Unter der Haut

Ich gehe dem nach, diesem blöden Satz, den ich offensichtlich mehr verinnerlicht habe, als bei gesammeltem Verstand möglich scheint: „Ich bin doch kein Mädchen!“

Wie bin ich bloß darauf gekommen? Und was hat das über die Jahre mit mir gemacht? Gut. Ich wollte unverletzbar sein. Kann ich verstehen. Aber nicht heulen ist mehr als die Fassade aufrecht erhalten. Nicht heulen heißt, im Moment des Einschlags erstarren. Was zur Folge hat, dass ich gefühlt säckeweise Nägel unter der Haut habe.

Es geht gar nicht so sehr ums Heulen. Es geht darum, Unschönes auszuhalten. Mein Kollege lässt mich mit einem Projekt hängen? Meine nette Nachbarin zieht weg? Meine letzten 10 Bewerbungen sind nix geworden? Heulen hilft natürlich nicht. Macht aber vielleicht locker. Wenn ich Schmerzen und Enttäuschungen ignoriere, statt – ja was eigentlich? Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, was damit tun.

Vielleicht erst mal aufschreiben. Damit ich einen Überblick gewinne. Die bösen Momente sollen auf dem Papier stehen, damit ich sie anschauen oder den Klang der Enttäuschung noch einmal hören kann. Lässt sich denn mit Schmerzen verhandeln? Nur die Luft anhalten und die Zähne zusammenbeißen – ich weiß jetzt, das das auf Dauer nicht geht. Was geht, weiß ich allerdings auch nicht. Aber eins weiß ich: Ich bin sehr wohl ein Mädchen. Damit muss ich jetzt wohl endlich mal Ernst machen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. papiertänzerin 25. Juli 2018

    Hallo Mädchen, das kenn ich. Da sein lassen, fühlen & freundlich anschauen, mehr braucht es meiner Erfahrung nach gar nicht. Ist doch im Vergleich zu unter die Haut schieben & Zähne zusammenbeißen schon ziemlichh viel. Sich sich selbst zuzuwenden ist für mich ein sehr radikaler & mutiger Akt. Ahoi!

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  2. Madddin 25. Juli 2018

    Heulen? Ja, klar! Aufschreiben? Auf jeden Fall! Teilen? Erst recht! Irgendwann kannst du es dann betrachten, wenden, falten, in Beziehung bringen, weglegen, wieder hervor holen und vielleicht später dann sagen; du hattest deine Bedeutung und deine Zeit, doch die ist jetzt um.

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