gerne einen Staubsauger teilen oder vielleicht sogar eine Tiefkühltruhe (aber das wäre gleich schon eine riesige Anschaffung). Eventuell könnte man auch in größeren Mengen kaufen (weniger Verpackungen) oder abgelaufene Lebensmittel irgendwo holen und verteilen (lohnt sich für eine Person nicht, weil man auch da größere Mengen bekommt). Vielleicht ginge auch selbst gemachte Marmelade. Für mich alleine macht letzteres keinen Sinn, weil ich die Marmeladen-Vorräte nirgends lagern kann. In einem Gemeinschaftskeller, den es in unserem Haus möglicherweise sogar gibt (d.h. der leer steht), wäre also auch die Marmelade möglich. Mal sehen. Ich bin jedenfalls begeistert von der Idee. Obwohl ich ahne, dass die Umsetzung nicht einfach sein wird. Immerhin: Jetzt bin ich erst recht gespannt auf unser Hausfest.

Wie viele Sklaven halten Sie?

Vorab: Ein Hoch auf den Deutschlandfunk! Könnte man ja öfters mal schreiben. Also heute zumindest hier. Dort wurde gestern das aktuelle Buch von Evi Hartmann vorgestellt mit dem provozierenden Titel: „Wieviele Sklaven halten Sie?“

Wer mutig ist, kann gleich nachschauen unter: slaveryfootprint.org im Internet. Ich hab’s gemacht und bin glimpflich davon gekommen. Ich habe kein Auto, keine große Wohnung, kein teures Hobby und einen kleinen Kleiderschrank. Dennoch. So viele Sklaven, wie die, die für mich arbeiten, könnte ich nicht an einem Abend bei mir am Tisch bewirten. Das ist eindeutig zu viel.

Nein, Quatsch. Eine/r wäre schon zuviel. Aber wenn ich auf die heutige Wirtschaft schaue, wird mir schwindelig. Wie soll ich da klug einkaufen? Schließlich sind die Lieferanten immer schon die Kunden anderer Lieferanten, usf. Die Antwort, die Frau Hartmann gibt – nachdem sie erst einmal ausführlich das ganze Dilemma der weltweiten Ausbeutung aufdröselt – ist keine Sofortlösung. Eher die Anleitung für erste Schritte. So rät sie, erst mal Produkte aufzuschreiben, die man regelmäßig kauft und dann nach und nach zu recherchieren. Welche Produkte sind fair? Wo wird auf Nachhaltigkeit geachtet, auf Moral. Oder: Wie kann ich einkaufen, ohne nur auf den Preis zu schauen und Sparen zum wichtigsten Anreiz zu machen?

Was mir gefällt: Frau Hartmann schreibt aus eigener Erfahrung und verweist darauf, dass wir durch Mitdenken und Pragmatismus etwas erreichen können. Hier geht es nicht um das Beklagen individueller Machtlosigkeit, sondern darum, eigene Ideen und Wege zu finden. Für mich wäre eine weitere Idee, mehr mit anderen zu teilen. In der Nachbarschaft zum Beispiel. Wir feiern nächsten Monat unser Sommerfest. Eine gute Gelegenheit, auch darüber mal zu reden.

 

Genießen

Den Picknickkorb packen, auf die große Wiese fahren und vom goldenen Löffelchen essen. Wann, wenn nicht jetzt? – Mir scheint, und ich bin da ziemlich allein auf weiter Flur, weil sich über den Genuss noch wenig Menschen Gedanken gemacht haben, also, mir scheint, dass man erst mit zunehmendem Alter das genießen lernt. Kinder mögen. Und wie! Aber sie sind oft schnell, ratzfatz ist das Eis weg, die Nudeln gegessen, das Spiel langweilig.

