Zum Ende kommen

Wer schreibt, kennt diesen Moment nur zu gut. Man hat alles im Text ausgebreitet, und jetzt geht es darum, die Kurve zu kratzen, das Ding zu einem guten Ende zu bringen. Aber auch im Alltagsleben gibt es Momente, die ein Ende verlangen. Etwas braucht einen Abschluss und einen Neuanfang. Oder eher: Ich selbst muss mich von Ideen, von Selbstbildern verabschieden, und noch einmal neu starten. Wie eine Schlange, die sich wieder häutet (ob sie nun gewachsen ist – oder doch bloß aus allen Nähten platzt, sei mal dahin gestellt…). Was soll ich sagen, es ist wieder mal so weit. Es fühlt sich heikel an, wackelig. Aber da muss ich durch. Was mich tröstet, ist die bevorstehende Reise. Dort werde ich sicher eine Menge neuer Eindrücke erhalten. Und zu einer aktualisierten Version meiner Selbst wachsen (oder schrumpfen?). Schauen wir mal.

Federball

Der Spatz hat seinen Stammplatz vor meinem Fenster. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaut er rein und ich raus. Mit dem Thema, über das ich heute schreiben will, hat er nicht viel zu tun. Denn wahrscheinlich ist weder er neidisch auf mich, noch (und hier kann man sicher statt wahrscheinlich schreiben) ich auf ihn (ist einfach zu kalt draußen). Und ja: Neid, ist, worüber ich mir seit gestern Gedanken mache, seit ich mit meinem Onkel gesprochen habe. Neid sei, so sagte er mir am Telefon, so eine Art feste Größe in der Familie meiner Mutter gewesen. Jede und jeder habe auf das Leben der anderen geschielt und gerechnet, wie viel besser oder schlechter es dort so gehe. Wir waren darauf auf meine Frage, warum ich eigentlich meinen Großcousin so gar nicht kenne, gekommen: Zwischen seiner Mutter und meiner Oma habe immer ein gespanntes Neid-Verhältnis bestanden. Aber auch meine Mutter sei auf ihre Tante, die reich geheiratet hatte, neidisch gewesen, was meine Tante wiederum in dem Verdacht bestärkte, dass meine Mutter nur deshalb mit ihr zu tun haben wollte, um von ihrem Geld (zum Beispiel auf Urlaubsreisen) zu profitieren. – Nicht schön.

Von mir selber denke ich, nicht neidisch zu sein. Gleichzeitig ahne ich, dass das eher unwahrscheinlich ist. Seit dem Gespräch gestern ist ein Aha-Moment dazugekommen: Als Kind einer eher neidischen Mutter habe ich mich möglicherweise vor diesem Gefühl gehütet. Um sie auf eine Art zu beruhigen. Nicht neidisch zu sein, bedeutet ja auch, keine Breitseite zu bieten, keinen Konkurrenzkampf zu eröffnen. Mir ist das schon oft sehr suspekt gewesen: Egal, was andere haben, es macht mir nichts, es nicht zu haben. Im Gegenteil, ich kann es mir meist nicht einmal vorstellen. Erst in diesem Frühjahr wurde mir klar, dass ich gerne ein Auto hätte. Aber nicht dadurch, dass eine Freundin oder ein Freund mir ein neues Auto vorführte, sondern in dem Moment, in dem mein Onkel – auch eher im Spass – mir sein Auto angeboten hat, wenn er, im kommenden oder danach kommenden Jahr in eine Art SeniorenWG zieht. Im Grunde ist es natürlich sehr cool, nicht neidisch zu sein. Ich muss mich wenigstens an der Front nicht viel ärgern. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich mir hier nicht was vormache. Also werde ich mal weitersehen, ob nicht doch noch ein fieser Neidling in mir schlummert.

Zwischen den Zeiten

Klassischerweise ist die letzte Dezemberwoche die „zwischen den Zeiten“: Das alte Jahr neigt sich seinem Ende zu, das neue hat noch nicht angefangen. Dieses Mal erwischt es mich in der ersten Herbstwoche, die einer letzten strahlenden Hochsommerwoche mit Regen und deutlich niedrigeren Temperaturen folgt. Ich werde langsam gesund – fühle mich aber noch schlapp und schwindlig. Zurück in Berlin hatte ich bislang einen Debakel-Tag nach dem anderen und denke mal wieder: kein Unglück kommt allein. Ich muss noch viel erledigen, in gut einer Woche beginnt meine Reise. Und hier tut sich plötzlich wieder diese Zwischenwelt auf: Ich löse mich (auch durch die ganzen Pannen und den Aufenthalt im Rheinland) von meinem Alltag, und habe gleichzeitig einen Monat voller Unwägbarkeiten vor mir. Die Perspektive verrutscht, einmal mehr frage ich mich: Was um alles in der Welt machst Du eigentlich die ganze Zeit?

