Das hätte aber auch schief gehen können. Erstens war ein ungeheurer Stau in Los Angeles. Nö, das brauche ich nicht spezifizieren: ganz Los Angeles war ein Stau. Und dann geriet ich ins teuerste und gleichzeitig unübersichtlichste Parkhaus des Universums. Da wurden saftige Dollarbeträge für 10 Minuten abgerechnet und das Abstellen und nach Finden eines günstigeren Parkplatzes wieder Herausfriemeln des Autos kosteten 12 Dollar irgendwas und einen dicken Nervenstrang. Aber der Anblick der Philharmonie im Abendlicht machte alles wieder wett. Erst recht der kalifornische Sekt zur Einstimmung ins Konzert. Der Saal selbst bleibt leider durch Verwendung eines scheußlichsten Bestuhlungsstoffes weit unter dem Niveau der fantastischen Außenhaut, dafür ist der Garten eine schönste Pausenerfahrung. Dirigiert hat heute Abend der Chef persönlich: Gustavo Dudamel, der seine Combo durch die beiden Schubert-Sinfonien Nr. 5 und Nr. 6 führte und dann noch, mit der Mezzosopranistin Sasha Cooke (sehr erste Sahne), in die Melancholie der Rücker-Lieder von Gustav Mahler. Solide, kompakt, geschmeidig und voller Applaus am Schluss, dem ich mich gerne angeschlossen habe.
Der perfekte Weihnachtsbaum
steht in Santa Barbara. Wer hätte das schon wieder gedacht?
Hingucker
Wer nicht nur am Strand nach Stöckchen und Steinchen Ausschau halten will, ist an der kalifornischen Küste gut bedient. Es gibt Kunst, Kram und Krempel massenweise und durchaus schöne Dinge. Ehrlich, ich hätte eine Menge abschleppen können, vor allem dieses Bild war mein Favorit. Leider mit knapp 2.000 Dollar viel zu teuer (in Wahrheit ein Schnäppchen!). Aber eine tolle Begegnung (zumal die Verkäuferin gerade Erdbeeren gekauft hatte und großzügig davon anbot). Dafür habe ich mir im Nachbarladen einen Kerzenständer mit eingebauter Vase geschnappt. Was für eine tolle Idee! Und festlich sieht das auch aus. Da kann ich mir dann im Winter Erinnerungen an die Reise beschwören. Einen neuen Ring mit prächtig grünem Glasstein habe ich mir auch geleistet und einen Anhänger mit einem Mondstein. Irgendwie scheint die Reise für mich eine Sonne+Mond-Geschichte zu werden. Der Mond begleitet mich, seitdem er bei der Ankunft in San Francisco voll am Himmel stand, die Sonne sowieso. Heute Abend liege ich auf einem Hotelbett in Santa Barbara. Dieses Zimmer ist bislang mit Abstand das schönste: groß, ohne Bilder an den Wänden und mit dunklen Dachbalken vor grauer schräger Decke. Ein riesiges Bad und ein Blick auf den von Palmen und unglaublich lilablühenden Bäumen gesäumten Boulevard. Hier möchte man dann doch tot über dem Zaun hängen sagte beim Abendessen mein Begleiter. Naja. Ich hänge hier lieber lebend herum. Und werde das jetzt noch eine Weile tun…
Stöckchenparade
Ich muss in einem früheren Leben ein Hund gewesen sein. Denn statt die Aussicht zu genießen oder die Füße ins Wasser zu stellen, laufe ich tief gebeugt über die Brandungslinien der letzten Flut und schaue nach Stöckchen aus. Eine große Plastiktüte mit dem für einen Urlaub so passenden Aufdruck „Heimatverwurzelt.“ (doch, war Zufall) ist schon prallvoll mit Strandgut. Muscheln gibt es kaum. Wahrscheinlich ist die Brandung zu stark. Aber es ist Zeug zu sehen, das ich nicht mal für möglich gehalten habe. Riesige Algen, die wie Seeungeheuer aussehen. Treibholz in allen Größen und Farben, hier und da Müll. Die Strände haben eine eher dunkle Farbe. Es ist längst nicht nur helles Gestein zu Sand zerrieben. Und es ist noch leer an den Stränden. Der Wind tobt und die Wellen brüllen wie Löwen. Heute ist ein Ruhetag in Morro Bay angesagt. Den ich auch dringend nötig hatte. Aber Tamtam gibt es genug, eine Fahrradrallye kommt gerade vorbei und es ist große Ferienstimmung. Nix wie hin!
