Lange Nächte

Was mir aufgefallen ist: Ich assoziiere ein Datum immer nur mit dem Tag, nie mit der Nacht. Insofern gehen mir gerade Tage samt dazugehöriger Zahlen völlig durcheinander (unnützes Wissen. Trotzdem stellt sich ein Aha-Effekt ein).

Ich denke im Dunkeln über mein Frauenbild nach. Was sich wie eine Suche nach Dingen ausnimmt, die ich gerne machen möchte. Wo, so frage ich mich, stoße ich an unsichtbare Grenzen, die auf einem hinter dem Rücken getuschelten „das ist nichts für Mädchen“ oder (schlimmer) „nichts für anständige Frauen“ basieren. Ja, doch. Fahrradfahren war ja auch mal ein Tabu (auch mal = noch gar nicht so lange her). Meine Eltern noch fanden die Fahrschule für mich unsinnig.

Ich spüre, dass das Alter den Frauen-Käfig öffnet. Die Tür geht auf. Aber viele Vogelweibchen bleiben sitzen. Weil sie es gewohnt sind. Und liegen eines Tages tot auf dem Käfigboden. Statt zu den Sternen zu fliegen.

Zwischen den Jahren

Abtauchen. Einmal im Jahr. Ohne Krankheit oder Urlaub. Tief gehen. Auf den Grund. Für mich sein. Schweben. Meinetwegen „leer schreiben“, wie „Wildgans“ das in ihrem Blog formuliert hat. Oder – wie ich das gestern gemacht habe – anderen beim Schreiben zuhören. jaja. Was man da alles so über die Schreibenden erfährt! Warum mache ich das sonst nicht?

Doch, es kommen auch Freund/innen zu Besuch. Zeit zum Austausch. Zum Verkrümeln der Weihnachtsköstlichkeiten. Zum Lachen. Zum Pläne schmieden.

Ich bin ein Saturn-Kind, im Januar geboren. Der Blick zurück und nach vorne, das gefällt mir. Und dabei innehalten. 2018 hat sich für mich einiges geändert. Eine durchaus gute Bilanz. Zeit also auch, wieder Mut zu fassen. Und endlich gesund zu werden. Meine Güte, wie lang kann eine Erkältung eigentlich dauern???

Abschied nehmen

Frauen altern anders als Männer. Schneller, möchte man vorschnell rufen, aber die Sache verhält sich anders. Was wir Wechseljahre nennen, ist tatsächlich eine Art Kippschalter, mit dem Frauen von jung zu alt wechseln, allein wegen der Möglichkeit und darauf folgenden Unmöglichkeit, Kinder zu bekommen. Die Wechseljahre sind ein gefürchtetes Alter. Sie beenden einen Zustand, den Frauen als Erwachsensein kennenlernen. Wer seine Tage bekommt, gehört dazu, ist kein Mädchen mehr, sondern eine potentielle Mutter und Ehefrau. Wer seine Tage nicht mehr bekommt, ist alt.

Ulrike Draesner hat sich in ihrem aktuellen Buch diesem Alter angenähert, sehr mutig, weil aus eigenster Erfahrung: „Eine Frau wird älter“ ist ein autobiographisches Buch, wenn auch keine Autobiographie. Und es enthält schon im Titel einen wichtigen Hinweis: „älter“ schreibt Draesner, nicht „alt“, und das ist auch schon der Knackpunkt, den wir in unserer Wechseljahr-Panik gerne vergessen.

Von Panik zu schreiben, ist angemessen, auch wenn viele Frauen, und wie mir scheint, immer mehr sich mit offenen Augen dieser Angst stellen. Die Wechseljahre sind nach wie vor ein Tabu und damit auch ein Geheimnis, das selbst Frauen nicht anzurühren wagen – zumindest, solange sie noch jung genug sind.

