Beethoven, stupid!

Antwort auf die Frage, welches Stück denn nun das Zeitgenössische war. – Nein, so ist es natürlich nicht zu verstehen, und wenn ich ehrlich bin: Heute kriege ich das auch nicht mehr wirklich nachvollziehbar auf die Reihe. Dafür habe ich jedoch gesehen, dass Albrecht Selge gestern auch im Berliner Kammermusiksaal war, um das sensationelle Konzert, das das Cuarteto Casals dort präsentierte, zu hören. Und zwar hier: https://hundert11.net/

Was er über Baby und Bonbons schreibt: War so, ich kann’s bezeugen. Aber weil jedes Paar Ohren etwas anderes hört, würde ich sagen, dass mich Beethoven mehr umgehauen hat, als der zeitgenössische Komponist Benet Casablancas, der sein 4. Streichquartett mit Namen „Widmung“ als Reminiszenz an Beethovens Quartett-Musik geschrieben hat.

Der Kniff jedoch, zeitgenössische Musik mit alten Stücken zu mischen, geht dahin auf, dass die alten Stücke auf diese Weise frisch, geradezu taufrisch klingen. Diesmal jedoch hat mich gleich das erste Stück, das F-moll-Streichquartett op. 95, aus dem Sessel gehauen. Meine Freundin, die, anders als ich, ein Instrument gelernt und sogar mal Musikwissenschaft studiert hat, staunte auch nicht schlecht: „Wenn ich es im Radio gehört hätte – also, ich hätte nicht gedacht, dass DAS Beethoven ist.“ Jajajaja, das denke ich dauernd, mir glaubt aber kaum jemand. Verstehe ich sogar, ich hab‘ eben keine Ahnung. Aber eins habe ich kapiert: Der Beethoven, der mich während meiner Studienzeit in Bonn immer bis zum Koma gelangweilt hat, kann auch anders.

Und immer natürlich dann, wenn fantastische Musiker/innen am Instrument sind. Ich stelle mich jetzt hier mal ganz breitbeinig hin und behaupte: Das Cuarteto Casals ist zur Zeit das beste Streichquartett weit und breit. Und liebe Leute, die kommen nächstes Jahr wieder nach Berlin. Im Februar und im Mai. Wer schlau ist, nein, nein, nein, man muss weder Beethoven lieben noch Kammermusik: Karten kaufen und hingehen. Der Glückschub ist unbezahlbar.

P.S. Mir ist übrigens ein ungeheures Vogelgezwitscher zwischen den ganzen Tönen aufgefallen. Keine Ahnung – hat sonst noch jemand das je gehört?


Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

    • Stephanie Jaeckel 15. Dezember 2018

      Ach ja, statt Bundes-Stadt hätten sie besser weiter auf Beethoven-Stadt gesetzt… Am Anfang fand ich’s ja, wie ich schrieb, schwierig, aber wahrscheinlich hat das lange Hören dann irgendwann etwas freigesetzt. Die Offenbarung hatte ich in der Berliner Philharmonie mit dem eher selten gespielten Stück „Christus am Ölberg“. Das ist mittlerweile auch schon wieder 15 Jahre her…

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  1. Albrecht Selge 16. Dezember 2018

    Dass gut gespielter Beethoven noch mehr umhaut als selbst beste Zeitgenössik, dem widerspräche ich nicht. Und so wars auch hier, ja.
    Hm, bestes SQ derzeit? Solche Rankings sind an sich Quatsch, aber unter den jüngeren würde ich auch Belcea und Ebène in den Ring werfen.
    Das Vogelgezwitscher hab ich nicht bemerkt. Ein Hörgerät vielleicht? 🙂

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