Brenne ich noch für etwas? Habe ich Ziele, Wünsche? Oder nehme ich (nur noch) mit, was gerade greifbar ist? Weiß ich, welchen nächsten Schritt ich machen möchte? Oder warte ich darauf, dass was passiert, mir etwas aus dem Himmel geregnet kommt? Kurz: Wer bin ich gerade? Und möchte ich das wirklich wissen?

Familienfeiern bringen es meist mit sich, dass man die Vergangenheit – die eigenen Eltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen noch einmal in einem neuen Licht sieht. Auch hier tut sich gerade einiges, ich verstehe noch einmal besser, warum ich mich oft so alleine gefühlt habe, missverstanden. Und im größeren Kontext: Warum man wahrscheinlich immer wieder auf dieses Alleinsein zurückgeworfen wird. Denn keine Realität ist so, wie ich sie sehe. Andere nehmen mich ganz anders wahr, als ich mir das überhaupt vorstellen kann – die Geschichte mit dem Kleid ist daraus ja nur eine Episode. Schwieriges Terrain. Aber eins, dass wahrscheinlich jede/r von uns gelegentlich betreten sollte. Um sich gewahr zu werden. Und um Schwung zu nehmen, für das, was kommt.

Weiblich sein

Erst mal herzlichen Dank für alle Genesungswünsche. Ich liege zwar noch im Bett, aber mir geht es schon um Längen besser (kein Wunder, ich kann Cola trinken…). So blieb mir heute Zeit, die letzte Woche Revue passieren zu lassen. Noch ganz nah ist ein Ereignis von der Rückreise gestern im Zug, wo sich zwei Männer lange und ernsthaft über das Phänomen „Mansplaining“ und auch über „falsche“ Komplimente unterhielten. Leider war es laut und ich sehr müde, so dass ich immer wieder ganze Passagen nicht verstehen konnte. Offensichtlich kannten sich die Männer nicht, sie saßen halt im Zug zusammen und waren vorsichtig in der Wortwahl wie Fremde manchmal sind, und gleichzeitig ehrlich, was mir sehr gut gefiel. Ich habe gut verstanden, in welcher Zwickmühle Männer stecken, wenn sie Frauen auf Augenhöhe wahrnehmen und auch ansprechen möchten, doch mit der Wortwahl, ihrer Wahrnehmung oder überhaupt mit Konventionen sofort in Schwierigkeiten geraten. So war ich zum Beispiel extrem unangenehm berührt, als mir auf dem Geburtstag meines Vaters ein älterer Herr (mein Vater hat ihn erst durch meine Mutter im Heim kennengelernt) anvertraute, er habe mich erst gar nicht wiedererkannt, weil ich im Kleid (das ich zur Feier trug), so viel „vorteilhafter“ aussehe, als in Hosen. Ich weiß, dass es nett gemeint war. Und ich höre durchaus gerne Komplimente von Männern, auch zur Wahl meiner Garderobe. Aber hier klang etwas durch, so als wenn er sich als „Frauenkenner“ sehe oder sonst irgendeine Art Fachmann oder Experte, der mir – gönnerhaft – zu verstehen gibt, dass ich wider Erwarten ja doch eine Frau bin, vielleicht sogar eine attraktive. Mir fiel echt die Kinnlade runter. Zumal er mir dazu verschwörerisch zuzwinkerte, als hätten wir jetzt ein Geheimnis, auf das er sicher noch zurückkommen würde. – Ich merke schon, während ich das schreibe, wie schwierig es ist, das Unangenehme dieser Begegnung greifbar zu machen. Es sind nämlich meist nur Nuancen, die falsch tönen, oder etwas verraten, oder eben auch falsch verstanden werden können. Ich überlege, ob ein gleichaltriger oder ein jüngerer Mann so etwas gesagt hätte. Oder so etwas so gesagt hätte. Das Kleid wiederum hat schon vielen gefallen (Männern und Frauen), und bislang waren es immer schöne Kommentare gewesen, die ich darin bekam. Hmmmm. Gar nicht so einfach. Kennt Ihr solche Situationen? Würde mich echt interessieren!