Und dann erwischt es eine, und „es“ ist nicht mehr abzuschütteln. So ungefähr muss sich der Tod anfühlen. Schön ist das nicht. Das Gefühl, als „ältere“ Frau fortan wie ein Zombie unterwegs zu sein, mag hier seinen Ursprung haben. Aber es gibt einen Ausweg, und den nennt Ulrike Draesner auch gleich im Untertitel des Buches: „Ein Aufbruch“.

Ein unerschrockenes Buch ist es geworden, wie Sandra Kegel in der FAZ schreibt, allerdings auch ein unausgegorenes. Vielleicht muss es das sogar sein, die Wechseljahre sind ein Auf und Ab zwischen verrückt spielenden Hormonen, zwischen merkwürdigen „Beschwerden“, körperlichen Ausnahmezuständen wie plötzliche Hitzeanfälle, Schlaflosigkeit, Haarausfall und ebenso merkwürdige Stimmungsschwankungen, die zwischen Weinerlichkeit und vollkommen unerwarteten Wutausbrüchen schlingern. Wer möchte da einen ausgewogenen Text erwarten? „Bei keiner (ist es) die gleiche Geschichte“, lesen wir auf Seite 132. Und das ist so wahr wie nix, denn zeitweise fühle ich mich gespiegelt, in dem was ich lese, zeitweise reibe ich mir die Augen (und hoffe dringend, dass es bei mir denn bitte soweit nicht kommt). Und vielleicht muss das um so mehr so sein, wenn man sich autobiographisch an ein Thema wagt, das nach wie vor ein Tabuthema ist. Man, und in diesem Fall wirklich nur Frau, Frau, Frau, bekommt nur einen Teil zu fassen, es spielen die eigenen Lebensumstände eine Rolle, die eigenen Erfahrungen, Fantasien, Ängste, Hoffnungen.

Insofern lesen wir, wie wenn wir in ein Kaleidoskop schauen: Aspekte des eigenen Alterns sind in Kapitel unterteilt. Mal spalten sie sich auf in Erfahrungen anderer Frauen, mal werden sie aus der Perspektive der pubertierenden Tochter kommentiert (sehr schön), mal aus der der alten Mutter. Eine Trennung spielt hinein. Eine häufige Erfahrung, die jedoch der Geschichte selbst eine Schlagseite verpasst. Denn ab hier, und durch das Buch hinweg, schreibt Draesner aus der Defensive.

Das ist stimmig und verwirrend zugleich. Denn wo ich Klärung eigener Fragen erwarte, bekomme ich andere Erfahrungen präsentiert, die mich – zunächst zumindest – mehr verunsichern als erhellen. Und obwohl das ein Spiel im Spiel ist, denn über die Wechseljahre lässt sich möglicherweise nur autobiografisch schreiben, bleibe ich ratlos zurück. Ich möchte gerne mehr, mehr andere Fälle, die meinen gleichen. Ich möchte die ganze Palette. Und die ist hier einfach nicht zu haben.

Für mich als Leserin ergeben sich an dieser Stelle Längen. Mir wird die Sache zu persönlich, und obwohl ich verstehe, dass ich mit dem Auserzählen solcher privater Begebenheiten dazu aufgefordert werde, nach ähnlichen Situationen im eigenen Leben zu suchen, mag ich nicht. Ich habe das Gefühl, dass sämtlich Kapitel nach hinten ausfransen. Dass, was konzis beginnt, in noch einer und noch einer Geschichte verloren geht.

Dennoch ist „Eine Frau wird älter“ ein wichtiges Buch. Und ein ungeheuer sympathisches obendrein. Ich habe viel gelacht, und mich Männern gegenüber weit weniger unterlegen gefühlt, als das gemeinhin beim Thema „Wechseljahre“ der Fall ist: Ein enormer Verdienst! Was mich besonders berührt hat, die Erkenntnis, die ich als Kind so dringend und bitter erlebt habe, und die auf alte Menschen – egal welchen Geschlechts – wartet: Auf das Alter reduziert zu werden, ist demütigend. Und den Gegenentwurf, den Draesner anbietet, für mich das wichtigste Wort des Jahres 2018: Selbstermächtigung.

