Spiegelungen

Wir sind Spiegel. Jede/r für jede/n. Und viele von uns positionieren sich entgegengesetzt: „Ich bin so und du bist so (= anders). Wahrscheinlich ist das ein notwendiger Vorgang, um sich abzugrenzen oder bei sich selbst zu fühlen.

Daraus ergeben sich hundert Konsequenzen. Möglicherweise auch eine Form von Angst vor Anderen/Fremden. Aber mir geht es um etwas anderes: Ich war früher eher ängstlich und unsicher, und damit für Freundinnen und Freunde entlastend, indem ich eben diesen Part übernahm, und sie jeweils mutig oder selbstbewußt sein konnten. Ich bin in der Zwischenzeit zwar nicht Wonder Woman geworden, aber die Vorzeichen haben sich geändert. Das Gleichgewicht in manchen Freundschaften kippt. Oder andere sind plötzlich von Ängsten geplagt, die ich früher hatte. Verhalte ich mich oder wir uns stets komplementär zueinander?

Nun, das gilt sicher nicht immer, und auch ansonsten mal mehr und mal weniger. Aber es öffnet mir gerade den Blick auf Möglichkeiten, die ich durch komplementäres Denken gar nicht vermutet habe. So bin ich zum Beispiel viel sportlicher, als lange neben meinen Sportskanonenfreundinnen vermutet. Es lohnt sich offensichtlich, über solche Spiegelungen nachzudenken. Den breitesten Spiegel hält übrigens meist der/die Liebste bereit: davon ausgehend, dass ich viel mehr bin und kann, als ich mir selber zugestehe.

 

 

Im Obst liegt die Wahrheit…

Naja. – Allenthalben dachte ich heute morgen, beim Aufschneiden einer Frühstücksmelone: Sieh an!

Ich schreibe gerade an einem weiteren Text in Leichter Sprache. Ich mache das gerne, aber es ist eine sehr eigenwillige Anforderung. Man muss jede Aussage in ihre kleinsten Bausteine zerlegen.

Was übrigens bei manchen Aussagen dazu führt, dass sie zerbröseln.

Und dann sah ich diese kleinen, ordentlich angeordneten Kerne in der Melone: ganz wie Leichte Sprache!

Die letzten Tage habe ich abends, vor dem Schlafengehen, kleine Tagebuchtexte geschrieben. In Gedichtform. Das ist in etwa auch so, als schneide man komplexe Fakten in dünne Scheiben. Und was für eine Überraschung! Scheibe für Scheibe tun sich Erkenntnisse auf.

 

P.S. Auf zeit-online gibt es gerade einen Artikel über Leichte Sprache, der in Brand Eins erschienen ist.

 

 

Herzklopfen?

Liebe Leute: Nein. Ein für alle mal. Kein Herz klopft. Es schmatzt. Das habe ich heute mit eigenen Ohren gehört. Also, Herzschmatzen, damit da gar keine falschen Vorstellungen mehr entstehen!

Und was für ein feiner Rhythmus. Ich war ganz begeistert, als ich heute Mittag bei der Ärztin auf der Liege lag und sehen konnte, wie fleißig mein Herz schlägt. Kaum zu glauben, wenn man länger hinschaut. Fast schon rührend, diese Unverdrossenheit und Präzision. – Nichts ist selbstverständlich.

Danach bin ich noch einmal zum Affenfelsen rüber gegangen. Ab jetzt werden Besuche beim Kardiologen immer Gedanken an Affen nach sich ziehen. Noch einmal versetzte mich das Betrachten unserer Vorvorvorderen in meditative Trance. Wie geschickt sie sind. Wie perfekt ihre Bewegungen! Knapp, elegant. Dabei verspielt. Voller Energie. Aber schon interessant: Kein Affe kommt auf die Idee, bei Hitze im Wasser zu baden. Schaukeln schon eher. Oder im Schatten dösen.

Der Eiskaffee war dann meine Idee. Gebracht von einem entspannten und wirklich netten Kellner. Sommer in Berlin! Wer braucht da schon Ferien?

 

 

 

Unter der Haut

Ich gehe dem nach, diesem blöden Satz, den ich offensichtlich mehr verinnerlicht habe, als bei gesammeltem Verstand möglich scheint: „Ich bin doch kein Mädchen!“

Wie bin ich bloß darauf gekommen? Und was hat das über die Jahre mit mir gemacht? Gut. Ich wollte unverletzbar sein. Kann ich verstehen. Aber nicht heulen ist mehr als die Fassade aufrecht erhalten. Nicht heulen heißt, im Moment des Einschlags erstarren. Was zur Folge hat, dass ich gefühlt säckeweise Nägel unter der Haut habe.