Wenn es anders kommt…

Auf Reisen krank zu werden, ist Mist. Man kann nicht zur rechten Zeit los. Verpasst den Zug, und einmal im falschen Film, geht es gerne mit anderen Hindernissen gleich weiter. Straßenbahn bleibt hängen, weil ein Lastwagen die Oberleitung geschreddert hat, eine genervte Passantin rennt mich um, hilft mir nicht mal auf, drängelt sich dann am Schalter auch noch vor, ich verpasse den nächsten Zug um eine Minute, tja. Und jetzt sitze ich mit schwarzem Tee im Café, würde wirklich gerne mehr bestellen, habe aber so schlimme Krämpfe, dass ich mich nicht mal traue, mehr Tee zu trinken. Und statt ordentlich abzuregnen, hängen die grauen Wolken auch bloß unmotiviert über der Stadt. Wer braucht das denn? Na, zumindest hat mein Schutzengel jetzt richtig was zu tun.

Gar keine Opa-Party

Das war eigentlich das größte Kompliment der Gäste nach dem Geburtstagsfest meines 90jährigen Vaters, das wir gestern gefeiert haben. Hier ist der Moment zu sehen, wo mein Vater Lorbeer bekommt, um sich daraus einen Kranz zu flechten. Klar, dass alle bei diesem Besuch direkt vom kurfürstlichen Barockschloss in Brühl gute Laune bekamen. Dazu war das Wetter bombig – den Sektempfang konnten wir in den Garten verlegen –  und das Essen um Längen besser, als ich erwartet hatte. Außer einer Absage sind tatsächlich alle gekommen, für mich eine tolle Gelegenheit, mit lange nicht gesehenen Verwandten, aber auch mit neuen Freundinnen und Freunden meines Vaters zu sprechen. Womit mir einmal mehr klar geworden ist, dass feiern im Grunde immer die bessere Entscheidung ist als nicht feiern.

Als Mensch in der Welt

So sahen die Menschen sich im aufgeklärten 18. Jahrhundert: Als diejenigen, die Ordnung, und damit vollendete Schönheit in die göttliche Natur brachten. Wer genau hinschaut, kann sehen, dass Gottes Schöpfung bröselt. Und gleich mehrere Fragen stellen sich… Haben wir Antworten?

Bei Freunden zu Hause sein

Seit meine Mutter an Alzheimer erkrankte (und das ist jetzt schon über 10 Jahre her), wohne ich regelmäßig bei meiner ersten Schulfreundin, wenn ich meine Eltern (mittlerweile nur noch meinen Vater) besuche. Gestern Abend bin ich mal wieder angekommen und dachte heute nach dem Aufstehen: Was für ein Glück, sich bei Freunden wie zu Hause fühlen zu dürfen.

Der Reisehase nimmt Witterung auf

Wie immer. Wo ich Angst habe oder mir ein Vorhaben plötzlich schon fast unmöglich erscheint, hilft ein erster Schritt. Alleine den Weg vom Flughafen zu meinem Hostel zu notieren, hat mir (einmal mehr) die Augen geöffnet: Auch anderswo gibt es U-Bahnen, Fahrzeiten und Umsteigemöglichkeiten. Kein Problem also, und wahrscheinlich nur etwas mehr als eine Stunde Unterwegssein. Das geht doch! Ach, und hatte ich überhaupt schon geschrieben, dass ich direkt neben der Sesamstraße wohnen werde!? Das muss doch gut werden! Und meine Fahrstunde zur Vorbereitung des Roadtrips ist auch schon gebucht. Kurz, alles wird allmählich vorstellbar, die Bedenken schmelzen zugunsten der wachsenden Vorfreude. Ein kleiner Korb steht auch schon neben meinem Bett, in den ich Sachen werfe, die ganz bestimmt mit auf die Reise müssen. So halt. Aber jetzt geht es für mich und den Hasen erst mal nach Hause. Mein Vater feiert morgen seinen 90sten Geburtstag. Auch ein Abenteuer. Allerdings ganz anderer Art…