Nature writing,

der Begriff war mir bis vor kurzem unbekannt. Ulrike Draesner widmet dem „Schreiben nach der Natur“ wie sie es (auch) übersetzt, ihr letztes Kapitel der Frankfurter Poetik-Vorlesung, die unter dem Titel „Grammatik der Gespenster“ Anfang des Jahres bei Reclam erschien. Sie macht es dort über den Umweg des Life writing als Möglichkeit aus, über Lebendiges zu schreiben, über Körperlichkeit oder über das Ich oder Wir in der Welt (und komme da jetzt keiner mit Natur, denn dann wird’s fisselig). Als neues Genre, das es vereinzelt schon lange gibt (wenn ich das richtig verstanden habe), das aber gerade jetzt, im 21. Jahrhundert, relevant geworden ist, nachdem das Autor/innen-Ich zu Grabe getragen und viel und noch mehr versucht worden ist. 

Ich kann mich erinnern – und das passt zumindest zur Jahreszeit – wie mein Vater lange Spaziergänge mit mir unternahm, zum Beispiel vor der Bescherung an Heilig Abend, und wo er mir erzählte, was er mitnehmen würde, wenn er für Wochen in einer Wildnis (einem Wald, einem Dschungel vielleicht, einer Wüste oder auf dem Meer) überleben müsste. Das waren meine Lieblingsgeschichten, natürlich ohne zu wissen, dass dieses Überleben für mindestens anderthalb Jahre bittere Realität meines Vaters gewesen war, der als 16/17jähriger von der Ost-Front zurück ins Rheinland flüchtete. Mich faszinierte die Genauigkeit seier Beschreibung von Dingen, Orten und Situationen, ich konnte nicht genug davon bekommen.

Welt jenseits der eigenen Vier Wände ist zumindest auch Leben jenseits des Alltags und damit später für mich auch als Leserin spannend. Reiseberichte verschlinge ich bis heute, Wanderern, die im 19. Jahrhundert durch Amerika – insbesondere durch mein heiß geliebtes Kalifornien – streiften, gehört meine große Sympathie. Peter Handke und Esther Kinsky liegen gerade hier für mich nebeneinander, und hoch oben auf meiner persönlichen Bestenliste, ach, und der wandernde Heine, selbst Goethe, den ich nicht so mag, und der ja auch oft genug vor Kunst stehen bleibt, sind mit diesen Büchern weit nach vorne gerückt. 

„Naturschreiben dreht Plotschreiben von den Füßen auf den Kopf“, schreibt Draesner, und wie auf diese Weise das Schreiben zwischen Fiktion und Reflexion offen, weil gleichermaßen möglich, bleibt. Was dabei für mich besonders hervortritt: Nicht die Fantasie, sondern die Genauigkeit einer Beobachtung ist Gegenstand des Schreibens. Und damit auch die Selbstverständlichkeit des auktorialen Ichs, das sich weder verstecken noch verkleiden muss. 

Sich in der Natur zu bewegen, gehört zu den gemeinsamen Erfahrungen von Menschen. Ein weites zu bearbeitendes Feld, wie Fontane vielleicht sagen würde (auch er unternahm mit seinen Spaziergängen durch die Mark Brandenburg solche Streifzüge). Draesner erwähnt W. G. Sebald, Tania Blixen, aber auch Naturwissenschaftler wie den Insektenforscher Jean-Henri Fabre oder Charles Foster, allesamt Autor/innen, mit denen ich schon Zeit verbracht habe, und deren Nennung mich zur erneuten oder weiteren Lektüre ihrer Texte animieren können. Insofern ist dieses letzte Kapitel vielleicht sogar das Anregendste aus dem Draesners Gespenster-Buch, aus dem ich mich hiermit verabschiede. 

Ulrike Draesner: Grammatik der Gespenster – Frankfurter Poetikvorlesungen. Reclam 2018.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. quersatzein 17. Dezember 2018

    Danke für diese schöne Anregung – und die feinen Erinnerungen an deinen Vater. Mir fiele da auch noch ein Autor ein, der das genaue Naturbeschreiben graziös beherrschte: Robert Walser.
    Einen Ausspruch von ihm mag ich besonders: „Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es.“
    Liebe Grüsse zum Wochenbeginn,
    Brigitte

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    • Stephanie Jaeckel 17. Dezember 2018

      Hahaha, guuuuute Frage, die ich leider nicht beantworten kann. Ich würde nein sagen, aber eben: Spaziergänger und Wanderer haben den scharfen Blick und die Freude an der Bewegung gemeinsam. Das muss sich einfach im Text abbilden. Aber wahrscheinlich kommt beim Flanieren eben doch mehr Historie oder Soziologie zum Tragen, während die Natur das wie auch immer geartete „Andere“ in uns, oder das „Ursprüngliche“ zum klingen bringt. Ich gebe die Frage allerdings gerne weiter!

      Gefällt 1 Person

  2. papiertänzerin 17. Dezember 2018

    Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes. Kein Nature Writing im engeren Sinne, aber auch. Die Erinnerungen an die Spaziergänge mit deinem Vater wecken eigene Bilder: mein Vater hat mir stets versichert, dass es auf jedem Spaziergang Überraschungen zu entdecken gibt. So war es. Und ist es noch.

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