Schön schreiben

Die aktuelle Spiegel-Affäre um gefälschte Reportagen geht mir nah. Ich bin keine Reporterin. Ich verliere zu schnell die Fäden. Ich habe zu wenig Biss. Ich kriege die Sachen oft nicht zusammen. Meine Geschichten werden nicht rund. Oder sie bleiben zu unspektakulär, um überhaupt recherchiert zu werden. Nicht mein Fall.

Dennoch kenne auch ich diesen Sog im Schreiben. Man mag es Syntax nennen, Grammatik, Rhythmus, dieses Etwas, das einen verleitet, ein bisschen von der Wahrheit, oder sagen wir, von dem eigenen Eindruck abzurücken. Das Wort klingt schöner, der Satz wäre eleganter. Warum auf die Pointe verzichten, wenn sie doch fast von selbst kommt. Ein kleiner Schubs nur…

Was mir klar wird, jenseits der Aufarbeitung, die bereits begonnen hat und die möglicherweise einiges ändern wird: Ich habe Schönschreiber/innen ohne es zu merken misstraut. Schöne Texte waren nie das, was ich schreiben wollte. Es geht mir nicht ums Recht haben. Ich wusste vordem nicht mal, warum ich an dieser Art des Schreibens keinen Gefallen finden konnte. Jetzt ahne ich, was mir suspekt war. Das heißt natürlich nicht, dass ich gefeit wäre, oder nicht auf Fälschungen reinfallen würde. Im Gegenteil, das etwas sperrigere, vielleicht kantigere Schreiben lässt sich genauso gut nachahmen oder fälschen wie das schöne. Dass endlich Zweifel entstehen, erleichtert mich dennoch. Ich sah mich wie eine Spielverderberin in der Ecke stehen, die vielleicht neidisch war, weil andere Geschichten fanden, wo mir nur Sand durch die Finger lief.

Ich werde auch in Zukunft keine Reportagen schreiben. Denn dazu braucht man selbstverständlich noch viel mehr Fähigkeiten, als bloß Lügen zu erfinden oder schön zu schreiben. Ich bin für diese langfristigen, oft sogar gefährlichen Recherchen nicht gemacht. Ich sehe aber jetzt wahrscheinlich deutlicher, wo die Manipulation zur runden Geschichte oder zu überhaupt einem Sinn beginnt. Und wo ich dringend aufpassen muss. Übrigens als Texterin genauso wie als Mensch.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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