Ulrike Draesner: Eine Frau wird älter. Ein Aufbruch. Penguin Verlag 2018. Ich danke Random House herzlich für das Rezensionsexemplar!

Stille

Das Wunder der Menschwerdung geschieht nachts. Heimlich. Dass wir dazu übergegangen sind, ausgerechnet auf diesen Heiligen Abend, der Stillen Nacht, die große Tafel samt Geschenkeschlacht zu verlegen, ist im Grunde keine gute Idee.

Die christliche Botschaft lautet: Liebe. Oder, um es deutlicher zu formulieren: Liebe erst ermöglicht den Menschen. Liebe nicht als großes Verliebtsein, als Sehnsucht nach dem Anderen, nach Vervollkommnung oder Geborgenheit. Sondern Liebe ganz ohne Wenn und Aber zu einem hilflosen, nackten, schreienden Wesen.

Liebe ist es, die Licht ins Dunkel bringt. Und die wir weitergeben, in der Hoffnung, dass … (und hier kann jede/r seine größten Hoffnungen mitdenken). In diesem Sinn wünsche ich Euch und Ihnen alle eine gesegnete Weihnacht.

Selbstermächtigung

Wieder ein Jahr, das fast vorbei ist. Älterwerden hat längst für mich einen neuen Beigeschmack. Wie wenn man weniger in der Welt anhaftet (je älter man wird), sondern sich wieder ablöst. Nicht, dass ich schon auf gepackten Koffern säße. Aber die Abschiede werden häufiger.

Anhaften, in der Welt ankommen, hatte für mich auch immer den Aspekt, mich einzupassen. Nicht bloß anpassen – obwohl das gelegentlich sogar nötig ist – sondern einpassen, einfinden, einfügen. Ich wollte nicht herausragen. Ich suchte meinen Platz. Meine Erfahrung heute: für mich gibt es ihn nicht, den festen Platz. Ich blieb auf eine Art Wanderin, eine Rolle, in der ich mich mittlerweile wohl und zu Hause fühle.

Was es bedeutet, als Frau alt zu werden, erlebe ich jetzt in gebührlich langsamen Tempo. Das neue Buch von Ulrike Draesner zu dem Thema liegt gerade auf meinem Tisch und kommt hier die Tage noch zur Rezension. Unter dem Titel „Eine Frau wird älter“ beschreibt sie ihre eigenen Erfahrungen, in einem der letzten Kapitel habe ich gestern das Wort „Selbstermächtigung“ gelesen, das mich sofort elektrisiert hat. So sehr, dass ich es für mich gleich zum persönlichen „Wort des Jahres 2018“ gewählt habe.

„Selbstermächtigung“ ist tatsächlich ein Schlüssel zum Menschsein. Nicht im Sinne von Überheblichkeit, von plattem Egoismus oder blinder Individualitätshörigkeit. Selbstermächtigung ist das Maß an Fantasie, das ich mir im Selbst-Sein gönne. Die Freiheit, die ich mir nehme, von Vorgaben abzuweichen, Erwartungen nicht zu erfüllen, eigene Wünsche durchzusetzen. Dabei ist genau diese Haltung die, die mich nicht altern läßt. Als Kind kann ich mich ebenso zu einer Person ermächtigen wie als alte Frau. Die Überraschung, das Eigene, der Witz, die Tiefe, alles das bleibt zeitlos. Alt werden schenkt eine Menge Freiheiten. Auch das ist ein Aspekt der so gefürchteten Wechseljahre. Es wäre (natürlich auch für Männer) ein enormer Gewinn, dieses Plus endlich mit allen Extras auch zu nutzen.

P.S. Steinalt zu sein, birgt gelegentlich grandiose Überraschungen!