Strandleben
Ja. So hatte ich mir das vorgestellt. An den Strand legen und alle Viere von mir strecken. Aber dann hat sich die Station in Monterey doch zu einem Riesenspaziergang ausgewachsen. Natürlich musste ich erst ins Aquarium. Star Trek Fans wissen, warum. Neunundvierzig Dollar Eintritt. Die ich mit dem Presseausweis umgehen konnte. Dieses Mal war ich wirklich froh um das Ding. Aber ich muss sagen, das Aquarium ist wirklich topp. Vor allem Kinder werden bestens bedient. Sie sind dort die erste Zielgruppe und sie können rumrennen, Spass haben und an vielen Stationen etwas lernen. Überall sind auch Mitarbeiter, die Fragen beantworten oder etwas zeigen. Es gibt sogar ein Streichelaquarium. Die großen Becken sind natürlich der Hammer. Ich habe lange vor dem Ozean-Aquarium gesessen und einer großen Wasserschildkröte zugeschaut, die von weit oben herab sehr nachdenklich auf uns Besucher blickte. Danach gab es ein bisschen Strand und dann einen langen Spaziergang bis zu Leuchtturm, an einem riesigen und dennoch verwunschenen Friedhof vorbei und von da wieder in den Ort und zu einem fantastischen Restaurant, Jeninni, wo es zum Nachtisch tollstes Kardamom-Eis mit Espresso darüber gab. Der krönende Abschluss kam bei mir allerdings schon etwas früher: Ein Buch über Marie Tharp, eine Ozeankarthographin, oder besser: Die erste Ozeankarthografin überhaupt. Dass es über diese tolle Frau etwas zu lesen gibt, hat mich irre gefreut: Hali Felt: Soundings. The Story of the remarkable Woman who mapped the Ocean Floor. New York 2013.
Beach Boys
Es ist so. Aber es ist zum Glück auch ganz anders. Kalifornien bedient alle Klischees, die ich aus Europa mitgebracht habe. Dann aber auch wieder nicht. Denn natürlich wird gesurft, und wo die Surferbräute zum Picknick in kleinen hübschen Knubbeln am Strand lagern, und die Hundchen mit vom Wind aufgeplusterten Fell über die Strände sausen, die Sonne wie aus Kübeln über die Szene prasselt, stehe ich mitten in meiner Ansichtskartenglückseligkeit. Aber dann ist die Szene eben doch belebt. Der Wind braust um so viel lauter als ich mir das vorgestellt habe und das Meer grollt ununterbrochen. Toll. Gar nicht langweilig. Die Klischees sind da, aber sie öffnen sich zu einer ganz eigenen Szenerie. Und auf dem Parkplatz steht ein Auto, das ich weiterbewegen muss. Klingt einfach, ist es soweit auch. Nur bin ich, seit ich mit 18 den Führerschein gemacht habe, quasi nie Auto gefahren. Ein gewisser Nervenkitzel ist also schon dabei. Zumal es an der Küste hügelig ist und ich die Tachonadel im Auge behalten muss, um das Tempo einigermaßen konstant zu halten. Aber die Beach Boys und Ladies bleiben auch auf der Straße lässig, so dass ich mich nicht zu unsicher fühlen muss. Heute ist es übrigens bewölkt. Zum Glück, noch mehr Sonne hätte mein Berliner Blassgesicht nicht mehr vertragen…
Rundreise
Wer rumfährt, muss Abschied nehmen. Komisch, dass ich daran nicht vorher dachte. Jetzt habe ich den Salat. Und muss mich von San Francisco verabschieden, wo ich mich doch gerade hier einlebe. Tolle Stadt? Ja. Unbedingt. Obwohl ich gestern an der Fishermen’s Warf so meine Anfälle bekommen habe. Vielleicht war das ein Vorgeschmack auf Los Angeles? Oder mir spielen meine europäischen Vorurteile gerade einen Streich. Was mich als reisende Touristin freut: hier gibt es den kalt gemachten Kaffee als Halbliterflasche zum Mitnehmen: ohne Zucker, und was mich entzückt: ohne Milch. Ansonsten: Auch wenn die Stadt viele coole alte Leute zu bieten hat. Die jungen sind auch ganz schön tough unterwegs.
Museumsbesuch
Ich gebe es zu. An Museen interessieren mich durchaus die Cafés. Und diesbezüglich wird man in San Francisco mehr als verwöhnt. Überall beste Lage, fast immer mit großzügiger Terrasse und immer mit bestem, nein, allerbestem Essen. Und dort sitzen dann die Herrschaften nach dem Besuch einer Sonderausstellung oder der Sammlung, speisen (nix mit schnellem Imbiss) und unterhalten sich. Jawohl. Ich sehe hier viele Damen und Herren, durchaus in höherem Alter, für den Museumsbesuch chic gemacht und dann mit einem Freund oder mit einer Freundin interessiert herum flanieren und natürlich später gemeinsam essen. Mir ist klar, dass es ein Vergnügen mehr als gut situierter Amerikaner/innen ist, doch es imponiert mir. Es geht sehr gepflegt zu und die Atmosphäre, die daraus entsteht, inspiriert mich. Es ist festlich auf eine Art. Es macht Spaß sich dazu zu setzen, hier und da zuzuhören, auch wenn ich gerade nur einen Kaffee trinke oder ein schnödes Wasser.