Es geht gar nicht so sehr ums Heulen. Es geht darum, Unschönes auszuhalten. Mein Kollege lässt mich mit einem Projekt hängen? Meine nette Nachbarin zieht weg? Meine letzten 10 Bewerbungen sind nix geworden? Heulen hilft natürlich nicht. Macht aber vielleicht locker. Wenn ich Schmerzen und Enttäuschungen ignoriere, statt – ja was eigentlich? Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, was damit tun.

Vielleicht erst mal aufschreiben. Damit ich einen Überblick gewinne. Die bösen Momente sollen auf dem Papier stehen, damit ich sie anschauen oder den Klang der Enttäuschung noch einmal hören kann. Lässt sich denn mit Schmerzen verhandeln? Nur die Luft anhalten und die Zähne zusammenbeißen – ich weiß jetzt, das das auf Dauer nicht geht. Was geht, weiß ich allerdings auch nicht. Aber eins weiß ich: Ich bin sehr wohl ein Mädchen. Damit muss ich jetzt wohl endlich mal Ernst machen.

Selbstbetrachtung: Eine Nebelwanderung

Dass es gar nicht so einfach ist, sich selbst auf die Schliche zu kommen, spüre ich am eigenen Leib, seit ich mit meiner Burnout-Diagnose da stehe. Als wäre er für mich geschrieben, steht heute ein Text von dem Psychologen Steve Ayan auf „zeit-online“:

„Selbsterkenntnis – 10 Dinge, die Sie über sich wissen sollten“

Mit Erleichterung lese ich, dass es viel schwieriger ist, eine ungefilterte (oder zumindest angehend ungefilterte) Selbsterkenntnis zu erreichen, als wir gemeinhin denken. Denn tatsächlich ergaben für mich die letzten zwei Wochen, dass ich mir über viele meiner Handlungen, über Motivationen, Selbstverständnisse oder Vorurteile überhaupt nicht im Klaren bin. Ich laufe wie auf Autopilot gestellt durch meinen Alltag und verpasse viele Gelegenheiten, mal stehen zu bleiben, wenn ich zu schnell laufe oder gar in die falsche Richtung.

Kein Wunder, sagt Ayan, denn unsere Innenschau ist verzerrt, weil wir eher sehen, was wir sehen wollen, als das, was tatsächlich ist. Kurz, das Unbewußte spielt offensichtlich eine viel größere Rolle beim selbstgezimmerten Selbstverständnis, als wir ahnen.

Ein Fehler – und das ist mir tatsächlich auch schon gedämmert – besteht darin, sich zu sehr mit den eigenen Gedanken zu identifizieren. Denn, jajaja, die Gedanken kommen und gehen. Wir sind viel wandelbarer, als wir denken, und viel weniger auf einen festen Wesenskern reduziert, als uns vielleicht manchmal lieb ist. Selbstbilder und vor allem Ansprüche entstehen hier, und verzerren viel. Zum Beispiel müsste ich im Beruf viel klarer sehen, was möglich und angemessen ist, nicht aber, was perfekt wäre und meinem Selbstbild als zuverlässige und fehlerfreie (hahaha) Arbeitskraft bestätigt.

Dabei sehe ich, dass ich schon sehr früh, so zu Beginn meines Studiums, mit 19/20 Jahren erkannt hatte, dass ich keinen festen Wesenskern besitze. Ich vermutete dahinter ein Defizit, wegen meiner zum Teil sehr schwierigen Kindheit. Wenn man der aktuellen Forschung glauben kann – und ich neige dazu – ist jedoch gerade diese Idee vom „wahren Ich“ ein Gespenst, oder zumindest in großen Teilen Wunschdenken. Eventuell sogar, wie Ayan andeutet, eine ähnliche Hilfskonstruktion wie die Idee von Gott. Insofern auch gar keine schlechte, aber eben eine Konstruktion, die zu überdenken und zu betrachten sich lohnt.

 

Alltag neu denken

Meist ist es am Ende eben doch der Körper, der laut NEIN schreit. Und wenn wir Glück haben, ist es dann nicht zu spät, sondern es bleibt Zeit, sich das Leben und den Alltag neu zu ordnen.

Ich rede vom Leben im „Midlife“, das eben fast – wie es scheint – automatisch mit „crisis“ oder eben Krise verbunden ist. Ist es. Zumindest in meiner Erfahrung. Nichts Schlimmes, eher vieles Unerledigte und Verschlampte, das sich da auftürmt und plötzliches Nicht-Funktionieren nach sich zieht.

