Bigger than life

Gerade geht die Nachricht durchs Netz und durchs Radio, dass ein Spiegel-Reporter zahlreiche Artikel gefälscht hat. Peinlich, wenn solche Fälle erst nach längerer Zeit aufgedeckt werden, noch peinlicher, wenn gerade ein Preis vergeben wurde. Andererseits.

Und hier hole ich erst noch mal tief Luft. Journalist/innen sind verpflichtet, sauber zu recherchieren und ebenso sauber zu berichten. Wir sind keine Märchenerzähler/innen, keine Werbeagenturen, erst recht keine Propagandamaschinen. So wie Ärzte an den Eid des Hippokrates gebunden sind, sind Journalist/innen allein der Wahrheit verpflichtet. Egal, wer bezahlt.

Redaktionen haben viel zu tun. Wer dort arbeitet, kann Lieder darüber schmettern. Das heißt nicht, dass geschlampt wird. Sondern: es wird nicht haarklein nachgehakt. Wer für eine Redaktion arbeitet, gilt als vertrauenswürdig. Natürlich hagelt es Fragen, wenn man steile Thesen aufstellt oder von merkwürdigen Dingen berichtet. Es wird auch gestrichen oder darum gebeten, etwas anders zu formulieren. Am Ende jedoch steht unter jedem Artikel der Name des oder der Autorin. Hier liegt die Sichtweise und die letzte Verantwortung.

Reportagen gehören nach wie vor zur Königsdisziplin im Journalismus. Sie berichten von dem, was jemand direkt vor Ort erlebt hat, was er oder sie gehört oder gesehen hat. Schwer nachzuprüfen. Hier gibt es kaum gesicherte Quellen, dafür viel Hörensagen, Zeugen und Gegenzeugen. Das macht solche Texte oft spannend wie ein Krimi. Und wir wissen alle, dass es auf der Welt nix gibt, was es nicht gibt…

Gleichzeitig stelle ich seit einigen Jahren fest, dass es im Schreiben verschiedenster Formate einen neuen Trend gibt: Story-Telling. Nicht Fakten sprechen, sondern die Geschichte, die dahinter steht. Nix dagegen. Personalisiert sind viele Geschichten leichter zu verstehen, nachzuvollziehen. Dennoch lauert hier meiner Erfahrung nach eine Gefahr: Weil’s knackiger daher kommt, vielleicht schnell mal einen Protagonisten erfinden, den es zwar nicht gibt, aber an dessen fiktionaler Lebensgeschichte doch so viel zu zeigen wäre. Zum Beispiel. Oder ein Hinbiegen zu etwas Rundem (eben einer Geschichte), wo – wenn man bei der Wahrheit bleiben würde – eigentlich nur Eckiges liegt, Unzusammenhängendes, eventuell Unzumutbares.

Ich kenne den Autoren nicht, um den es im konkreten Fall geht. Ich will ihn auch nicht verteidigen. Weil journalistische Arbeit kein Hinbiegen wohin auch immer erlaubt. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass unser Hunger auf Geschichten, gerne auch die, die größer als das Leben selbst sind, an solchen Verfehlungen Anteil hat. Also, nicht nur die „böse Presse“, liebe Leute, wir Leser/innen selbst sollten in den Spiegel sehen (haha, und in mehrerer Hinsicht).

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. Franz Firla 19. Dezember 2018

    Nee, nee, für mich gilt auch hier das Verursacherprinzip. Da mag der Konsument es noch so lustvoll gelesen haben.
    Für fiktive Texte gibt es andere Bereiche.
    Aber schlimmer noch finde ich die angeblichen Journalisten bei den Anzeigenblättern, die zugesandte Texte fast 1:1 übernehme. Das ist der wahre Sumpf.

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    • Stephanie Jaeckel 19. Dezember 2018

      Da habe ich mich möglicherweise nicht klar genug ausgedrückt: Natürlich ist so eine „Nachlässigkeit“, bzw. Selbstermächtigung beim journalistischen Schreiben nicht zu verzeihen. Das geht nicht. Es ging mir darum, zu zeigen, dass es oft nicht der Spass an der Lüge ist, sondern eine Verführung dahin, das zu schreiben, was andere lesen wollen. Ja, die Übernahmen von Pressetexten ist eine Pest. Aber auch hier und aus bitterster eigener Erfahrung: Journalist/innen verdienen mittlerweile fast nichts mehr. Für Null Euro gibt es dann eben Null Arbeit. Nicht schön. Aber auch hier würde ich einen Blick aufs Publikum werfen: Wir können Qualität einfordern, indem wir sie auch kaufen.