Zu sehen gab es eine Ausstellung mit Henri Matisse und Richard Diebenkorn: als Gegenüberstellung. Wow! Matisse mit den Augen eines Amerikaners zu sehen. Und einmal wirklich Kunst, die von Kunst kommt, ohne leer oder ausgelutscht zu wirken. Wie einer einen älteren Meister in die amerikanische Gegenwart transportiert. Wie die Bilder, wenn sie – so ausgezeichnet wie in dieser Ausstellung – nebeneinander hängen, erst die ganze Wucht von Matisse deutlich machen. Oder klar zeigen, was ich zumindest sonst nur gespürt habe: diese melancholische Verlorenheit von Matisse.
Danach? Fantastisches Essen. Ein spottbilliges marine-blaues T-Shirt von Macy’s (muss sein), ein Ausflug ins japanische Viertel und dort dann der geplante Untergang in unendlich viele kleine japanische Figürchen und anderen wundervollen Krimskrams. Busfahren kann ich jetzt auch schon. Und lerne da die andere Seite von San Francisco kennen, diese bodenlose Armut).
Der Pazifik ist groß
So lautete die Antwort von Kent Nagano in einem Interview vor 10 Jahren auf die Frage, wie denn der Pazifik so sei. Was wie eine dusselige Replik eines Nicht-Muttersprachlers anmutet, ist tatsächlich nichts als die Wahrheit.
Ich habe ihn gestern zum ersten Mal gesehen, den pazifischen Ozean. Und ich habe mir den letzten Weg nicht leicht gemacht. Wer schon tausende Kilometer fliegen kann, wie unsereins heute, darf wenigstens die letzte Strecke angepilgert kommen, zumal sich das in San Francisco lohnt. Ich wohne am Union Square und habe den Weg über das fantastische De Young Museum durch den Golden Gate Bridge Park an den Strand gemacht. Die Gegend ist – wie alles in San Francisco – sehr hügelig. Schon von weitem grüßt der frische Wind vom Ozean (nee, Meer braucht man da gar nicht zu sagen). Gemischt mit allen Blütendüften, mit Tannengeruch und Nachtigallengesang ist es eine Freude, und wer selbst keine Wanderlieder anstimmen mag, ist bestens bedient.
Bevor sich das Panorama öffnet, und das tut es wirklich erst ganz zum Schuss, muss man noch an zwei gigantischen Windmühlen vorbei. Eine davon die größte der Welt, ja klar, wir sind ja in Amerika. Und dann. Es donnert. Es schimmert. Es glänzt. Und es ist wirklich schweinekalt (Humboldt sei Dank…). Das schönste kam dann aber noch. Es gibt ein Restaurant dort, mit fantastischem Blick. Und die Sonne sank wirklich filmreif in die Fluten. Nee. Zurück bin ich nicht mehr zu Fuß gewandert. Der Bus kam so plötzlich um die Ecke und die fünfzig Cent bekam ich geschenkt, weil ich das Geld nicht passend hatte. Amerikaner können irre nett sein. Und eine Busfahrt durch die abendliche Stadt wie ein Kinofilm.
the sun and the moon
Wer um 14:00 in Frankfurt ein Flugzeug nach San Francisco besteigt, kann sich nur wundern. Um 15:00 wird das Abendessen serviert. Danach bricht die Nachtruhe an, begleitet durch ein ununterbrochenes Fernseh- bzw. Kinoprogramm. Ich habe eine sehr schöne Dokumentation über die Everglades gesehen und den Animationsfilm Sing. Geschlafen habe ich nicht. Manchmal konnte ich ein bisschen aus dem Fenster lugen, halt da, wo Türen waren und nicht so viele Passagiere schliefen (ich kann es nicht fassen! Alles abgebrühte Vielflieger, oder tun die nur so?). In Kalifornien ist es – tja, wer da jetzt so als Reisemuffel ankommt, hat wenig Vergleiche. Erst mal schien es aus der U-Bahn wie in Italien, aber gerade nicht in Europa. Die Bäume sind irre. Und der Himmel. Das Licht. Leider war die Bahn laut wie die Hölle. Ich konnte nicht ein Foto machen, weil ich ja die Ohren irgendwie schützen musste. Das Abendessen fiel japanisch aus. Fein, vor allem das Bier, das mir nach dem langen Flug größte Freude gemacht hat. Und? Ein richtig gutes Gefühl, hier zu sein.









