Selbstermächtigung

Wieder ein Jahr, das fast vorbei ist. Älterwerden hat längst für mich einen neuen Beigeschmack. Wie wenn man weniger in der Welt anhaftet (je älter man wird), sondern sich wieder ablöst. Nicht, dass ich schon auf gepackten Koffern säße. Aber die Abschiede werden häufiger.

Anhaften, in der Welt ankommen, hatte für mich auch immer den Aspekt, mich einzupassen. Nicht bloß anpassen – obwohl das gelegentlich sogar nötig ist – sondern einpassen, einfinden, einfügen. Ich wollte nicht herausragen. Ich suchte meinen Platz. Meine Erfahrung heute: für mich gibt es ihn nicht, den festen Platz. Ich blieb auf eine Art Wanderin, eine Rolle, in der ich mich mittlerweile wohl und zu Hause fühle.

Was es bedeutet, als Frau alt zu werden, erlebe ich jetzt in gebührlich langsamen Tempo. Das neue Buch von Ulrike Draesner zu dem Thema liegt gerade auf meinem Tisch und kommt hier die Tage noch zur Rezension. Unter dem Titel „Eine Frau wird älter“ beschreibt sie ihre eigenen Erfahrungen, in einem der letzten Kapitel habe ich gestern das Wort „Selbstermächtigung“ gelesen, das mich sofort elektrisiert hat. So sehr, dass ich es für mich gleich zum persönlichen „Wort des Jahres 2018“ gewählt habe.

„Selbstermächtigung“ ist tatsächlich ein Schlüssel zum Menschsein. Nicht im Sinne von Überheblichkeit, von plattem Egoismus oder blinder Individualitätshörigkeit. Selbstermächtigung ist das Maß an Fantasie, das ich mir im Selbst-Sein gönne. Die Freiheit, die ich mir nehme, von Vorgaben abzuweichen, Erwartungen nicht zu erfüllen, eigene Wünsche durchzusetzen. Dabei ist genau diese Haltung die, die mich nicht altern läßt. Als Kind kann ich mich ebenso zu einer Person ermächtigen wie als alte Frau. Die Überraschung, das Eigene, der Witz, die Tiefe, alles das bleibt zeitlos. Alt werden schenkt eine Menge Freiheiten. Auch das ist ein Aspekt der so gefürchteten Wechseljahre. Es wäre (natürlich auch für Männer) ein enormer Gewinn, dieses Plus endlich mit allen Extras auch zu nutzen.

P.S. Steinalt zu sein, birgt gelegentlich grandiose Überraschungen!

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. wechselweib 23. Dezember 2018

    Ja, ich bin ja gerade in den Wechseljahren und empfinde es auch so, dass man neue Freiheiten gewinnt, die allerdings nicht jedem passen. Ich ecke da schon häufiger an, übrigens öfter bei Frauen. Besonders, wenn sie in der Hierarchie über mir stehen.
    Aber hinter eine einmal gewonnenen Freiheit will man nicht mehr zurückgehen. Ich zumindest nicht. ✨✨✨

    Gefällt 4 Personen

    • Herzkoma 26. Dezember 2018

      Wundervoll, dass du mit Mut im Leben fortschreitest und die Wechseljahre nicht als Beschränkung und Ausgrenzung empfindest, sondern als neue Freiheit, das Leben endlich richtiger und ehrlicher zu leben. Wir tragen alle eine Maske und spielen eine Rolle im alltäglichen Umgang. Wer authentisch regiert, eckt oft an, weil er aus seiner anerzogenen Rolle ausbricht, die ihm die Gesellschaft diktiert. Jede Entwicklungsstufe im Leben aber bringt uns weiter und bringt uns uns selbst näher. Der eine verzweifelt, der andere nutzt die Chance zum Neubeginn .. Alles Liebe und Gute dir ❤

      Gefällt 2 Personen

        • Herzkoma 26. Dezember 2018

          Ich bestärke nicht nur, ich provoziere auch gerne. Aber ihr Frauen in oder nach den Wechseljahren seht euch oft mit getrübtem Blick und falschen Augen: Ihr seht nicht eure gewachsene Schönheit, eure weise Ausstrahlung, euer geläutertes Wesen: Ihr seht nur die Falte am Auge und Hals. Aber schaut einmal in den Spiegel ohne mit dem Blick auf Nebensächlichkeiten, erkennt auch einmal als Gesamtkunstwerk: Ihr Frauen, ob Stephanie Jaeckel oder Wechselweib oder wie ihr heißen mögt: Ihr verfügt über eine gewachsene Schönheit und jede Falte ist eine Auszeichnung, durch das Leben verdient . Ihr seit die wahren Schönheiten, euch gilt meine tiefste Verehrung. Ihr fühlt euch manchmal müde und entmutigt, aber das kommt aus eurem falschen Selbstbild. Ich liebe euch Frauen über Fünfzig. Hübsch seid ihr und begehrlich. Ihr verfügt über Ausstrahlung, gepaart mit einer edlen Würde, mit Klugheit, Erfahrung, Wissen um die Vergänglichkeit allen Seins. Ihr seid Philosophinnen, ihr seid Mutter und Madonna und ihr seid Vamp, ihr seid frei, alles zu tun, was euch früher hinderte. Ich liebe euch und ihr verblendet meine Augen, durch eure einmalige Aura ❤

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