Schön schreiben

Die aktuelle Spiegel-Affäre um gefälschte Reportagen geht mir nah. Ich bin keine Reporterin. Ich verliere zu schnell die Fäden. Ich habe zu wenig Biss. Ich kriege die Sachen oft nicht zusammen. Meine Geschichten werden nicht rund. Oder sie bleiben zu unspektakulär, um überhaupt recherchiert zu werden. Nicht mein Fall.

Dennoch kenne auch ich diesen Sog im Schreiben. Man mag es Syntax nennen, Grammatik, Rhythmus, dieses Etwas, das einen verleitet, ein bisschen von der Wahrheit, oder sagen wir, von dem eigenen Eindruck abzurücken. Das Wort klingt schöner, der Satz wäre eleganter. Warum auf die Pointe verzichten, wenn sie doch fast von selbst kommt. Ein kleiner Schubs nur…

Was mir klar wird, jenseits der Aufarbeitung, die bereits begonnen hat und die möglicherweise einiges ändern wird: Ich habe Schönschreiber/innen ohne es zu merken misstraut. Schöne Texte waren nie das, was ich schreiben wollte. Es geht mir nicht ums Recht haben. Ich wusste vordem nicht mal, warum ich an dieser Art des Schreibens keinen Gefallen finden konnte. Jetzt ahne ich, was mir suspekt war. Das heißt natürlich nicht, dass ich gefeit wäre, oder nicht auf Fälschungen reinfallen würde. Im Gegenteil, das etwas sperrigere, vielleicht kantigere Schreiben lässt sich genauso gut nachahmen oder fälschen wie das schöne. Dass endlich Zweifel entstehen, erleichtert mich dennoch. Ich sah mich wie eine Spielverderberin in der Ecke stehen, die vielleicht neidisch war, weil andere Geschichten fanden, wo mir nur Sand durch die Finger lief.

Ich werde auch in Zukunft keine Reportagen schreiben. Denn dazu braucht man selbstverständlich noch viel mehr Fähigkeiten, als bloß Lügen zu erfinden oder schön zu schreiben. Ich bin für diese langfristigen, oft sogar gefährlichen Recherchen nicht gemacht. Ich sehe aber jetzt wahrscheinlich deutlicher, wo die Manipulation zur runden Geschichte oder zu überhaupt einem Sinn beginnt. Und wo ich dringend aufpassen muss. Übrigens als Texterin genauso wie als Mensch.

Besinnlichkeit anschalten

Nein. So geht es natürlich nicht. Aber wer jetzt nicht allmählich runter schaltet, schießt vermutlich im Affenzahn an Heilig Abend vorbei.

Gefeiert wird nicht weniger als die Erinnerung an ein Wunder. Ein Wunder, das mit jeder Geburt aufs Neue wahr wird. Insofern haben wir alle etwas zu bedenken, erinnern, oder zum drüber freuen.

Es geht immer auch um uns. In diesem Jahr. Zu dieser Zeit. Dass uns das bei dem Jahresendzeit-Stress auf dem Schirm bleibt. Wir müssen nicht feiern. Aber freuen können wir uns auf jeden Fall.

Bigger than life

Gerade geht die Nachricht durchs Netz und durchs Radio, dass ein Spiegel-Reporter zahlreiche Artikel gefälscht hat. Peinlich, wenn solche Fälle erst nach längerer Zeit aufgedeckt werden, noch peinlicher, wenn gerade ein Preis vergeben wurde. Andererseits.

Und hier hole ich erst noch mal tief Luft. Journalist/innen sind verpflichtet, sauber zu recherchieren und ebenso sauber zu berichten. Wir sind keine Märchenerzähler/innen, keine Werbeagenturen, erst recht keine Propagandamaschinen. So wie Ärzte an den Eid des Hippokrates gebunden sind, sind Journalist/innen allein der Wahrheit verpflichtet. Egal, wer bezahlt.

