Weiblich sein

Erst mal herzlichen Dank für alle Genesungswünsche. Ich liege zwar noch im Bett, aber mir geht es schon um Längen besser (kein Wunder, ich kann Cola trinken…). So blieb mir heute Zeit, die letzte Woche Revue passieren zu lassen. Noch ganz nah ist ein Ereignis von der Rückreise gestern im Zug, wo sich zwei Männer lange und ernsthaft über das Phänomen „Mansplaining“ und auch über „falsche“ Komplimente unterhielten. Leider war es laut und ich sehr müde, so dass ich immer wieder ganze Passagen nicht verstehen konnte. Offensichtlich kannten sich die Männer nicht, sie saßen halt im Zug zusammen und waren vorsichtig in der Wortwahl wie Fremde manchmal sind, und gleichzeitig ehrlich, was mir sehr gut gefiel. Ich habe gut verstanden, in welcher Zwickmühle Männer stecken, wenn sie Frauen auf Augenhöhe wahrnehmen und auch ansprechen möchten, doch mit der Wortwahl, ihrer Wahrnehmung oder überhaupt mit Konventionen sofort in Schwierigkeiten geraten. So war ich zum Beispiel extrem unangenehm berührt, als mir auf dem Geburtstag meines Vaters ein älterer Herr (mein Vater hat ihn erst durch meine Mutter im Heim kennengelernt) anvertraute, er habe mich erst gar nicht wiedererkannt, weil ich im Kleid (das ich zur Feier trug), so viel „vorteilhafter“ aussehe, als in Hosen. Ich weiß, dass es nett gemeint war. Und ich höre durchaus gerne Komplimente von Männern, auch zur Wahl meiner Garderobe. Aber hier klang etwas durch, so als wenn er sich als „Frauenkenner“ sehe oder sonst irgendeine Art Fachmann oder Experte, der mir – gönnerhaft – zu verstehen gibt, dass ich wider Erwarten ja doch eine Frau bin, vielleicht sogar eine attraktive. Mir fiel echt die Kinnlade runter. Zumal er mir dazu verschwörerisch zuzwinkerte, als hätten wir jetzt ein Geheimnis, auf das er sicher noch zurückkommen würde. – Ich merke schon, während ich das schreibe, wie schwierig es ist, das Unangenehme dieser Begegnung greifbar zu machen. Es sind nämlich meist nur Nuancen, die falsch tönen, oder etwas verraten, oder eben auch falsch verstanden werden können. Ich überlege, ob ein gleichaltriger oder ein jüngerer Mann so etwas gesagt hätte. Oder so etwas so gesagt hätte. Das Kleid wiederum hat schon vielen gefallen (Männern und Frauen), und bislang waren es immer schöne Kommentare gewesen, die ich darin bekam. Hmmmm. Gar nicht so einfach. Kennt Ihr solche Situationen? Würde mich echt interessieren!

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

    • Stephanie Jaeckel 25. September 2019

      Das macht die Diskussionen und Auseinandersetzungen auch so schwierig. Es sind manchmal gar nicht so sehr falsche Worte. Sondern wenn jemand distanziert oder „von oben herab“ Kommentare absetzt, und einem damit das Gefühl vermittelt, etwas „richtig“ oder „falsch“ gemacht zu haben. Zum Beispiel. Das ist ja so ein weites Feld!

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  1. kat. 26. September 2019

    Das Wort vorteilhaft hat meine Mutter auch oft benutzt, wenn sie mir sagen wollte das ich in dem oder dem Pulli nicht so moppsig aussah. Oder unvorteilhaft gekleidet eben. Vielleicht ist das „Alte-Leute-Sprache“. Man benutzt dieses Wort doch nicht mehr, heutzutage, oder? Letztens gab es eine hör-Doku aus den frühen achtzigern, und ich wurde gefragt, ob ich auch so gesprochen habe. Hab ich wahrscheinlich, vermute ich. Und wenn dann ältere Herren so jovial polterkomplimente machen…. Ich denk mir mittlerweile, auch bei anderen Situationen, die können halt nicht anders. Allerdings ist mir lange sowas nicht mehr passiert. Ausser bei meinem ExChef. Das ist aber vorbei. Liebe Grüße Kat

    Gefällt 2 Personen

    • Stephanie Jaeckel 26. September 2019

      Ja, klar, „vorteilhaft“ ist ein ulkiges, möglicherweise altmodisches Wort. Aber ich habe auch Freunde, die deutlich älter sind als ich, und die überhaupt nicht so reden. Joviale Polterkomplimente kommen nach meiner Beobachtung „von oben herab“ und nicht von Herzen, oder aus einer echten Freude heraus. Mein Senior-Chef ist zum Beispiel so ein Charmeur alter Schule. Er hat immer ein Kompliment auf den Lippen, aber immer ein herzliches, das ausdrückt, dass er sich darüber freut, mich oder andere zu sehen. Ich werde nicht bewertet, sondern auf eine Art angestrahlt, die zum Beispiel auch ermöglicht, dass ich ein Kompliment machen kann. Was ich übrigens auch gerne tue. Insofern glaube ich nicht, dass die älteren Herren das nicht anders können. Aber ich werde mal aufmerksam bleiben. Danke jedenfalls für Deine Rückmeldung!

      Liken

  2. Carola 27. September 2019

    Ich denke, das „Kompliment“ des älteren Herren war so unangenehm, weil es ja eigentlich ein vergiftetes war – es steckte ja auch eine Abwertung drin, nämlich die, dass Du in Hosen halt nicht so „vorteilhaft“ aussiehst – und was heißt eigentlich „vorteilhaft“? Heißt das nicht in dem Fall, dass man im Kleid z. B. Bein zeigt, also weibliche Reize? Und möchte man, dass Herren einen eher ansprechen und was Nettes sagen, nur weil man weibliche Reize zeigt? Und vorher fällt man ihnen gar nicht auf? Also, ich möchte das nicht. Und da spielt auch das Alter des Herren eigentlich keine Rolle. Aber nicht falsch verstehen: Klar höre ich auch gerne Komplimente, auch über mein Aussehen. Aber sie tun nur gut, wenn sie aus der richtigen Ecke des Herzens beim Komplimentegeber kommen und nichts Vergiftetes, nicht so was wie „Na, geht doch! Die Frau hat endlich verstanden, was wir Männer uns wünschen!“ an sich haben…
    Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

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