Für mich heißt Burnout nicht automatisch aussteigen oder Ferien machen. Wobei die freie Zeit durchaus wieder in den Vordergrund kommt – und auch kommen muss. Leben, nicht arbeiten, die Reihenfolge hat sich bei mir in den letzten Monaten wieder umgedreht. Für Leute wie mich, die gerne arbeiten, geht das meist unmerklich.

Ich suche gerade nach anderen „Fallen“. Zum Beispiel der, mich immer für alles verantwortlich zu fühlen. Ich erinnere mich noch gut an die Klage meiner Mutter: „Immer muss ich alles machen“ oder wahlweise: „immer bleibt alles an mir hängen.“ Dabei, das hatte ich als Kind sehr genau gesehen, blieb es nie an ihr hängen, sondern sie machte es, bevor es jemand anderes machen konnte. So geht es mir auch: Sobald irgendwo ein Problem auftaucht, fühle ich mich dafür verantwortlich. Es stört mich, wenn Unerledigtes rumliegt, also wird es schnell angegangen und ist dann auch schon wieder vom Tisch. So schön, so gut. Bis sich dann dieser Gedanke meldet: „immer bleibt alles an mir hängen“… – Und es ist gar nicht so leicht, dieser Falle – und vor allem der Unzufriedenheit, die daraus resultiert – auf die Spur zu kommen!

Ich muss also lernen: Wenn es etwas gibt, was nicht allein in meine Zuständigkeit fällt, muss ich sehen, wie es mit den anderen eine gemeinsame Lösung gibt. Ich kann einen Teil anbieten, muss aber längst nicht alles machen. Und vor allem nicht, bevor die anderen überhaupt mitkriegen, dass da was im Argen liegt. Das habe ich diese Woche gelernt. Und jetzt gehe ich erst mal einkaufen. Ich habe nämlich Gäste heute Abend. Obwohl ich eigentlich arbeiten müsste. Aber so ist das jetzt eben: Leben first!

 

Menschen hinter Zäunen

Und egal, wer in diesem Fall vor wem geschützt wird – wir gewöhnen uns dran. An den Universitäten und auch sonst in der Wissenschaft wird der Kolonialismus aufgearbeitet, und wir führen die lausigen Vorstellungen von einer westlichen Überlegenheit über den Rest der Welt weiter fort. Wie können wir endlich zu der Erkenntnis kommen, dass wir alle im gleichen Boot (d.h. auf dem Planeten Erde) leben? Muss es für diese doch eher einfache Einsicht tatsächlich zu spät sein?

Herzensdinge

Im Sommer sind es offensichtlich Obst und Gemüse. – Und dann schaue ich sie an, wenn den ganzen Tag lang alles Mögliche schief geht, und bin platt (und getröstet) ob der Perfektion.

Die Bohne meines Opas

Nein. Die ist aus einem Supermarkt-Tütchen. Aber an einem Abend habe ich meinem Vater am Telefon von meinen drei kleinen Bohnen-Pflänzchen im Blumentopf erzählt. Die jetzt im Hof wachsen. Ach, wachsen ist gar kein Ausdruck: Die schießen im Affenzahn in den Himmel. Wenn ich abends aus dem Büro komme, sind die sichtbar größer. Sowas habe ich selten erlebt (also, bei uns im Hof).

Die Bohnen sind gelb. Eine Sorte, die bei vielen nicht bekannt ist. Wachsbohnen heißen sie auch, sie sind weicher als ihre grünen Brüder und Schwestern. Sie sind das perfekte Gemüse für einen Sommersalat. Ich kenne sie aus meiner Kindheit.

Ja, sagte mein Vater. Dein Opa war ein Bohnenzüchter. Er liebte gelbe Bohnen sehr und hat in seinem Schrebergarten mit ihnen experimentiert. Der Schrebergarten war ziemlich groß. Mein Opa hat ihn sich, seit ich mich erinnern kann, mit meinem Vater geteilt. Kein Schnickschnack, auf beiden Seiten des kleinen Wegelchen: Kartoffeln, gelbe und grüne Bohnen, Möhren, Schwarzwurzeln, Erbsen, dicke Bohnen, Zwiebeln, Kohlrabi, dann saisonale Experimente mit Salat oder Kohl, Pflaumen, Pfirsiche, Erdbeeren, schwarze Johannisbeeren, Walnüsse.

Die Experimente meines Großvaters sind verloren gegangen. Irgendwann war die Pacht des Gartens abgelaufen und wurde nicht verlängert. Heute ist dort eine Neubausiedlung.