Redaktionen haben viel zu tun. Wer dort arbeitet, kann Lieder darüber schmettern. Das heißt nicht, dass geschlampt wird. Sondern: es wird nicht haarklein nachgehakt. Wer für eine Redaktion arbeitet, gilt als vertrauenswürdig. Natürlich hagelt es Fragen, wenn man steile Thesen aufstellt oder von merkwürdigen Dingen berichtet. Es wird auch gestrichen oder darum gebeten, etwas anders zu formulieren. Am Ende jedoch steht unter jedem Artikel der Name des oder der Autorin. Hier liegt die Sichtweise und die letzte Verantwortung.

Reportagen gehören nach wie vor zur Königsdisziplin im Journalismus. Sie berichten von dem, was jemand direkt vor Ort erlebt hat, was er oder sie gehört oder gesehen hat. Schwer nachzuprüfen. Hier gibt es kaum gesicherte Quellen, dafür viel Hörensagen, Zeugen und Gegenzeugen. Das macht solche Texte oft spannend wie ein Krimi. Und wir wissen alle, dass es auf der Welt nix gibt, was es nicht gibt…

Gleichzeitig stelle ich seit einigen Jahren fest, dass es im Schreiben verschiedenster Formate einen neuen Trend gibt: Story-Telling. Nicht Fakten sprechen, sondern die Geschichte, die dahinter steht. Nix dagegen. Personalisiert sind viele Geschichten leichter zu verstehen, nachzuvollziehen. Dennoch lauert hier meiner Erfahrung nach eine Gefahr: Weil’s knackiger daher kommt, vielleicht schnell mal einen Protagonisten erfinden, den es zwar nicht gibt, aber an dessen fiktionaler Lebensgeschichte doch so viel zu zeigen wäre. Zum Beispiel. Oder ein Hinbiegen zu etwas Rundem (eben einer Geschichte), wo – wenn man bei der Wahrheit bleiben würde – eigentlich nur Eckiges liegt, Unzusammenhängendes, eventuell Unzumutbares.

Ich kenne den Autoren nicht, um den es im konkreten Fall geht. Ich will ihn auch nicht verteidigen. Weil journalistische Arbeit kein Hinbiegen wohin auch immer erlaubt. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass unser Hunger auf Geschichten, gerne auch die, die größer als das Leben selbst sind, an solchen Verfehlungen Anteil hat. Also, nicht nur die „böse Presse“, liebe Leute, wir Leser/innen selbst sollten in den Spiegel sehen (haha, und in mehrerer Hinsicht).

Alte Freundschaft auf neu

Kürzlich ist mir das schon aufgefallen (und, jaja, ich brauche für Nachfliegendes (=der Rechner!!!) N-a-h-e-l-i-e-g-e-n-d-e-s oft echt lange): Wie wir in Freundschaften Positionen festlegen, in denen wir uns über Jahre, Jahrzehnte begegnen. 

Wahrscheinlich ist das auch ein Teil des Geborgenheitsgefühl. Wer alte Freundschaften pflegt, hat manchmal das Gefühl, Geschwister zu haben – zumindest geht es mir als Einzelkind so. Dennoch ist es mir neulich klar vor Augen gestanden, und da nicht unbedingt positiv. Weil ich dachte: es ist Nostalgie, wir sind doch jetzt andere Menschen. Und, was ein Nachteil sein kann: wir haben uns verändert, und argumentieren immer noch aus den alten Positionen. Das führt nicht zu etwas anderem. 

Gleichzeitig erlebe ich gerade die erneute Annäherung an eine Freundin, die mir für ein paar Jahre abhanden gekommen war. Es gab Streit damals. Und ich denke, für uns beide war die Zeit danach blöd. Ich spüre jetzt, wie wir beide vorsichtig sind, nicht wieder in alte Muster zu fallen. Es sind ja oft nur Kleinigkeiten. Zum Beispiel sich erstmal nur in Cafés zu treffen und nicht zu Hause. Keine langen Telefonate. Keine kleinen Geschenke.

Natürlich gibt es bei Freundschaften kein „richtig“ oder „falsch“. Was funktioniert, gilt. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich wohler fühle, wenn ich mich in einer Beziehung auch immer wieder als anders darstellen kann. Platz zur Veränderung habe. Geht Euch das auch so?

