Federball

Der Spatz hat seinen Stammplatz vor meinem Fenster. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaut er rein und ich raus. Mit dem Thema, über das ich heute schreiben will, hat er nicht viel zu tun. Denn wahrscheinlich ist weder er neidisch auf mich, noch (und hier kann man sicher statt wahrscheinlich schreiben) ich auf ihn (ist einfach zu kalt draußen). Und ja: Neid, ist, worüber ich mir seit gestern Gedanken mache, seit ich mit meinem Onkel gesprochen habe. Neid sei, so sagte er mir am Telefon, so eine Art feste Größe in der Familie meiner Mutter gewesen. Jede und jeder habe auf das Leben der anderen geschielt und gerechnet, wie viel besser oder schlechter es dort so gehe. Wir waren darauf auf meine Frage, warum ich eigentlich meinen Großcousin so gar nicht kenne, gekommen: Zwischen seiner Mutter und meiner Oma habe immer ein gespanntes Neid-Verhältnis bestanden. Aber auch meine Mutter sei auf ihre Tante, die reich geheiratet hatte, neidisch gewesen, was meine Tante wiederum in dem Verdacht bestärkte, dass meine Mutter nur deshalb mit ihr zu tun haben wollte, um von ihrem Geld (zum Beispiel auf Urlaubsreisen) zu profitieren. – Nicht schön.

Von mir selber denke ich, nicht neidisch zu sein. Gleichzeitig ahne ich, dass das eher unwahrscheinlich ist. Seit dem Gespräch gestern ist ein Aha-Moment dazugekommen: Als Kind einer eher neidischen Mutter habe ich mich möglicherweise vor diesem Gefühl gehütet. Um sie auf eine Art zu beruhigen. Nicht neidisch zu sein, bedeutet ja auch, keine Breitseite zu bieten, keinen Konkurrenzkampf zu eröffnen. Mir ist das schon oft sehr suspekt gewesen: Egal, was andere haben, es macht mir nichts, es nicht zu haben. Im Gegenteil, ich kann es mir meist nicht einmal vorstellen. Erst in diesem Frühjahr wurde mir klar, dass ich gerne ein Auto hätte. Aber nicht dadurch, dass eine Freundin oder ein Freund mir ein neues Auto vorführte, sondern in dem Moment, in dem mein Onkel – auch eher im Spass – mir sein Auto angeboten hat, wenn er, im kommenden oder danach kommenden Jahr in eine Art SeniorenWG zieht. Im Grunde ist es natürlich sehr cool, nicht neidisch zu sein. Ich muss mich wenigstens an der Front nicht viel ärgern. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich mir hier nicht was vormache. Also werde ich mal weitersehen, ob nicht doch noch ein fieser Neidling in mir schlummert.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Ulli 29. September 2019

    Leider bin ich auch mit einer sehr neidischen Mutter aufgewachsen. Mir war das oft peinlich und tat alles dafür die Mitfreude zu nähren. Nichtsdestotrotz bin ich manchmal neidisch, aber ich zeige es nicht, versuche lieber zu ergründen was mir der Neid zu erzählen hat.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. wechselweib 30. September 2019

    Ich glaube nicht, dass du dir etwas vormachst. Und bei deiner Mutter war das ja nicht nur Neid, sondern auch Berechnung, was ja noch schlimmer ist als Charaktereigenschaft. Man kann ja auch einfach so traurig-neidisch sein und still mit seinem Leben hadern. Auch dafür bist du aber ein viel zu positiver und anpackender Typ Mensch.

    Gefällt 1 Person

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