Genießen hat vielleicht etwas mit einem Gespür für Luxus zu tun. Auch wenn man gerade nur einen Kaffee trinkt oder ein Glas Wasser. Aber eben: Was für ein Luxus! Herrlich, vor allem, wenn der Moment stimmt. Denn Genießen hat auch etwas mit dem Zeitgefühl zu tun. Dass ich den Augenblick wahrnehme und mich darin. Dabei werden Genießer/innen oft mit strengen Blicken bedacht. Wer sich das einfach so herausnimmt: Sinnenfreuden. Am helllichten Tag. Statt seine Aufgaben zu erledigen.

Im Netz gibt es eine Studie, die zeigt, dass die Genussfähigkeit nach Regionen unterschiedlich ist, es also möglicherweise an der Mentalität eines Menschen liegt, ob sie oder er gerne genießt oder eher Skrupel hat. So richtig weiß jedoch niemand, ob man genießen lernt oder es einem in die Wiege gelegt wird. So oder so. Jetzt ist die beste Zeit, das Leben draußen zu genießen. Das sollten wir mal nicht verpassen.

Erinnern, nicht zurückblicken

Jetzt, nach dem Tod meiner Mutter, scheint bei mir eine Zeit des Erinnerns einzusetzen.Vor allem in Träumen rekapituliere ich alte Erlebnisse. Oder im Laufe des Tages kommt mir ein Traumbild in den Sinn, das aus der Vergangenheit stammt. Großeltern, Tanten, Onkel, Freundinnen, deren Namen ich längst vergessen habe, erste und zweite Lieben, Orte, zu denen ich nicht mehr finden würde, Zeiten, in denen ich eine andere war. Der Grat ist schmal. Denn Erinnern scheint mir wichtig. Um das Bild, das ich von mir und meiner Familie habe, immer wieder neu auszulegen. Zurückblicken und grübeln, ob dies oder das nicht besser gewesen wäre dagegen bekommt mir nicht gut. Don’t look back. sang auch schon David Bowie. Ja, wozu hat man denn Helden?

„Eindrucksgedichte“

nennt Nora Gomringer solche, die aus einer sie verblüffenden Konfrontation mit der Wirklichkeit entstehen. Und sie sagt, dass sie gerne Fotos macht, um Eindrücke festzuhalten. Nur wenn der Akku leer sei, greife sie aufs „Merken“ zurück, oder versuche es zumindest. Für eine Dichterin verwunderlich  aber sehr wahr, wie ich finde), sagt sie außerdem: „Ein Foto kann ein Gedicht ersetzen.“

Geschafft!

Es ist 259 Beiträge her, dass ich den letzten Sommer verabschiedet habe. Und jetzt ist es wieder soweit: Wir haben Sommer! Wir brauchen keine Handschuhe mehr verlieren, können mit nassen Haaren aufs Rad steigen und die Küche abends gut und gerne kalt sein lassen. Wir können spät noch eine Runde durch den Park drehen, Sterne gucken ohne am Boden festzufrieren, den ersten Kaffee morgens am offenen Fenster genießen. Dafür müssen wir gelegentlich Mücken erschlagen (ach was, sachte fangen und dann einfrieren, um sie unversehrt dem Mückenatlas zur Verfügung zu stellen), Marmelade kochen (um ein bisschen Sonne in eisige Zeiten zu retten) oder Blumen gießen (!!!).

Nein. Der Brexit verhagelt mir nicht die gute Laune. Ich finde es schade, dass die meisten Engländer/innen sich gegen den Verbleib in der EU entschieden habe. Aber ich bin auch erleichtert, dass es endlich eine Entscheidung gibt. Immer nur maulen, macht die Stimmung nicht besser. Jetzt kann sich die EU neu sortieren, was meiner Ansicht nach längst überfällig ist, und die Briten können neue Wege ausprobieren. Das ist sicher auch für uns interessant. Und: England ist fest im Nordmeerboden verankert. Die segeln uns schon nicht davon. Es wird jetzt andere Fragen geben. Und damit voraussichtlich auch neue Lösungen.