Nature writing,

der Begriff war mir bis vor kurzem unbekannt. Ulrike Draesner widmet dem „Schreiben nach der Natur“ wie sie es (auch) übersetzt, ihr letztes Kapitel der Frankfurter Poetik-Vorlesung, die unter dem Titel „Grammatik der Gespenster“ Anfang des Jahres bei Reclam erschien. Sie macht es dort über den Umweg des Life writing als Möglichkeit aus, über Lebendiges zu schreiben, über Körperlichkeit oder über das Ich oder Wir in der Welt (und komme da jetzt keiner mit Natur, denn dann wird’s fisselig). Als neues Genre, das es vereinzelt schon lange gibt (wenn ich das richtig verstanden habe), das aber gerade jetzt, im 21. Jahrhundert, relevant geworden ist, nachdem das Autor/innen-Ich zu Grabe getragen und viel und noch mehr versucht worden ist. 

Ich kann mich erinnern – und das passt zumindest zur Jahreszeit – wie mein Vater lange Spaziergänge mit mir unternahm, zum Beispiel vor der Bescherung an Heilig Abend, und wo er mir erzählte, was er mitnehmen würde, wenn er für Wochen in einer Wildnis (einem Wald, einem Dschungel vielleicht, einer Wüste oder auf dem Meer) überleben müsste. Das waren meine Lieblingsgeschichten, natürlich ohne zu wissen, dass dieses Überleben für mindestens anderthalb Jahre bittere Realität meines Vaters gewesen war, der als 16/17jähriger von der Ost-Front zurück ins Rheinland flüchtete. Mich faszinierte die Genauigkeit seier Beschreibung von Dingen, Orten und Situationen, ich konnte nicht genug davon bekommen.

Welt jenseits der eigenen Vier Wände ist zumindest auch Leben jenseits des Alltags und damit später für mich auch als Leserin spannend. Reiseberichte verschlinge ich bis heute, Wanderern, die im 19. Jahrhundert durch Amerika – insbesondere durch mein heiß geliebtes Kalifornien – streiften, gehört meine große Sympathie. Peter Handke und Esther Kinsky liegen gerade hier für mich nebeneinander, und hoch oben auf meiner persönlichen Bestenliste, ach, und der wandernde Heine, selbst Goethe, den ich nicht so mag, und der ja auch oft genug vor Kunst stehen bleibt, sind mit diesen Büchern weit nach vorne gerückt. 

„Naturschreiben dreht Plotschreiben von den Füßen auf den Kopf“, schreibt Draesner, und wie auf diese Weise das Schreiben zwischen Fiktion und Reflexion offen, weil gleichermaßen möglich, bleibt. Was dabei für mich besonders hervortritt: Nicht die Fantasie, sondern die Genauigkeit einer Beobachtung ist Gegenstand des Schreibens. Und damit auch die Selbstverständlichkeit des auktorialen Ichs, das sich weder verstecken noch verkleiden muss. 

Sich in der Natur zu bewegen, gehört zu den gemeinsamen Erfahrungen von Menschen. Ein weites zu bearbeitendes Feld, wie Fontane vielleicht sagen würde (auch er unternahm mit seinen Spaziergängen durch die Mark Brandenburg solche Streifzüge). Draesner erwähnt W. G. Sebald, Tania Blixen, aber auch Naturwissenschaftler wie den Insektenforscher Jean-Henri Fabre oder Charles Foster, allesamt Autor/innen, mit denen ich schon Zeit verbracht habe, und deren Nennung mich zur erneuten oder weiteren Lektüre ihrer Texte animieren können. Insofern ist dieses letzte Kapitel vielleicht sogar das Anregendste aus dem Draesners Gespenster-Buch, aus dem ich mich hiermit verabschiede. 

Ulrike Draesner: Grammatik der Gespenster – Frankfurter Poetikvorlesungen. Reclam 2018.