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  2. gkazakou 19. Dezember 2018

    der Blick aufs Publikum – welches? Ich bin auch Publikum, und ich hasse nichts mehr, als wenn Informationen als Histörchen verpackt werden. Da werden irgendwelche tatsächlichen oder fiktiven Menschen als Zeugen aufgerufen, der Spiegel macht es vor und die anderen denken, die Masche zieht.
    Dass viele Journalisten wenig verdienen, mag stimmen (Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel) – das aber ist natürlich überhaupt keine Entschuldigung für schlechte Qualität. Solange ich unwidersprochen für meinen kleinen Lohn schufte und die Vorstellungen meiner Arbeitgeber zu bedienen versuche – immer in der Hoffnung auf Beförderung und lukrativere Aufträge – bin ich eben ein armer Hund.

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    • Stephanie Jaeckel 19. Dezember 2018

      Publikum bemisst sich nach Größe. Das heißt, da, wo der meiste oder lauteste Applaus herkommt, da geht es hin. Selbst seriöse Verlage und Redaktionen knicken an dieser Stelle ein. Nicht immer, aber doch gelegentlich. Will sagen: Die Masche zieht leider. – Was den Verdienst angeht. Journalist/innen verdienen nicht wenig, sie verdienen lausig. Ein Stundenlohn von unter fünf Euro ist nicht selten. Da ist Qualität nicht mehr zu erbringen. Hier wird gar nicht unbedingt nach lukrativen Aufträgen geschielt. Ich würde mir wünschen – und das ist auch ein Grund, warum ich mich zu dem Thema geäußert habe – dass wir das mal wieder auf den Schirm kriegen: eine der Grundfesten unserer Demokratie, eine unabhängige, freie Presse ist uns keinen Cent extra mehr wert. Auch hier kracht Gesellschaft ein. Auch, wenn das nahezu lautlos passiert.

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  3. wechselweib 19. Dezember 2018

    Ach, seufz. Habe erst heute wieder mit meinen Schülern über den Hang zum Sensationsjournalismus und die Lust des Publikums an der Sensation geredet. Auslöser war dass ich Leute von der Flüchtlingshilfe einladen wollte, die von gelungener Integration bei uns erzählen sollten. Dann meinte Schüler, daß interessiere keinen, das sei normal. Also ich glaube ja nicht, dass die Mehrheit das, als normal empfindet. Dann würde ich mich jedenfalls fragen, worüber alle debattieren. Wie gesagt, seufz.

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    • Stephanie Jaeckel 20. Dezember 2018

      Klar, Bigger than Life zieht immer. Ich will jetzt gar nicht mit den Medien kommen, ich bin sicher, das war schon immer so. Man sollte vielleicht mal gucken, was passiert, wenn man dauernd so Sensationsmeldungen liest. Es verschiebt sich ja enorm die Wahrnehmung. Das eigene Leben wird langweilig. Das Interesse daran, was eigentlich so vor sich geht, oder wie Welt funktioniert, mäandert in eine Scheinwelt, die mit dem eigenen Alltag nichts mehr zu tun hat. Ich musste mal für eine Recherche ein paar Monate lang Boulevardzeitungen lesen. Mir war nach mindestens einer Stunde mental übel. So wie nach dem Gucken richtig schlechter Fernsehsendungen…

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  4. wattundmeer 20. Dezember 2018

    Dass so etwas passiert überrascht mich nicht, dass so etwas beim Spiegel passiert, dann doch. Das rüttelt an der Glaubwürdigkeit einer Institution. Und so wie viele Ärzte ihren Eid dem finanziellen Gewinn opfern, so scheint es auch Journalist/innen zu geben, denen Erfolg näher als die Wahrheit ist. Ich kann beides nicht verstehen. Wo sind die Mutigen unserer Gesellschaft, die sich gegen falsche und gefährliche Entwicklungen erheben? Falsch wird nicht richtig, nur weil alle mitmachen. Das sollte sich jeder vor Augen führen.

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